Lange ist es noch nicht her, da wollten die Europäer den willentlichen Bruch US-amerikanischer Sanktionen gegen das khomeinistische Regime als einen »Akt europäischer Souveränität« verstanden wissen. Während der Regimetaktik einer temporären Nordkoreanisierung gegen die Âbân-Proteste im Jahr 2019, bei der Hunderte an Protestierenden massakriert wurden, harrte Europa schweigend aus. Im Auswärtigen Amt wurde zuvor unverhohlen ausgesprochen, dass es indes absolute »Priorität« habe, die Isolierung des Regimes von den transnationalen Finanzmärkten zu durchbrechen. SWIFT für das Business mit dem Regime und nicht Satellitentechnik für die Revolutionäre war die europäische Maxime jener Tage. Über Jahre.
Die europäische Selbsttäuschung, dass das khomeinistische Regime das Potenzial zum »Stabilisierungsfaktor in der Region« habe, hat sich gnadenlos blamiert. Blamiert an einer Realität, die einer Dystopie gleicht. Die Szenen, die unter dem Lockdown der Kommunikationssphäre noch durchdrangen, bezeugen die Wucht der revolutionären Erhebung, aber auch das gegossene Blei, mit dem diese gnadenlos gekontert wurde. Selbst in den tödlichsten Monaten der syrischen Katastrophe war der Bodycount nicht halb so hoch wie im Iran innerhalb der 48 Stunden zwischen dem 8. und 9. Januar. Die durchnummerierten schwarzen Leichenhüllen von Kahrizak, südlich von Teheran, sind eine Drohung an die Überlebenden, während anderswo die Leichen ermordeter Revolutionäre namenlos verscharrt werden. Wenn die Massaker unvergolten bleiben sollten, wäre das ein absoluter Worst Case.
Einzig dann, wenn eine solche Enthemmung des Vernichtungspotenzials für das Regime nicht ohne schwere Konsequenzen bleiben sollte, wäre überhaupt wieder an eine Wiedererlangung revolutionärer Aktionsfähigkeit zu denken. Dass »surgical strikes« (Reza Pahlavi) gegen die Todesindustrie des Regimes das Gröbste wären, um die Massaker zu rächen, wird in Europa weiterhin verdrängt. In den Tagesthemen sprach der gefragteste Orientalist dieser Tage zunächst davon, dass die US-amerikanischen Zusicherungen, nicht schweigend auszuharren, dem Regime jene »Argumente« darbrächten, um die Proteste »wirklich« wie eine militante Insurrektion zu handhaben. Nach den Massakern plädierte er dann im Gespräch bei Caren Miosga für die »theoretische Möglichkeit« einer geordneten Amtsabtretung des Regimes – als hätte dieses nicht zuvor seinen eliminatorischen Charakter demonstriert.
Über Reza Pahlavi weiß Herr Gerlach, dass dieser bislang »eine Fantasie vieler Exiliraner« sei, und raunt von »KI-generiertem« Zuspruch für den Kronprinzen. Eben jener Reza Pahlavi hatte aufgerufen, an den Abenden des 8. und 9. Januars in einer koordinierten Protestaktion iranweit Slogans zu rufen. Nahezu simultan begann der Lockdown der Kommunikationssphäre. Bei den Aufmärschen des eigenen Brüllviehs bemüht das Regime eine gewaltige logistische Maschinerie, um Einheit vorzutäuschen. Doch noch in den manipulativen Kameraperspektiven des Islamic Republic of Iran Broadcasting gleichen die Aufmärsche einer morbiden Anrottung vergreister Veteranen. Für die Proteste am 8. und 9. Januar nannte der digitale Aufruf von Reza Pahlavi indes nichts Weiteres als eine Uhrzeit.
Ohne irgendeine (halb-)legale Oppositionsstruktur im Iran, die als Koordinatorin hätte fungieren können, hatten die Proteste einen dezentralen Charakter und waren über ganz Teheran verteilt. In Sa'adat Abad etwa, wo die Ali Rasool Moschee der Basij-Miliz brannte. In Sadeghiyeh, wo sich Abertausende assoziierten und eine weitere Moschee brannte, aus der heraus die Protestmassen enfiliert wurden. Abertausende auch in Punak, Vanak, Narmak, Gholhak und Gheytarieh, wo noch in den Vortagen der iranischen Katastrophe, am 4. September 1978, der Mullah Mohammad Mofatteh – mit amtlicher Genehmigung der beschwichtigenden Monarchie – das Eid-al-Fitr-Gebet außerhalb der Moschee sprach und die Anwesenden auf die absolute Autorität von Ruhollah Khomeini einschwor. Im Osten, etwa in Resalat, und im Süden von Teheran, in Yakhchi Abad und anderswo. Konservative Hochrechnungen für den 8. Januar sprechen von 1,5 Millionen und mehr Revolutionären auf Teherans Straßen. Aber nicht nur im Zentrum, auch in der Peripherie des urbanen Konglomerats von Teheran, wie in Malard, Ghods, Shahriar, Nasimshahr, Gharchak, Varamin und Pakdasht, wo eine weitere Moschee der Basij brannte, sind Abertausende dem Aufruf gefolgt. Dieselbe überwältigende Beteiligung von Zentrum und Peripherie auch in Mashhad, Isfahan, Karaj und Shiraz. Weitere Abertausende sind es, die im iranischen Azerbaijan, vor allem in Tabriz, Ardebil, Urmia, Khoy, Maragheh und Miandoab, dem Aufruf gefolgt sind. Desgleichen in Khuzestan, dem Zentrum der iranischen Petroleumindustrie, im Zentraliran und in den nördlichen Provinzen von Gilan nach Golestan. In allen Provinzen des Irans brannte die Regimeflagge mit der roten Tulpe, einem stilisierten Schriftzug für Allah, und dem Takbir in der Umrandung. Eine solche Synchronität an Protesten, einzig vereinheitlicht durch einen digitalen Aufruf, ist in der jüngeren Vergangenheit ohne Vergleich.
Wo also zu konstatieren wäre, dass Reza Pahlavi zumindest als Kommunikator eine hohe Akzeptanz unter den Iranern hat, spricht einer derjenigen, die von den zentralen Organen der deutschen Exekutive, wie dem Auswärtigen Amt, mit Fragen zum Iran konsultiert werden, verächtlich von Reza Pahlavi als »abgehalftertem« Monarchensohn und von einer Opposition, die schwach und perspektivlos sei. Empfehlenswert sei es vielmehr, bei drohendem Tod von Ali Khamenei über die nächsten Adressaten deutscher Appeasementpolitik nachzudenken, wobei Herr Steinberg die Bluthunde Mohammad Bagher Ghalibaf und Ali Larijani nennt. Augenscheinlich hat es ihre Reputation nicht erhöht, dass nahezu alle relevanten Fraktionen der iranischen Opposition – von den Monarchisten über die Parteien einer demokratischen Föderation bis zu den parteilosen Persönlichkeiten – sich als eine Fundamentalopposition zur katastrophischen Krisenexorzierung des Regimes verstanden wissen wollen. Anders als etwa in Syrien sind sie sich darin einig, dass ein freier Iran säkular sein muss. Über das Konfliktpotenzial, das weniger in Reza Pahlavi selbst als in einer der wenigen Kontinuitäten zwischen Monarchie und Islamischer Republik auszumachen ist, werden wir noch sprechen müssen: der starren Zentralisierung und der Denunzierung einer Föderalisierung des Irans als Verschwörung gegen die territoriale Integrität.
Doch nicht in den konkreten Brüchen innerhalb der Opposition gründet das deutsche Geraune. Jahrelang hieß es, dass die Opposition unorganisiert sei und ohne eine repräsentative Autorität, während man zugleich unbeirrt über das Potenzial von Reformen spekulierte. Jahrelang legitimierte man seine Beschwichtigung gegenüber dem Regime damit, dass man bei einer Konfrontationspolitik gegenüber dem Regime die Reformwilligen isolieren würde. Der gemeine Iraner würde angesichts des äußeren Feindes mit dem Regime fraternisieren. Die deutsche Publizistik spekulierte auf jenen Iran, der identisch ist mit den eigenen Projektionen. Reza Pahlavi indes begrüßte während der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« die Präzisionsschläge gegen die Kommandostrukturen der Armee der Wächter der Islamischen Revolution und rief zur Desertion aus der Regimearmee auf. Unter den Iranern hat es seiner Reputation wahrlich nicht geschadet.
Die Popularität von Reza Pahlavi desavouiert auch weitere deutsche Gewissheiten über den Iran: wie den Mythos um Mohammad Mossadegh, aus dessen erzwungener Demission ein nationales Trauma gemacht wird. In Wahrheit war weder Mohammad Mossadegh ein Märtyrer der Demokratie noch Mohammad Reza Pahlavi, Vater des Kronprinzen, ein Lakai US-amerikanischer Interessen. Sie waren beide autoritäre und souveränistische Charaktere, die an den Krisen ihrer Tage scheiterten. Die Gründerfigur der Nationalen Front war dabei eine unheilige Allianz mit den Fadâʾiân-e Eslâm eingegangen. »Die sich für den Islam Opfernden« nannten sich die Mörder von Mossadeghs Rivalen um das Amt des Premierministers. Diese Keimzelle der khomeinistischen Despotie um den charismatischen Theologieschüler Navvab Safavi rekrutierte sich vor allem aus Jugendlichen aus den untersten Rängen in der ökonomischen Hierarchie der traditionellen Bazare und wurde von Mullahs wie Abol-Ghasem Kashani protegiert.
Es ist nach wie vor ein Faszinosum, mit welcher Penetranz deutsche Orientalisten, Friedens- und Konfliktforscher und die akademischen Vorfeldorganisationen des Auswärtigen Amtes in einem Europa, das 1945 durch einen militärisch erzwungenen Regimechange befreit wurde und in der Folge wie kein anderer Kontinent prosperierte, die drohende Ungewissheit beschwören, mit der sie das prospektive Ende der khomeinistischen Despotie assoziieren, jenes Regimes, das in seiner ideologischen Verfasstheit dem Vernichtungsstaat der nazifizierten Deutschen wie kein anderes ähnelt. Der wesentliche Unterschied zwischen khomeinistischer Despotie und nationalsozialistischem Vernichtungsstaat, auf den zuallererst zu beharren ist, scheint eine gewaltige Unbegreiflichkeit zu sein: Denn ganz anders als die Deutschen hat die Mehrheit der Iraner noch vor dem drohenden Ende des Regimes erkannt, dass die aggressiv-projektive Krisenexorzierung sich in aller Konsequenz gegen ihr eigenes Leben wendet.
In der Iran-Debatte dieser Tage spricht man folglich von allem Möglichen, doch nur wenig über den Iran. Charlotte Wiedemann etwa bedauert in ihrer Kolumne die Rehabilitierung der Despoten Suharto und General Pinochet, um kurzum auch in Reza Pahlavi einen potenziellen Diktator im US-amerikanischen Interesse auszumachen. Die deutsche Journalistin hat ihren Anteil daran, dass die Mythen über die Pahlavi-Monarchie und die iranische Katastrophe von 1979 nunmehr Dekaden überdauern. Im Jahr 2009, also 30 Jahre nach dem Beginn der »islamisch inspirierten Volksrevolution«, empfing Sadegh Tabatabai das Universalgedächtnis aus Mönchengladbach in seinem Teheraner Domizil, um mit ihr sein »Leben zu resümieren«. »Wehmütiger Revolutionär« charakterisierte Charlotte Wiedemann jenen Mann, der mit Ruhollah Khomeini, Sadegh Khalkhali und weiteren Bluthunden der iranischen Katastrophe am 1. Februar 1979 in einer Air France Boeing von Paris nach Teheran ausreiste. Als Tabatabai, der in Neauphle-le-Château bei Paris mit Khomeini unter einem Apfelbaum gesessen habe, ihr seine mehrbändigen Memoiren aushändigte, schien es um sie geschehen zu sein. Sie muss sich in dem Moment wie der Imam unter dem Apfelbaum gefühlt haben: »Auf dem Titel: der schöne Sadegh mit auffallender Krawatte, ganz dicht neben Khomeini. Khomeini schweigt, er hört dem schönen Sadegh zu.«
Es waren weniger seine »Schmachtaugen« als seine familiäre Nähe zu Ruhollah Khomeini, die den Sohn eines Geistlichen auch für das deutsche Auswärtige Amt interessant machte – seine Schwester Fatemeh war mit Ahmad Khomeini verheiratet, dem jüngsten Sohn des Ayatollah. Tabatabai empfahl sich Hans-Dietrich Genscher als Mediator, wofür sich dieser später noch revanchieren sollte. Als während seiner Einreise am Flughafen Düsseldorf im Januar 1983 1,65 kg Rohopium bei Tabatabai aufgefunden wurden, täuschte das Auswärtige Amt die deutsche Justiz und sprach dem Emissär des khomeinistischen Regimes strafrechtliche Immunität zu.
Viele der Söhne aus den Familien des islamischen Establishments verbrachten in den 1960er und 1970er Jahren einen Teil ihrer späten Jugend an US-amerikanischen und europäischen Universitäten. Unter ihnen auch viele, die alsdann zu zentralen Figuren in der Etablierungsphase der khomeinistischen Despotie werden sollten. Immatrikuliert an einer deutschen Universität, war Tabatabai im Jahr 1967 an jener Konkret-Kolumne beteiligt, die Ulrike Meinhof als Brandbrief an Farah Pahlavi schrieb und den Iran nicht weniger verzerrend abbildete als die monarchistische Inszenierung. Charlotte Wiedemann war zutiefst berührt, als Tabatabai die Anekdote erzählte: »Er sagt Ulrike, nicht: die Meinhof. Das hat etwas Treues.«
Der »schöne Sadegh« verbürgte sich gegenüber dem Auswärtigen Amt auch für jenes Kommando, das am 24. April 1982 im Inter 1, einer hochgeschossigen Baulichkeit an der Universität in Mainz, mit Kabelsträngen und Metallrohren auf »antiislamische« Iraner einprügelte. Die khomeinistischen Kader des Prügelkommandos entkrochen den Organisationsstrukturen des Islamischen Zentrums in Hamburg. Mohammad Reza Moghaddam, der der Moschee in jenen Tagen vorstand, nannte das Prügelkommando im Inter 1 fürsorglich »unsere Schüler«. Einer dieser Schüler, Mohammad Ali Ramin, spricht in seinen nostalgietrunkenen Lebenserinnerungen an den 24. April 1982 vom Inter 1, das berüchtigt war für die Ungezwungenheit internationaler Kommilitonen, als ein »Bordell«. Ein Mann namens Kazem Darabi sei in jenen Tagen »einer der bekanntesten« Kader unter ihnen gewesen. Ihre Instruktionen erhielten sie von Hadi Ghaffari, der im Iran als »Machinegun Mullah« berüchtigt war und dennoch schwerelos über deutsche Flughäfen ein- und ausreisen konnte.
Während die aus dem Iran Geflüchteten bei ihrer Asylanerkennung strapaziöse Prozeduren erdulden mussten, verwendete sich, auf Drängen des Generalkonsulats des khomeinistischen Regimes hin, selbst das Auswärtige Amt für Kazem Darabi. Dem militanten Hezbollahi war in Berlin eine einschlägige Moschee anvertraut, die İmam Cafer Sadık Camii in der Koloniestraße, ein Meetingpoint vor allem für türkische Khomeinisten. Mohammed Ali Ramin indes war nach 1982 jahrelang eine der zentralen Figuren im Islamischen Zentrum. Im Jahr 2006 verantwortete er in Teheran das Spektakel der Shoahleugner Review of the Holocaust: Global Vision. Ramin spricht von einer auferzwungenen »Erbschuld« der Deutschen und solidarisiert sich mit der inhaftierten Nationalsozialistin Ursula Haverbeck. »Die Deutschen«, so Ramin, werden »sich eines Tages« bei Ali Khamenei dafür bedanken, dass er ihnen den Weg aus dem imperialistischen Joch gewiesen habe.
Eine Dekade nach der »Zerschlagung des antirevolutionären Zentrums« im Inter 1 drang am 17. September 1992 ein Todeskommando in das griechische Restaurant Mykonos in Berlin-Wilmersdorf ein. Unter dem Gebrüll »Ihr Hurensöhne« ermordete es den Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistans-Iran (DPK-I), Sadegh Sharafkandi, seine Genossen Fattah Abdoli und Homayoun Ardalan sowie den in Berlin lebenden Oppositionellen Nouri Dehkord. Organisator der Ausführung des Mordbefehls an den Genossen jener Partei, die von Ruhollah Khomeini als »Partei des Teufels« geächtet wurde, war Kazem Darabi.
Auswärtiges Amt und Justizministerium bedrängten die Anklagebehörde, sich über die Kommandokette der Morde, die unvermeidlich die Hierarchie des khomeinistischen Regimes zur Sprache gebracht hätte, auszuschweigen. Die Anklagebehörde raunte zunächst auch davon, dass die Morde eine Kabale »konkurrierender kurdischer Organisationen« sein könnten, und distanzierte sich zunächst auch nach der Verhaftung des einschlägigen Khomeinisten nicht von dem Gerücht. Nach und nach gerieten amtsinterne Dokumente über die staatsterroristische Kommandoaktion in die Hände der Ankläger. Das Kalkül des Kanzleramts auf den Paragrafen 153c der StPO – dem Absehen von einer gerichtlichen Verfolgung der Morde, um drohenden Schaden für die nationalen Interessen abzuwenden – konnte nur scheitern. Als die Anklageschrift dem Justizministerium ausgehändigt wurde, verschwand diese noch für mehrere Wochen auf dem Dienstweg zwischen Justizministerium und Auswärtigem Amt. Der Hauptankläger erzwang schlussendlich durch seine Unnachgiebigkeit die Unterschrift des Ministeriums unter der Anklage.
Im Jahr zuvor, am 6. August 1991, wurde Shapour Bakhtiar in seinem französischen Exil in Suresnes unweit von Paris bestialisch ermordet. Das Mordkommando durchtrennte Kehle und Handgelenke des herausragenden Regimekritikers. Vor einem französischen Gericht wurden mehrere Logistiker des Kommandos in ihrer Abwesenheit der Verschwörung zum Mord für schuldig gesprochen. Unter ihnen ist ein Beamter des iranischen Telekommunikationsministeriums, Hossein Sheikhattar. Sein Bruder Alireza, High-Five-Buddy von Claudia Roth, war als Gouverneur der Provinz Kurdistan in den frühen 1980er Jahren eine zentrale Figur in der khomeinistischen Repressionsmaschinerie, bevor er zum Repräsentanten des Regimes in Berlin wurde. Am ersten Jahrestag des Mordes an Bakhtiar wurde dann Fereydoun Farrokhzad, eine Ikone der modernen Kulturindustrie Irans und jüngerer Bruder der Poetin Forugh Farrokhzad, in Bonn-Hardtberg, wie in einem barbarischen Ritus, ermordet. Auch dieser Mord wurde nie gerächt.
Neben der Residentur des Regimes in der Godesberger Allee nahm das Islamische Zentrum in Hamburg eine zentrale Funktion in der terroristischen Maschinerie des khomeinistischen Regimes ein. Noch in der Ära der Pahlavi-Monarchie wurde es unter dem Vorsitz von Mohammad Beheshti etabliert, um das khomeinistische Ideal von einem Islamischen Staat »unter den Muslimen Europas populär« zu machen. Mohammad Khatami zufolge, der dem IZH zwischen 1978 und 1980 vorstand, war es Ayatollah Beheshti, der das revolutionäre Potenzial der Iraner an den US-amerikanischen und europäischen Universitäten erkannt und in seiner Überlegtheit den Islam mit antikolonialistischen Phasen akzentuiert habe. Innerhalb der Konföderation CISNU, einem Zentralverband universitärer Vereinigungen der Diaspora-Iraner, galten islamische Identitäre wie Abolhassan Banisadr, Sadegh Ghotbzadeh und Mostafa Chamran als marginalisiert. Die CISNU war vor allem von den Rivalitäten marxistisch-leninistischer Erscheinungen jener Tage geprägt. Während zunächst noch die Nationale Front in der US-amerikanischen Föderation herausragte, gewann Ende der 1960er Jahre, während der Hochphase der chinesischen Kulturrevolution, die Ideologie Mao Zedongs an bedenklicher Popularität.
Die nüchterne Notiz, die Pahlavi-Monarchie habe sich mit ihrer Agrarreform, die sie selbst als »Weiße Revolution« inszenierte, eines der zentralen Postulate nationaldemokratischer Modernisierung zu eigen gemacht, galt den Antiimperialisten in der CISNU als antirevolutionäre Häresie. Die Mängel der Agrarreform waren eklatant und die Folgen der Binnenimmigration drastisch. Doch weder verharrte die Pahlavi-Monarchie in einem sich perpetuierenden Stadium halbkolonialer Abhängigkeit noch war eine Modernisierung inexistent. Während die »Weiße Revolution« auch die Einführung des Frauenwahlrechts sowie eine ambitionierte Alphabetisierungskampagne inkludierte, die den Geltungsdrang der Geistlichkeit in der ruralen Peripherie drastisch zu schwächen drohte, erlangten in den antimonarchistischen Milieus die ideologischen Triebkräfte der chinesischen Kulturrevolution katastrophische Geltung: Mit der als Farce verleugneten Modernisierung wurde selbst noch die embryonale Existenz bürgerlicher Freiheiten denunziert. So waren es jene unislamischen Eiferer des Klassenhasses, viele von ihnen Söhne der Bourgeoisie, die noch vor 1979 an den Universitäten Frauen für ihre ›klassenfeindliche‹ Kleidung bedrängten und nach 1979 den gegen die Zwangsverschleierung protestierenden Abertausenden an Frauen die Solidarität verweigerten. Sie schwiegen auch, als die Khomeinisten 1980 die Feministin Farrokhroo Parsa, die in der Pahlavi-Monarchie Ministerin für Bildung war, hinrichteten. Die Militanten der Peykâr, die zwischen ihren maoistischen und hoxhaistischen Idolen lavierten, erkannten in Khomeini durchaus einen »Reaktionär«, doch denunzierten sie zugleich die »egozentrische« Artikulation feministischer Interessen als Verschleierung der Klassenfrage.
Es war weniger der Charme eines revolutionären Islams, der die Militanten der iranischen Katastrophe von 1979 bewegte. Ganz so wie die Garden der chinesischen Kulturrevolution subjektivierte man mit aller Radikalität die dem Kapital immanenten Krisen in den auszumachenden »Volksfeinden«. In Wahrheit war es der substantielle Charakter der Modernisierung mit allen seinen Krisenphänomenen, den die Khomeinisten und ihre unislamischen Kollaborateure zum Kairos ihrer Konterrevolution machten. Eben jene Kollaborateure der Mullahs kapitulierten vor der Herausforderung, wie es hätte anders sein können, dass die Zentrifugalkräfte der kapitalistischen Akkumulation traditionelle Subsistenzökonomien devastierten, ohne dass die Modernisierung auch nur das Gröbste, dass keiner mehr hungern soll, zu verwirklichen vermocht hätte.
Wurde der eigene Geltungsverlust im Iran von den Mullahs als solcher eingestanden, bemühte sich dennoch eine Majorität innerhalb der antimonarchistischen Opposition um eine Allianz mit Ruhollah Khomeini. Als Sekretär der CISNU reiste Majid Zarbakhsh, ein Genosse von Bahman Nirumand, 1969 nach Najaf, um bei Khomeini vorzusprechen. Auf dem 14. Frankfurter Kongress der Konföderation im Jahr 1973 solidarisierte man sich unverhohlen mit der »revolutionären Geistlichkeit«. Nicht wenige der Genossen reisten zur militärischen Ausbildung nach Libyen und in den Libanon. Indessen isolierten sich die säkularen Fraktionen der antimonarchistischen Opposition in ihrer Wendehalsigkeit gegenüber den revolutionären Idolen in China und anderswo mehr und mehr von der Wirklichkeit im Iran. Sie wurden erschüttert von schweren Autoritätskrisen, nachdem zunächst der Kreml 1965 und zu Beginn der 1970er Jahre auch Zhongnanhai sich der Pahlavi-Monarchie angenähert hatten. Infolgedessen gewannen vor allem Guerilla-Organisationen an Popularität, die ihren historischen Materialismus mit der Selbstaufopferung als revolutionärem Archetyp bewarben.
Während des Ashura-Rituals im Jahr 1963 assoziierte Ruhollah Khomeini den Monarchen unverhohlen mit Yazid, dem Mörder des Imams Hossein ibn Ali, um dann den wahren Konspirator wider Allahs Souveränität zu beschwören: Mohammad Reza Pahlavi sei nur eine Figur in der perfiden Intrige Israels zur Annihilation der islamischen Ordnung. Khomeini polemisierte auch gegen die Gleichheit der Rechte von Männern und Frauen, mit der die »Weiße Revolution« drohte, als eine häretische Einflüsterung der Bahâʼí. So unverhohlen reaktionär sich der Furor der Geistlichkeit auch äußerte, verbrüderte sich die nationaldemokratische Freiheitsbewegung des islamischen Identitären Mehdi Bazargan mit ihr. Bazargan sprach sich nicht gegen eine Modernisierung aus, denunzierte aber die »Weiße Revolution« als antidemokratisch, im US-amerikanischen Interesse und als Bedrohung der religiösen Identität. Die Geistlichkeit agitierte indessen die Theologieschüler der islamischen Seminare und warb Rackets aus den Teheraner Slums an. In der Morgendämmerung des »15. Khordâd« wurde Khomeini verhaftet. Von den Männern aus dem ruralen Pishva bei Varamin, südöstlich von Teheran, wird erzählt, dass sie sich nach der rituellen Waschung in weiße Tücher hüllten, um mit Sicheln und Äxten in den Händen nach Teheran aufzubrechen. Sie spekulierten auf den Märtyrertod. Bei den unter dem Gebrüll »Tod oder Khomeini« organisierten Anrottungen, aus denen heraus auch unverschleierte Frauen bedrängt wurden, kam es zu schweren Konfrontationen mit dem monarchistischen Repressionsapparat. Bazargan sprach in den Folgetagen von Tausenden an Repressionsopfern. In Wahrheit waren es 32 Tote am 15. Khordâd, dem Tag der schwersten Konfrontationen.
Infolge dieser von der Geistlichkeit erzwungenen Eskalation und einer infernalischen Überhöhung der Opfer wandten sich einige Universitätsabsolventen aus dem Milieu der Freiheitsbewegung den Theorien über eine urbane Guerilla zu, um diese mit dem von Ali Shariati intellektualisierten Märtyrertod und antiimperialistischer Befreiungsesoterik zu amalgamieren. Jene Militanten um Mohammad Hanifnejad wurden zu den Gründungsfiguren der Mojâhedin-e Khalq. Das Periodikum Autonomie (8/1981) widmete sich, nachdem sich ihre Projektion von Ruhollah Khomeini als iranischer Thomas Müntzer blamiert hatte, ausführlich den »revolutionär-chiliastischen« Mojâhedin-e Khalq und zitierte ausführlich aus der Literatur der Organisation. Ihre Parteiideologen sprachen in bewusster Abgrenzung zur marxistischen Klassentheorie von den Mostazʿafin, »den Erniedrigten«. Den Ausdruck aus einem Koranvers hatte zuvor der Vordenker der islamischen Identitären, Ali Shariati, populär gemacht. Die Mojâhedin-e-Khalq machten hiermit vor allem das infolge des Modernisierungsprozesses von der traditionellen Subsistenzökonomie getrennte Subproletariat in den urbanen Slums zum Objekt ihrer Agitation. Auch Ruhollah Khomeini machte sich später den Ausdruck zu eigen, vor allem auch für die Rekrutierung des Front- und Brüllviehs des Regimes: jener Basij-Miliz, die während der Märtyrerschlacht mit dem Irak Tausende an Halbwüchsigen als suizidale Infanteriewellen in den Tod kommandierte.
Von dem historischen Materialismus rivalisierender Organisationen wie den Fadâyi-e Khalq distanzierten sich die Mojâhedin-e Khalq, da dieser »das Absolute«, also Allah, verleugne. Die erste Generation der Mojâhedin-e Khalq wurde zu Beginn der 1970er Jahre hingerichtet. Auf die Repression folgte eine schwere Autoritätskrise der Organisation. Im Jahr 1975 schwor eine Fraktion um Mohammad Taghi Shahram, die alsdann zur Organisation Peykâr wurde, dem Islam ab und bekannte sich zum historischen Materialismus. Mehrere Parteibrüder wurden ermordet, die sich gegen die Konversion aussprachen. In der Folge sprachen einige Geistliche, unter ihnen solche mit Nähe zu den Mojâhedin-e Khalq wie Mahmud Taleghani und Hassan Lahoti, ein Kontaktverbot inhaftierter Muslime mit ihren islamfeindlichen Mitinsassen aus und bezeugten die »Unreinheit der Ungläubigen«. Sie fürchteten eine weitere Agitierung der Gläubigen mit materialistischen Irrlehren.
Unter Massoud Rajavi reorganisierte sich jene Fraktion, die dem Islam nicht abzuschwören gewillt war. Sie ächtete die zum historischen Materialismus konvertierten Männer um Shahram als »Opportunisten«. Die Charakterisierung der Mojâhedin-e Khalq als »islamische Marxisten« ist der Feindaufklärung der Pahlavi-Monarchie geschuldet, die hiermit die militante Organisation von der Geistlichkeit isolieren wollte.
Als am 3. Januar 1979 Shapour Bakhtiar von der Nationalen Front Premierminister wird und Mohammad Reza Pahlavi wenige Tage später aus dem Iran ausreist, eskalieren die Mojâhedin-e Khalq weiter. Sie denunzieren den Weggefährten von Mohammad Mossadegh als »Konterrevolutionär« und nationalen »Verräter«, da dieser gewillt ist, sich mit Pahlavi zu verständigen, um die drohende Einverleibung des Irans durch die Khomeinisten noch abzuwenden. »Am Knacken der Sandalen der Geistlichen« vernahm Bakhtiar den Klang der drohenden Faschisierung des Irans. Die Mojâhedin-e Khalq forcierten indes ein revolutionäres Tabula rasa und wurden so zu einem der zentralen Protagonisten der iranischen Katastrophe. In einer ihrer Hymnen besang sie pathetisch den Märtyrertod, um über den imperialistischen »Feind aller Völker« zu triumphieren: »Der Weg des Kompromisses ist eine Schande, so möge die Bewegung siegen…« Als Militante am 4. November 1979 in die »Spionagehöhle«, die US-amerikanische Repräsentanz in Teheran, eindrangen, befürworteten die Mojâhedin-e Khalq die Geiselaffäre. Doch der wenig larmoyante Ruhollah Khomeini sollte keine Gnade mit der rivalisierenden Organisation kennen. Da sich die Mojâhedin-e Khalq gegen sein Staatsprinzip des Velâyat-e Faqih, das den totalitären Geltungsdrang der Geistlichkeit institutionalisiert, aussprachen, wurden sie mehr und mehr von den Khomeinisten repressiv bedrängt. Sie überdauerten als paramilitärische Organisation im Irak, wo sie von dem Regime der al-Baʿth protegiert wurden.
Das antiimperialistische Pathos scheint inzwischen, ganz wie der okkulte Mahdi, verschwunden zu sein. Dafür sprechen sich die Mojâhedin-e Khalq für einen freien Markt aus. War es im Jahr 1981 noch das Periodikum Autonomie, das vom revolutionären Willen der Mojâhedin-e Khalq zum Opfertod gebannt war, sind es heute christlich-konservative Politiker wie Rudolph Giuliani, die auf den streng choreografierten Konferenzen Elogen auf die Organisation halten. Entgegen der Verbürgerlichung ihrer Programmatik sprechen die militaristischen Inszenierungen der Kaderdisziplin bei ihren Parteikongressen für eine innere Nordkoreanisierung. Die Mojâhedin-e Khalq reproduzieren sich weniger durch ideologische Stringenz als durch die Erzählung, vor und nach 1979 gewaltige Opfer für einen demokratischen Iran erbracht zu haben. In der iranischen Jugend fassen die Mojâhedin-e Khalq auch hiermit keinen Millimeter Fuß. Doch bei aller Kritik an ihrer Denunziationskampagne gegen Reza Pahlavi wissen die Mojâhedin-e Khalq um die wesentliche Schwäche seiner Fürsprecher: die chauvinistische Ignoranz gegenüber der Autonomiefrage.
Abdullah Mohtadi, Generalsekretär der Partei Komeley, und Reza Pahlavi waren im März 2023 noch Signatarfiguren der »Charta der Solidarität und Allianz für die Freiheit« mit einem Minimalkonsens im Sinne eines »säkularen und demokratischen Irans«. Mohtadi kritisierte wenig später das Schüren von Ängsten vor separatistischen Intrigen, während Pahlavi genau solche ausmachte und die territoriale Integrität des Irans beschwor. In Iranisch-Kurdistan ist seit 1979 der Widerstand gegen die khomeinistische Despotie am vehementesten. Ruhollah Khomeini denunzierte noch im Jahr 1979 die Fürsprecher einer kurdischen Autonomie als ungläubige »Verschwörer«. Die Generalsekretäre der PDK-Î, die Khomeini als »Partei des Teufels« ächtete, wurden 1989 in Wien und 1992 in Berlin von Regimeschergen ermordet.
Als im Jahr 2014 Nordostsyrien mit dem genozidalen Islamischen Staat konfrontiert war, sind unter den Frauen und Männern, die das kurdische Kobani zur Ikone des Widerstands gemacht haben, auch viele Volontäre aus Rojhilatê Kurdistanê gewesen. »Wenn wir Kobani befreit haben, ist es als Nächstes der Iran«, verspricht lächelnd eine der Frauen in einer Frontreportage von Zanyar Omrani. Nach den Pariser Massakern am 7. Januar 2015 zitierte das Generalkommando der Einheiten zur militanten Selbstverteidigung, die Yekîneyên Parastina Gel, in einem Nachruf den ermordeten Karikaturisten Stéphane Charbonnier, der vor seinem Tod davon sprach, dass in Kobani die Menschheit verteidigt werde. Eine ranghohe Delegation aus Rojavayê Kurdistanê reiste in der Folge nach Paris. Die Co-Vorsitzende der Partiya Yekîtiya Demokrat, Asya Abdullah, die Kommandeurin der Frauenverteidigungseinheiten Yekîneyên Parastina Jinê, Nesrin Abdullah, und Überlebende von Charlie Hebdo, unter ihnen Gérard Biard, versicherten sich in schönster antifaschistischer Tradition, Schulter an Schulter, gegenseitig ihrer Solidarität. Ganz so wie sich in jenen Tagen der Widerstand in Kobani gegen eine grenzüberschreitende Bestie als eine Verteidigung der Gattung Mensch verstanden wissen wollte, wird seit 2014 jede antikurdische Aggression als eine Aggression gegen ein über nationale Grenzen solidarisches Kurdistan verstanden. Die überwältigenden Solidaritätsmärsche mit dem auch in diesen Tagen wieder bedrohten Kobani in Silemani, Hewler und anderswo sprechen für sich.
Ganz wie die demokratischen Föderalisten in Nordostsyrien verfolgen die Parteien aus Iranisch-Kurdistan, wie die Komeley und die PDK-Î, keine Eigenstaatlichkeit. Doch wer jede Diskussion über eine föderale Struktur eines freien Irans als Affront gegen die Heiligkeit der territorialen Integrität denunziert, wird sich um die politisch bewussteste Oppositionsfraktion als potenziellen Bundesgenossen bringen. Und noch einen Mangel hat die iranische Opposition, von dem ihre deutschen Verächter aber kaum sprechen: Anders als das Damaszener Regime von Veteranen der al-Qaida haben die iranischen Revolutionäre keine Fürsprecher unter jenen Anrainerstaaten mit dem aggressivsten Geltungsdrang.
Jahrelang beschwor man in Europa die Ungewissheit, was auf das khomeinistische Regime folgen würde. Charlotte Wiedemann verbot sich während der revolutionären Erhebung gegen das tugendterroristische Regime im Jahr 2022 jenes Pathos, zu dem der »schöne Sadegh« sie zuvor noch inspiriert hatte. In der Taz (19.10.2022) beschwor sie ein drohendes Szenario von Anarchie. Nirgends könne sie eine solche Opposition erkennen, »die in Teheran Verantwortung übernehmen könnte«, wenn das Regime implodiere. Die deutschen Verlustängste verschwinden selbst dann nicht, wenn die Iraner nach etwas Vertrautem rufen: der Dynastie der Pahlavi. Was Charlotte Wiedemann wie »kreisförmige Verläufe« erscheinen muss, ist vor allem ein absolutes Nein gegenüber einer andauernden Existenz eines islamischen Staates – sei es auch mit menschlicherem Antlitz, wie von Reformergreisen wie Mir-Hossein Mousavi vorgetäuscht. Nicht wenige Iraner referenzieren folglich auch die Sassaniden, die letzte kaiserliche Dynastie vor der Islamisierung des Irans. Während die iranischen Revolutionäre nicht zögern, Moscheen einzuäschern, wenn sich in diesen der Tod und die Basij-Miliz tarnen, verweigern sich viele Familien der Ermordeten, die traditionellen Beerdigungsrituale des Islams zu befolgen.
Reminiszenzen an die Pahlavi-Monarchie haben seit längerem eine Präsenz auf den Protesten gegen das Regime. Der Slogan »Reza Shah, möge deine Seele glücklich sein« erhallt dabei wieder und wieder. Der Stammvater der Pahlavi-Dynastie wurde in Alasht, einem abgelegenen Bergdorf in der Provinz Mazandaran, geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern lebte er bei seinem Onkel, einem Offizier der Kosakenbrigade. Ohne Schulbildung machte der Großvater des heutigen Kronprinzen Karriere im Militär. Im Jahr 1923, wenige Tage bevor Mustafa Kemal eine laizistische Republik ausrufen sollte, wurde er Premierminister des kriselnden Irans. Als Premierminister war er noch bestrebt, eine Republik auszurufen. Doch die Fürsprecher der Republik scheiterten in der Nationalversammlung an einer Intrige von Geistlichen um Mullah Hassan Modarres, die in einer Republik eine Bedrohung der Autorität der Geistlichkeit erkannten. In der Folge zwang die Nationalversammlung den Monarchen aus der Qajar-Dynastie, der seine Tage vor allem in Paris verbrachte, zur Abtretung. Gekrönt wurde nunmehr ein gescheiterter Republikgründer, der als Reza Shah Pahlavi zum Stammvater der Pahlavi-Dynastie wurde. Der Erbmasse einer absolutistischen Monarchie, dessen Schatten auch nach der konstitutionellen Revolution von 1905 den Iran noch in Dunkelheit hüllte, zwang Pahlavi nunmehr eine rasante Modernisierung auf. Er reformierte das überkommene Rechts- und Bildungswesen. Pflicht und Recht zur schulischen Bildung galten nun auch für Mädchen. Und Pahlavi machte den Chador verächtlich, jenes misogyne schwarze Zelt, das den Frauen ihre Unmündigkeit als Stigma aufzwang und in den 1970er Jahren zum militanten Chic der Identitären werden sollte. Es ist dieses Faktum an Modernität, das die Protestierenden adressieren.
Selbstverständlich hätte es auch vor 1979 nach einer entschiedenen Opposition verlangt. Eine Opposition gegen die Aushöhlung der konstitutionellen Monarchie und die Repression, gegen Hunger und Verelendung sowie vor allem auch gegen die identitär-regressiven Diskurse, an denen sich auch thronloyale Intellektuelle wie Ahmad Fardid und Hossein Nasr beteiligten. Eine solche Opposition hätte sich bewusst sein müssen, dass die revolutionäre Geistlichkeit um Ruhollah Khomeini der Todfeind von Modernität und Zivilisation ist. Jede Eskalation war von den Khomeinisten bewusst einkalkuliert. Sie folgten einer ebenso skrupellosen wie perfiden Berechnung, die im Jahr 1963 mit den misogynen Anrottungen ihres Brüllviehs, »Tod oder Khomeini«, begann und mit dem Brandmord von Abadan ihre Katastase heraufprovozierte. Am späten Abend des 19. August 1978 brannte in Abadan ein Cinéma – und mit ihm Hunderte von Menschen, die zu jener Stunde das sozialkritische Drama Gavaznhâ von Masoud Kimiai ansahen. Sprach Khomeini am 14. September unverhohlen davon, dass die Cineastik ein »Zentrum der Prostitution« sei, behauptete er doch sogleich, dass der Brandmord von Abadan ein durchsichtiges Manöver der Monarchie sei, um den revolutionären Islam zu diffamieren. Die nationaldemokratische Opposition folgte blind den Lügen von Khomeini. In Wahrheit hatte die revolutionäre Geistlichkeit für den bestialischen Brandmord Hossein Takbalizadeh angeworben, einen zum religiösen Eiferer agitierten Kleinkriminellen aus den Heroinhöhlen von Abadan.
Nach einer halben Dekade im Islamischen Zentrum Hamburg war Mohammad Beheshti im Jahr 1970 wieder in den Iran gereist, wo er sich der propagandistischen Mystifizierung von Ruhollah Khomeini als frommem Diener Allahs, den einzig die Gerechtigkeit der Erniedrigten bewegte, widmete. Im Jahr 1979 wurde Beheshti zum höchsten Richter ernannt, der den Familien inhaftierter »Konterrevolutionäre« hohe Geldsummen abpresste, die diese in der Erwartung aufbrachten, die angedrohten Hinrichtungen noch abzuwenden. Nach erbrachter Zahlung wurden die Geiseln dann doch ermordet. Heute presst das Regime ganz in der Tradition von Beheshti den Familien der ermordeten Revolutionäre eine exorbitant hohe »Munitionsgebühr« ab, bevor es die Leichen aushändigt. Von einer »totalen Isolation« sprechen Überlebende der Massaker, wie im nordiranischen Rasht, wo der traditionelle Bazar brannte und die Regimeschergen die Flucht aus den Flammen mit gegossenem Blei bestraften. In Karaj-Gohardasht, so wird bezeugt, wurden die Leichen mit Planierraupen entfernt. Die Hospitäler sind indes okkupiert von den Regimeschergen. Ärzte werden verhaftet, wenn sie Patienten ohne namentliche Registrierung aufnehmen. 3.164 Tote bei den Konfrontationen des monarchistischen Repressionsapparates mit seinen Feinden zwischen den Jahren 1963 und 1979 dokumentiert die khomeinistische Institution des Märtyrer-Bonyad. Das khomeinistische Regime hat innerhalb weniger Stunden allein in Teheran mehr Leben vernichtet. Ein Stratege der khomeinistischen Todesindustrie, Hesamoddin Haerizadeh vom Zentrum für doktrinäre strategische Studien: Andishkadeh Yaghin, spricht von einer Konfrontation zwischen dem Staat und einer »Front der Ungläubigen«. Die Massaker sind folglich heilige Reinigungsprozesse, in denen »die Unreinen von den Reinen« geschieden werden. Es wäre eine absolute Katastrophe für die Iraner und die Menschheit, wenn dieses Regime die Massaker überdauert.
