Donnerstag, 8. Juni 2017

Von Molenbeek nach Rakka - eine weitere Unternehmung, die Katastrophen in Syrien, der Türkei und Europa in Konstellation zu bringen


„Sie haben Wind gesät und einen Sturm geerntet“, verhöhnt die türkische Gazette Yeni Akit die Toten von Manchester, deren einzige Schuld es war, von ihren Mördern damit identifiziert zu werden, was sie auszurotten drohen: die Liebe zum Leben. Der Schuldspruch, den Yeni Akit und andere Einpeitscher Erdoğans über die Toten sprechen, beschwört ein feindseliges Europa, das die Feinde der großen Türkei nährt. Dieselbe Gazette von Hasspredigern im Staatsauftrag schrieb beim Massaker in der Diskothek „Pulse“ im US-amerikanischen Orlando nicht ohne Freude vom Tod „perverser“ Homosexueller.

Dass es ganz anders ist, dass nämlich das Europa der Kumpanei noch jede türkische Provokation geduldig erträgt, erzählten die Tage nach dem erzwungenen „Ja“ zum Ermächtigungsgesetz Erdoğans. „Hırsız - Yandaş – YSK“ (Räuber - Gleichgeschalteter - YSK), dröhnte es in derselben Intonation wie die Hymne für den Führer „Recep - Tayyip – Erdoğan“ tagelang durch die Straßen von Beşiktaş und anderswo in Istanbul und Ankara. Die YSK ist laut türkischer Verfassung die höchste Institution der Wahlaufsicht, sie besteht aus einigen jener opportunen Juristen, die bei den systematischen Amtsenthebungen der vergangenen Jahre im Justizapparat übergeblieben sind. Am Abend des 16. April entschied ihr Vorsitzender willkürlich, mit bis zu 2,5 Millionen ungestempelten Wahlzettelumschlägen aus einem „Nein“ für das Ermächtigungsgesetz noch ein knappes „Ja“ zu machen. Tagelang hielten die Proteste gegen die erzwungene Perpetuierung der Präsidialdiktatur auf formaljuristischem Pfade an. Verhaftungen von inkriminierten „Rädelsführern“ und die konkrete Drohung des Repressionsapparates, die Proteste als Nachbeben des 15. Juli verstehen zu wollen, zermürbten schließlich auch die Mutigsten. Die Europäer, allen voran die Deutschen, saßen die Vertrauenskrise in den Führer geduldig aus. Genauso wie sie die Vorgänge nach dem niedergeschlagenen Militärcoup am 15. Juli des vergangenen Jahres aussaßen, von dem man inzwischen weiß, dass er unter der Kontrolle des Regimes ablief. Ende April schließlich erklärte Federica Mogherini im Namen aller Anderen, die Europäische Union respektiere das manipulierte „Evet“.

Die Proteste waren noch nicht ganz verstummt, da attackierten in der Nacht vom 24. auf den 25. April türkische F-16 die irakische Ruine Sinjar sowie das syrische Derik. Sie zerstörten unter anderen die Radiostationen „Dengê Rojava“ und „ÇIRA-FM“. Verstreut im Sinjar harren bis heute viele Überlebende des Genozids an den Eziden als Binnengeflüchtete aus. Die Nacht zum 25. April rief bei vielen von ihnen die Erinnerung an den 3. August 2014 hervor, als die Menschenjäger mit dem Siegel des Propheten über sie herfielen. Einzig das entschlossene Auftreten des US-amerikanischen Militärs zwang die Türkei ihre Aggression abzuschwächen, Europa dagegen schwieg sich aus. Was man Erdoğan schwerlich absprechen kann, ist ein Gefühl für historische Symbolik, denn der 24. April 1915 markiert den Beginn des Genozids an den anatolischen Armeniern. An diesem Tag wurden in Istanbul hunderte armenische Intellektuelle verhaftet, deportiert und schlussendlich ermordet.

In Wirklichkeit waren die türkischen Todesgrüße Teil der Rache, die Erdoğan an jenen nimmt, die sich der großen Türkei nicht als neo-osmanische Vasallen hergeben, an jenen also, die Erdoğans einziges Versprechen an Syrien, in der Damaszener Umayyaden-Moschee als Vorbeter aufzutreten, als die narzisstische Drohung verstehen, die sie unmissverständlich ist. Durch die Türkei fließt bis heute die logistische und materielle Versorgung militanter Muslimbrüder und ihrer ideologischen Derivate bis hin zur al-Qaida. Flankiert vom türkischen Souverän hat eine Parallelstruktur außerparlamentarischer Muslimbrüder, wie die berüchtigte İHH, einen militärisch-“humanistischen“ Komplex begründet, inklusive Benefizabenden, auf denen die Traditionslinie von Osama Bin Ladens Mentor Abdullah Azzam über das spirituelle Haupt der Hamas Ahmed Yasin bis hin zum kaukasischen Emir Dokka Umarov gezogen wird.

Die syrischen Taliban der Ahrar al-Sham haben noch vor Jürgen Todenhöfer, Vladimir Putin und Donald Trump der Türkei Erdoğans zum „Ja“ zur Präsidialdiktatur gratuliert. Ahrar al-Sham preist die Schlächter der afghanischen Taliban dafür, dass sie gelehrt haben, „wie das Emirat in die Herzen des Volkes gepflanzt wird, bevor es Wirklichkeit auf dem Boden wird“. Auch wenn Erdoğan noch nicht das Emirat in die Herzen der Türken gepflanzt hat, so hat er doch den Hass auf jene genährt, die die Kurden vom Islam zu entfremden drohen. Der Erdoğan hörige türkische Boulevard titelt von „Zoroastriern“ und „Feueranbetern“, wenn er die Staatsfeinde meint. Die notorische Yeni Akit beschuldigt die oppositionelle Halkların Demokratik Partisi (HDP), die Avesta, die heilige Schriftsammlung der Zoroastrier, gegen den Islam in Anschlag zu bringen. Nichts anderes als den organisierten Abfall vom Islam, so Yeni Akit mit ihren "Enthüllungen", verfolge auch die Guerilla.

Auf die militärische Unterwerfung des abtrünnigen Südostens folgte das aggressive Niederdrücken der kriminalisierten HDP: systematische Inhaftierungen kommunaler Amtsträger, die Zerschlagung der Gemeinderäte sowie Zwangsverwaltung ihrer Kommunen und schließlich die Inhaftnahmen der Parteivorsitzenden sowie mehrerer Abgeordneter. Dieser gelungene Militärcoup im Südosten ermöglichte es dem Regime, das Referendum über die Verfassungsänderung, die ganz konkret die formal-juristische Ermächtigung Erdoğans zur Präsidialdiktatur ist, systematisch zu manipulieren. Vor allem im Südosten kursierten die bis zu 2,5 Millionen ungestempelte Wahlzettelumschläge, die entgegen der eigenen Verfassung als gültig entschieden worden sind.

Das, was die faschistische Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen an der HDP verfolgt, sind nicht allein verloren gegangene Prozente. Bei aller Kritik etwa an dem demokratischen Irrsinn, seine Parteigänger als Volk, halk, anzusprechen, bricht die kriminalisierte Partei in Vielem mit den nationalen Mechanismen, in denen die falsche Einheit reproduziert wird. Wider eine Staatsfront aus Leugnern gedenkt sie der Ermordeten von 1915 und nennt die genozidale Annihilation der anatolischen Armenier bei Namen: soykırım. Sie versteht sich ausdrücklich auch als Partei der von tugendterroristischer Verfolgung Betroffenen wie Homo- und Transsexueller – auch gegen die alten Herren in der Partei, die sich eine konservative Volkspartei der Kurden wünschen – und solidarisiert sich mit den Toten und Überlebenden des Massakers in der Diskothek „Pulse“ in Orlando, wo dieselbe „faschistische Mentalität“ zugeschlagen habe, die jede Nicht-Identität auszurotten drohe.

Genau das ist es auch, was der Staat der Muslimbrüder an einem föderalen Nordsyrien so fürchtet. Konträr zum antilaizistischen Rollback anderswo, ist die nationale Disziplinierung mit islamofaschistischem Antlitz hier heute gefürchteter, ja: verhasster als irgendwo anders. Ein Gemeinwesen, was mit der Gewalt der Zwangshomogenisierung zu brechen verspricht, kann in Ankara nur als Drohung an ihr wahres Unwesen verstanden werden. In Nordsyrien hat man sich, zunächst klandestin organisiert und mit düsteren Aussichten, in Absehung der Konfession sich gegen die genozidale Bedrohung gestemmt. Der „Islamische Staat“ ist keine Verschwörung, es ist die Kontinuation genozidaler Homogenisierung: von der organisierten Ausrottung der „Ungläubigen“ in Anatolien im Jahr 1915, dem Gründungsverbrechen türkischer Staatlichkeit, bis zur „al-Anfal“-Militärkampagne Saddam Husseins. Dass die heutige Geografie des Todes der Geografie der Vergangenheit gleicht, mag mehr als eine bösartige Ironie der Historie zu sein. Nach Mosul, Aleppo sowie entlang des Khabur Ufers führten die Todesmärsche der anatolischen Armenier. Die vergessenen Vergessenen Verfolgten des Genozids von 1915, die Eziden, flüchteten zu Hunderten zu ihren Glaubensgeschwistern ins bergige Sinjar. Ihre ehemaligen Dörfer im türkischen Südosten sind heute verwaist oder islamisiert. Im Jahr 2014 dann flüchteten die Eziden zu Hunderttausenden aus dem Sinjar sowie die letzten verbliebenen Christen aus Mosul vor der genozidalen Bestie, die auch das Khabur Ufer, wo hundert Jahre zuvor für nur zu viele die Todesmärsche endeten, nach Beute abstreifte.

Die bürokratisch verfolgte Ausplünderung der anatolischen Christen einschließlich der Konfiszierung des „verwaisten“ Besitzes der Ermordeten initialisierte die ursprüngliche Akkumulation eines türkifizierten Kapitals. Die Genozideure trieben in der vorgetäuschten „Umsiedlung“ und schließlich im Mord zur Perfektion, was sie den Armeniern projektiv anlasteten: Hinterlist und Gier. Die Raubökonomie des „Islamischen Staates“ verfolgt keine initiale Akkumulation mehr, sie gilt einzig noch der finanziellen Absicherung ihrer selbstmörderischen Endschlacht gegen die Ungläubigen, etwa durch die Versklavung junger Frauen. Das Morden, die Demütigung der Ungläubigen, ist den Genozideuren zum reinen Selbstzweck geworden. Es ist einzig noch eine Akkumulation des Todes, deren genozidalen Züge auch einen Vorsprung in der Konkurrenz mit al-Qaida um die Anwerbung von Kombattanten verheißen.

„Wir können nicht zulassen, dass Sinjar zu einem neuen Qandil wird“, droht Erdoğan nunmehr seit Längerem. Dass die einzige militante Versicherung, die den auch von sunnitischen Kurden verfolgten Eziden bleibt, sich weigert, das Sinjar-Gebirge zu verlassen, ist der Türkei eine einzige Provokation. Nahezu fatalistisch dagegen ertrug die Türkei jahrelang die apokalyptische Existenz des „Islamischen Staates“ entlang ihrer Grenze zu Syrien, deren Emire noch in der anatolischen Provinz Schläfer positionierten. Selbst das suizidale Massaker in Ankara, der Kapitale der Republik, brachte den türkischen Souverän nicht dazu, die Nadelöhre der Schläfer zu verplomben, ihre Logistik konsequent auszuheben und die Mörder auch über Grenzen zu verfolgen – ein strategisches Kalkül und damit ein Kalkül des Todes. Es ist viel mehr das drohende Ende des „Islamischen Staates“ selbst, das an Erdoğans Nerven zerrt. Während die Türkei den Genozid an den Eziden seelenruhig zuließ und ihre Grenze als logistische Korridor für die islamistischen Menschenjäger offenhielt, brachen aus dem irakischen Qandil-Gebirge Guerillas der Hêzên Parastina Gel (HPG) und aus dem nahen Nordostsyrien militante Kurden der Yekîneyên Parastina Gel (YPG) nach Sinjar auf. Viele der dem Genozid entkommenen Eziden, unter ihnen unzählige junge Frauen, werden von ihnen in militanter Selbstverteidigung trainiert. Christliche Assyrer halfen dabei, den Fluchtkorridor von Sinjar ins syrische Cizirê zu sichern. In den Syrian Democratic Forces (SDF) haben sich Christen und Kurden mit Arabern und Turkmenen zur militärischen Zerschlagung des „Islamischen Staates“ vereint.

Einen knappen Monat nach dem Massaker an den französischen Satirikern von Charlie Hebdo reiste eine Delegation aus Syrisch-Kurdistan - unter ihnen die Kommandeurin der Yekîneyên Parastina Jin (YPJ – die Frauenarmee innerhalb der YPG) in Kobanê, Nesrin Abdullah, sowie die Co-Vorsitzende der Partiya Yekitîya Demokrat (PYD), Asya Abdullah – nach Paris. Eingehakt mit den Überlebenden von Charlie Hebdo traten sie auf die Straße, wo am 7. Januar 2015 die Freunde des Kalifats gnadenlos zugeschlagen hatten und schworen, die Toten des Massakers zu rächen. Die Delegation gedachte auch vor dem jüdischen Kaschrus-Markt Hyper Cacher den Ermordeten. Mit begrenztem Erfolg hatten die Angereisten zuvor selbst konkrete Solidarität eingefordert und daran erinnert, dass sie die universalen Werte der in sich gespaltenen Gattung Mensch und nicht allein sich, das heißt „ihr Volk“, gegen die Genozideure verteidigen. Als am 16. Juni 2015 die YPG und ihre arabischen und turkmenischen Alliierten das Grenzstädtchen Tel Abyad vom „Islamischen Staat“ befreiten, kursierten als erstes die Bilder von Frauen, die ihren Gesichtsschleier verbrannten, einige rissen sich auch jeglichen Schleier vom Haupt. Die Türkei drohte indessen mit Artillerie. In Manbij wiederholten sich die Bilder – und die türkischen Drohungen. Solidarität mit den gegen das Kalifat Kämpfenden heißt nicht, aus dem Gröbsten eine Heilsideologie zu machen und dabei im blinden Enthusiasmus zu ignorieren, dass auch dieser Organisation die Tendenz, dass ein Abstraktes – das Nationale – zum Selbstzweck werden kann, nicht völlig fremd ist. Wer sich jedoch darauf beschränkt, diejenigen der Kritik zu überführen, die aus der militant organisierten Selbstverteidigung ein quasi-religiöses Heilsversprechen machen, verhält sich nur spiegelbildlich zur internationalistischen Tristesse – kosmopolitische Solidarität sieht anders aus. Sie wäre die Verteidigung einer Hoffnung, die etwa darin ganz konkret revolutionären Ausdruck findet, wie Befreiung gefeiert wird.

Der Kampf gegen das Kalifat wird ausdrücklich als einer gegen den islamistischen Feminizid geführt. „Frau – Leben – Freiheit“, ist der außerprotokollarische Eid, den die weiblichen Rekrutinnen der YPJ sich schwören. „Wir als kurdische Kämpferinnen der YPJ begehen darauf, Rakka zu befreien“, so Cihan Ehmed, die Armeesprecherin für die Militäroperation „Zorn des Euphrats“. Wer ihre militärische Organisation als ein Instrument von anderen oder als einen Dolchstoß wider die syrische Opposition denunziert, wie es unter Freunden der „syrischen Revolution“ gängig ist, verhöhnt diese jungen Frauen, die wissen, was ihnen vor allen anderen unter dem Kalifat droht. In Wirklichkeit bringen sie gegenüber der syrischen Katastrophe als einzige noch das Gröbste an Humanität und Freiheitsdurst in Anschlag. Die militärische Logik der Brigaden und Bataillone militanter Sunniten entspricht nicht anders als die des Regimes von Bashar al-Assad, des klerikalfaschistischen Irans sowie seiner Hezbollah den fatalen Mechanismen einer Ökonomie der Warlordisierung und Konfessionalisierung. Das Rekrutierungsbecken der sunnitischen Militanten ist die ländliche Peripherie der Großstädte. Ihre ökonomische Nichtigkeit unter einem Regime konfessioneller Cliquen und die brutale Repression traf hier auf landläufige Frömmigkeit, die Agitation durch Moscheen und salafistische Wanderprediger und schließlich auf die Generosität türkischer Muslimbrüder und saudischer Missionare.

Man kann kein Freund eines Führerkultes sein, wie er allen Organisationen in Berufung auf Abdullah Öcalan eigen ist, und es fiele noch einiges anderes ein, was der Revolution in Rojava nicht zu Ehren reicht. Was ihr aber zu Ehren reicht, ist ausreichend, sie in aller Entschiedenheit zu verteidigen: ihre entschlossene Front gegen die militante Konterrevolution, als Frauen gegen den Femizid, als „Abtrünnige“ und „Feuerbändiger“ gegen die genozidale Homogenisierung unter dem Siegel des Propheten. Dass sie wider das Kalifat eine Idee von Sozietät propagiert, die Religion aus der Politik verbannt, die Selbstbefreiung der Frauen als wechselseitige Bedingung der Befreiung von der syrischen Diktatur behauptet, ist ihr Verdienst, das den Hass der Freunde des Todes auf sich zieht. Die Freunde eines föderalen Syriens sind nicht zufällig in die militärische Konfrontation mit dem „Islamischen Staat“ hineingerutscht, sie sind ihr natürlicher Erzfeind. Anderswo drohen weitere Konfrontationen. Die irakischen Hashd al-Sha’bi verweigerten jüngst ezidischen Militanten den Zutritt in das zuvor noch in Kooperation befreite Siba Sheikh Khidir, südlich von Sinjar, mit einer Begründung, die nicht überraschen sollte: dass auch Frauen unter den Militanten sind, verstieße gegen Gottes Gesetz. Die Hashd al-Sha’bi sind eine Allianz vor allem schiitischer Milizionäre, offiziell unter der Kontrolle von Baghdad sind sie der verlängerte Arm der iranischen Qods-Pasdaran. Die mächtigsten Milizen unter ihnen – Badr Corps, Asa'ib Ahl al-Haq, Kata'ib al-Imam Ali – kämpfen auch in Syrien.

Iran und Hezbollah, Bashar al-Assad und Vladimir Putin kalkulieren wie die Türkei darauf, dass die Befreiung von Rakka durch die Syrian Democratic Forces und US-Amerikaner scheitern wird. Der Iran propagiert in diesen Tagen den Marsch auf al-Tanf, wo die oppositionelle „Freie Syrische Armee“ kürzlich den „Islamischen Staat“ verdrängt hat. Ihr Kampf gegen den „Großen Satan“, die US-Amerikaner, an der südlichsten syrisch-irakischen Grenze soll dem Regime Bashar al-Assads und der Hezbollah den militärischen Nachschub, Menschen und Material, aus dem Irak und Iran sichern. Im Irak dagegen genießen die iranhörigen Shiah-Milizen eine US-amerikanische Flanke über Mosul.

„Sie haben Wind gesät und einen Sturm geerntet“, heißt es bei Yeni Akit und ganz ähnlich bei Michael Lüders. Aus der expliziten Drohung von Seiten der Hassprediger Erdoğans spricht die Verachtung für jene, die das Leben mehr lieben als den Tod und auf die das Trällern einer jungen emanzipierten Frau mehr Wirkung hat als das agitatorische Gekeife des Reis. Bei dem deutschesten unter den deutschen Orientexperten, Michael Lüders. ist es der moralische Ellenbogen gegenüber den US-Amerikanern und die Einfühlung in die orientalische Despotie, ganz im Interesse des deutschen Exports. In Wirklichkeit haben beide, Europäer und US-Amerikaner, die Saat des Hasses, den der politische Islam zum Lehrauftrag macht, hingebungsvoll gegossen. Während die Militärdiktaturen in Ägypten und Syrien die Muslimbrüder an manchen Tagen brutalst verfolgten, weil diese erstere als unislamisch denunzierten und revolutionär zu zerschlagen drohten, würdigte man in Europa die Exilanten für ihre antikommunistische Überzeugung und calvinistische Strenge im Gebet wie im Geschäft. Es war zunächst vor allem die antikommunistische Funktion, die der politische Islam so präzise einzunehmen vermochte wie nur wenige andere Ideologien.

Von der Moschee im idyllischen München-Fröttmaning aus spannten die ägyptischen und syrischen Muslimbrüder ihre Intrige gegen die Freiheit über halb Europa. Im Centre islamique de Genève und anderswo lehren sie bis heute die präventive Konterrevolution, die als erstes und am unnachgiebigsten die Mündigwerdung der Muslime abzuwenden droht. In Genève traf auch ein gewisser Albert Friedrich Armand Huber auf die Muslimbrüder, er konvertierte schließlich 1962 zum Islam und rief sich nunmehr Ahmed Abdallah al-Swissri. Ahmed Huber, der in Ägypten auch auf den berüchtigten NS-Kollaborateur Mohammed Amin al-Husseini sowie den zum Islam konvertierten NS-Propagandisten Johann von Leers traf, steht für die Kontinuität der beiderseitigen Faszination von faschistischen Ideologien europäischem Ursprungs und politischem Islam sowie panarabistischer Erweckung. Was sie eint, ist der Hass auf die Juden und alles, was diese zu personifizieren haben: kommunistischen Klassenhass, die Verweichlichung des Mannes, die bedrohliche Moderne, das abstrakte Moment des Kapitals.

Doch Komplizen haben die Agitatoren Allahs bis heute nicht nur unter europäischen Faschisten. In Bruxelles-Molenbeek und anderswo händigt ein tödlicher saudisch-belgischer Pakt die maghrebinische Diaspora an die Imame des Henkerreiches aus. In Großbritannien ist es unrühmliche Tradition einer schlanken Sozialpolitik, Immigranten – wenn sie sich nicht selbst daraus freikaufen können – mit ihrem rassistisch gesetzten „Ursprungsmilieu“ aus Imam und familiärer Idiotie allein zu lassen. Im Jahr 1981 etwa initiierte die Stadt Bradford einen Council of Mosques, der nunmehr als informeller Unter-Souverän in der islamisierten Community auftrat. Am 14. Januar 1989 verbrannten seine Moscheegänger auf Bradfords Straßen symbolisch die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie. Der Ratsvorsitzende der Moscheen von Bradford forderte den Tod des abtrünnigen Literaten. „Ich würde mein Leben und das meiner Kinder opfern, um die Wünsche des Ayatollahs (Khomeini) wahr zu machen“, so der vom Staat zur kommunalen Autorität erhobene Hassprediger. Säkulare Immigrantenvereinigung, wie das Asian Youth Movement, wurden in jenen Jahren von beiden Seiten zermürbt. Die Mordkampagne gegen Salman Rushdie fungierte dem schiitischen Iran der Ayatollahs als ideologische Einfallsschleuse in die vor allem sunnitischen Immigrantenmilieus Großbritanniens. Und nicht zu vergessen, dass die autochthone britische Sozialdemokratie seit Jahren von ähnlichen Antisemiten beherrscht wird wie die Islamische Republik Iran.

Mit Anbeginn des Imports von Menschenmaterial aus Anatolien, das hemmungsloser als das autochthone aufgerieben wurde, weil als garantiert galt, dieses alsbald wieder abzuschieben zu können, fungierte nördlich wie südlich der Alpen allen voran der türkisierte Islam als Wächter über die Segregation. Womit die vor allem anatolischen Immigranten tagtäglich konfrontiert waren, war natürlich ihre rassistische Verächtlichmachung. In ihrer Wirkung war diese aber nicht „antimuslimisch“. Vielmehr gewährte in der Fabrik die deutsche Direktion das rituelle auf die Knie fallen, solange dieses davon abhielt, sich gegen die Despotie der Fabrik zu erheben. 1978, im Jahr antialevistischer Pogrome in Kahramanmaraş und anderswo in der anatolischen Provinz, war es dem Rudelführer der Grauen Wölfe Alparslan Türkeş überlassen, auf einer stationären Großdemonstration in der Westfalenhalle den Tod der kommunistischen Feinde der Türkei anzudrohen. Zuvor verhalfen ihm christsoziale Antikommunisten, allen voran der spätere bayrische Ministerpräsident Strauß, in der hessischen Provinz zur Gründung der Türk Federasyon, der zentralen Aktionsplattform der Grauen Wölfe.

Während der Pogrome an Aleviten – identifiziert mit sexueller Freizügigkeit und kommunistischer Subversion – kam es zu spontanen Verbrüderungen der rivalisierenden Banden aus Grauen Wölfen und Parteigängern der Milli Görüş, der Ursprungsbewegung der türkischen Muslimbrüder, der auch der junge Recep Tayyip Erdoğan entkroch. Auch in der türkischen Diaspora bestand ihre Einigkeit einzig im Tod jener, die die nationale Nicht-Identität verkörperten. Aus ihren Moscheen kamen die Mörder von Celalettin Kesim, eines Berliner Kommunisten, den eine Rotte aus Grünen und Grauen Wölfen an einem Januartag im Jahr 1980 ermordet hat. Und aus ihren Moscheen kommen bis heute die Dialogpartner der deutschen Politik. Die Mörder von Celalettin Kesim wurden mit kulturrelativistischer Einfühlung bedacht, der Ermordete mit Ignoranz und rassistischer Verächtlichmachung.

Unter der Totalität des Kapitals, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst widersinniger Zweck ist, bleibt kaum eine menschliche Regung von ihr unerfasst und droht jede Freiheit, die nicht ihresgleichen ist, unter dem stummen Zwang erdrückt zu werden. Der politische Islam steht noch in seiner aggressivsten Variante nicht außerhalb dieser Totalität. Doch ist es nicht der Seufzer der verächtlich gemachten Kreatur, den er religiös chiffriert. Viel mehr überführt er die Totalität des Kapitals in die Sphäre des religiös Absoluten und fordert das Opfer für einen höheren „göttlichen“ Zweck.

Die Angst und Paranoia gründen aus der tagtäglich ins Bewusstsein vorstoßenden Gewissheit darüber, als Exemplar der kapitalisierten Gattung zugleich für diese absolut fungibel zu sein. Die Selbsterhöhung des Frömmlers, der im Gebet und mit allerhand sich selbst auferlegten Zwängen der Selbstoptimierung zu Gefallen der herrschenden moralischen Instanz hinterherhetzt, mag für einen Moment über diese narzisstische Kränkung täuschen. Längerfristig ist es aber nicht die Innerlichkeit, die die Kränkung heilt. Die Selbsterhöhung des Gläubigen ist die der Rotte, die Einheit vor allem negativ realisiert: im Neid auf jene, die die aufgezwungenen wie selbst gewählten Entbehrungen nicht teilen; im Hass auf jene, die noch irgendwie an die Möglichkeit von individuellem Glück erinnern; in der vernichtenden Rache an jenen, denen die Liebe zum Leben noch nicht genommen ist. Es ist nicht der Seufzer der gequälten Kreatur, es ist ihr Todesschrei, der zuallererst dem Tod aller anderen gilt, wobei der eigene Tod als Märtyrer mit einkalkuliert wird.

Den ideologischen Apparat, der die religiöse Selbsterhöhung zum eliminatorischen Hass eskaliert, haben muslimische Immigranten nicht im Handgepäck nach Europa eingeschleppt. Die ideologische Zurichtung erfolgt auch nicht nach dem Do it yourself-Prinzip, wie etwa das Anrühren von Chemikalien. Sie hat einen logisch-historischen Ursprung, der eben nicht in eins fällt mit dem Ausritt Mohammeds und seines Gefolges in die Wüste. Das brutale Scheitern nachholender Modernisierung von Ägypten bis nach Afghanistan, zu dessen Vorwegnahme sich die Muslimbrüder bereits im Jahr 1928 gründeten, provozierte jene narzisstische Kränkung, die bei der Kollision der ruinösen Wirklichkeit mit dem eigenen Selbstbild permanent angereizt wird. Bei allen Regimes der Region, von der Islamischen Republik Iran über das pseudo-säkulare Syrien „arabischer Erweckung“ bis zum informellen Suppenküchenstaat der Muslimbrüder in Ägypten unter Sadat und Mubarak, installierte sich ein Erziehungsapparat, der den Reflex der ihnen Unterworfenen reizt, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige von anderswoher zu exorzieren. Allem voran wird die Existenz Israels schamlos funktionalisiert, das falsche Alibi dafür zu sein, die Modernisierung von Ökonomie und Staat nicht zu bewältigen. Wahrlich hatten die Freunde einer wirklichen Modernisierung, die viel mehr die religiösen Ketten zu sprengen hatten, auch unter US-Amerikanern und Europäern wie Charles Wilson und Jürgen Todenhöfer weniger Freunde als bärtige Antikommunisten. Und auch die Massenhysterie um den Ayatollah Khomeini faszinierte deutsche und französische Antiimperialisten mehr als die von nahezu allen allein gelassenen Frauen, die am 8. März 1979 noch gegen die Zwangsverschleierung anschrien.

Die Erziehungsdiktatur zur Unmündigkeit blieb nie auf die Unterworfenen, die im eigenen Staat verblieben, beschränkt. Die schleppende Modernisierung der Ökonomie in der Türkischen Republik etwa, deren Staatsgründungsmythos ein antiimperialistischer und zugleich antiarmenischer und antigriechischer ist, stand ab den 1960er Jahren in Abhängigkeit von der türkischen Diaspora. Mit dem Aderlass der Migration aus dem vor allem ländlichen Anatolien nach Europa sicherte sich die Türkei Deviseneinnahmen in Milliardenhöhe von Deutsch-Mark. Diese ökonomische Abhängigkeit der krisengeschüttelten Türkei von jenen zuvor Überschüssigen erforderte einen ideologischen Apparat, der über die Loyalität der Ausgereisten zum Vaterland eifersüchtig wachte. Vorherrschend waren in diesem staatstragenden Apparat jene Grünen und Grauen Wölfe, die in Türkei selbst an anderen Tagen noch von den Traditionslaizisten in Bürokratie und Militär unsanft ausgebremst worden waren. Von jenen Funktionären des „Volksislams“ türkischer oder pakistanischer Provenienz wird jene Saat der Unmündigkeit und der Opfermythen gepflanzt, aus dem auch der eliminatorische Hass der Mörder von Manchester keimt.

Von einem Europa der Kollaboration wird nichts anderes zu erwarten sein, als dass es sich in die Ideologien und Apparate derer einfühlt, die herrschen. Nachdem am 31. Mai durch ein suicide bombing mit über 150 Toten im afghanischen Kabul auch die deutsche Repräsentanz schwer beschädigt worden ist, erklärte eine Charakterfratze in Ministerwürden, dass die deutschen Beamten in Kabul vollends damit ausgelastet wären, den Schaden an der deutschen Repräsentanz in einen Bericht aufzunehmen, und so die Abschiebung eines jungen afghanischen Schülers aus dem fränkischen Nürnberg in die suizidale Hölle verschoben werden müsste. Wenige Stunden zuvor war der junge Mann von Polizisten über den Rasen geschleift worden, nachdem Mitschüler und er selbst sich der Zwangsausreise nicht demütigt gebeugt hatten. Einige Tage danach erklärte eine andere pausbackige Charaktermaske in deutschen Ministerwürden, man müsse auch Friedensgespräche mit den Taliban führen. Das alles ganz im Sinne deutscher Diplomatie: Denn das Recht auf Abschiebung lässt man sich auch von Terroristen nicht nehmen. Oder anders ausgedrückt: Man beharrt auf Abschiebungen nach Afghanistan ganz so als wäre es noch die einzige Standhaftigkeit, die die Deutschen dem politischen Islam entgegenzubringen vermögen.

Wenn überhaupt über ihre Lippen Worte der Pietät kommen, gelten sie deutschen Diplomaten, nicht aber jenen Afghanen, die tagtäglich um ihr Leben fürchten müssen in einem Kabul, in dem einst der revolutionäre Auftrag darin bestand, die Frauen vom feudal-religiösen Joch zu befreien. Hinterbliebene der Toten vom 31. Mai, sowie andere Afghanen drückten wenige Stunden später nach dem suicide bombing – vermutlich angerichtet durch die mit den Taliban alliierte Haqqani Guerilla – ihre Verachtung für die Taliban und andere islamistische Gangs auf der Straße aus. Als Ende April Gulbuddin Hekmatyar, einer der blutrünstigen Warlords Afghanistans, nach einer Amnestie nach Kabul heimgekehrt ist, beschmierten junge Afghanen mit dem Namen „Feiheitsliebende Jugend“ die riesigen Banner, die in Kabul einen Versöhnungsauftritt Hekmatyars ankündigten, mit blutroter Farbe. Hekmatyars islamistische Bikergang war dafür berüchtigt, dass sie Ende der 1970er Jahre junge unverschleierte Studentinnen mit Säure verätzte. Später trug Hekmatyar den Beinamen der „Schlächter von Kabul“. Das christsoziale Parteiblatt „Bayernkurier“ dagegen präsentierte im Jahr 1981 ihn und seine „Partei des Islams“ als „Freiheitskämpfer“, die „in den Bergen des Hindukusch auch unsere, der Völker Europas Freiheit verteidigen“. Jürgen Todenhöfer traf Hekmatyar persönlich wie auch Abdul Rasul Sayyaf, der später eine philippinische Organisation des Todes zu ihrem Namen inspirierte.

Am vorgestrigen Tag erklärte das Generalkommando der Syrian Democratic Forces, dass die Militäroperation zur endgültigen Befreiung von Rakka, der syrischen Kapitale des Kalifats, nun beginne. Der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım drohte sogleich mit Vergeltung, falls die „Sicherheit der Türkei“ tangiert werde. In der ersten Reihe der SDF kämpfen hunderte von jungen Frauen. Hoffen wir, dass jede einzelne von ihnen sobald wie möglich ihr Leben genießen kann und dass Rakka bald befreit ist. Lassen wir sie nicht allein.


   In Izmir während des Ramadans noch möglich, anderswo nicht mehr: Pride Parade, 4. Juni (Foto: Gözde Demirbilek/Kaos GL)

Wie desinteressiert und borniert gegenüber dem, was in der Türkei und anderswo geschieht, die Deutschen sind, verrät etwa, dass sich kein einziger deutschsprachiger Bericht über ein veritables Pogrom an einem Tag im diesjährigen Fastenmonat Ramadan findet. Circa hundert junge Männer attackierten unter dem Gebrüll „Allahu Ekber“ mit Wurfgeschossen eine Cafeteria auf dem Cebeci Campus der Universität Ankara, in der tagsüber junge Menschen aßen und tranken. Die Bedrängten halfen sich mit Barrikaden, um zu verunmöglichen, dass die Männer, unter denen einige mit dem Wolfsgruß drohten, in die Cafeteria einfallen. Der Slogan der Bedrängten, den sie den Aggressoren verzweifelt entgegenbrüllten: „Cebeci wird das Grab des Faschismus sein“ (Cebeci faşizme mezar olacak), verhallte schließlich in Polizeihaft für die Verfolgten. Lassen wir auch sie nicht allein.