Mittwoch, 10. April 2019

Vom „Festival der Demokratie“ zum „Projekt“ imperialistischer Intriganten - Notizen zum 31. März in der Türkei



Unter dem Präsidialregime Recep Tayyip Erdoğans ist der Schritt zur Urne nicht allein ein Diktat zur demokratischen Legitimierung von Befehl und Gewalt oder, wie es Binali Yıldırım vor seinem Scheitern ausdrückte, ein „Festival der Demokratie“. Der Volkswille, von Erdoğan aufgestachelt und verhetzt, ist dem Liebhaber des Volkes und unzähligen anderen Berufsagitatoren in der Türkei heilig – selbstverständlich nur solange dieser dem eigenen Geltungsdrang entspricht. Auch in den Vortagen des 31. März, an dem das Staatsvolk zur Parteienbesetzung in den kommunalen Institutionen der Republik befragt wurde, nahm Erdoğan sich höchstpersönlich dem Agitieren des nationalen Willens an. Zu seinem Adjutanten machte der Staatspräsident nicht einen der Kandidaten seiner Partei für den 31. März, viel mehr entschied sich Erdoğan für einen Ungläubigen. Einen Tag nach den bestialischen Morden im fernen Christchurch führte Erdoğan während seines Auftritts im westtürkischen Tekirdağ den pathologisch narzisstischen Willen des im rassistischen Wahn mordenden Australiers Brenton Tarrant aus, voyeuristisch teilzuhaben an dessen Kreuzzug. „Schauen wir uns das an“, kommentierte Staatspräsident Erdoğan das von Tarrant mit Action-Camcorder in Echtzeit übertragene Massaker. Auf Brenton Tarrants Blutmarsch folgte auf dem Screen abrupt der Auftritt des Parteivorsitzenden der größten Oppositionspartei Cumhuriyet Halk Partisi (CHP), Kemal Kılıçdaroğlu, der am Tag zuvor sich in Yalova zu den Morden in Christchurch geäußert hatte und dabei auch daran erinnerte, nicht die durch religiösen Hass zerrissene „Geografie des Islams“ aus den Augen zu verlieren. „Siehe dir diesen unverschämten Mann an, ‹der Terror, der der islamischen Welt entspringt›, sagt er“, geiferte Erdoğan, während sich auf dem Screen Kılıçdaroğlu und der Mörder von Christchurch abwechselten. „So sieht die türkische Opposition aus“, ruft Erdoğan. „Wir müssen verstehen, was es für eine schwere Sünde ist, sich für diesen Mann zu entscheiden, der die Ummah zum Ursprung des Terrors macht. Er wird am 31. März zur Verantwortung gezogen werden.“

Dass am 31. März die aggressive Leichenfledderei Erdoğans nicht verhindert hat, dass seine Partei und die kollaborierende Milliyetçi Hareket Partisi (MHP) Istanbul, Ankara und weitere Großstädte verloren haben, erhält die Hoffnung zumindest am Leben. Der von ihm denunzierte Oppositionspolitiker Kemal Kılıçdaroğlu, ein der laizistischen Republik verbundener Mann aus einer alevitischen Familie, war in den Jahren zuvor stets daran gescheitert, sobald er dilettantisch mit Erdoğan antizionistisch, pseudo-frömmelnd oder militaristisch in Konkurrenz getreten ist. In den vergangenen Wochen jedoch besannen sich er und seine Partei ganz darauf, sich der ökonomischen Krise und ihren verheerenden Folgen zu widmen. Und doch kann nichts darüber täuschen, dass die historische Partei Mustafa Kemals eine Partei mit stark regionalem Charakter ist, die auf die Küstenprovinzen, den Gürtel um Ankara sowie auf jene anatolischen Distrikte, in denen noch Aleviten leben, beschränkt bleibt. In der inneren Türkei muss Erdoğans Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP) wenn überhaupt ihren Partner in crime, die MHP der Grauen Wölfe, sowie deren Abspaltung, die İyi Parti, fürchten. Daran hat sich nichts geändert, viel mehr verhärtet sich die Tristesse von Afyonkarahisar nach Erzurum.

Eine Bedrohung für de facto Staatspartei AKP ist es zweifelsohne, dass dort der Zuspruch zunehmend am Schwinden ist, wo das ökonomische Herz der Türkei schlägt. Am Tropf der kommunalen Institutionen der Großstädte – Istanbul ist wie ein Staat für sich – hängt auch die Klientel der AKP, die Profiteure eines mafiotischen Systems des Zubetonierens. Mag auch der Glaube an die Großartigkeit einer imperialen Türkei dort am virulentesten sein, wo das tägliche Leben zumeist am kümmerlichsten ist, also in der Provinz: die Menschen dort sind den Mächtigen nur das Brüllvieh. Es ist das urbane Moloch, welches das islamomafiotische Regime der AKP nährt.

Während es nach dem Verlust von Istanbul um Erdoğan zunächst still blieb, agitierte die zweite Reihe aggressiv den Volkswillen zur Rache. So etwa Metin Külünk, der Erdoğan seit den Jugendtagen bei der militanten Parteimiliz von Millî Görüş, den Akıncılar, verbunden ist: Hat Külünk bereits in den Vortagen des 31. März eine militärische Okkupation der Türkei beschworen, falls seine Partei verliere, denunziert er nun den in Istanbul erfolgreichen Oppositionskandidaten Ekrem İmamoğlu als „trojanisches Pferd“ eines imperialistischen Coups. Bei dieser Intrige von „FETÖ“, US-Amerikanern und „terroristischen Elementen“ unter den Kurden mit Ekrem İmamoğlu als ihrem „Fenster“, so Külünk, öffne ein Szenario von Anarchie und Chaos auf den Straßen die Schleuse zum Einmarsch. Die absurde Anschuldigung, Ekrem İmamoğlu provoziere mit der Bezugnahme auf die von der verfassungsgemäß höchsten Institution der Wahlaufsicht (Yüksek Seçim Kurulu - YSK), veröffentlichen Prozentzahlen Anarchie und Chaos, ist mehr als ein bösartiges Gerücht: es ist projizierte Aggression, die Drohung mit Terror.

Inzwischen denunziert auch Erdoğan den Erfolg von Ekrem İmamoğlu in Istanbul als „organisiertes Verbrechen“. Yeni Şafak aus der mit der Familie Erdoğan verbundenen Albayrak Holding sowie andere Schriftorgane des Agitators schimpfen ihn ebenso panisch wie paranoid als „Projekt“ von „FETÖ“, PKK und US-Amerikanern. Mit dem Verlust von Istanbul und anderen Großstädten bricht der AKP nicht nur ein Teil der institutionellen Fassade ihres islamomafiotischen Regimes weg. Vor allem Istanbul sowie die südtürkischen Provinzhauptstädte Adana und Mersin führen der AKP vor Augen, dass es ihr mit der permanenten Repression nicht gelungen ist, die nächst größte Oppositionspartei, die Halkların Demokratik Partisi (HDP), entscheidend zu schwächen. Die taktische Entscheidung der HDP, in den genannten Büyükşehir Belediyesi keine eigenen Kandidaten zu bewerben und dafür ihre Parteifreunde aufzurufen, sich für jenen Kandidaten der Opposition mit den besten Erfolgsaussichten zu entscheiden, brachte der CHP in den west- und südtürkischen Großstädten, in denen eine große kurdische Diaspora lebt, die Mehrheit.

Es ist erstaunlich wie die HDP angesichts der Masseninhaftnahmen und täglichen Dämonisierungen sich überhaupt noch halten kann. So erhielt sie den höchsten Zuspruch etwa in jenen beiden nordöstlichen Provinzen Kars und Iğdır, in denen neben Kurden auch viele Türken leben, die in dieser Grenzregion traditionell der MHP verbunden sind. In Iğdır hatte zuvor wie die AKP auch die oppositionelle, aber ultranationalistische İyi Parti, Abstand davon genommen, einen eigenen Kandidaten zu bewerben, um İsa Yaşar Tezel von der MHP gegenüber den Herausforderer der „terroristischen Partei“ HDP nicht zu schwächen. Der Graue Wolf verlor trotzdem und twitterte alsdann über eine gegen ihn sich verschwörende „Operation der FETÖ & PKK“.

Im Südosten wurden im September 2016 über 80 Provinz- und Kreisstädte unter Zwangsverwaltung gestellt. Kommunaler Besitz wurde weit unter Marktpreis an den Parteiklüngel oder die paramilitärische Polizei verschoben, Gedenkstatuen zerstört, kurdische, armenische und aramäische Beschriftungen entfernt, in Theatern alsdann der Koran gelehrt. Mit der Asphaltierung von Straßen warb man dagegen um Akzeptanz für die Zwangsverwaltung. Zunächst überlegte man in Ankara, die Zwangsverwalter über den 31. März hinaus im Amt zu belassen und die betroffenen Provinzen von der Befragung des heiligen Volkswillens auszuschließen, wovon das Regime dann doch Abstand nahm. Dafür ließ es mit Ausnahmegenehmigungen, unzählige von Angehörigen der Gendarmerie sowie Soldaten fern ihrer Heimatstädte in den südöstlichen Distrikten an der Urne antreten. Vor allem die militärisch organisierten Polizeieinheiten, wie die berüchtigte PÖH, rekrutieren sich aus ideologisch strammen Grünen und Grauen Wölfen. Allein in Şırnak, unweit der syrischen und irakischen Grenze, spricht man von etwa 12.000 Polizisten und Soldaten am Urnengrab. Şırnak wurde während einer 246 Tage langen Abriegelung im Jahr 2016 stark beschädigt. Bis zu 70 Prozent der Stadt wurden anschließend vom Regime und der mit ihr assoziierten Beton-Mafia kahlgeschlagen. In Şırnak, wo der Zuspruch für die HDP in den vergangenen Jahren noch bei um die 70 Prozent lag, gewann am 31. März der Kandidat der AKP genauso wie in dem für den Einmarsch in den Irak relevanten kurdischen Grenzdistrikt Uludere, wo die HDP in der jüngeren Vergangenheit noch nahezu 90 Prozent des Zuspruchs auf sich vereinte. In anderen Distrikten wie dem im urbanen Diyarbakır zentral liegenden Bağlar und in Teilen der Großstadtkommune Van, wo der Marschschritt an die Urne keinen Gewinn für das Regime brachte, wird den abtrünnigen Kommunalpolitikern das Mandat verweigert, da sie zuvor aufgrund des berüchtigten Konterputsch-Dekrets KHK etwa aus dem Lehramt ausgeschieden sind. Die Mandate gehen auf die am 31. März noch erfolglosen Kandidaten der AKP über.

Eine Opposition, die nicht dezidiert antimilitaristisch ist und mit dem aggressiven Türkentum bricht, wird allerhöchstens eine verkümmerte sein können. Es existiert durchaus auch ein antinationalistischer Flügel in der CHP, der für eine Annäherung an die HDP plädiert. Die Kandidatenpolitik der Republikanischen Volkspartei hat zuletzt aber vor allem den nationalchauvinistischen Flügel bevorzugt. Der für die CHP in Ankara erfolgreiche Mansur Yavaş etwa begann ursprünglich bei der völkischen MHP, später bemühte sich die AKP erfolglos um ihn als Nachfolger des berüchtigter İbrahim Melih Gökçek als Stadtvater Ankaras. Und auch die Istanbuler Hoffnung Ekrem İmamoğlu ist nicht der Kumpel der „terroristischen Partei“ und Moscheefeind als der er von Yeni Şafak denunziert wird. Der Oppositionspolitiker ist selbst familiär verbunden mit der urbanen Beton-Mafia und ist vor allem ein stolztürkischer Volksfreund, der etwa den faschistischen Rudelführer Alparslan Türkeş an dessen Todestag am 4. April lobhudelte. Der republikanische Kommunalpolitiker Gürbüz Çapan dagegen sprach jüngst offen aus, dass auch dem seit dem 3. November 2016 inhaftierten Vorsitzenden der HDP, Selahattin Demirtaş, zu danken ist: „Wir haben Istanbul gewonnen und die Distrikte Esenyurt und Küçükçekmece. Daran hat Selahattin Demirtaş, unser Bruder, großen Anteil. Wir haben ihm zu danken.“ Aus Yeni Şafak schrie es sogleich heraus: „Ihre erste Aufgabe war es, Demirtaş, den Direktor der terroristischen Organisation, zu danken.“ Über der Provinzvorsitzenden der Republikanischen Volkspartei in Istanbul, Canan Kaftancıoğlu, ist mehr als eine Denunziationskampagne ergangen, nachdem sie Selahattin Demirtaş gegrüßt hatte und Fotografien von ihr mit dem inhaftierten kurdischen Oppositionspolitiker zu kursieren begannen. Nach ihrer Kritik an dem Slogan „Wir sind die Soldaten Mustafa Kemals“ und dem Gedenken an das Katastrophenjahr 1915 – sie sprach explizit vom Genozid an den Armeniern („ermeni soykırımı“) – ist Canan Kaftancıoğlu auch in der eigenen Partei nicht unumstritten.

Manch einer hält der AKP noch zugute, dass sie die demokratische Prozedur, die Parteienkonkurrenz und den Schritt an die Urne nicht eliminiert hat und weiterhin das Risiko auf sich nimmt, Verluste zu erleiden. Der faschistische Charakter des Regimes liegt aber ganz anderswo. In Unterschied zu den Getreuen des Ayatollahs im Iran 1979 haben die Muslimbrüder Erdoğans den Apparat nicht revolutionär zerschlagen und einen eigenen nach ihrem Ebenbild begründet; sie haben viel mehr den real existierenden Staat infiltriert und erobert. Der Türkischen Republik ist die Krise seit Anbeginn inhärent, als ein Staat, der die Zerrissenheit zwischen Modernisierung und regressivem Erwachen, urbaner Entfremdung und anatolischer Dorfidiotie, ökonomischer Prosperität und Elend, Säkularisierung und islamischem Geltungsdrang und schließlich die Widersprüchlichkeit zwischen Gründungsmythos, Selbstbild und Realität beständig repressiv überbrückt hat. Die Muslimbrüder Erdoğans haben die düstere Tradition in der Republik, die empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige anderswoher auszutreiben, zum Staatsprogramm gemacht. Das Regime bedurfte bislang den Schritt zur Urne als Mobilisierung des Volkswillens, als Brüllkulisse für die Verächtlichmachung und Demütigung der von allen Seiten halluzinierten Feinde der Nation. Und es bedurfte einer Opposition, solange die Nation, verfleischlicht durch den Führer, über dieser als „Abtrünnige“ und „Vaterlandsverräter“ triumphiert. Zu verhindern wäre also, dass Erdoğan in den kommenden Tagen dem Brüllvieh zuruft, der 31. März ist ein „Geschenk Allahs“ – ganz so wie ihm der 15./16. Juli 2016 eines war.

Eine Opposition, die diesem Regime bedrohlich werden will, muss vor allem auch mit dem Mythos des unschuldigen und betrogenen Volkes brechen und diejenigen, die glücklich sind, weil sie sich Türken nennen, den Spiegel vorhalten, damit sie vor sich selbst erschrecken. Den faschistischen Agitator Erdoğan zu denunzieren, heißt der projektiven Krisenexorzierung zu entsagen und Mündigkeit einzufordern. In etwa so wie die protestierenden Frauen am 8. März in Istanbul, die ihre Pfiffe und Slogans gegen die polizeiliche Repression auch dann nicht einstellten, als der Gebetsruf aus einer nahen Moschee erklang. Nach Erdoğan hätten die Frauen nicht nur den Gebetsruf verächtlich gemacht viel mehr auch noch die blutrote Fahne.

Sonntag, 13. Januar 2019

Next door Idlib – Beobachtungen von der Südgrenze des Nordatlantikpaktes



Trump Is Right on Syria. Turkey Can Get the Job Done. There will be no victory for the terrorists.“
(Recep Tayyip Erdoğan als Gastautor der New York Times, 7. Januar 2019)

Bolton hat einen schwerwiegenden Fehler gemacht und wer auch immer so denkt, hat auch einen Fehler gemacht. In dieser Angelegenheit können wir keine Kompromisse eingehen.“
(Erdoğan über John Bolton, der zaghaft Sicherheitsgarantien für die kurdischen Alliierten einforderte.)

Während Donald Trump davon fantasiert, dass „Präsident Erdoğan“ ausrotten wird, was vom „Islamischen Staat“ übrig geblieben ist, übernehmen die Derivate der syrischen al-Qaida die Provinz Idlib nahezu in Gänze sowie Teile der Provinzen Hama und Aleppo und verleiben sich dort auch die ersten Dörfer im Distrikt Afrin ein. Die türkische Armee, die in Idlib stationiert ist, verharrt in Passivität, während die türkeiloyale „Nationale Befreiungsfront“ in die Flucht geschlagen wird. Selbst angesichts der Konfrontationen in Grenzdörfern wie Atmeh schreitet die türkische Armee nicht ein. Anders als ihre Helden in Afghanistan, die noch gezwungen waren, sich in Höhlen zu tarnen, herrschen die syrischen Derivate von al-Qaida nun über ein expandierendes Territorium entlang eines Teils der Südgrenze des Nordatlantikpakts. Die stärksten Verbände innerhalb der türkeinahen „Nationalen Front“ – Ahrar al-Sham und die den Muslimbrüdern nahen Faylaq al-Sham – eroberten noch im März 2015 Seite an Seite mit der syrischen al-Qaida, der al-Nusra Front, und unter dem Namen Jaysh al-Fatah die Stadt Idlib. Fusionsgespräche scheiterten schlussendlich am nationalistischen Flügel von Ahrar al-Sham, den ständigen Gerüchten über feindselige Intrigen und der sektiererischen Aggressivität gegenüber Brigaden, die nicht dieselbe Radikalität im Glauben teilen.

Über die Gründe der türkischen Passivität mag spekuliert werden – doch zweifelsohne rufen die vergangenen Tage Erinnerungen an den Fall von Aleppo-Stadt Ende des Jahres 2016 hervor. Die Einnahme des urbanen Ostens von Aleppo durch die Loyalisten Bashar al-Assads war weniger die zwingende Konsequenz militärischer Überlegenheit als die der drückenden Abhängigkeit der sunnitischen Militanten von der Türkei. Die Milizionäre der ahl as-sunna mögen darauf vertraut haben, dass der türkische Militäreinmarsch in Nordsyrien auch einen Korridor in das östliche Aleppo schlagen werde, in Wahrheit aber drängte Erdoğan, der mächtigste sunnitische Warlord in Syrien, die Militanten in Aleppo dazu, die urbane Front aufzugeben und in die nördlich gelegene Periphere abzusickern, wo die türkische Militärkampagne Fırat Kalkanı, das „Schild des Euphrats“, einzig noch die Verhinderung der territorialen Integrität eines säkularen und föderalen Nordsyriens verfolgte, doch längst nicht mehr eine direkte Konfrontation mit dem Damaszener Regime. Wie in jenen Tagen des Falls von Aleppo liegt die Vermutung nahe, dass Erdoğan dem Großmeister der Warlords, Vladimir Putin, Idlib überlässt, um in Manbij ermächtigt zu werden, eine weitere Militärkampagne zur Vernichtung der Föderation der Abtrünnigen zu beginnen.

Die Anwesenheit rivalisierender Akteure in der Provinz Idlib – unter ihnen auch Brigaden der „Freien Syrischen Armee“ – ermöglichte es bislang noch, dass manche Kleinstädte wie Atarib, Kafr Nabl oder Maarrat al-Nu'man zivile Strukturen verteidigen konnten, die nicht vollends vereinnahmt sind von der herrschenden islamomafiotischen Milizökonomie. Doch während der türkische Warlord Erdoğan als Gastautor der ehrwürdigen New York Times sich bei „Human Rights Watch“ zu bewerben schien, eroberte am Vortag die syrische al-Qaida das Städtchen Atarib. Vor einem Jahr beschwor Erdoğan – und die Führung der strenglaizistischen Cumhuriyet Halk Partisi (CHP) log mit ihm – die Einnahme von Afrin, zuvor ein säkulares Refugium und friedliebendes Binnenexil für Hunderttausende Syrer, als humanistische Geste: „Zunächst werden wir die Wurzeln der Terroristen abtöten, dann werden wir Afrin wieder lebenswert machen. Für wen? Für die 3,5 Millionen Syrer, die wir in unserem Land bewirten.“ Heute sieht die türkische Armee unaufgeregt zu, wie sich die syrische al-Qaida Dörfer im Süden des Distrikts Afrin krallt. Unterdessen werden syrische Kurden aus Afrin vor türkische Gerichte gezerrt und der „Zerstörung der Einheit des türkischen Staates“ beschuldigt und droht weiteren Abgeordneten der Halkların Demokratik Partisi (HDP) die Aufhebung der Immunität, weil sie gegen die Hinrichtung des iranischen Kurden Ramin Hossein Panahi protestiert haben. Zur Wahrheit über die türkische Katastrophe gehört auch, dass es der Dunstkreis der ultranationalistischen, aber islamskeptischen „Partei des Vaterlands“ ist, der am hysterischsten eine weitere Militärkampagne gegen das föderale Nordsyrien herbeibrüllt.

Man sollte sich daran erinnern, wofür genau die Anklage des türkischen Staates 142 Jahre Haft für den Oppositionspolitiker Selahattin Demirtaş fordert. Die schwerste Anschuldigung in der Anklageschrift betrifft die Herbsttage des Jahres 2014, als der „Islamische Staat“ nur noch wenige Straßenzüge davon entfernt war, die syrisch-türkische Grenzstadt Kobanê einzunehmen. Wochen zuvor überrannten die Soldaten des Kalifats die nordirakische Sinjar-Region, nahmen Kinder und Frauen zu Sklaven und ermordeten jene männlichen Eziden, denen nicht die Flucht gelang. Die genozidale Drohung, die sich dem kurdischen Kobanê Meter für Meter näherte, konnte von niemandem mehr geleugnet werden. Selahattin Demirtaş, der nunmehr seit dem 3. November 2016 inhaftiert ist, rief in jenen Herbsttagen zu gewaltfreien Protesten auf – für Solidarität mit Kobanê und gegen die Repression jenen gegenüber, die Kobanê verteidigten. Die türkische Anklage macht daraus „Volksverhetzung und Aufstachelung zur Gewalt“.

Wäre in diesen Tagen Kobanê an den „Islamischen Staat“ gefallen, hätten die Genozideure über einen durchgängigen Grenzstreifen von mehr als 200 Kilometern mit der Türkei geherrscht. Mit den Soldaten des Kalifats, darüber täuschte sich niemand in Ankara, ist Damaskus nicht zu erobern. Viel mehr begann der „Islamische Staat“ auch jene sunnitischen Militanten, denen die ausgiebige Generosität der Türkei gilt, in aufreibende Revierfehden um Territorien, Rekruten und theologische Reinheit zu zwingen. Und doch folgen die türkeinahe nationaljihadistische Islamische Front, die Brigaden der „Freien Syrischen Armee“, die syrische al-Qaida und der „Islamische Staat“ einem ähnlichen Koordinatensystem: Die Übernahme der Kontrolle über weitflächige Grenzstreifen oder gar Grenzübergänge zur Türkei war und ist eine der priorisierten Beuten der syrischen Katastrophe. Eine Schleuse zur Türkei garantiert ein logistisches Nadelöhr und stößt die Pforte zu einer lukrativen Schmuggelökonomie auf. Der Grenzübergang Bab al-Hawa etwa, der den syrischen M45 Highway von Aleppo nach İskenderun verlängert, wurde am 19. Juli 2012 von der „Freien Syrischen Armee“ unter Kontrolle gebracht. Im Dezember 2013 wurde sie von den syrischen Taliban der Ahrar al-Sham (als Mitglied der inzwischen nicht mehr existenten Islamischen Front) verdrängt, die im Juli 2017 dann vor der syrischen al-Qaida via Bab al-Hawa in die Türkei flüchteten.

Die syrische Katastrophe reizte in der Türkei eine Hochkonjunktur islamischer und panturanistischer Nichtregierungsorganisationen an. In der syrischen Hölle, wo das Aushungern eine zentrale Strategie des Regimes von Bashar al-Assad war und Menschen über Jahre auf wenigen Quadratkilometern eingeschlossen blieben, entschied über Loyalität und Rekrutierung als erstes ein funktionierendes Distributionssystem in den eingeschlossenen Distrikten. Wer die Mehlmühlen und Brotstuben kontrolliert, erzwingt Hörigkeit. Graswurzeljihadisten – humanistisch geschmückt als Caritas – wie İHH İnsani Yardım Vakfı, İmkander und İyilikder mit Nähe zum Staat der Muslimbrüder, Grüne Wölfe wie Yesevi Yardım aber auch klandestine Moscheen und diskrete Schleuser des „Islamischen Staates“ begründeten den logistischen Unterbau der sunnitischen Militanten in Syrien.

Doch wenden wir uns wieder den Herbsttagen des Jahres 2014 zu. Die türkischen Panzergrenadierbataillone, die selbst bei friendly fire durch den „Islamischen Staat“ geduldig auf den an Kobanê angrenzenden Hügeln ausharrten, bildeten einzig die absurde Kulisse für eine „next door“-Politik, die so ganz anders gemeint sein muss als von Donald Trump in diesen Tagen. Die Proteste gegen die türkische Passivität gegenüber dem „Islamischen Staat“ und dem aggressiven Einschreiten jenen gegenüber, die von der Türkei aus nach Kobanê wollten, um die Grenzstadt zu verteidigen, eskalierten alsdann. In Gaziantep und anderswo verbrüderten sich Polizisten mit militanten Grauen Wölfen, die Protestierende hetzten. Im laizistischen İzmir-Bornova traktierte eine nationalchauvinistische Rotte unter „Allahu ekber“-Gebrüll und dem Wolfsgruß den stark blutenden und leblos wirkenden Ekrem Kaçaroğlu, dem zuvor das gegossene Blei eines Polizisten traf. Der Kurde verlor Tage später sein Leben.

Doch am mörderischsten eskalierten die Proteste im Südosten, wo Freunde eines freien Rojavas auf Parteigänger der kurdischen Hizbullah trafen. Auch hier kam es zum Schulterschluss zwischen Polizisten und den militanten Feinden eines säkularen Kobanê. Einer ihrer (vermutlich im Iran oder im Libanon lebenden) Führungskader, Edip Gümüş, äußerte sich zuvor über den „Islamischen Staat“: „Diejenigen, die sagen, dass sie Muslime sind, können nicht unsere Feinde sein“. Die Hizbullah begann in den Jahren 1979 - 1980 als von Ruhollah Khomeini inspirierter sunnitischer Zirkel zur (Re-)Missionierung der mit Unglauben und Degeneration konfrontierten Kurden und endete als militante Todesschwadrone, die unzählige Abtrünnige bestialisch folterte und ermordete und „unkeusche“ Frauen mit Säure verätzte.

Im folgenden Jahr sollten die Schläferzellen des „Islamischen Staates“ in der Türkei selbst zu schlagen: am 6. Juni in Diyarbakır, am 20. Juli in Suruç, der Schwesterstadt von Kobanê, am 10. Oktober in Ankara. Die Toten waren ausnahmslos Oppositionelle, zumeist Parteigänger der HDP von Selahattin Demirtaş.


(Wer irritiert ist, dass in diesen Beobachtungen die deutsche Politik nicht vorkommt: das Auswärtige Amt bastelt an der baldigen Funktionsfähigkeit einer „Special-purpose entity“, eines eigenen Zahlungssystems, das das Business mit den khomeinistischen Mördern im Iran über ein Clearinghaus jenseits der internationalen Finanzmärkte ermöglichen soll. Man muss eben Prioritäten haben.)