Ein halbes Jahr nach der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« brachen im Iran die Dey-Proteste aus. Jahrelang legitimierte man in Europa seine Beschwichtigung gegenüber der khomeinistischen Despotie damit, dass bei einer Konfrontationspolitik eine Isolierung der Reformwilligen drohen würde. Der authentische Iraner würde mit dem Regime fraternisieren. Die deutsche Politik und Publizistik spekulierten auf jenen Iran, der identisch ist mit den eigenen Projektionen. Der Repräsentant der relevantesten Fraktion innerhalb der Opposition, Reza Pahlavi, befürwortete indes die israelischen »surgical strikes« gegen die Kommandostrukturen der Sepâh, der Armee der Wächter der Islamischen Revolution. Unter den Iranern hat es seiner Reputation wahrlich nicht geschadet. Der Ruf nach einer Restauration der Pahlavi-Dynastie war einer der zentralen Slogans der Dey-Proteste.
Die iranische Diaspora ist indes mit einer drastischen Verkennung der Dey-Proteste konfrontiert. Außerhalb der Diaspora ist in Europa kein artikuliertes Interesse an einem Ende der khomeinistischen Despotie zu erkennen. Die Szenarien, die die deutschen Kommentatoren der iranischen Katastrophe beschwören, schlingern zwischen einem Regime, das sich verhärtet, und territorialer Erosion, einer Ethnifizierung des Irans, drohender Anarchie, einem nächsten Afghanistan. Reza Pahlavi wird indes als »eine Fantasie« exilierter Monarchisten verächtlich gemacht.
Wenngleich auch in den ersten Sekunden des 28. Februar 2026 mit der Tötung von Ali Khamenei das Ende des Rahbarismus spektakulär erzwungen wurde, versichert man sich in Europa gegenseitig, dass das Scheitern der israelisch-US-amerikanischen Militärkoalition evident ist. Ignoriert wird dabei nicht nur die israelische Intelligenzdurchdringung des Regimenukleus, die auch mit einer gnadenlosen Hinrichtungskampagne von »Kollaborateuren« und der paranoiden Fahndung nach Starlink-Terminals nicht gebrochen werden konnte. Nach dem Tod von Ghasem Soleimani am 3. Januar 2020 wurde die mehrtägige Prozession für die charismatischste Figur der Sepâh als nationale Generalmobilisierung inszeniert. Im November zuvor hatten die Âbân-Proteste den Iran erschüttert. Das Regime unternahm gewaltige Anstrengungen, um Einheit in einem Staat vorzutäuschen, in dem es zuvor noch gebrannt hatte. Heute kann das Regime nach wie vor seinen dahingeschiedenen Rahbar Ali Khamenei nicht beerdigen. Sein Sukzessor Mojtaba Khamenei, mit dem der Rahbarismus dynastischen Charakter bekäme, ist ein Phantom, ein Untoter, eine Karikatur des entrückten Imams.
Das Spektakel der Staatsbestie
Während der Rial zu Papierstaub zerfällt und die petrochemische Industrie zu kollabieren droht, gleicht die penetrante Gegeninszenierung nationaler Einheit durch das Regime einem militarisierten Revanchismus der Dey-Proteste, die zu Beginn des Jahres den Iran erschüttert haben. Und während der bleierne Lockdown der Kommunikationssphäre im Iran sich zu verewigen droht, kann auch dieses inszenierte Spektakel, das der Drohung weiterer Massaker gleicht, nicht über den drastischen Schwund an ideologischer Legitimität in einem hochdoktrinären wie apodiktischen Staat täuschen – außer jene eben, deren Projektionen auf den Iran identisch sind mit der Inszenierung der Unbezwingbarkeit des Regimes.
Die perfiden Manipulationen des Regimes sind in Europa wahrlich effektiv und nicht nur ein faschistoider Souveränist wie Björn Höcke raunt von den »entfesselten Kräften des Nationalismus« im Iran. Doch welche Fraternisierungseffekte sind im Iran zu konstatieren? Die gewaltigen Anstrengungen zur permanenten Mobilisierung der Regimetreuen folgen der Logik eines Revanchismus der Dey-Proteste mit der Drohung weiterer Massaker. Die in Teheran omnipräsenten Technicals, wie den Toyota Hilux mit lafettierter Infanterie, provozieren bei vielen Iranern die Assoziation mit dem Islamischen Unstaat in Rakka und anderswo. Was in den Vorjahren noch als Gerücht galt, ist nunmehr demonstrativ: die Präsenz der »afghanischen Hezbollah« der Fatemiyoun-Brigade, der »pakistanischen Hezbollah« der Zainabiyoun-Brigade und khomeinistischer Milizen aus dem Irak wie Asa'ib Ahl al-Haq und Kata'ib Hezbollah in Teheran und anderswo im Iran.
Die Anrottungen der Regimetreuen imitieren nicht nur ikonische Szenen der Dey-Proteste. Sie sollen vor allem auch jene decouragieren, die noch am 28. Februar ihre Freude über den Tod von Ali Khamenei zum Ausdruck gebracht haben. Das parodistische Spektakel von Pink Missiles und Heiratszeremonien in Gun Trucks hat noch eine andere Funktion als die der Drohung weiterer Massaker. Es ist schriller Social-Media-Content, der die in Isolation gezwungenen Überlebenden der Dey-Massaker verhöhnt und zugleich das antizionistische Crossover zwischen Vintage und Kufiyah adressiert, das den Selbsthass der bürgerlichen Staaten auf Israel projiziert. Folgt dieser Revanchismus auch einer inneren Logik des Regimes, ist sein Bezugsrahmen doch evident. Nach dem Mord an Jina Amini durch die Gasht-e Ershâd, jene institutionalisierte Schwadron »islamischer Belehrung«, am 13. September 2022 wurde der Iran von den »Frauen, Leben, Freiheit«-Protesten erschüttert. Auch die Kulturindustrie der bürgerlichen Staaten machte sich – anders als die gewaltige Erhebung zu Beginn des Jahres, der es auch nicht an ikonischen Szenen mangelte – die »Frauen, Leben, Freiheit«-Proteste zu eigen. Ein Jahr später, nachdem Frauen im Iran ihren Zwangshijâb verbrannt hatten, verhüllten sich an US-amerikanischen und europäischen Universitäten Frauen ganz ohne Zwang mit der Kufiyah und fraternisierten mit jenen Pogromisten des 7. Oktobers 2023, die ihre weibliche Beute unter dem triumphalen Gebrüll »Allahu Akbar« durch den Staub zerrten, sie bespuckten und auf sie einschlugen und ihre Misogynie mit TikToks selbst bezeugten. Das khomeinistische Regime hat diesen Backlash in den bürgerlichen Staaten nicht orchestriert, aber es vereinnahmte den Furor gegen den jüdischen Staat als revanchistischen Konter auf die »Frauen, Leben, Freiheit«-Proteste. Die Regimepropaganda sprach vom antiisraelischen Massenaufmarsch am 11. November 2023 in London ehrfürchtig als von der beeindruckendsten antiisraelischen Demonstration, »mit mehr als einer Million Menschen«, während sich in Teheran selbst nicht mehr als die ewiggleichen Regimegreise zu solchen Aufmärschen anrotteten. Nur wenige Stunden nach dem Beginn der »Operation al-Aqsa-Flut« wartete Ali Khamenei auf seiner mehrsprachigen X-Präsenz mit einer Sequenz vom Massaker im israelischen Re’im auf. Die vor den Todesschwadronen flüchtenden Gäste eines Trancefestivals kommentierte der Rahbar mit dem triumphalen Ausruf, dass das »Geschwür des zionistischen Usurpatorenregimes« alsbald ausgerottet werde.
Während der Märtyrerbataille in den 1980er Jahren galten einzig in den schwarzen Châdor gehüllte Frauen als Verkörperung revolutionärer Selbstlosigkeit und nationaler Beharrlichkeit. Man erinnere sich daran, als Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB) im Jahr 1981 den Idealtypus der gottesfürchtigen Mutter vorführte: Demütig in den Châdor gehüllt, sitzt eine Frau ihrem von schweren Torturen gebrochenen Sohn gegenüber. Der Mann, dem die Hinrichtung droht, hält weinend ihre Hände, während sie in das Mikrophon spricht, dass er nicht länger ihr Sohn sei, wenn er sich der »Feindseligkeit gegenüber Allah« schuldig gemacht habe. Die Khomeinisten hatten der Mutter zuvor zugesichert, dass ihr Sohn Mahmud nicht hingerichtet werde, wenn sie ihren Sohn zur Buße auffordere. Entgegen dem Versprechen richtete das Regime Mahmud Tarigholeslami wenig später am 8. August 1981 im Kashefi-Garten von Isfahan doch hin – vor derselben Kulisse, vor der er verzweifelt die Hände seiner Mutter hielt. Ruhollah Khomeini pries den inszenierten Bund zwischen dem Revolutionsgericht und der Mutter des Hingerichteten, die pflichtbewusst der »mütterlichen Liebe« abgeschworen hätte. Ali Khamenei schwelgte angesichts der makabren Inszenierung in Erinnerungen an »die glorreichsten Epen« des Islams.
Während die Hijâbfrage seit 1979 identisch mit dem Antagonismus zwischen Keuschheit und Korrumpierung, zwischen Selbstaufopferung und Prostitution ist, täuscht IRIB nunmehr einen Tabubruch vor: die zwanglos inszenierte Befragung »patriotischer« Frauen, die wie ihr Haar gänzlich unverhüllt sprechen. Manche von ihnen erzählen davon, dass sie noch in jüngerer Vergangenheit für die Nichtbefolgung des Hijâb-Zwangs bestraft worden seien und an Protesten gegen das System partizipiert hätten. Als dann am 28. Februar Ali Khamenei zum Märtyrerimam wurde, hätte sie alle ein schwerer Schmerz durchdrungen. Sie hätten nunmehr erkannt, dass sie zuvor irregeführt worden seien und einzig der Rahbar die Inkarnation nationaler Souveränität sei. Das Islamic Republic of Inquisition Broadcasting, in dessen Studios Regimekritiker wie Ruhollah Zam vor ihrer Hinrichtung zu grotesken Selbstbeschuldigungen gezwungen werden, folgt dabei einer weiteren perfiden Manipulationsstrategie, die von Russia Today und anderen Inkubatoren der Unwahrheit geteilt wird. Eine solche Inszenierung ist vor allem auch eine bewusste Verhöhnung von Jina Amini, Armita Geravand, Sarina Esmailzadeh, Nika Shakarami und allen anderen Frauen, die das femizide Regime ermordet hat.
Am 29. März begann das Regime mit der revanchistischen »Kampagne zur Aufopferung des Lebens für den Iran«. Eine Registrierung entspricht keiner Einwilligung in eine Einberufung, sie soll als Geste einzig Einheit bezeugen. Mohammad Bagher Ghalibaf und andere zentrale Figuren des Regimes haben sich demonstrativ registriert. Und auch die Berliner Residentur des Regimes in der Podbielskiallee bewirbt die Kampagne, bei der auch Halbwüchsige ab 12 Jahren zur Teilnahme aufgerufen sind. Die Registrierung erfolgt niedrigschwellig über janfadaa.ir, ohne auch nur irgendeinen Prüfungsmechanismus der sich registrierenden Identitäten. Während das Regime von überwältigenden 30 Millionen Registrierungen spricht, führten – neben augenfällig bot-generierten Steigerungskurven und der Duplikation von technischen und leiblichen Identitäten – Analysen des Backends von janfadaa.ir zu unter 4 Millionen IDs, die bei der Registrierung überhaupt generiert wurden. Auch dieser Hoax einer Unterorganisation der Sepâh hat als allererstes die Funktion, die Überlebenden der Dey-Massaker zu demoralisieren. Mit dem Namen der Kampagne Jânfadâyi-e Mihan, »jene, die sich für die Heimat opferten«, wurden bislang auch die Getöteten der Regimemassaker geehrt.
Außerhalb des Irans und seiner Diaspora werden die Dey-Proteste nach wie vor drastisch verkannt. Die Szenen, die während der Unterbrechung des Lockdowns der Kommunikationssphäre zu uns durchdrangen, bezeugen die Wucht der revolutionären Erhebung, aber auch das gegossene Blei, mit dem diese gnadenlos gekontert wurde. Der detaillierte Report The Crimson Winter dokumentiert die verifizierten Identitäten von 4162 getöteten Protestierenden – selbst nur ein Teil der bislang verifizierten Toten des Dey-Massakers, während die Verifizierung von weiteren Tausenden an Getöteten am 23. Februar 2026, dem Publikationsdatum, noch andauerte. Die Killing Fields liegen in 30 von 31 iranischen Provinzen. Einzig im südlichen Khorasan, der durch Wüsten charakterisierten Grenzregion zu Afghanistan mit der geringsten Bevölkerungsdichte aller Provinzen, wurden keine Toten dokumentiert. Markant ist auch die starke Diffusion innerhalb der Provinzen. Das Massaker von Rasht in der Provinz Gilan wurde unter anderem von The Guardian rekonstruiert. Doch die schweren Konfrontationen am 8. und 9. Januar haben nahezu jedes Shahrestân in der nördlichen Provinz erfasst. Neben Rasht wurden in jenen Tagen in der Provinz Gilan in Amlash, Astaneh Ashrafiyeh, Bandar Anzali, Chaboksar, Chaf, Fuman, Kelachay, Khoshk-e Bijar, Kiashahr, Kochesfahan, Lahijan, Lowshan, Manjil, Pareh Sar, Rostamabad, Rudbar, Shaft, Sowme'eh Sara und Talesh Protestierende ermordet. Ganz ähnlich im nördlichen Mazandaran und im nordöstlichen Razavi Khorasan, aber auch in Lorestan, Ilam, Khuzestan und Fars im iranischen Süden ist die Konfrontation mit dem Regime innerhalb der Provinzen gänzlich entgrenzt. In den Provinzen Alborz und Teheran inkludierten die tödlichen Konfrontationen die weite Peripherie der urbanen Agglomeration: von Hashtgerd und Mohammadshahr über Malard und Shahriar nach Robat Karim und Parand, von Shahedshahr und Nasimshahr über Gharchak und Varamin bis nach Pardis und Damavand sind Morde an Protestierenden dokumentiert. In der zentraliranischen Provinz Isfahan ist es vor allem auch die östliche Peripherie, zugleich Zentrum der iranischen Stahlindustrie, in der in Khomeinishahr und Falavarjan, in Zarrinshahr und Chamgardan Protestierende massakriert wurden.
Ohne die Gnadenlosigkeit des Regimes zu relativieren – der islamische Staat war am 8. und 9. Januar mit einer Massenerhebung konfrontiert, die für das Regime zur existenziellen Bedrohung wurde. Eine solche Synchronität an militanten Protesten in allen Provinzen, einzig vereinheitlicht durch einen digitalen Aufruf, ist in der jüngeren Vergangenheit über den Iran hinaus ohne Vergleich. In Teheran und Mashhad, Isfahan und Shiraz war die kritische Masse so gewaltig, dass dem Regime ein Kontrollverlust drohte. Iranweit brannten Institutionen des Regimes. Durch das zentraliranische Khomein, wo Ruhollah Khomeini geboren wurde, und in Front zu den reputabelsten Seminaren der Geistlichkeit in Mashhad und Ghom hallte der Ruf nach einer Restauration der Pahlavi-Monarchie. In keinem der Slogans war der Staat noch irgendwie Appellationsinstanz und potenzieller Krisenbewältiger. Sie kamen in Massen, einzig damit das Regime kollabiert.
Die Trauerzeremonien für die Toten des Dey-Massakers bezeugen, dass die Ideologie des islamischen Staates im Iran bis in die rurale Peripherie hinein gescheitert ist. Während die ARD mit einer grenzdebilen Reportage über »Ramadan im Iran« aufwartete, wurden vor allem zwischen dem 17. und 21. Februar im ganzen Iran die vom Regime Ermordeten geehrt. Nicht der Koran wurde an den Gräbern rezitiert, Freunde und Familie der Verstorbenen tanzten und sangen in Trauer um ihre Liebsten und in Verachtung der Todesindustrie des Regimes. Die Trauernden nennen ihre Toten nicht »Shahid«, den islamischen Ehrennamen für Märtyrer. Sie rufen sie zärtlich »Jâvidnâm«, sinngetreu: »Name, der ewig in Erinnerung bleibt«, um sie und das Leben, das ihnen genommen wurde, zu ehren. Esmail Shokri, Vater eines in Teheran ermordeten jungen Mannes namens Sepehr, sprach am Grab seines Sohnes: »Sprecht nicht über den Tod, sprecht über das Leben und das Glück.« Es ist derselbe Vater des apokalyptischen 12-minütigen Point-of-View-Films aus der Hölle von Kahrizak, südlich von Teheran. In der Ungewissheit über den Tod seines Sohnes irrt Esmail Shokri in der Forensik zwischen Hunderten halb geöffneten schwarzen Leichenhüllen umher und spricht wieder und wieder zu seinem getöteten Sohn: »Sepehr, Baba ist hier, wo bist du, mein Sohn? … Schaut, das ist das Verbrechen der Islamischen Republik. Wo bist du, mein Sohn? … Verflucht sei Khamenei, dieser Bastard. Es sind alles seine Verbrechen.« Am 21. März 2026 wurde Esmail Shokri am Grab seines Sohnes, unweit der Forensik Kahrizak, verhaftet.
Auf die Trauerzeremonien folgten Proteste an den Universitäten. An der Alzahra-Universität in Teheran-Vanak sind nur Frauen immatrikuliert, aber auch ohne männliche Kommilitonen sind die Bekleidungsvorschriften hier noch strenger reglementiert als an anderen Universitäten. Am 23. Februar riefen die Kommilitonen in ihren obligatorischen Maghnaeh-hâ, die schwarzen Kapuzen ähneln, »Tod der Islamischen Republik« und verbrannten die Regimeflagge mit der roten Tulpe, einem stilisierten Schriftzug für Allah, und dem Takbir in der Umrandung. Ein weiterer Slogan ist noch brisanter: »Nennt die Universität nicht Alzahra, sie heißt wieder Farah.« Die Universität ist nach der Prophetentochter Fatima benannt, az-Zahra, »die Strahlende«, ist ihr Beiname. Vor 1979 trug die Universität den Namen von Farah Diba, der Mutter von Reza Pahlavi. Fatima az-Zahra galt der revolutionären Generation von 1979, die die Schrift Fatemeh ist Fatemeh von Ali Shariati zur Lektüre hatte, als Idealtyp der authentischen Muslimin und Gegenfigur zur von der Moderne korrumpierten Frau.
Durch die Amirkabir-Universität für Technologie und die Technische Universität Sharif in Teheran, wo auch die Sepâh ihr Ingenieurkorps rekrutiert, hallte indes der Slogan »Sichel, Hammer, Turban: 57 ist vorbei«. Das persische 1357 entspricht dem Jahr 1979. Der Slogan rekapituliert die fatale Allianz zwischen den nationaldemokratischen Intellektuellen, die den universitären Diskurs prägten, und den Khomeinisten, wie etwa bei der Geiselnahme am 4. November 1979, die von den Mojâhedin-e Khalq, den Fadâyi-e Khalq sowie der Kreml-Partei Tudeh befürwortet wurde. Die Sharif-Universität wurde 1980 nach dem »Märtyrer« der Mojâhedin-e Khalq, Majid Sharif Vaghefi, benannt. Sharif wurde 1975 als Mitglied des Zentralkomitees der Organisation bei einer internen Rivalität ermordet. Der Islamogauchist stand für die originär islamische Identität der Mojâhedin-e Khalq und weigerte sich, dem Ultimatum jener häretischen Fraktion um Taghi Shahram zu folgen, die infolge einer repressiv erzwungenen Autoritätskrise innerhalb der Organisation die Konversion zur materialistischen Lehre verkündet hatte. Unter Massoud Rajavi reorganisierte sich jene antikommunistische Fraktion, die dem Islam nicht abzuschwören gewillt war: die heutigen Mojâhedin-e Khalq, die zu Beginn der 1980er Jahre mit dem Regime brachen, aber bis heute die iranische Katastrophe von 1979 glorifizieren.
Deutsche Projektionen
Denunziert der Slogan »Sichel, Hammer, Turban: 57 ist vorbei« die fatale Allianz von Nationaldemokraten und Khomeinisten, ist er blind gegenüber dem Faktum, dass auch kaiserloyale Intellektuelle sich prominent an dem regressiv-identitären Hadern mit der Moderne beteiligten, das zum diskursiven Präludium für die khomeinistische Despotie wurde. Einer von ihnen, der islamische Identitäre Hossein Nasr, wurde 1972 von Mohammad Reza Pahlavi zum Rektor der Aryamehr-Universität, wie die Sharif-Universität bis zu ihrer Umbenennung hieß, ernannt. Sein dynastischer Adept, Vali Nasr, pathologisierte jüngst die Solidarität mit Israel unter Diaspora-Iranern als Symptom assimilatorischer »Weißwerdung«. Der Journalist Mehdi Parpanchi nannte die geistigen Verrenkungen von Nasr, der an der Johns-Hopkins-University lehrt und unter Barack Obama auch im State Department gefragt war, »pure Projektion«. Nasr selbst habe den Soziolekt, die Ressentiments und die Moral jenes universitären Milieus verinnerlicht, in dem er Karriere gemacht hat. Der Iran, von dem Nasr spreche, so Parpanchi, sei ein Abbild der »Halluzinationen« jenes Milieus. Nicht überraschend ist es, dass seine Projektionen auch im Spiegel und der FAZ gefragt sind.
Was viele Iraner mit der Monarchie und Reza Pahlavi als deren »Kronprinzen« assoziieren, eine radikale Korrektur der Krisenexorzierung mit seiner eliminatorischen Potenz und dem obskurantistischen Schleier eines eschatologischen Mahdismus, scheint auch für so manchen deutschen Kommentator eine gewaltige Provokation zur Häme zu sein. Wer eine Persönlichkeit der Opposition gegen ein Regime, dessen entgrenzter Staatszweck die Annihilation des jüdischen Staates ist, beschuldigt, ein »israelisches Asset« zu sein, ist in seinen Denkformen vielmehr selbst ein ideologischer Vermögenswert des Regimes. Pauline Jäckels, Redakteurin im Meinungsressort der taz, mokiert sich indes darüber, dass Reza Pahlavi, dessen Name während der Dey-Proteste von Abertausenden gerufen wurde, so irrelevant zu sein scheint, dass ihn die deutsche Regierung ignoriert habe. Dass dies signifikant ist für die perfide Perpetuierung deutscher Beschwichtigungspolitik gegenüber der khomeinistischen Despotie, aber nicht im Geringsten für die Relevanz von Reza Pahlavi, darüber schweigt sich Jäckels beharrlich aus. Ganz in diesem Sinne spricht einer derjenigen, die von den Organen der deutschen Exekutive bezüglich des Irans konsultiert werden, der Opposition ab, »als Faktor im Iran« auch nur irgendwie zu existieren.
Es ist eine irritierende Allianz, die in diesen Tagen die Erinnerung an das, was zu Beginn des Jahres geschah, relativiert, während der bleierne Lockdown der Kommunikationssphäre im Iran andauert. Diese Form psychologischer Torturen, mit der die Überlebenden der Dey-Massaker konfrontiert sind, wird noch darin potenziert, wenn außerhalb des Irans von »Millionen« Märtyrern für die Infrastruktur phantasiert und das antijüdische Wording des Regimes eins zu eins übernommen wird (wie etwa bei Özlem Alev Demirel: »Epstein-Koalition«).
In ihrer Intensität wurden die Dey-Proteste zu Beginn des Jahres zur existenziellen Bedrohung für das Regime. 47 Jahre nachdem die Monarchie an den Krisen ihrer Tage gescheitert war, riefen Iraner in Massen im Zentrum und in der Peripherie der Provinzen nach einer Restauration der Pahlavi-Dynastie. Nach der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« im Vorjahr publizierte das von Reza Pahlavi repräsentierte Iran Prosperity Project eine mehrphasige Roadmap für die Transformation des Irans. Für das Elaborat einer Transitional Justice wurden unter anderem Shirin Ebadi und Iraj Mesdaghi, beides keine Monarchisten, gewonnen. Existiert auch innerhalb der iranischen Opposition Kritik an der Roadmap, ist die Konnektivität zwischen den Regimefeinden im Iran und einer organisierten Diaspora mit einer konkreten Transformationsagenda eine ganz andere Bedrohung für die khomeinistische Despotie als die Proteste in den Jahren zuvor. Der drohende Kollaps der Ökonomie und die Erschütterung der Kommandostrukturen durch »Rising Lion« koinzidieren nunmehr mit einer Opposition, die selbstbewusst mit Israel fraternisiert.
Während deutsche Kommentatoren Reza Pahlavi noch als »eine Fantasie« von Diaspora-Iranern verächtlich machen, täuscht sich das Regime nicht über die Allianzen, mit denen es konfrontiert ist. Während der 12-tägigen Militärkampagne Israels, die von Reza Pahlavi befürwortet wurde, bewahrheiteten sich die Gerüchte über den hohen Grad der israelischen Intelligenzdurchdringung bis hinein in den Regimenukleus. Der Minister für Staatssicherheit, Esmail Khatib, beschwichtigte noch, dass die Spionagestrukturen des Feindes im Iran zerschlagen worden seien, bevor dann auch dieser grobschlächtige Veteran der Sepâh am 18. März 2026 getötet wurde.
Dass Donald Trump indes ein Insider-Szenario favorisiert, ist evident. Ein »Tough guy« wie Ahmed al-Sharaa, dessen Karriere bei al-Qaida als biografisches Skill gewertet wird, die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson zu bringen, hat es vorgeführt. Der syrische Präsident scheint vor allem seinem Überlebensinstinkt zu folgen: der Zentralisierung der Souveränität, dem Einwerben von Investitionskapital und der Anerkennung seiner Legitimität in Washington D. C. und der Europäischen Union, im Kreml und in Zhongnanhai, der Türkei und vor allem auch in den araboislamischen Establishments von Riad bis nach Kairo. Auch den Taliban war es zuvor gelungen, ganz ohne das Odium der Barbarei zu verlieren, als Garanten verschiedenster Sicherheitsinteressen wahrgenommen zu werden. In Katar waren sie mit Zalmay Khalilzad, dem Gesandten Trumps, darin übereingekommen, was die Kriterien für eine Restauration ihres Emirats sein sollten.
Was an Garantien abverlangt wurde, erschütterte weder die Taliban noch Ahmet al-Sharaa in ihrem Selbstbild. Selbst zu einer Verbannung der Veteranen des Kaukasus-Emirats und uigurischen Adepten der al-Qaida aus dem restrukturierten Militär wurde das Regime von al-Sharaa nicht gedrängt. Was vielmehr folgte, war die US-amerikanische Akzeptanz für die Inklusion der Muhajirun, die in den Jahren zuvor für ein islamisches Emirat nach Syrien emigriert waren, in die Regimearmee. Dagegen wäre jede Garantie, die für Israel existenziellen Charakter hat, ein Selbstverrat des khomeinistischen Regimes an der eigenen revolutionären Identität.
Als wäre das Dey-Massaker keine Zäsur, spricht sich Friedrich Merz für eine Restauration des P5+1-Übereinkommens mit dem khomeinistischen Iran aus, also für die Selbsttäuschung einer Regulierung der nuklearen Potenzierung des Regimes und eine Reduzierung von Sanktionen. Ein drohendes JCPOA+ wäre die perfideste Form eines Revanchismus, mit dem die Überlebenden der Dey-Proteste im Iran konfrontiert sind.
Zweifelsohne hat auch die iranische Opposition Anteil an der Misere – wenn auch den geringsten. Ihre relevantesten Fraktionen sind daran gescheitert, realistische Szenarien militanter Selbstermächtigung anzuvisieren. In den ersten Tagen von »Roaring Lion« galt die operative Intensität vor allem auch den Repressionsstrukturen in Iranisch-Kurdistan, die sukzessiv zertrümmert wurden. Augenfällig kalkulierte Israel bei einer weiteren Destabilisierung des Regimes auf den Kairos einer Guerillaorganisation in der Grenzregion, um die Regimefragmente von hier nach und nach hinauszudrängen. Am 22. Februar 2026 hatten sich die exilierten Parteien aus Iranisch-Kurdistan auf eine strategische Allianz geeinigt. Unter ihnen die Demokratische Partei Kurdistans-Iran (PDK-I), die Ruhollah Khomeini 1979 als »Partei des Teufels« ächtete und deren Generalsekretäre 1989 in Wien und 1992 in Berlin von Regimeschergen eliminiert wurden. Wie die Komele-Organisation spricht sich die PDK-I für Autonomierechte und nicht für eine territoriale Desintegration aus. Die durch Reza Pahlavi repräsentierte Opposition indes beschuldigt die Allianz einer Ethnisierung Irans. Sie enthüllt damit einen weiteren toten Winkel ihrer Reflexion über die iranische Katastrophe von 1979. Territoriale Integrität eines freien Irans ohne ethnischen Partikularismus ist ein zwingendes Prinzip der Opposition. Zugleich ist der kurdische Erwartungshorizont gegenüber zentralistischen Regimen geprägt von Massakern und Exkommunizierungen: vom Jihâd der Khomeinisten über die genozidale al-Anfal-Kampagne des irakischen al-Baʿth-Regimes bis zu dem jüngsten türkisch-syrischen Jihâd gegen die als »Huren« und potenzielle »Raubbeute« verächtlich gemachten demokratischen Konföderalistinnen. Diese Einsicht ist etwas anderes, als ein Völkererwachen gegen das Phantasma einer persischen Dominanz im Iran heraufzubeschwören. Chauvinistische Tendenzen sind auch unter Monarchisten existent, die Kolportage von einer Kontinuität eines »persischen Faschismus« aber verzerrt die ideologischen Konstellationen zur Unkenntlichkeit. Das khomeinistische Regime war nie durch eine persische Dominanz charakterisiert. In der Region Mukriyan südlich des Orumiyeh-Sees und der Provinz Kordestan hat das Imamat keine historische Fundierung und somit auch nicht der Mahdismus. Unter den Muslimen dieser Region gilt vor allem die Shafiʿi-Tradition der Ahl as-Sunnah. In der Existenz des innerislamischen Schismas sowie in der überkonfessionellen Stigmatisierung der Kurden als häretische Synkretisten und Götzenanbeter gründen die Ressentiments der Khomeinisten. Es existiert auch außerhalb dieser Grenzregion eine starke kurdische Präsenz im Iran. Im nordöstlichen Khorasan leben vor allem Kurmancî sprechende Kurden. In den Provinzen Hamedan und Lorestan leben die Lak-Stämme, die einen dem Südkurdischen und Nordlurischen ähnlichen Dialekt sprechen. Auch in Bojnord, Esfarayen, Shirvan und Chenaran, wo die Khorasan-Kurden leben, und in Asadabad, Tuyserkan, Nahavand, Malayer, Nurabad, Khorramabad und Kuhdasht, wo die Lak leben, hatten während der Dey-Proteste Slogans für eine Restauration der Pahlavi-Monarchie eine starke Präsenz. Und auch hier kam es zu tödlichen Konfrontationen.
Die Männerbünde des Mahdi
Auch Israel hatte nach 1979 das immense Bedrohungspotenzial durch das khomeinistische Regime zunächst verkannt. In jenen Jahren galt der Irak als der potenteste Feind der israelisch-ägyptischen Friedensbemühungen. Die vom Kreml protegierte Hizb al-Baʿth hatte ihre Republik der Angst mit einem antijüdischen Mord konstituiert. So wurden infolge des Coup d’État der al-Baʿth am 27. Januar 1969 mehrere der »Spionage für Israel« beschuldigte irakische Juden in einem Massenspektakel hingerichtet. Mit der Etablierung eines Halbstaates der Hizbullah an der Nordgrenze war Israel gezwungen, seine Risikoanalysen radikal zu revidieren. Ghasem Soleimani sprach von einem »Feuerring«, mit dem die »Achse des Widerstandes« Israel zerniert habe. Die Metapher des Feuerrings ist inspiriert von der apokalyptischen Mahdaviat, in deren Erzählung die Vernichtung Israels zur Conditio sine qua non der Wiedererscheinung des entrückten Imams wird. Soleimani war bis zu seinem Tod Kommandeur der berüchtigten Ghods-Brigade. Diese Unterorganisation der Sepâh für exterritoriale Operationen ist 1988 aus den Strukturen des Badr-Korps hervorgegangen. Das Badr-Korps wurde zu Beginn der 1980er Jahre während der Märtyrerbataille mit dem Irak als Infanterie-Division etabliert und rekrutierte sich in Kooperation mit ranghohen Geistlichen aus Najaf vor allem aus irakischen Khomeinisten. Zentrale Figur bei der Etablierung war der Generalkommandant der Sepâh in jenen Tagen: Mohsen Rezaei. In der Badr-Division begannen auch die militanten Karrieren von Abu Mahdi al-Muhandis, der am 3. Januar 2020 mit Ghasem Soleimani getötet wurde, und Hadi al-Amiri, dem heutigen Präsidenten der irakischen Badr-Organisation.
Als ersten Kommandeur der Ghods-Brigade ernannte Rezaei einen Mann aus den Repressions- und Intelligenzstrukturen der Sepâh: Ahmad Vahidi. Der Generalmajor gilt mit Rezaei als Initiator der verheerenden Detonationen im jüdischen Gemeindezentrum von Buenos Aires, Asociación Mutual Israelita Argentina (AMIA), im Jahr 1994, mit 85 Toten und Hunderten an Schwertraumatisierten. Der Judenmörder Vahidi wurde am 1. März 2026 Generalkommandant der Sepâh. Rezaei, der zwischen 1981 und 1997 die Sepâh kommandierte, gilt als Interface zwischen der Wächterarmee und dem entrückten Rahbar Mojtaba Khamenei.
Die Kohärenz des khomeinistischen Regimes ist weniger das Produkt der revolutionären Wirren zwischen 1978 und 1979 als der im Folgejahr am 22. September 1980 ausgebrochenen militärischen Konfrontation mit dem Irak. Eine Analyse der Reproduktionsfähigkeit des Regimes müsste als erstes evaluieren, inwieweit das akkumulierte (wenn auch nunmehr vor allem symbolische) Märtyrerkapital als reinvestierter Mehrwert die Regimebasis noch zu stabilisieren vermag.
Nach dem Kollaps der Monarchie existierten zu Beginn des Jahres 1979 mehrere militante Organisationen im Iran, die mit der revolutionären Geistlichkeit um Ruhollah Khomeini assoziiert waren. Viele der Khomeinisten waren vor 1979 nach Syrien und in den Libanon gereist, wo sie in Guerillataktiken unterrichtet wurden. Militante Organisationen wie die Mansouroun (»Die Triumphierenden«), die Towhidiye-Saff (»Schlachtordnung des Monotheismus«) und die Movahedin (»Bekenner der Einheit Allahs«) traten im Iran mit Sabotageaktionen gegen sensible Infrastruktur, Morden an Kollaborateuren der Monarchie und tödlichen Detonationen, wie am 22. August 1978 in dem Restaurant Khansalar in der Teheraner Argantel Street, hervor.
Die ideologischen Koordinaten dieser Organisationen wurden noch in den 1940er Jahren von der Todesschwadron der Fadâʾiân-e Eslâm errechnet. »Die sich für den Islam Opfernden« nannten sich die Mörder von Ahmad Kasravi, der zu Beginn der 1940er Jahre eine bissige Kritik des Imamats publiziert hatte, woraufhin Ruhollah Khomeini und andere Geistliche zur Ermordung des häretischen Kritikers aufriefen. Die zentrale Figur der Märtyrerschwadron, der Theologieschüler Mojtaba Mir-Lohi alias Navvab Safavi, rekrutierte die wenigen hundert Militanten der Fadâʾiân-e Eslâm vor allem aus Halbwüchsigen der untersten Ränge der ökonomischen Hierarchie der traditionellen Bazare. Während Mir-Lohi die quietistischen Rechtsgelehrten schmähte, konnte er sich der Protektion fundamentalistischer Geistlicher vergewissern. Mir-Lohi reiste 1954 nach Kairo, wo er Sayyid Qutb traf. Die Fadâʾiân-e Eslâm übernahmen von den ägyptischen Muslimbrüdern jenen integralistischen Diskurs, in dem das islamische Erwachen aus der Ära der Ignoranz und Nachahmung falscher Götter, der von Qutb beraunten Jahiliyyah, und die militante Verneinung jüdischer Emanzipation identisch sind. Ali Khamenei, der später die persischen Translate der Schriften von Qutb verantwortete, ist in seiner eigenen Biografie stark geprägt durch Mojtaba Mir-Lohi. So eindringlich, dass er einen seiner Söhne nach ihm benannte: Mojtaba Khamenei.
Ein weiterer Veteran der Fadâʾiân-e Eslâm war Mehdi Araghi, der zu einem der engsten Vertrauten von Ruhollah Khomeini in seinem französischen Exil wurde und mit diesem am 1. Februar 1979 in einer Air-France-Boeing von Paris nach Teheran ausreiste. Araghi, der Logistiker des Mordes an Premierminister Hasan Ali Mansour im Jahr 1965, war auch vertraut mit einem jungen Mann aus der militanten Organisation Towhidiye-Saff: Mohammad Borujerdi. Der Militante aus der ruralen Provinz Lorestan, der noch in den Vortagen des 22. Bahman nach Syrien und in den Libanon reiste, um sich dort Guerillataktiken anzueignen, trat alsdann zur Organisation Mansouroun über, die ihren Aktionsradius über die Provinz Khuzestan hinaus drastisch erweitert hatte.
Wie andere militante Khomeinisten waren die jungen Männer, die sich zur Organisation Mansouroun verschworen, fanatisiert von den Schriften des Geistlichen Morteza Motahhari, der einen Islam revolutionären Eifers agitierte, des islamischen Identitären Ali Shariati und natürlich ihres Imams Ruhollah Khomeini, dessen Traktat über den Islamischen Staat, eine kompilierte Verschriftlichung seiner Vorlesungen im irakischen Exil, zum Blueprint für die iranische Katastrophe von 1979 werden sollte. Die Khomeinisten aus Khuzestan trafen sich zunächst an einer höheren Schule in Ahvaz, die mit der nationalen Petroleumindustrie assoziiert war. In ihren Flugschriften nannte sich die Organisation auch »Revolutionäre Muslimische Volksarmee«. Der Name spiegelte die gewaltigen Impressionen wider, die die Kulturrevolution von Mao Zedong auch auf den Iran machte. Unumgänglich führten ihre Diskussionen über die Mojâhedin-e Khalq, die zu Beginn der 1970er Jahre im universitären Milieu noch als militante Avantgarde gegen die Pahlavi-Monarchie galt, aber infolge einer repressiv erzwungenen Autoritätskrise und eines unversöhnlichen Dissens innerhalb rivalisierender Fraktionen nunmehr als häretisch geächtet wurde.
Die Provinz Khuzestan war als Zentrum der iranischen Petroleumindustrie der finanzielle Wirbelstrang der Pahlavi-Monarchie. Somit wurde die Umtriebigkeit militanter Organisationen in der Provinz eine konkrete Bedrohung. Die monarchistische Feindaufklärung der SAVAK identifizierte alsdann auch die Kader der Mansouroun und so wurden diese nach und nach verhaftet. Ihnen gegenüber war der kaiserliche Staat weitaus gnädiger als bei den islamogauchistischen Mojâhedin-e Khalq und den marxistisch-leninistischen Fadâyi-e Khalq. Die Haftdauer war im Vergleich stark befristet. Verschiedentlich wurden die khomeinistischen Militanten als emotionalisierte Jugendliche mit irrlichternden Idealen von der monarchistischen Feindaufklärung verkannt. Später sollte sich die Mansouroun damit rühmen, dass jede ihrer terroristischen Aktionen in den 1970er Jahren mit der Absolution der mit Ruhollah Khomeini assoziierten Geistlichen von Ghom erfolgt ist. So wurden neben Polizeibeamten auch zentrale Figuren der Petroleumindustrie ermordet und Spirituosenausschänke gesprengt.
Einer der Geistlichen, der für die jungen Khomeinisten der Mansouroun zum Mentor wurde, war Hossein Rasti Kashani aus dem Seminar von Ghom. Kashani soll auf Anordnung von Ruhollah Khomeini, der noch im irakischen Exil ausharrte, nach Abadan in der Provinz Khuzestan gereist sein, um dort die Arbeitskämpfe in der Petroleumindustrie zur finalen Krise der Pahlavi-Monarchie zu eskalieren. Jede Eskalation war von Khomeini, der alsbald Arbeiterkämpfe in einem islamischen Staat als »Feindseligkeit gegenüber Allah« denunzieren sollte, bewusst einkalkuliert. Sie folgten einer ebenso skrupellosen wie perfiden Berechnung, die mit dem Brandmord von Abadan ihre Katastase heraufbeschwor. Am späten Abend des 19. August 1978 brannte in Abadan ein Cinéma – und mit ihm Hunderte von Menschen, die zu jener Stunde das sozialkritische Drama Gavaznhâ von Masoud Kimiai ansahen. Sprach Khomeini am 14. September unverhohlen davon, dass die Cineastik ein »Zentrum der Prostitution« sei, beharrte er sogleich darauf, dass der Brandmord von Abadan ein durchsichtiges Manöver der Monarchie sei, um den revolutionären Islam zu diffamieren. Die nationaldemokratische Opposition folgte sehenden Auges den Lügen von Khomeini. In Wahrheit hatte die revolutionäre Geistlichkeit für den bestialischen Brandmord Hossein Takbalizadeh angeworben, einen zum religiösen Eiferer agitierten Kleinkriminellen aus den Heroinhöhlen von Abadan. Als Mentor der Clique um Takbalizadeh gilt Mohammad Alavi Tabar, der im khomeinistischen Staat alsdann Gouverneur von Abadan werden sollte. Tabar ist einer der Initiatoren einer weiteren militanten Organisation aus Khuzestan, der Movahedin (»Bekenner der Einheit Allahs«), mit der auch der Geistliche Kashani vertraut war.
Nach dem 22. Bahman 1979 vereinigten sich die Mansouroun, Towhidiye-Saff, Movahedin, Towhidiye-Badr, die islamogauchistische Falagh von Mostafa Tajzadeh und weitere militante Organisationen der 1970er Jahre zu den Mojâhedin der Islamischen Revolution. Hossein Rasti Kashani wurde der amtliche Repräsentant von Ruhollah Khomeini in der paramilitärischen Organisation. Ihre herausragende Funktion war ihre starke Präsenz in den Revolutionsausschüssen, um die Mojâhedin-e Khalq und die Fadâyi-e Khalq mit ihrem sozialen Eifer und Mobilisierungspotenzial hinauszudrängen. Die Organisation sollte nunmehr auch einen herausragenden Anteil bei der Etablierung der Sepâh haben. Es existiert ein Kausalnexus zwischen der Verschwörung der Mansouroun und anderer militanter Organisationen gegen die Monarchie und für einen islamischen Staat, der Frontorganisation der Mojâhedin der Islamischen Revolution und der Sepâh und ihrer ideologischen Kohärenz von den 1970er Jahren bis zu den heutigen Tagen.
Auf Empfehlung von Mehdi Araghi, dem Veteranen der Fadâʾiân-e Eslâm, wurden am 1. Februar 1979 Mohammad Borujerdi und Mohsen Rezai, die revolutionären Kader der Mansouroun, mit der Bewachung von Ruhollah Khomeini beauftragt. Rezaei war zuvor noch zu Khomeini nach Neauphle-le-Château gereist, wo er dessen Vertrauen erwarb. Als provisorische Kommandozentrale der Khomeinisten wurde die Teheraner Refah-Schule okkupiert. Die Elementarschule für Mädchen wurde in den späten 1960er Jahren von islamischen Identitären unter den Bazaris mit der Fürsprache von Geistlichen wie Mohammad Beheshti und Akbar Hashemi Rafsanjani etabliert, um die Töchter der Bazaris vor der schändlichen Koedukation zu bewahren und ihnen islamische Tugenden zu lehren. Khomeini und seine engsten Vertrauten nächtigten zunächst auch in der Refah-Schule, wo auch das gnadenlose Revolutionstribunal von Sadegh Khalkhali über »konterrevolutionäre Elemente« richtete. Gegossenes Blei peitschte durch jene Teheraner Nächte, als auf dem Dach der Mädchenschule hochrangige Beamte der Pahlavi-Monarchie hingerichtet wurden.
Eine der Protagonisten dieser Inquisition in der Refah-Schule sollte alsdann auch zu einer der zentralen Figuren bei der Etablierung einer islamisierten SAVAK innerhalb der Sepâh werden: Ali Mohammad Besharati. Der Khomeinist war in den 1970er Jahren mit der Organisation Towhidiye-Badr assoziiert, die vor allem in Rey, südlich von Teheran, präsent war. Die mit dem khomeinistischen Klerus assoziierte Organisation benannte sich nach dem »Tag der Unterscheidung«, jener im Koran kolportierten Bataille, die im Islam als Triumph der Monotheisten über die Polytheisten sakralisiert wird. Infolge des khomeinistischen Takeovers wurde Besharati einer der ersten Kader der Sepâh und zugleich eine der Autoritäten des Revolutionsausschusses im südiranischen Jahrom, wo der Khomeinist geboren wurde. Besharati und seine Männer – unter ihnen der höchste Geistliche von Jahrom – wurden gefürchtet als »Organisation Qânat«, benannt nach der antiken Form eines Aquädukts. In den Wasserschächten verschwanden die verstümmelten Leichen der von der Organisation Ermordeten: konterrevolutionäre Elemente wie Homosexuelle, Prostituierte, Apostaten und jene, die mit rivalisierenden Fraktionen assoziiert waren, wie die Munafiqun (»Heuchler«) der Mojâhedin-e Khalq. Während vor allem in Teheran zunächst die nationaldemokratischen Fraktionen des 22. Bahman noch eine starke Präsenz hatten, war es dieser Grande Terreur, mit dem es den Khomeinisten gelang, die Souveränität zu zentralisieren.
Wie Besharati begann auch Mohsen Rezaei in seinen Tagen an der Teheraner Refah-Schule (sowie an der gleichwie okkupierten Alavi-Schule) mit der analytischen und operativen Feindverfolgung. Eine Expertise, mit der sie alsdann die Kompetenzen des kaiserlichen SAVAK innerhalb der Strukturen der Sepâh konsolidieren sollten. Die jungen Khomeinisten der Mojâhedin der Islamischen Revolution, die den Imam und weitere Autoritäten des Klerus bewachten, »konterrevolutionäre Faktoren« identifizierten und jene Revolutionsfraktionen, die sich gegen den totalitären Rahbarismus aussprachen, terrorisierten, drangen alsbald zu den innersten Schichten des Regimenukleus durch.
In den Folgetagen des 22. Bahman bemühte sich das Interregnum unter dem Ministerpräsidenten Mehdi Bazargan, einem islamischen Identitären, um die Etablierung einer Garde, um den revolutionären Wirren Herr zu werden. Es waren vor allem die nationaldemokratischen Fraktionen des 22. Bahman, die die ministerialen Interimsämter unter sich aufteilten. Ruhollah Khomeini entsprach den Bemühungen von Bazargan um eine Integration rivalisierender Militanten in eine Nationalgarde mit einem Dekret. Infolge des Integrationsprozesses rivalisierender Organisationen in die Sepâh – die Mojâhedin der Islamischen Revolution existierten weiterhin parallel – forderten die militanten Khomeinisten um Mohsen Rezaei die Unabhängigkeit der Garde vom technokratischen Interregnum, dessen Ministerpräsident Bazargan auch von Khomeini als »Schwächling« verächtlich gemacht wurde, nachdem dieser nicht gewillt war, die Verschleierung seiner Sekretärinnen zu erzwingen. Khomeini sprach nunmehr der Shourâ der Islamischen Revolution, in der die revolutionäre Geistlichkeit um Mohammad Beheshti, Akbar Hashemi Rafsanjani, Morteza Motahhari und Ali Khamenei absolute Geltung hatte, die Aufsichtspflicht gegenüber der Armee der Wächter der Islamischen Revolution zu.
In der Folge des faschistischen Triumphes des Rahbarismus und der Metamorphose der Sepâh in eine mehrflügelige Kreatur wurden alle anderen Revolutionsfraktionen marginalisiert. Unter ihnen die souveränistischen Fürsprecher des Mosaddeghismus, die theorieversierten Parteigänger einer Russifizierung oder Sinifizierung des Irans, islamische Identitäre wie Mehdi Bazargan und alle weiteren Nationaldemokraten, die die Monarchie des Verrats an Souveränität und Identität beschuldigt hatten. Der erste Präsident der Islamischen Republik, Abolhassan Banisadr, flüchtete 1981 mit Massoud Rajavi von den Mojâhedin-e Khalq aus dem Iran nach Paris. Wie viele weitere antimonarchistische Persönlichkeiten, die in der Treuebekundung gegenüber Ruhollah Khomeini zunächst vereint waren, verstarb Banisadr im Exil. Nur die Wenigsten unter ihnen blieben in der ersten Dekade des Rahbarismus schadlos, dafür aber überdauerten ihre Illusionen.
Die Wächterarmee galt zunächst einzig den inneren Bedrohungen: dem Potenzial eines Coup d’État durch kaiserliche Rudimente, sozialrevolutionärer Subversion und vor allem der Autonomie Kurdistans. Nachdem am 19. August 1979 Khomeini in einer solchen Autonomie eine satanische Intrige und »Feindseligkeit gegenüber Allah« ausgemacht hatte, waren es nunmehr wieder Mohammad Borujerdi und Mohsen Rezaei, die den Vorstoß der Sepâh nach Kurdistan kommandierten. Am 3. September 1979 wurde Mahabad eingenommen. Hunderte wurden in der Folge hingerichtet. Die Khomeinisten aus den Männerbünden der 1970er Jahre infiltrierten nunmehr die revolutionäre Exekutive. Hossein Fadaei Ashtiani von der Towhidiye-Badr aus Rey etwa übernahm zu Beginn der 1980er Jahre für die Sepâh die sogenannte »Heuchlersektion 209« im berüchtigten Zendân-e Evin, in der für Regimekritiker vor allem der Mojâhedin-e Khalq die Hölle simuliert wurde.
Im darauffolgenden Jahr sollten jene Khomeinisten aus den militanten Männerbünden, die als Kommandeure der Sepâh jeden Widerstand gegen das Regime gnadenlos brachen, zu den Hauptprotagonisten der »Heiligen Verteidigung« werden. Allen voran die Khuzestan-Fraktion von Mohsen Rezaei und Mohammad Bagher Zolghadr, die sich in der Organisation Mansouron gegen die Pahlavi-Monarchie und für einen islamischen Staat verschworen hatte. Ruhollah Khomeini hatte Saddam Hussein zuvor als Ungläubigen geschmäht, der sich gegen den Islam verschworen hätte. Der Ayatollah spekulierte auf eine revolutionäre Konfrontation der irakischen Shia mit dem als häretisch denunzierten Regime. »Der Weg zur Befreiung Jerusalems führt über Kerbala«, drohten die Khomeinisten mit der Entgrenzung der »Islamischen Revolution«. Zugleich gierte das revanchistische Regime im Irak nach der iranischen Grenzprovinz Khuzestan, dem Zentrum der petrochemischen Industrie, in dem es in den nachrevolutionären Wirren zu Erhebungen unter den Ahwazi-Arabern kam.
Während sich das irakische Regime noch zum Jahresende 1980 über die Stagnation an der Front keine Illusionen machte und sich für die Etablierung einer neutralen Zone zwischen den Feindstaaten aussprach, beschworen die Khomeinisten eine Verewigung der Märtyrerbataille als Allahs Schickung. Ruhollah Khomeini sprach vom süßen »Nektar des Martyriums«, den jene Halbwüchsigen getrunken hätten, die als suizidale Infanteriewellen in den Tod kommandiert wurden, während Akbar Hashemi Rafsanjani vom heiligen Blut der Märtyrer fabulierte, das das zarte Gewächs der Revolution bewässere. Tausende Kinder, die ihren Familien vor allem in den ruralen Gemeinden abgepresst wurden, starben in jenen Jahren als Frontvieh in Kamikazeaktionen, die als »Karbala 1, 2 …« durchnummeriert waren. In den Slogans der khomeinistischen Todesindustrie wurde das einzelne Leben zu nichts Weiterem als einem »Staubkorn« des revolutionären Islams erklärt.
Das am Irak grenzende Khuzestan wurde 1980 zum Epizentrum der Märtyrerbataille. Es waren nunmehr jene Kader der Mansouroun – unter ihnen auch die späteren »Märtyrer« Mohammad Jahanara, Majid Baghaei und Esmail Daghayeghi, der erste Kommandeur der Badr-Division –, die die Kommandohöhe der Sepâh im strategisch entscheidenden Khuzestan einnahmen. Unter den Befehlen von Mohsen Rezaei und Mohammad Bagher Zolghadr wurden auch jene Tausenden an Halbwüchsigen zu suizidalen Infanteriewellen abkommandiert. Zolghadr übernahm jüngst von Ali Larijani, der am 17. März vom israelischen Militär getötet wurde, das sensible Amt des Sekretärs des höchsten Entscheidungsgremiums nationaler Sicherheit. Ein weiterer Veteran der Mansouroun aus Khuzestan war mit Ali Shamkhani einer der engsten Vertrauten von Ali Khamenei. Wie dieser wurde Shamkhani am 28. Februar 2026 vom israelischen Militär getötet. Der Generalmajor der Sepâh und Bundesbruder der Mansouroun an der Front in Khuzestan, Gholam Ali Rashid, wurde im Jahr zuvor während der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« getötet.
Als im Jahr 1988 eine Überakkumulation von Märtyrerkapital und ein Kollaps der nationalen Ökonomie drohten und sich alsdann auch Ruhollah Khomeini die Aussichtslosigkeit eingestand, von Kerbela nach Jerusalem durchzumarschieren, näherte sich die iranisch-irakische Katastrophe ihrem Ende. Im Folgejahr verstarb der Ayatollah, sein Adept als Rahbar wurde Ali Khamenei, der bis dahin Staatspräsident gewesen war. Das präsidiale Amt übernahm nunmehr Akbar Hashemi Rafsanjani, der zuvor als »Auge und Ohr« von Khomeini galt. Rafsanjani war eine zentrale Figur bei der Etablierung der Sepâh im Jahr 1979 und bei der Entscheidung für eine Perpetuierung der Märtyrerbataille. Als er erkannte, dass dem Regime ein Kollaps drohte, drängte er Khomeini 1988 zur Annahme der UN-Resolution 598 und somit zu einem Ende der stagnierenden Konfrontation mit dem Irak.
Rafsanjani wusste auch um die Virilität jener Männerbünde der Sepâh. Um sich die Loyalität der Kommandeure zu sichern und zugleich ihre politischen Ambitionen zu dämpfen, gewährte er ihnen generöse Kredite und eine Beteiligung bei den ambitionierten Infrastrukturprojekten. Aus den Ingenieurbrigaden an der Front wurde ein mafiotisches Spinnengewebe, das nunmehr die nationale Ökonomie zu infiltrieren begann. Auf eine Anordnung von Ali Khamenei, der sich ebenso die Loyalität der Kommandeure sichern wollte, und ein Dekret von Mohsen Rezaei, dem Generalkommandeur der Sepâh, wurde Khatam al-Anbiya Construction etabliert. Staatspräsident Rafsanjani war fasziniert von den monströsen Talsperren in China und der darin vorgespiegelten Souveränität. Durch aggressives Wassermanagement sollte, so die Propaganda von nationaler Autarkie, die Getreideproduktion gesteigert und die Industrialisierung im Zentraliran ermöglicht werden. Der frömmelnde Name des Industriekonglomerats »Siegel der Propheten« referenziert in der eschatologischen Exegese der Shia auf die Unveränderlichkeit des Imamat bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Khatam al-Anbiya realisierte monströse Staudämme, die eine gewaltige ökologische Katastrophe zur Folge hatten. Die Gotvand-Talsperre in der Provinz Khuzestan wurde in ein Sedimentgestein geschlagen, wobei gewaltige Salzstöcke überflutet wurden. Die Folge der Ignoranz gegenüber jedem geologischen Wissen ist eine dramatische Versalzung des Flusswassers. Das salzige Wasser fließt nun nach Khorramshahr in den Süden. Was bleibt, ist eine Schneise der Verwüstung: Felder verdorren, Vieh verendet, Höfe verwaisen. Im Jahr 2021 brachen in Khuzestan und Lorestan mehrtägige Wasserproteste aus.
Profiteur des geraubten Wassers ist vor allem die Stahlproduktion, die auch von der Sepâh infiltriert wurde. In der präsidialen Ära von Mahmud Ahmadinejad (2005–2013), der selbst ein Veteran der Märtyrerbataille mit dem Irak war, konnten die »Prinzen« der Sepâh ihre ökonomische Dominanz drastisch erweitern. Sie bekamen bei den Pseudoprivatisierungen, was sie wollten. In sogenannten »invisible wharves« entlang der iranischen Südküste verumschlägt die Sepâh Waren ohne zollamtliche Formalitäten. Die petrochemische Industrie, Telekommunikation, Kryptowährungen, Narkotika – die Sepâh hat ihr Business über Jahre diversifiziert.
Das Business hat die Sepâh nicht entideologisiert. Ist Korruption auch dem Regime inhärent und ein entscheidender Faktor in der Reproduktion seiner zirkulären Struktur, hat der Takeover der nationalen Ökonomie vor allem den Zweck, die Entgrenzung der »Islamischen Revolution«, die permanenten Kampagnen an der »Kulturfront« sowie die Subventionierung einer Klasse an Regimeloyalen zu finanzieren. Die Ökonomisierung der Sepâh folgt dabei einer perfiden Logik. Seit Dekaden radiert das Regime die Grenzen zwischen den Sphären des Staates aus. So haben etwa die renommierte Teheraner Amirkabir-Universität, die Sharif-Universität für Technologie, die Shahid-Beheshti-Universität und die Technische Universität Malek-Ashtar eine zentrale Funktion für die Raketentechnik und nukleare Potenzierung des Regimes. Wahrlich existieren auch an europäischen Universitäten militärische Kooperationen. Doch an den iranischen Universitäten ist die Sepâh omnipräsent. Ihre Unterorganisation, die Basij-Miliz, wacht über die Befolgung religiöser Vorschriften und identifiziert dem System untreue Lehrende. Ein Engagement als Lehrender erfolgt nach einer strengen ideologischen Prüfung, die Befragungen nach der Teilnahme an der Khutbah-Predigt und der Treue gegenüber dem Rahbar inkludiert. Nach einer Kampagne der Zwangspensionierung kritischer Professoren machen nunmehr treue Basiji mit mangelnder Profession universitäre Karrieren.
In den Frontgräben von Khuzestan und anderswo schuf die Sepâh jenen Todeskult der Selbstaufopferung, der dem unverbrüchlichen Selbstbild des Regimes entspricht. Diese lehrt, dass die totale Krisenexorzierung, die eschatologische Errettung durch den Mahdi, einzig durch den ungebrochenen Willen zur Vernichtung der satanischen Intriganten, die die Selbstvernichtung als Märtyrer miteinwirbt, möglich wird. Als ewige Intriganten gegen die islamische Souveränität identifizierte Ruhollah Khomeini die Juden, die eine perfide Intrige zur Annihilation der islamischen Ordnung verfolgen würden. »The World Without Zionism«, wie es rituell beschworen ist, ist in der eschatologischen Chronologie des Mahdismus die Conditio sine qua non für die heilsversprechende Wiedererscheinung des entrückten Imams. Diese aggressive Krisenprojizierung, die ihrem Wesen nach eliminatorisch ist, wendet sich nach innen, wenn Protest als Infiltration, Korrumpierung und Kollaboration mit dem zionistischen Feind denunziert wird.
Die Sepâh schwört Treue auf den im Prinzip des Velâyat-e Faqih zur Geltung gelangten Rahbarismus, also »absolute Loyalität und Selbstaufopferung bei der Ausführung der göttlichen Befehle des Imams unserer Zeit«: Ruhollah Khomeini (1979–1989), Ali Khamenei (1989–2026) und nunmehr der Untote Mojtaba Khamenei. Im Namen des Korps wird unverhohlen ausgesprochen, dass die »Islamische Revolution«, also das entgrenzte Heilsversprechen des Mahdismus, und nicht der Iran als Nationalstaat der ideologische Nexus der Sepâh ist. In ihrem Emblem wird die AK-47 mit einem Segment eines Koranverses aus der Sure al-Anfal geschmückt: »Rüstet gegen sie auf mit allem, was ihr an Kräften aufbringen könnt.«
Mit der Sepâh assoziiert ist ein monströser ideologischer Apparat. Das staatliche Islamic Republic of Iran Broadcasting fungiert primär als ein Kommunikationskanal der Garde. Ideologische Inkubatoren wie das Masaf Institut, prominente Eulogisten, die das Martyrium von Hossein ibn Ali in Kerbela besingen, und die Imame der Khutbah-Predigt bringen das Brüllvieh der Basij-Miliz in Wallung. Die Rendite, die das hemmungslose Investieren in das Märtyrerkapital an der iranisch-irakischen Front einbrachte, war die Formierung einer sozioökonomischen Klasse aus Veteranen, Invaliden und den Familien der Märtyrer. Ihnen gewährt das Regime Priority Access zu Universitäten, Ämtern, medizinischer Versorgung, Krediten, Vermögenserwerb usw. Eine zentrale Figur in dieser so genannten Widerstandsökonomie, in der die Klassentreue durch die Zuteilung von Privilegien gesichert wird, ist mit Mohammad Mokhber ein weiterer Veteran der Mansouroun aus Khuzestan. Vor allem aus der von der Fürsorglichkeit des Regimes korrumpierten Klasse rekrutiert das Regime seine Getreuen: der Sâzmân-e Basij-e Mostazʿafin, der »Organisation zur Mobilisierung der Erniedrigten«. Wobei auch aus dieser sozioökonomischen Klasse Brüche mit dem Regime zu konstatieren sind. Unter den Massakrierten der Dey-Proteste waren auch Söhne und Töchter von Veteranen. Während der Märtyrerbataille mit dem Irak etablierte sich eine eigene Ästhetik aus Glorifizierung des Märtyrertodes und einer gewaltigen Hybris des eigenen Rachepotenzials. Die Totalität dieser Ästhetik äußert sich bis heute in den penetranten Märtyrermurals, in der Konsekration des Raketenarsenals, in der Ikonografie ritualisierter Mobilisierungsinszenierungen wie dem im Revolutionsjahr 1979 etablierten jährlichen Ruz Jahâni Ghods (Quds-Tag) und der Transformation der legislativen Versammlung in eine Kulisse gebrüllter Vernichtungsdrohungen.
Der Rahbarismus und die Dynastie Khamenei
Es ist diese Ästhetik des Martyriums, die auch in diesen Tagen in ihrer Totalität zur Geltung drängt. Die tagtäglichen Anrottungen der Jânfadâyi sind nicht spontan. Sie sind das originäre Produkt einer verschachtelten Finanzierungsarchitektur, die die zirkuläre Struktur des Regimes stabilisiert und zugleich mit ihren perfiden Manipulationen Einheit in einem Staat simuliert, in dem zu Beginn des Jahres noch Tausende Regimefeinde massakriert wurden. Während im Iran die Entwertung der Währung eskaliert und die nationale Ökonomie zu kollabieren droht, garantiert dieses System mit familiärer Intimität, diversifizierten Akkumulationsmodellen und der überdimensionierten Aneignung ministerieller Budgets bislang vor allem eins: Propaganda im Interesse des Systems. Zentrum dieses Systems ist das Beyt-e Rahbari, das monströse Sekretariat des Khamenei-Clans.
Als leibliche Vergegenwärtigung des entrückten Imams ist der Rahbar die absolute Autorität im Staat. Doch es ist nicht einzig der in dem theologisch-okkurrantistischen Prinzip des Velâyat-e Motlaqaye Faqih institutionalisierte Geltungsdrang, mit dem der interimistische Imam die Ordnung wahrt. Ein zentrales Element, mit dem Ali Khamenei die Fraktionierung des Regimes und ihre rivalisierenden Interessen über 36 Jahre lang austarierte, waren die Heiratsallianzen seiner Familie. Sein Sohn Mojtaba Khamenei heiratete die Tochter von Gholam Ali Haddad-Adel, der als Spiritus Rector der prinzipalistischen Âbâdgarân-Fraktion innerhalb der Legislative gilt, der sogenannten Allianz der Konstrukteure des islamischen Irans. Masoud Khamenei heiratete indes in den Clan der Kharazi ein. Sein Schwiegervater ist Ayatollah Mohsen Kharazi, eine zentrale Autorität der Geistlichkeit von Ghom. Der Schwager von Masoud, Mohammad Bagher Kharazi, ist seit den 1970er Jahren Generalsekretär der iranischen Hezbollah, die als Chomaghdaran, als »Keulenschwinger«, zum berüchtigten Antlitz der islamischen Kulturrevolution wurde. Seine Söhne Ali und Mohammad Kharazi dominieren den nationalen Markt für Kryptowährungen, ein Instrument der Sepâh für Finanztransaktionen. Der Kharazi-Clan hat zudem mit Kamal Kharazi, Minister für Auswärtige Affären unter Mohammad Khatami, und Sadegh Kharazi ein hohes Prestige innerhalb der Reformerfraktionen.
Der jüngste Sohn Meysam Khamenei heiratete die Tochter von Mahmoud Lolachian, Patriarch einer der umtriebigsten Familien des Teheraner Bazars. Ein enger Partner im Business des Schwiegervaters von Meysam ist Habibollah Bourbour, ein Veteran der Sepâh, der für das Revolutionsgericht von Sadegh Khalkhali das konfiszierte Vermögen von hingerichteten »Kontrarevolutionären« betreut haben soll. Über die Schwiegermutter von Meysam ist der Khamenei-Clan auch mit dem Clan der Khamoushi familiär verbunden. Sie ist die Schwester von Taghi und Ali Naghi Khamoushi, die 1963 die islamische Motalefeh-Partei mitinitiierten, eine Koalition zwischen revolutionärer Geistlichkeit und frommen Bazaris. Ali Naghi Khamoushi gilt heute als eine der zentralen Figuren in der petrochemischen Industrie. Auch die Töchter von Ali Khamenei wurden strategisch vergeben. Boshra ist mit dem Sohn des Geistlichen Gholamhossein Mohammadi Golpayegani verheiratet, der 36 Jahre lang Koordinator im Beyt-e Rahbari war. Und Hoda Khamenei ist mit dem Sohn von Ayatollah Mohammad Bagher Bagheri Kani liiert. Die Familie Kani dominiert seit Dekaden die im Jahr 1982 etablierte Imam-Sadegh-Universität in Teheran, eine Grande École für die Kader des Regimes.
Ein weiteres Element struktureller Integrität des Regimes ist das System der Bonyâds. Ihren Statuten nach verfolgen sie karitative, theologische und ideologische Zwecke. In Wahrheit sind die Bonyâds gewaltige Konglomerate, die weder steuer- noch berichtspflichtig sind. Sie gleichen einem Spinnengewebe, in das die egoistischen Interessen engmaschig in das Systeminteresse des islamischen Staates eingewoben werden. Das Sekretariat von Ali Khamenei, das Beyt-e Rahbari, ist das ideologische und strukturelle Zentrum eines jeden Bonyâd. In dieser Organisationsform integrieren fundamentalistische Ideologie, ökonomische Interessen und strategisches Socializing in eine ausjustierte Ordnung. Eine zirkuläre Struktur mit familiärer Intimität stabilisiert das Zentrum.
Man muss nicht jeden dieser Familienclans kennen, die den radialen Spinnenfäden gleichen, um die Struktur der Bonyâds zu erkennen. Ein Exempel mag die Dichte an Verwobenheit veranschaulichen: Mohsen Rafighdoust ist der Sohn einer Familie frommer Bazaris aus dem Süden Teherans. Sein Bruder Mohammad Javad Rafighdoust war Mitinitiator der Motalefeh-Partei und eine zentrale Figur bei der Etablierung der Teheraner Refah-Schule. Als diese 1979 von den Khomeinisten okkupiert wurde und Sadegh Khalkhali über »Konterrevolutionäre« richtete, wurde Mohsen Rafighdoust die Logistik in der provisorischen Kommandozentrale anvertraut. Mohsen Rafighdoust, der mit den bestialischen Morden an Fereydoun Farrokhzad und anderen exilierten Regimekritikern renommiert*, ist ein Sepâhi der ersten Stunde. Unter Mir Hossein Mousavi war Rafighdoust zwischen 1982 und 1988 Minister im Vezârat-e Sepâh, einem eigenen Ministerium für die Administration, Logistik und Budgetierung der Garden während der militärischen Konfrontation mit dem Irak. Im Jahr 1989 ernannte dann Ali Khamenei den Brigadegeneral zum Direktor des Bonyâd Mostazafan. Diese mit der Sepâh affiliierte Parastatale wurde noch auf Anordnung von Ruhollah Khomeini etabliert, um die konfiszierten Vermögenswerte der Pahlavi-Monarchie zu administrieren. Das Konglomerat, das einzig dem Rahbar berichtspflichtig ist und nicht besteuert wird, ist omnipräsent in der iranischen Ökonomie: von der Agrarindustrie und der antiimperialistischen Zamzam Cola über die petrochemische Industrie und die Zementproduktion bis zur maritimen Logistik und der Terminalkonstruktion am Teheraner Flughafen Imam Khomeini.
Im Namen referenziert das Bonyâd nach wie vor die sozialrevolutionäre Verheißung von 1979. Ali Shariati, der Vordenker der islamischen Identitären, hatte den Ausdruck aus einem Koranvers für sein persisches Translat von Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde übernommen und populär gemacht: Mostazʿafin (die Pluralendung mit -an entspricht der Adaption an die persische Grammatik). Die Parteiideologen der Mojâhedin-e Khalq, der Avantgarde für eine islamische Republik, sprachen in bewusster Abgrenzung zur marxistischen Klassentheorie von den Mostazʿafin, »den Erniedrigten«. Sie machten hiermit vor allem das infolge des Modernisierungsprozesses von der traditionellen Subsistenzökonomie getrennte Subproletariat in den urbanen Slums zum Objekt ihrer Agitation. Auch Ruhollah Khomeini machte sich den Ausdruck zu eigen – vor allem auch für die Rekrutierung des Front- und Brüllviehs des Regimes: jener Basij-Miliz, die während der Märtyrerschlacht mit dem Irak Tausende an Halbwüchsigen als suizidale Infanteriewellen in den Tod kommandierte.
Die von den Khomeinisten versprochene Diktatur der Mostazʿafin war nie mehr als die Funktionalisierung der Erniedrigten als Brüll- und Frontvieh. Die Dey-Proteste begannen, wie zuvor die Âbân-Proteste 2019 und die Wasserproteste 2021, vor allem auch in der Peripherie unter eben jenen Mostazʿafin. In strukturschwachen Provinzen wie Lorestan, Kermanshah, Ilam und Chaharmahal und Bakhtiari etwa, wo die Jugend noch drastischer als anderswo mit dem Nichts konfrontiert ist. Heute heißen die Mostazʿafin in der Regimepropaganda vor allem Arazel va Obash, »die Niedrigsten und der Pöbel«, womit die Protestierenden der Dey-Proteste mit den subproletarischen Milieus krimineller Delinquenten identifiziert werden. Das Bonyâd Mostazafan finanziert die Systeminteressen, wie etwa auch die Protegierung der Familien der »afghanischen Hezbollah«. Ein weiteres zentrales Bonyâd, das einem gewaltigen diversifizierten Konglomerat gleicht, ist die »Ausführung von Imam Khomeinis Befehl«: Setâd. Sein Kapital umfasst auch die konfiszierten Vermögenswerte verfolgter Bahâ’í. Das 15. Khordâd Bonyâd, das der Fürsorge gegenüber den Märtyrern und Veteranen der Islamischen Revolution gewidmet ist, versprach für den Mord an Salman Rushdie eine Prämie von 3,3 Millionen $.
Infolge interner Rivalitäten und der Gerüchte gewaltiger Korruption wurde Mohsen Rafighdoust im Jahr 1999 nicht für eine weitere Amtsperiode als Direktor des Bonyâd Mostazafan nominiert (auf ihn folgte für eine halbe Dekade ein Khuzestan-Veteran der Mansouroun, Mohammad Forouzandeh). Der Clan der Rafighdoost ist indes nach wie vor in weiteren Bonyâd-Organisationen involviert. In den Statuten widmen sie sich der reinen Lehre wie der Popularisierung der Prophetentochter Fatima als Idealtyp der authentischen Muslimin. Gleichwie werden in den Statuten auch kommerzielle Unternehmungen autorisiert. Das Bonyâd Baghiyat Salehat etwa gilt der Finanzierung theologischer Seminare, sogenannter Hawzât, und der Fürsorge gegenüber ihren Geistlichen. Initiiert wurde Baghiyat Salehat von Mohsen Rafighdoust, den Klerikerfamilien Kani und Ghayouri sowie Ali Naghi Khamoushi. Die Finanzprüfung erfolgt wie bei den anderen Bonyâds durch das Sekretariat des Rahbar. Mit Mahmoud Lolachian und Mojtaba Araghchi, dem Bruder des amtierenden Ministers für Auswärtige Affären, ist Mohsen Rafighdoust Treuhänder eines weiteren Bonyâd, welches der eschatologischen Doktrin des Mahdaviat gewidmet ist. Mit Habibollah Bourbour initiierte Rafighdoust indes einen Bonyâd zur Wahrung islamischer Familienwerte.
Neben der Omnipräsenz im System der Bonyâd-Organisationen ist die Familie Rafighdoust durch Heirat mit dem Clan der Mohtashamipour eng verbunden. Seine Tochter und der jüngere Bruder von Mohsen Rafighdoust haben in die vermögende Familie des Teheraner Bazars eingeheiratet. Auch wenn die Mohtashamipour-Familie vor allem mit der prinzipalistischen Motalefeh-Partei assoziiert ist, sind Zweige der Familie mit den Reformfraktionen verästelt. Wie der inzwischen verstorbene Ali Akbar Mohtashamipour, der zwischen 1985 und 1989 Minister für innere Affären war, als zentrale Figur bei der Etablierung der libanesischen Hizbullah gilt und später ein enger Vertrauter von Mohammad Khatami wurde, und Fakhrossadat Mohtashamipour, die mit dem Islamogauchisten Mostafa Tajzadeh liiert ist.
Es existieren verschiedene Spinnengewebe, deren Fäden aber strukturell mit einer einzigen Nabe, dem Beyt-e Rahbari, verwebt sind: das Spinnengewebe von Mohammad Bagher Ghalibaf, das der Familie Larijani und so weiter. Widmen wir uns noch der zentralen Figur der Organisation Mansouroun. Mohsen Rezaei hat sich durch Heirat (sein Sohn Ali hat in die Familien Khomeini und Tabatabai eingeheiratet), nepotistische Schamlosigkeit, umseitig durchdrungene Finanzinteressen und die Loyalitäten innerhalb der Männerbünde der Sepâh als einer der versiertesten Weber profiliert. Vor allem eine Institution hat das Spinnengewebe von Rezaei umschlungen: die noch von Ruhollah Khomeini im Jahr 1988 einberufene Sitzung zur Erkennung der Systeminteressen. Die absolute Priorität des Systeminteresses – wie es im persischen Namen dieser Institution heißt: Maslahat – ist die Überdauerung des islamischen Staates, selbst dann, wenn hierfür islamisches Recht temporär gebrochen werden muss. In den 1980er Jahren kam es permanent zu Konfrontationen zwischen der Legislative und der von Geistlichen dominierten Shourâ der Wächter, die die legislativen Prozesse penibel auf Konformität mit den islamischen Prinzipien inspiziert. Die Sitzung zur Erkennung von Systeminteressen fungiert als Organ der Schlichtung, eruiert die Staatsraison und kann zugleich legislative Entscheidungsprozesse erzwingen, wenn es im Interesse des Ganzen ist. Rezaei war zwischen 1997 und 2021 der Sekretär dieser zentralen Institution der Exekutive. Auf ihn folgte sein Bundesbruder der Mansouron, Mohammad Bagher Zolghadr. In den Jahren als Sekretär hat Rezaei den Schlichtungsausschuss mit seiner Familie, Verschwägerten und Vertrauten aus der Sepâh, wie Reza Seyfollahi, infiltriert.
Keines dieser Spinnengewebe innerhalb des Regimes hat nach den fulminanten israelischen »surgical strikes« gegen seine Nabe die autonome Potenz, die strukturelle Integrität des Systeminteresses zu garantieren. Das gilt auch für das Spinnengewebe um Mohammad Bagher Ghalibaf, von dem spekuliert wurde, dass es nach dem Tod von Ali Khamenei das Potenzial zur Okkupation des Systems hätte. Auch die Koterie um Ghalibaf ist versiert darin, immense Korruption, strategisches Socializing und Infiltration der Institutionen zu verweben. Als Veteran der Sepâh und Shahrdâr von Teheran (zwischen den Jahren 2005 und 2017) integrierte Ghalibaf den militärisch-industriellen Komplex der Khatam al-Anbiya – ohne Submission – in die Kommunalpolitik der Megalopolis. Über Finanzinstitute wie den mit der Sepâh affiliierten Ansar Finanz- und Kreditfond blieb das System Ghalibaf liquide. Auch die Legislative ist mit Vertrauten von Ghalibaf umwebt, wie Mohammad Saeed Ahadian, dem Neffen der Ehegattin von Ali Khamenei.
Eine weitere Personalie scheint nicht weniger interessant zu sein: Ahmad Vahidi, Generalkommandeur der Sepâh. Nachdem die Mansouroun-Organisation aus Khuzestan in den 1970er Jahren ihren Aktionsradius auf weitere Provinzen erweiterte, war Vahidi einer jener jungen Männer, die sich in Shiraz mit der Organisation assoziierten.** Zwischen 1988 und 1998 war Vahidi Kommandeur der Ghods-Brigade. Ghasem Soleimani, der auf ihn folgte, war ein enger Vertrauter von ihm. Unter den Präsidenten Mahmud Ahmadinejad und Ebrahim Raisi wurden Vahidi sensible Ministerämter anvertraut. Während der Proteste nach der Ermordung von Mahsa Amini war Vahidi Minister für innere Affären. Nach dem Tod von Ali Khamenei und der Entrückung seines dynastischen Adepten Mojtaba Khamenei prävalieren mit Mohsen Rezaei, Mohammad Bagher Zolghadr und Ahmad Vahidi nunmehr Veteranen der Mansouron-Guerilla entlang des Scheitels der Regimehierarchie. Doch weder familiäre Intimität noch eine über Dekaden geteilte Vergangenheit garantieren die Abwesenheit von Rivalitäten und Interessenkonflikten. So kam es etwa in den 1990er Jahren in dem Konflikt um die Ansâr-e Hezbollâh zu Dissonanzen zwischen Mohsen Rezaei und Mohammad Bagher Zolghadr. Rezaei fürchtete eine Aushöhlung der institutionalisierten Hierarchie und somit auch seiner Autorität durch die militante Vigilanz der hochideologisierten Selbstjustizorganisation, die von seinem Weggefährten Zolghadr protegiert wurde. Auch zwischen Rezaei und Mohammad Mokhber, einem Khuzestan-Veteranen der Mansouron, kam es in jüngerer Vergangenheit zu Konflikten.
Während die Familie Khamenei über 36 Jahre die Differenzen und Rivalitäten innerhalb des Regimes im Systeminteresse austariert hat, drohen nun die Fraktionsfehden zu eskalieren – selbst dann, wenn die Sepâh das Regime unter ihrem absoluten Kommando konsolidiert. Die Sepâh ist keine monolithische Organisation. Nahezu jede der ambitioniertesten Figuren in den Spinnengeweben des Regimes – Männer wie Mohammad Bagher Ghalibaf, Mohsen Rezaei, Ahmad Vahidi, Sadegh Mahsouli, Hossein Taeb, Vahid Haghanian und der am 17. März getötete Ali Larijani – hat zuvor Karriere in den Kommandostrukturen der Sepâh gemacht und folglich auch rivalisierende Loyalitäten innerhalb dieses militärisch-industriellen Komplexes, auf die er rekurriert. Rezaei und Ghalibaf waren zudem beide zentrale Figuren in dem Sepâh-affiliierten Industriekonglomerat Khatam al-Anbiya. Rezaei etablierte diese monströse Konstruktionsorganisation der Garden im Jahr 1989 und übernahm zunächst in Personalunion das Direktorium. 1994 delegierte Rezaei das operative Kommando an Ghalibaf, der massive Infrastrukturprojekte wie die Karkheh-Talsperre in Khuzestan initiierte. Über den Finanzmanager Mohammad Mehdi Ahmadi sind die beiden Familien, wie könnte es auch anders sein, durch Heirat verbunden. Der Schwiegersohn von Rezaei ist zugleich der Bruder von der Schwiegertochter von Ghalibaf. Eine weitere Schwester von Ahmadi ist die Schwiegertochter von Abdolreza Rahmani Fazli, einem Protégé von Ali Larijani, der während des Âbân-Massakers im Jahr 2019 Minister für innere Affären war und nunmehr der höchste Repräsentant des Regimes in China ist. Mit Mohammad Bagher Ghalibaf koordiniert Fazli die Ausjustierung der strategischen Kooperation mit Zhongnanhai. Dennoch gelten Rezaei und Ghalibaf als Rivalen innerhalb des Regimes.
Im Beyt-e Rahbari wurde indes Mehdi Khamoushi zum Koordinator des Sekretariats ernannt – von wem, ist fraglich, solange Mojtaba Khamenei entrückt ist. Sein Clan ist nicht nur durch Heirat mit den Clans der Khamenei und Lolachian familiär verbunden. Der Khamoushi-Clan repräsentiert wie kein anderer die Verschwägerung zwischen den mafiotischen Absprachen des Bazars, den gewaltigen Konglomeraten der Bonyâd und einer hochideologisierten Geistlichkeit. Mehdi Khamoushi war zuvor der noch von Ali Khamenei ernannte Präsident der Oghaf-Organisation, die immense Immobilienwerte (vor allem auch aus Schenkungen zu religiösen Zwecken) in ihrem Portfolio hat. Die Familie Khamoushi profitierte zudem von der (Pseudo-)Privatisierung der petrochemischen Industrie in der Ära Ahmadinejad.
Die Ernennung von Mehdi Khamoushi in das höchste administrative und koordinative Amt im Regimenukleus des Beyt-e Rahbari ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Adelsfamilien der Islamischen Republik auch nach dem Tod von Ali Khamenei ihre Allianzen festigen. Gholamhossein Mohammadi Golpayegani, der 36 Jahre lang Koordinator im Sekretariat von Ali Khamenei war, sichtete die Dossiers der Sicherheitsorgane, eruierte die absolute Loyalität der Kandidaten für sensible Ämter wie den Vorsitzenden der Judikative und den Direktor von Islamic Republic of Iran Broadcasting und arrangierte die offiziellen Ernennungsdekrete. Golpayegani war das Interface zum Klerus in Ghom und nahm für Mojtaba Khamenei, der auf eine dynastische Inthronisation spekulierte, zugleich eine Pufferfunktion ein. Das Beyt-e Rahbari wird auch nach dem Tod von Ali Khamenei weiterhin die Nabe im Spinnengewebe des Regimes sein. Bei der eskalierenden Krise der nationalen Ökonomie werden die mit dem Beyt assoziierten Konglomerate zumindest temporär die priorisierten Interessen des Systems weiterhin finanzieren. Ist auch die institutionelle Struktur des Regimenukleus noch intakt, wird eine entscheidende Frage die nach dem Verbleib von Mojtaba Khamenei sein. Unter Iranern wird Mojtaba Khamenei als untote Pappfigur verlacht, nachdem er seinen Getreuen bislang einzig auf Karton erschienen ist. Nach »Moush-Ali«, dem sich verkriechenden Mäuse-Ali, heißt es nunmehr »Moush-Taba«, die Dynastie der Mäuse. Die Propaganda des Regimes bemüht sich indes um den Mythos des entrückten Imams, um seiner Abwesenheit einen spirituellen Schleier zu verleihen.
Der »Feuerring« um Israel, von dem Ghasem Soleimani sprach, verglüht indes. Im Jahr 2024 wurde bei einer Detonation in einer Teheraner Gästeresidenz der Sepâh Ismail Haniyeh getötet. Die höchste Figur in der Hierarchie der Hamas war aus ihrem katarischen Exil zur präsidialen Vereidigung von Masoud Pezeshkian nach Teheran gereist. Vor seinem Tod wurde Haniyeh noch von Ali Khamenei empfangen. Anders als Katar kann das khomeinitische Regime die Integrität seiner Protégés nicht garantieren. Auf Haniyeh folgte die spektakuläre Tötung von Hassan Nasrallah, dem Generalsekretär der Hizbullah, im libanesischen Dahieh. Die massivste Erschütterung der Regimeachse folgte zum Ende des Jahres 2024. Als am 29. November die Hayʾat Tahrir ash-Sham nach Aleppo vordrang, war es weniger die eigene militärische Durchschlagskraft als die Desertion der berüchtigten Baqir-Brigade aus den Reihen des al-Baʿth-Regimes, die den entscheidenden Durchstoß ermöglichte. Die Miliz des al-Baqara-Clans galt vor ihrer Fahnenflucht als »syrische Hizbullah«. Selbst das Insigne der Miliz war eine Replikation jener AK-47 in der aufsteigenden Hand aus den Flaggen der Sepâh und der libanesischen Hizbullah. Unter den Proxymilizen des Regimes waren in Syrien vor allem korrumpierte Stammesautoritäten der Ahl as-Sunnah aus Nord- und Ostsyrien wie jene des al-Baqara-Clans involviert. Die Strategie von Ghasem Soleimani war die Infiltration jener geografisch interessanten Staaten, die durch Instabilität charakterisiert sind und in denen das innerislamische Schisma existent ist. In Europa verstand man diese perfide Kalkulation so, dass mit einem Ende des Regimes auch die infiltrierten Staaten zu kollabieren drohen würden.
Für den al-Baqara-Clan schien die Kollaboration mit der »Feuerring«-Achse nicht mehr lukrativ zu sein. In den Vortagen des Kollapses des al-Baʿth-Regimes einigte sich die Clanmiliz mit Abu Ahmad al-Zakur, einem Veteranen der al-Nusra-Front aus dem Clan der al-Baqara, über den Preis eines Treuebruchs. Mit der unerwarteten Desertion kollabierte die Regimefront. Innerhalb weniger Tage verlor der khomeinistische Iran mit Syrien seine logistische Schneise zur Hizbullah. Der Ideologe Mehdi Taeb hatte Jahre zuvor Syrien als iranische Provinz und existenzielle Frage für das eigene Regime ausgemacht. Wenn Damaskus falle, werde auch Teheran fallen, so das prophetische Bedrohungsszenario. Der militante Geistliche hat mit engsten Vertrauten von Mojtaba Khamenei im Jahr 2011 das Zentrum für strategische Widerstandsdoktrinen etabliert, benannt nach Ammar ibn Yasir, einem Kommandeur der Armee des Propheten Mohammed. Die Brüder Mehdi und Hossein Taeb teilen mit Mojtaba Khamenei einen Bund aus jenen Tagen, als das Regime noch eine Verewigung der Märtyrerbataille mit dem Irak zur Existenzfrage machte. Im Jahr 1986 trat der junge Mojtaba dem Habib-Ibn-Muzahir-Bataillon der 27. Mohammad-Rasulullah-Division der Sepâh bei. Das Volontariat an der Front initiierte die Metamorphose des Bataillons in ein weitgespanntes Spinnengewebe. Die Veteranen des Habib-Bataillons infiltrierten unter der Protegierung von Mojtaba Khamenei zentrale Positionen im System. Hossein Taeb kommandierte während der Massenproteste im Jahr 2009 die Basij-Miliz, bevor er für mehr als eine Dekade Generaldirektor der Ettelâʿât-Organisation, jener tiefen Intelligenzstruktur der Sepâh, wurde. Sein Bruder Mehdi und Alireza Panahian vom Ammar-Network gelten als doktrinäre Strategen und als Agitatoren der Basij. Generalmajor Hassan Mashroueifar kommandiert die Leibgarde des Rahbar und auch seine Antezessoren Ebrahim Jabbari und Hossein Nejat sind Veteranen des Habib-Bataillons. Nejat folgte indes auf Esmaeil Kowsari, einen weiteren Frontkameraden des Habib-Bataillons, als Kommandeur der Tharallah-Organisation, dem berüchtigtsten Repressionsorgan der Sepâh in der Agglomeration Teherans.
Scheinen die entscheidenden Allianzen aus der Ära Khamenei noch intakt zu sein, ist die Autoritätskrise des Regimes dennoch evident. Während der Märtyrerbataille mit dem Irak war die Strategie der khomeinistischen Todesindustrie ebenso perfide wie stringent: die Produktion eines nationalen Traumas, das die Basij fanatisierte und alle anderen lähmte und in eine innere Resignation zwang. Ist die visuell-rituelle Ästhetik der Sich-Selbstopfernden nach wie vor omnipräsent, bezeugen der 88 Tage dauernde digitale Lockdown, der den Kollaps der Ökonomie noch forcierte, und die Schrillheit der revanchistischen Gegeninszenierung der Dey-Proteste, dass die Legitimationskrise des Regimes kaum verheerender sein könnte. Halbwüchsige, die mit einer Kolash in Teheran patrouillieren, und Brüllvieh, das sich an der Adresse von Hingerichteten anrottet, um die trauernden Familien einzuschüchtern, dekuvrieren den Mythos von der Stabilität des Regimes.
Der Iran unter dem khomeinistischen Regime wird auch durch gewaltige Paradoxien charakterisiert. Zwischen keinem anderen hochideologisierten Regime und der Nation, die es zur Geisel hat, ist die Diskrepanz so augenfällig wie im Iran. Nirgendwo in der Region sind die Frauen, denen die islamischen Kulturrevolutionäre Kosmetik mit Rasierklingen von der Haut gekratzt haben, so emanzipiert und hat ihr Widerstand gegen den misogynen Tugendterrorismus eine solche Kontinuität wie im Iran. Der Bildungsgrad im Iran, wo der eschatologische Mahdismus Staatsideologie ist, unterscheidet sich nicht von dem eines europäischen Industriestaates. Unvergleichlich ist indes der Frauenanteil an universitärer Bildung (über 60 Prozent). Unter der Jugend ist der Analphabetismus auch in der ruralen Peripherie nahezu nicht mehr existent. Die souveränistischen Projekte des Regimes, von monströsen Talsperren über Industriekonglomerate südkoreanischen Prototyps bis zur nuklearen Potenzierung, verlangen nach Ingenieuren und nicht nach theologischen Seminaristen. So konnte auch unter einem Regime, dessen obskurantistisches Selbstbild das eines Vormunds für die Muslime in Abwesenheit des entrückten Imams ist, eine szientifische Bildung prosperieren, wenngleich auch die Universitäten strengstens auf Systemtreue verpflichtet werden. Die andauernde Existenz des mahdistischen Regimes hat die Iraner zudem in der Überlebensstrategie bestärkt, sich zu bilden und in der Verfolgung privaten Glücks eine innere Distanz zu dem totalitären Geltungsdrang des islamischen Staates zu bewahren.
Ohne die relativ moderne und ausdifferenzierte Ökonomie hätte das Regime nicht 47 Jahre überdauert. Sie integrierte zuvor auch, wenn auch prekär, jene Majorität an Iranern, die die Geistlichkeit und ihre obskuren Imaginationen eines entrückten Imams verachtet. Inzwischen zerfällt der Rial zu Papierstaub und wird die digitale Ökonomie stranguliert. Dem Regime drohte infolge der drastischen Entwertung der nationalen Währung zu Beginn des Jahres ein totaler Kollaps. Die Dynamik der Dey-Proteste, ihre unvergleichliche Synchronität, der rasante Schwund der Angst und Vereinzelung, konnte das Regime nicht anders brechen als durch die Massaker an Tausenden. Der digitale Lockdown und auch die Massaker dauern an. So richtete das Regime Amir Hossein Hatami, Mohammad Amin Biglari, Shahin Vahedparast und Ali Fahim hin. Sie wurden infolge der schweren Konfrontationen in Ost-Teheran der »Feindseligkeit gegenüber Allah« für schuldig befunden. Sie sollen am 8. Januar in die Basij-Basis »Märtyrer Mahmoud Kaveh« eingedrungen sein, um das Milizarsenal an sich zu bringen. Amir Ali Mirjafari wurde infolge eines Brandes einer Moschee in Teheran-Gholhak hingerichtet. Und jüngst wurden Ashkan Maleki und Mehrdad Mohammadinia, die für die Brände in der Jafari-Moschee und einer mit ihr affiliierten Madrasa in Teheran-Gisha am 9. Januar schuldig gemacht wurden, hingerichtet.
Von der israelisch-US-amerikanischen Militärallianz wurden nicht nur architektonische Symbole der Gnadenlosigkeit der khomeinistischen Despotie zertrümmert wie das Islamische Revolutionsgericht in der Teheraner Moallem Street, wo über Generationen an Regimekritikern gerichtet wurde. Auch die Teheraner Infrastruktur des Sepâh-Repressionskommandos Sarallah, das nicht von ungefähr nach der »Rache Allahs« benannt ist, wurde stark beschädigt. Währenddessen harren die zentralen Figuren des Regimes wie Ahmad Vahidi in Katakomben aus. Das Regime durchbricht Felsen für seine monströsen Missile Cities und subterranen Kommandostrukturen. Es radiert nunmehr die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Sphäre gänzlich aus. In der Konsequenz ist das Regime zum System der Hamas transformiert. Es ist gewillt, im Iran die Apokalypse zu simulieren, um das System zu bewahren.
Ein Übereinkommen, in dem alle Seiten ihre strategische Integrität bewahren, ist eine Illusion. Das wahrscheinlichere Szenario als die Mahdidämmerung scheint in diesen Tagen indes die Prokrastination einer finalen Konfrontation zu sein. Sollte das Embargo andauern, wäre die Chance auf einen Regimekollaps nach wie vor realistisch. Mit einem drohenden JCPOA+− und dem Ende des Embargos, der bislang effektivsten Sanktionierung des khomeinistischen Irans und seiner Schattenflotte, droht indes eine Stabilisierung des Regimes. Es wäre die perfideste Form eines aggressiven Revanchismus der Dey-Proteste.
Die am 28. Februar mit dem lange herbeigeschrienen Tod von Ali Khamenei begonnene Militärkampagne war effektiv, solange die »surgical strikes« gegen die Kommando- und Repressionsstrukturen des Regimes andauerten. Sie war es auch dann noch, als infolge des Moratoriums vom 8. April die direkten Konfrontationen unterbrochen wurden. Die Kampagne droht nicht an der kolportierten Unbezwinglichkeit des Regimes, die ein Mythos ist, zu scheitern. Wenn sie scheitert, dann an den eigenen Opportunitäten, an den drohenden Krisenszenarien für die globale Ökonomie und auch an dem europäischen Desinteresse an einem freien Iran. Das Kalkül des Regimes war von Beginn an, den Preis für die Akzeptanz der israelisch-US-amerikanischen Militärkoalition in schwindelnde Höhen zu steigern. Für die Europäer, für die globalen Märkte und ihre Logistik und vor allem für die Dynastien am Golf. Das mafiotische Business Model des Regimes, die Meerenge von Hormoz mit modernen Guerillataktiken zu terrorisieren und sogleich Geltung als Garantiemacht einer sicheren Passage durch den sensiblen Energiekorridor zu erlangen, ist indes kein Indiz für Stabilität. Es ist die erpresserische Methode eines Regimes, das das Böse inkarniert und ein Ende haben muss.
* Rafighdoust sprach unverhohlen davon, dass sie über die Frankfurter Filiale des iranischen Finanzinstituts Saderat die Mörder von Shapour Bakhtiar und Fereydoun Farrokhzad honorierten. Am ersten Jahrestag des Mordes an Bakhtiar, dem 6. August 1992, wurde Farrokhzad, eine Ikone der modernen Kulturindustrie Irans, in Bonn-Hardtberg, wie in einem barbarischen Ritus, ermordet. Seine Schlächter dekorierten seine Leiche mit einer Klinge mit Mund.
** Siehe das Gespräch von Ghasem Kakaei, einem Weggefährten jener Tage, mit isna.ir, 1. Februar 2021. Ein weiterer Veteran der Mansouron aus Shiraz ist Hossein Nejat, der nunmehr die Tharallah-Organisation der Sepâh kommandiert.
