Am 7. November soll Reza Pahlavi treuhänderisch für das »iranische Volk« den Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung entgegennehmen. Darüber empören sich 71 Deutsche mit Bundestagsmandat, mit ministerialen oder diplomatischen Karrieren, mit Professur oder Ordination. Sie mahnen in einem Brandbrief eindringlich davor, dem Kronprinzen der bis 1979 amtierenden Dynastie der Pahlavi »repräsentative Legitimität« zuzusprechen.
Initiiert hat den Appell Joachim Rücker. Der Karrierediplomat sprach sich jüngst auf einer als »Internationale Konferenz« inszenierten Produktpräsentation der Mojâhedin-e Khalq im italienischen Roma dafür aus, dieses knöcherne Relikt der Revolution von 1979 als »glaubwürdige, organisierte Opposition« anzuerkennen. Mit Reza Pahlavi drohe indes »eine autoritäre Restauration«. Auf derselben Roadshow der Mojâhedin-e Khalq schmeichelten unter anderem Hans-Ulrich Seidt, ein weiterer Karrierediplomat, und Giulio Terzi, italienischer Minister für Auswärtiges a. D. und Senator für die Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni, mit nahezu identischen Laudationen den Mojâhedin-e Khalq.
Neben Seidt hat auch der Christdemokrat Martin Patzelt den Brandbrief gegen Reza Pahlavi gezeichnet. Patzelt ist mit Parteifreund Otto Bernhardt Autor einer bizarren Tendenzliteratur über die Mojâhedin-e Khalq, in der von der »Tiefe der Philosophie« jener Avantgarde-Organisation der iranischen Katastrophe von 1979 deliriert wird. Die militaristischen Inszenierungen der Kaderdisziplin bei den Parteikongressen der Mojâhedin-e Khalq, die in Wahrheit ein Indiz für eine innere Nordkoreanisierung sind, charakterisieren sie als »elektrisierend und sensationell«. Unter den einheitlich uniformierten Kadern sind dabei Frauen und Männer getrennt. Während im Iran mehr und mehr Frauen unter andauernder Drohung drastischer Strafen den Verschleierungszwang boykottieren, ist bei den Mojâhedin-e Khalq ein blutroter Hijâb streng um den Hals eines jeden weiblichen Kaders geschnürt.
Mit Peter Altmaier, Horst Teltschik und Margot Käßmann sind weitere Unterzeichner des Briefes Fürsprecher der Mojâhedin-e Khalq. Der Brief selbst beginnt mit dem deutschen Mythos vom 2. Juni 1967. Ganz so, als hätte an jenem Tag der iranische Kaiser und nicht ein deutscher Polizist getötet, ist das Datum zum ewigen Verdikt der Einheitsdeutschen über die Dynastie der Pahlavi geworden.
Im selben Jahr wie der Mord in Berlin kursierte im Iran eine broschierte Selbstkritik eines revolutionären Zirkels um Ali Akbar Safaie-Farahani, der sich später mit seinen Genossen zur gauchistischen Guerillaorganisation der Fadâyi-e Khalq verschwor. Die antikoloniale Befreiung im Iran, so die Analyse, sei gnadenlos daran gescheitert, dass es keine ideologische Einheit mit nationalistischen und islamischen Organisationen gegeben hätte. Das Momentum auf eine »Einheit in Aktion« ergebe sich einzig noch aus dem Willen zur Militanz und der antizionistischen Fraternisierung gegen Israel. Während noch zu Beginn der 1960er Jahre iranische Intellektuelle im Interesse an den Kibbuzen nach Israel reisten oder als Publizisten Partei für den zionistischen Pioniergeist nahmen, wurde nunmehr die Umbenennung einer antiken Provinz des römischen Imperiums, die von Kaiser Hadrian als Demütigung der autochthonen Juden erdacht war: von Judäa in Syria Palaestina, zum Mantra einer postkolonialen Krisenexorzierung.
Ali Akbar Safaie-Farahani war einer von jenen Iranern, die in jenen Jahren in die antizionistischen Frontstaaten ausreisten, wo sie von den arabischen Fedayeen in Guerillataktiken unterrichtet wurden. Unter dem Nom de guerre Abu al-Abbas wurde Safaie-Farahani Kommandeur einer Fatah-Einheit. Auch Kader der jungen Organisation der Mojâhedin-e Khalq reisten in den Libanon und nach Syrien aus. Die Mojâhedin-e Khalq machten sich zudem das Fatwa von Ruhollah Khomeini zu einem Totalboykott Israels zu eigen, in dem der Ayatollah die Vernichtung Israels zur Pflicht der Muslime ernannte. In den frühen 1970er Jahren reisten Delegationen der Mojâhedin-e Khalq zu Khomeini in den Irak, wo sie erfolglos um seine Fürsprache warben.
Während des Ashura-Rituals 1963 hatte Khomeini den Monarchen mit Yazid, dem Mörder des Imams Hossein, assoziiert, um dann den wahren Konspirator wider Allahs Souveränität zu beschwören: Mohammad Reza Pahlavi sei nur eine Figur in Israels Verschwörung zur Annihilation der islamischen Ordnung. Khomeini polemisierte auch gegen die Gleichheit der Rechte von Männern und Frauen, mit der die »Weiße Revolution« der Pahlavi-Monarchie drohte, als eine häretische Einflüsterung der Bahâʼí. So unverhohlen reaktionär sich der Furor der Geistlichkeit auch äußerte, verbrüderte sich die nationaldemokratische Freiheitsbewegung mit ihr. Die Geistlichkeit agitierte indessen die Theologieschüler der islamischen Seminare. In der Morgendämmerung des »15. Khordâd« wurde Khomeini verhaftet. Von manchen der Agitierten wird erzählt, dass sie sich nach der rituellen Waschung in Märtyrertücher hüllten, um mit Sicheln und Äxten nach Teheran aufzubrechen. Bei den unter dem Gebrüll »Tod oder Khomeini« organisierten Anrottungen, aus denen heraus auch unverschleierte Frauen bedrängt wurden, kam es zu schweren Konfrontationen mit dem monarchistischen Repressionsapparat. Die nationaldemokratischen Kollaborateure von Khomeini sprachen in den Folgetagen von Tausenden an Opfern. In Wahrheit waren es 32 Tote am 15. Khordâd, dem Tag der schwersten Konfrontationen.
Infolge dieser von der Geistlichkeit erzwungenen Eskalation und einer infernalischen Überhöhung der Opfer wandten sich einige Universitätsabsolventen aus dem Milieu der Freiheitsbewegung den Theorien über eine urbane Guerilla zu, um diese mit dem von Ali Shariati intellektualisierten Märtyrertod und antiimperialistischer Befreiungsideologie zu amalgamieren: die Geburt der Mojâhedin-e Khalq. Das Periodikum Autonomie (8/1981) widmete sich nach der Revolution von 1979 und nachdem sich ihre Projektion von Khomeini als iranischem Thomas Müntzer blamiert hatte, den »revolutionär-chiliastischen« Mojâhedin-e Khalq und zitierte ausführlich aus der Literatur der Organisation. Während manche Europäer in jenen Tagen ihr Seelenheil im Bhagvan oder anderer Esoterik fanden, war man in der Autonomie von der revolutionären Psychotechnik der Mojâhedin-e Khalq gebannt, bei der die Selbstoptimierung in der parteiinternen Rivalität um den Märtyrertod und »die totale Befreiung im Zeugentod« endete.
Die nüchterne Notiz, die Pahlavi-Monarchie habe sich mit ihrer Agrarreform, die sie selbst als »Weiße Revolution« inszenierte, eines der zentralen Postulate nationaldemokratischer Modernisierung zu eigen gemacht, galt in der Opposition als antirevolutionäre Häresie. Die Mängel der Agrarreform waren eklatant und die Folgen der Binnenimmigration drastisch. Doch weder verharrte die Pahlavi-Monarchie in einem sich perpetuierenden Stadium halbkolonialer Abhängigkeit noch war eine Modernisierung inexistent. Während die »Weiße Revolution« auch die Einführung des Frauenwahlrechts sowie eine ambitionierte Alphabetisierungskampagne inkludierte, die den Geltungsdrang der Geistlichkeit in den ruralen Milieus zu schwächen drohte, erlangten unter den Antimonarchisten die Triebkräfte der chinesischen Kulturrevolution katastrophische Geltung: Mit der als Farce verleugneten Modernisierung wurde selbst noch die embryonale Existenz bürgerlicher Freiheiten denunziert. So waren es jene unislamischen Eiferer des Klassenhasses, viele von ihnen Söhne der Bourgeoisie, die noch vor 1979 an den Universitäten Frauen für ihre ›klassenfeindliche‹ Kleidung bedrängten und nach 1979 den gegen die Zwangsverschleierung protestierenden Abertausenden von Frauen die Solidarität verweigerten. Sie schwiegen auch, als die Khomeinisten 1980 die Feministin Farrokhroo Parsa, die in der Pahlavi-Monarchie Ministerin für Bildung war, hinrichteten.
Zentraler Akteur der Proteste gegen die Pahlavi-Monarchie am 2. Juni 1967 in Berlin war die Konföderation CISNU, ein Zentralverband universitärer Vereinigungen der Diaspora-Iraner mit offiziellem Sitz in Frankfurt/Main. In der Konföderation waren islamische Identitäre minoritär, geprägt war sie vielmehr von den Rivalitäten marxistisch-leninistischer Erscheinungen jener Tage. Während zunächst noch die Nationale Front in der US-amerikanischen Föderation herausragte, gewann Ende der 1960er Jahre, während der Hochphase der chinesischen Kulturrevolution, Mao Zedong an bedenklicher Popularität. Zugleich bemühte sich die Konföderation mehr und mehr um jene berüchtigte »Einheit in Aktion«. Ihr Sekretär Majid Zarbakhsh, ein enger Weggefährte von Bahman Nirumand, reiste 1969 in den Irak, um bei Khomeini vorzusprechen. Auf dem 14. Frankfurter Kongress der Konföderation im Jahr 1973 solidarisierte man sich dann unverhohlen mit der »revolutionären Geistlichkeit«. Einer derjenigen, die wesentlich an jener als Flugschrift in den Vortagen der Proteste am 2. Juni kursierenden Konkret-Kolumne beteiligt waren, die Ulrike Meinhof als Brandbrief an Farah Pahlavi schrieb und die den Iran nicht weniger verzerrend abbildete als die monarchistische Inszenierung, war Sadegh Tabatabai. Immatrikuliert an einer deutschen Universität war Tabatabai vor und nach 1979 ein umtriebiger Emissär von Khomeini, mit dem er auch familiär verbunden war. Am 1. Februar 1979 reiste Tabatabai mit dem Ayatollah von Paris nach Teheran aus. Als Khomeinisten 1982 an der Mainzer Universität mit Kabelsträngen und Metallrohren auf »konterrevolutionäre« Iraner einprügelten, verbürgte sich Tabatabai für die jungen Hezbollahis. Einer von ihnen war Kazem Darabi, der eine Dekade später als Organisator der Berliner Mykonos-Morde bekannt werden sollte.
Selbstverständlich hätte es auch 1967 und danach nach einer Opposition verlangt. Eine Opposition gegen die Aushöhlung der konstitutionellen Monarchie und die Repression sowie vor allem auch gegen die identitär-regressiven Diskurse, an denen sich auch thronloyale Intellektuelle wie Ahmad Fardid und Hossein Nasr avantgardistisch beteiligten. Eine solche Opposition hätte sich bewusst sein müssen, dass die Geistlichkeit um Khomeini der Todfeind von Modernität und Zivilisation ist. Jede Eskalation – das hätte man spätestens seit 1963 wissen müssen – wurde bewusst einkalkuliert.
Dass die deutsche Pahlavi-Kritik als allererstes auf den 2. Juni 1967 zu sprechen kommt, spricht indes nicht nur für mangelnde Bildung über den Iran. Die deutsche Mythenbildung über die Pahlavi-Monarchie und die Revolution von 1979 täuscht vor allem auch über die eigene Kollaboration mit dem khomeinistischen Regime, mit der auch jene, die nunmehr Lobeshymen auf die Mojâhedin-e Khalq trällern, nie gnadenlos zu Gericht gegangen sind.
Als im Januar 1979 der liberale Oppositionspolitiker Shapour Bakhtiar Premierminister wurde und Mohammad Reza Pahlavi aus dem Iran ausreiste, eskalierten allen voran die Mojâhedin-e Khalq weiter. Sie denunzierten Bakhtiar, der eine Liberalisierung der knöchernen Strukturen nicht hinauszögerte, als »Konterrevolutionär«, da dieser gewillt war, sich mit Pahlavi zu verständigen, um die drohende Einverleibung des Irans durch die Khomeinisten noch abzuwenden. »Am Knacken der Sandalen der Geistlichen« vernahm Bakhtiar hellhörig den Klang der drohenden Faschisierung des Irans. Die Mojâhedin-e Khalq forcierten indes eine Tabula rasa und wurden so zu einem der zentralen Protagonisten der iranischen Katastrophe. In einer ihrer Hymnen besangen sie pathetisch den Märtyrertod, um über den imperialistischen »Feind aller Völker« zu triumphieren: »Der Weg des Kompromisses ist eine Schande, so möge die Bewegung siegen …«
Die nach dem khomeinistischen Takeover etablierte Armee der Wächter der Islamischen Revolution, die Sepâh, übernahm die von den Mojâhedin-e Khalq zuvor popularisierte Ästhetik einer islamischen Guerilla, was in frappierenden Parallelen in den Flaggen der Organisationen zum Ausdruck kommt: die aufsteigende Faust, die bei der Sepâh eine AK-47 und bei den Mojâhedin-e Khalq ein rustikales Gewehr mit Bajonett greift. Flankiert wird dieses zentrale Element von Koranversen, die den Kampfeswillen stärken, und einem Globus als ideologisches Element für die Drohung mit der Entgrenzung der Revolution (die Umrisse des Irans sind in der Flagge der Sepâh gänzlich verschwunden).
Da sich die Mojâhedin-e Khalq gegen das Staatsprinzip des Velâyat-e Faqih, das den totalitären Geltungsdrang der Geistlichkeit institutionalisiert, aussprachen, wurden sie von den Khomeinisten mehr und mehr repressiv bedrängt. Hatte die Feindaufklärung der Pahlavi-Monarchie die Mojâhedin-e Khalq als »islamische Marxisten« charakterisiert, um die Organisation von der Geistlichkeit zu isolieren, exkommunizierten nunmehr die Khomeinisten die Mojâhedin-e Khalq als »Heuchler« aus dem Islam. Der Grande Terreur, durch welchen es den Khomeinisten gelang, die Entscheidungsgewalt über Leben und Tod an sich zu reißen, wendete sich alsdann auch gegen die Mojâhedin-e Khalq.
Es war jene von den unislamischen Revolutionstheoretikern der Fadâyi-e Khalq propagierte »Einheit in Aktion«, die im regressiven Antiimperialismus gründet und sich auf die Vernichtung jüdischer Emanzipation als Katalysator »totaler Befreiung« verständigt hat, die im Jahr 1979 zur katastrophischen Geltung kam. Es war kein Hijacking der Revolution, vielmehr ihre konsequente Realisierung, dass im khomeinistischen Staat die Vernichtung Israels zur absoluten Raison d’être wurde. Während diese zugleich antizionistische wie dystopische Einheit von einer Mehrheit der Iraner längst als das verstanden wird, was sie ist: eine aggressiv-projektive Krisenexorzierung, die sich in aller Konsequenz gegen ihr eigenes Leben wendet, ist sie nach dem 7. Oktober in den bürgerlichen Staaten zur urbanen Hysterie eines antizionistischen Faschings mutiert, in dem der Selbsthass auf Israel pathisch projiziert wird.
Die Mojâhedin-e Khalq sind heutzutage kein Teil der postmodernen »Einheit in Aktion«. Das antiimperialistische Pathos scheint, ganz wie ihr parteiinterner Mahdi Masoud Rajavi, entrückt zu sein. Es sind auch nicht mehr die arabischen Fedayeen oder ein barbarisches Regime wie das von Saddam Hussein, um dessen Nähe sie sich bemühen. Heute sind es US-amerikanische Politiker wie Rudolph Giuliani und Newt Gingrich, deren ewig gleichen Elogen sie mit hohen Honoraren entschädigen. Die Mojâhedin-e Khalq reproduzieren sich weniger durch ideologische Stringenz als durch die Erzählung, vor und nach 1979 gewaltige Opfer für einen freien Iran erbracht zu haben. Nach ihrer Narration wurde die Revolution im Jahr 1979 von den Khomeinisten pervertiert. Vor allem das macht die gewaltige Diskrepanz zwischen den Mojâhedin-e Khalq und den Iranern der Dey-Proteste aus. Letzte haben in der Revolution von 1979 selbst, die den Mojâhedin-e Khalq nach wie vor als unschuldig gilt, die Katastrophe erkannt, die über den Iran eingebrochen ist. In der iranischen Jugend fassen die Mojâhedin-e Khalq keinen Millimeter Fuß.
Während in den Dekaden vor 1979 die Geistlichkeit ihren graduellen Geltungsverlust unverhohlen eingestanden hatte und die Entislamisierungstendenzen evident waren, bemühten sich europäisch gebildete Intellektuelle und Vordenker der Mojâhedin-e Khalq wie Ali Shariati, den Islam als unverbrüchliche Identität zu popularisieren. Ganz anders die Revolutionäre von heute: Wenn wie zu Beginn des Jahres die Kommilitoninnen der Teheraner Alzahra-Universität die Regimeflagge mit der roten Tulpe, einem stilisierten Schriftzug für Allah, unter dem Slogan »Nennt die Universität nicht Alzahra, sie heißt wieder Farah« verbrennen, ist der Ruf nach einer Restauration der Pahlavi-Monarchie vor allem eine radikale Korrektur jener identitären Diskurse zugunsten des Islams. Die Universität, an der nur Frauen immatrikuliert sind, ist nach der Prophetentochter Fatima benannt, az-Zahra, »die Strahlende«, ist ihr Beiname. Vor 1979 trug die Universität den Namen von Farah Diba, der Mutter von Reza Pahlavi. Die Prophetentochter galt der Generation von 1979, die die Schrift Fatemeh ist Fatemeh von Shariati zur Lektüre hatte, als Idealtyp der authentischen Muslima und Gegenfigur zur von der Moderne korrumpierten Frau.
Mehr und mehr Iraner referenzieren auf die vorislamische Ära der iranischen Zivilisation, deren Verbundenheit zum antiken Judentum sie selbstbewusst in Anspruch nehmen. Während die Revolutionäre der Dey-Proteste nicht zögern, Moscheen einzuäschern, wenn sich in diesen die Basij-Miliz und mit ihr der Tod tarnen, verweigern sich viele Familien der Ermordeten, die islamischen Beerdigungsrituale zu befolgen. Sie rufen ihre Toten zärtlich »Jâvidnâm«, »Name, der ewig in Erinnerung bleibt«, um sie und das Leben, das ihnen genommen wurde, zu ehren. Und eben nicht »Shahid« wie die Märtyrer im Islam.
Reminiszenzen an die Pahlavi-Monarchie haben dabei seit längerem eine Präsenz auf den Protesten gegen das Regime. Der Slogan »Reza Shah, möge deine Seele glücklich sein« erschallte als erstes. Der Stammvater der Pahlavi-Dynastie wurde in Alasht, einem Bergdorf in der Provinz Mazandaran, geboren. Ohne Schulbildung machte der Neffe eines Offiziers der Kosakenbrigade eine spektakuläre Karriere zunächst im Militär und dann im konstitutionellen Staat. Im Jahr 1923 wurde er Premierminister, der darin bestrebt war, eine Republik auszurufen. Er scheiterte an der Geistlichkeit, die in einer Republik eine Bedrohung ihrer Autorität erkannte. In der Folge zwang die Nationalversammlung den Monarchen aus der Qajar-Dynastie, der seine Tage vor allem in Paris verbrachte, zur Abtretung. Gekrönt wurde nunmehr der gescheiterte Republikgründer, der zum Stammvater der Pahlavi-Dynastie wurde. Der Erbmasse einer absolutistischen Monarchie, deren Schatten auch nach der konstitutionellen Revolution von 1905 den Iran noch in Dunkelheit hüllte, zwang Pahlavi nunmehr eine rasante Modernisierung auf. Er reformierte das überkommene Rechts- und Bildungswesen. Pflicht und Recht zur schulischen Bildung galten nun auch für Mädchen. Und Pahlavi machte den Châdor verächtlich, jenes schwarze Zelt, das den Frauen ihre Unmündigkeit als Stigma aufzwang und in den 1970er Jahren zum militanten Chic der Identitären werden sollte. Es ist dieses Faktum an zumindest partieller Modernität, das die Dey-Revolutionäre adressieren.
Der Ruf nach Reza Pahlavi war einer der zentralen Slogans der Dey-Proteste. Wider die Projektionen der deutschen Politik und Publizistik ist einer der Gründe seiner Popularität die strikte Verneinung der antizionistischen Staatsdoktrin. Während seit 2009 Iraner ausdauernd »Weder Gaza noch der Libanon – unser Leben ist dem Iran gewidmet« rufen, scheint die Negation jener Krisenexorzierung mit ihrer eliminatorischen Potenz bei so manchem Deutschen mit intellektuellem Geltungsdrang hämische Reaktionen zu provozieren. Der Brandbrief raunt auch von einer aggressiven Reaktion des Kronprinzen auf die Nachfragen deutscher Journalisten während seiner Reise nach Berlin am 23. April. Reza Pahlavi wurde unter anderem damit konfrontiert, ein »israelisches Asset« zu sein.
Außerhalb des Irans und seiner Diaspora werden die Dey-Proteste nach wie vor drastisch verkannt. Die Szenen bezeugen die Wucht der revolutionären Erhebung ebenso wie das gegossene Blei, mit dem die Proteste mit aller Gnadenlosigkeit gebrochen wurden. Der Report The Crimson Winter dokumentiert die Identitäten von 4162 getöteten Protestierenden – selbst nur ein Teil der bislang verifizierten Toten des Dey-Massakers, während die Identifizierung von weiteren Tausenden an Getöteten nach der Publikation des Reports noch andauerte. Die Killing Fields verteilen sich auf 30 der 31 iranischen Provinzen. Einzig im südlichen Khorasan, der durch Wüsten charakterisierten Grenzregion zu Afghanistan mit der geringsten Bevölkerungsdichte aller Provinzen, wurden keine Toten dokumentiert. Markant ist auch die starke Diffusion innerhalb der Provinzen. Eine solche Synchronität an militanten Protesten in allen Provinzen, einzig vereinheitlicht durch einen digitalen Aufruf, ist in der jüngeren Vergangenheit über den Iran hinaus ohne Vergleich. In Teheran, Mashhad und Isfahan war die kritische Masse so gewaltig, dass dem Regime der Kollaps drohte. Im zentraliranischen Khomein, wo Ruhollah Khomeini im Jahr 1902 geboren wurde, und in Front zu den reputabelsten Seminaren der Geistlichkeit hallte der Ruf nach einer Restauration der Pahlavi-Monarchie durch die Straßen. In keinem der Protestslogans galt der Staat noch als Appellationsinstanz oder als potenzieller Krisenbewältiger. Sie kamen in Massen, einzig damit das Regime kollabiert.
Die Massaker geschahen nicht im Affekt. Einzig mit ihnen konnte das Regime seinen drohenden Kollaps noch hinauszögern. Selbstverständlich kann Reza Pahlavi für sich keine repräsentative Legitimität gegenüber allen Iranern behaupten. Weder kann er für jene sprechen, die loyal oder opportun gegenüber dem Regime sind, noch für jede einzelne Fraktion der Opposition. Doch ohne irgendeine (halb-)legale Oppositionsstruktur im Iran, die als Koordinatorin hätte fungieren können, waren in allen Provinzen Millionen von Iranern dem Aufruf von Reza Pahlavi zu Protesten am 8. und 9. Januar gefolgt. 47 Jahre, nachdem die Monarchie an den Krisen ihrer Tage gescheitert war, riefen sie im Zentrum und in der Peripherie nach einer Restauration der Pahlavi-Dynastie. Diese Realität anzuerkennen, hieße damit zu brechen, dass deutsche Projektionen darüber entscheiden, wonach der ›authentische‹ Iraner verlange und wonach nicht. Man erinnere sich nur, wie ein deutscher Korrespondent des ZDF nach dem misogynen Mord an Jina Amini von dem »Potenzial« raunte, »Reformen im Parlament zu diskutieren«, oder dass dem »Volkshelden« deutscher Projektionen, Ghasem Soleimani, noch »Kultstatus« nachgesagt wurde, als er von Iranern als »Ghasem Kotlet« verhöhnt wurde und die penetrante Märtyrerdekoration mit seinem Antlitz brannte. Der Furor gegen Reza Pahlavi ist eine weitere perfide Form jenes Revanchismus der Dey-Proteste, mit denen die Überlebenden der Massaker konfrontiert sind.
