Mittwoch, 1. Februar 2012

In Trauer um Mohammad Rahsepar


In der Nacht zum 29. Januar 2012 nahm sich Mohammad Rahsepar, ein Flüchtling aus dem Iran, in einer Würzburger Flüchtlingsbaracke das Leben. Für den 13. Februar ruft „Hambastegi“ (auch: IFIR), eine Assoziation iranischer Flüchtlinge, zu Protesten gegen die Kasernierung des überflüssigen Lebens auf. Dem schließen wir uns an.

Flugschrift von den NeocommunistInnen, „Das grosse Thier“ und Cosmoproletarian Solidarity.

Alles weitere hier.

Montag, 30. Januar 2012

„Ich, nur ein Staubkorn … “

„Ich, nur ein Staubkorn des Vaterlandes“, so die Direktive der Islamischen Republik Iran an das überflüssige Leben. Die khomeinistische Despotie hat sich mittels der kontrarevolutionären Mobilisierung der Überflüssigen, die Basij-e Mostaz'afin, als Souverän des Irans konstituiert. Die durch brutalen Mangel in die Städte Getriebenen, die in einer nicht weniger brutalen Konkurrenz um die Funktionalisierung als kapitalproduktives Material ihren Unwert erfuhren, wurden die Rekrutierungsbasen des Khomeinismus. Gegen die Kälte der kapitalistischen Moderne rekurrierte dieser auf die eingebrannte Bande des Schollenzwanges: Brosamen und heilige Verse („Marg bar Esraiil“) gegen Loyalität dem Klerus. Zunächst als Straßenkommandos in der antimonarchistischen Revolution und gegen die wahren Revolutionäre, wie die Frauen des 8. März 1979, und dann im Krieg gegen den ba`thistischen Irak als atmendes und alsdann kriechendes und stöhnendes Kriegsmaterial: die Austreibung ihrer Überflüssigkeit durch den khomeinistischen Souverän im Iran war (und ist) die Verhüllung der Gedemütigten und Verächtlichten in Milizklüften und Chadors und letztendlich in Leichentüchern.

Der deutsche Beitrag hierzu ist es: jenen Menschen, die der khomeinistischen Krisenexorzierung sich verweigern und flüchten, ihre Überflüssigkeit vor dem Kapital wieder einzuhämmern. Man kaserniert sie ein, dass sie nur keine Freude haben an der Befreiung vom unmittelbaren Zwang khomeinistischer Despotie und sich wieder aus freiem Willen verflüchtigen. Mohammad Rahsepar, 29jähriger Flüchtling aus dem Iran, war einer von ihnen. Er nahm sich in der Nacht zum 29. Januar 2012 das Leben in einer Flüchtlingsbaracke, die früher Adolf-Hitler-Kaserne hieß.

Proteste hiergegen: hier.

Mittwoch, 11. Januar 2012

Kritik des Antiimperialismus


Mit ihrer jüngsten Verbrüderungsgeste an die despotischen Regime Irans und Syriens (1) appellieren deutsche Antiimperialisten an ihren Souverän, weiter das zu tun, was das Wesentliche deutsch-iranischer Kumpanei seit 1984 (spätestens 1992) ist: die Sabotierung eines konsequenten Sanktionsregimes gegen die khomeinistische Despotie. Nein – sie sind keine Pressure Group der deutschen Exportindustrie. Sie glauben ihre eigenen Lügen.

Souverän seien das „iranische und syrische Volk“, so der Appell. Bei wöchentlich dutzenden gefolterten und ermordeten Menschen in Syrien davon zu fabeln, das Volk sei souverän, verrät den Souveränitätsfetischismus nur noch als Kälte: als organisierten Solidaritätsverrat an den konkreten Individuen. Nicht nur, dass Souveränität nichts anderes heißt, als fähig zu sein, Menschen national zu formieren, sie auf Gehorsam bis in den Tod zu verpflichten und die Drohung, diesem Menschenmaterial Gewalt anzutun, im nächsten Moment zu realisieren. Der antiimperialistische Jargon von den Völkern affirmiert die Kasernierung der Individuen zu eben jenen Völkern. Er suggeriert, dass die zu Völkern subsumierten Individuen eines bis in den Tod gemeinsam haben, das im Souverän authentisch zu sich findet: die Autochthonität, die kapitalproduktive Mission oder beides wie bei den Deutschen. Wer von Völkern und nicht von den unglücklichen Individuen spricht, weiht die nationale Formierung: den „Triumph der repressiven Egalität“, das „Unrecht durch die Gleichen“ (2).

Nicht nur, dass dieser Antiimperialismus aus dem Fetischismus von Staat, Nation und Souveränität resultiert. Er reproduziert geopolitisch die ideologische Aufspaltung der kapitalen Totalität in konkret und abstrakt, in unschuldige Produktion und verdächtigte Zirkulation. Dass die fetischistische Spaltung des Kapitalverhältnisses unmittelbar aus den theologischen Mucken der Warenform resultiert, ist woanders nachzulesen (bei Interesse auch auf diesem Blog). Nur soviel: die Sozietät, deren Insassen wir sind, ist die der Ware und synthetisiert sich durch das Transzendentalsubjekt Wert. Der Wert aber ist eine „objektive Gedankenform“ (MEW 23, S.90), er camoufliert sich den Insassen der dem Kapital entsprungenen Sozietät als Natur, doch ruht seine gespenstische Existenz in dem wesentlichsten Verhältnis, das die Menschen einzugehen gezwungen sind: dem Tausch. Die Transsubstantiation der Dinge des Lebens zu Waren, die den zu Warenhütern gebannten Individuen sich doppelt reflektieren: konkreter Gebrauchswert und abstrakter Wert, der im Geld wieder konkretisiert wird, beseelt fetischistisch die Denkformen der Insassen dieser verrückten Sozietät. Es ist das Verhängnis der kapitalisierten Gattung, die kapitale Totalität ideologisch zu spalten und nicht revolutionär zu liquidieren, d.h. das Abstrakte zu konkretisieren und des weiteren zu personifizieren. Die fatalste Konsequenz dieses Konkretisierungswahns ist der Antisemitismus, der auf die bösen Gerüchte des religiösen Antijudaismus rekurriert: die antijudaistischen Figuren des Brunnenvergifters und Ritualmörders wandeln sich zu den antisemitischen Figuren des Parasiten im Wirtsvolk und Magiers der Zirkulationssphäre. Die durch religiöse Verfolgung erzwungene Mobilität der Juden, als Wurzellosigkeit denunziert, wird mit der „Magie des Geldes“ ((MEW 23, S. 107) identifiziert; die kapitalproduktive Ausbeutung in der Produktion dagegen als höhere Gewalt und Mission zugleich naturalisiert: die Fabrik als Nest der Autochthonen. Der Kronjurist der Deutschen, Carl Schmitt, charakterisierte den Juden als „ein Metöke“, der das konkrete, weil in Boden, Staat und Kirche verwurzelte Recht suspendiere und nur in einer „Gespensterwelt“ von Abstraktionen und Juristereien parasitär überleben könne (3). Konkret sei immer das Deutsche, abstrakt und künstlich das Jüdische.

Antiimperialismus als nationale Ideologie

Im Antiimperialismus wird die Gewalt des Souveräns getrennt in eine, die das fetischistische Bewusstsein als künstliche wahrnehmt, d.h. als imperialistische und in eine authentische, d.h. in die autochthone Tyrannei über die Eigenen, die im antiimperialistischen Jargon als nationale Souveränität etikettiert wird. Wer nun ein authentischer Souverän sei und wer nicht, darüber sind sich Antiimperialisten zumeist einig. Das schlagende Argument ist der Hass auf die USA und vor allem – dazu später – auf Israel. Wo der Antiimperialismus zur Staatsdoktrin wurde, wie in der Deutschen Demokratischen Republik, verriet sich der Hass auf Amerika offen als nationales Ressentiment: die Identifikation der abstrakten Zirkulationssphäre und der Sabotage der konkreten Produktion mit dem „Gift des Kosmopolitismus“. Das „vaterlandslose Finanzkapital“, die antinationalen „Finanzhyänen“ und „Dollarkönige“, die „Verderber des deutschen Volkes“ mit ihrer „Afterkultur“ versus der „echten, wahren Volksgemeinschaft“ aller „wahrhaft national denkenden Deutschen“ (4). Wenige Jahre nach den Euthanasiemorden des deutschen Faschismus rief die „Sozialistische Einheitspartei“ „alle gesunden (!) Kräfte der deutschen Nation“ zur „Befreiung der Nation aus den Klauen des Dollarimperialismus“ auf (5) – wo materialistische Kritik doch im Interesse der Entnazifizierung von einem Volk von Deutschmarkbestien zu sprechen gehabt hätte.

Wilhelm Langthaler, Agitator der Wiener „Antiimperialisten Koordination“ (AIK), und Werner Pirker, Autor der „jungen Welt“ (jW), aktualisieren diesen Hass, indem sie jenes zivilisatorische Moment Amerikas denunzieren, in dem trotz allem existierenden Rassismus die Hoffnung auf die Versöhnung der Gattung Mensch aufblickt: In ihrem 2003er Pamphlet „Ami go home“ nennen sie das US-amerikanische nation building durch Immigration einen Verrat der Flüchtigen an der verlassenen Heimat (6). Ihnen ist das Versprechen der Statue of Liberty an die „geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren“ (Emma Lazarus), nicht viel zu oft eine böse Lüge – denkt man an die systematische Asylverweigerung antisemitisch Verfolgter –, sondern das Stimulans eines antinationalen Egoismus. Zu einer solchen Verhöhnung jener Menschen, die vom Unglück getrieben sind, ist nur fähig, wer mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker die Gattung Mensch nach Autochthonen und Allochthonen sortiert und es in Blut und Boden verwurzelt sieht. Die US-amerikanische Staatsnation ist nicht autochthon, also kein authentisches Volk – hierin liegt der von Pirker und Langthaler denunzierte Makel.

Nicht zufällig, dass Pirker in seinen jW-Kommentaren die Palästinenser als „autochthone“ und „angestammte Bevölkerung“ etikettiert. Die Palästinenser sind ihm nur das funktionalisierbare Gegen-Volk zur Anti-Nation. In Pirkers Charakterisierungen des jüdischen Staates Israel reproduziert er fast alle antisemitischen Sterotypen: „Der Staat Israel, die Palästinenser können das aus leidvoller Erfahrung bestätigen, ist ein reales Gebilde. Und dennoch ist die Künstlichkeit seiner Existenz evident. Er ist ein Staat aus der Retorte.“ (jW, 24.04.02). Wo nicht auf Autochthonität, also auf Blut und Boden rekurriert werden könne, greife die zionistische Ideologie, so die verschrobene Pirkersche Staatskritik, die den Mangel an Naturhaftigkeit denunziert und somit die Fetischisierung von Herrschaftsverhältnissen reproduziert. Dass Israel „weniger aus sich selbst“ entkeimte, als viel mehr kraft eines militanten Überlebenswillens von zuvor kosmopolitisch verstreut lebenden Juden sich behaupten konnte, provoziert Pirker, der für den Staat als naturwüchsiges Gehäuse der Autochthonen agitiert. Indem Pirker definiert, was Israel ist – „ein Nationalstaat ohne Nation“, denn den Juden fehle „eine spezifisch jüdische Identität“, um eine Nation zu sein (ebd.) –, definiert er den wahren Staat: als souveräne Inkarnation nationaler Identitäten. Der Antizionismus Pirkers verrät sich so als Naturalisierung eines Gewaltverhältnisses. Denn nicht Folklore konstituiert eine Nation. Es ist die Identifizierung der Menschen als Objekte durch eine sich zentralisierende und zur Staatswerdung verschwörende Gewalt, die die Menschen einhegt und national formiert. Nationale Identität ist nicht positiv zu definieren, sondern nur als Zwang, der den Menschen angetan wird. Als ein solcher Zwang ist das Phantasma einer authentischen „nationalen Identität“ in einem revolutionären Schmelztiegel im Interesse der Menschwerdung der Deutschen und anderer Völker zu liquidieren.

Die Ideologie des authentischen Staates mittels Antizionismus reproduziert die jW nur zu oft: Israel sei eine „Apartheid-Architektur“ und ein „Staat ohne Nation“ (15.06.10) und so weiter. Bei anderer Gelegenheit denunziert die jW die Bemühungen des israelischen Staates, die antiisraelische Hetze zu entschärfen, als „Sabotage als Programm“ (24.02.10) und nennt die israelische Politik ein „Netzwerk der Manipulatoren“ (09.12.09). Der jüdische Unstaat erscheint in der jW als dauernde Verhöhnung von authentischer Herrschaft: sabotierend, manipulierend, die naturhaften Grenzen spottend. (Der internationale Antiimperialismus kam bereits zur äußersten Konsequenz seiner fetischistischen Spaltung der kapitalen Totalität: zu einem offenen Antisemitismus. Dem US-Amerikaner James Petras zufolge, der im deutschen Zambon-Verlag publiziert, müsse Israel ohne „Holocaustrentiers“ sich „produktiven Tätigkeiten“ widmen. Israel kastriere und demütige die US-Amerikaner, so Petras, und schädige US-amerikanisches Interesse. Auch in der jW wird gelegentlich suggeriert, die US-amerikanische Politik sei unter israelischem Diktat: „Zufrieden kann Tel Aviv dagegen mit (…) George W. Bush sein.“ (jW, 25.11.08))

Nicht eine Kritik der Gewalt intendiert der Antiimperialismus, anders würde er sich nicht mit der Kaserne Volk solidarisieren, sondern mit den empirischen Individuen, denen, etwa in Syrien, weder zuzumuten ist unter ba`thistischer Despotie noch unter den Muslimbrüdern, die in der Opposition vorherrschen, zu leben. Die Funktion der USA als militantes Auge des Wertgesetzes, d.h. als grenzüberschreitender Souverän, ist ihnen nur die Gelegenheit einer Rationalisierung ihrer Ideologieproduktion. Keiner ihrer toten Helden – Josef Stalin, Mao Zedong, Enver Hoxha, Gamal Abdel Nasser … - dachte an das einzig Vernünftige: mit einer Sozietät, die von den konkreten Individuen absieht, um sie als Exemplare der kapitalisierten Gattung zu konstituieren, die alsdann aus dem Blut und Boden einer Nation erwachen, Schluss zu machen, also Ware, Geld, Kapital und – nicht zu vergessen – Staat, Nation und Volk revolutionär zu liquidieren. Noch viel mehr: ihre Regime nachholender Akkumulation unter der Regie einer absolutistischen Partei reproduzierte das Unglück der kapitalisierten Gattung.

Eben jene US-amerikanische Einnahme der Funktion des militanten Souveräns hätte doch bei Interesse über die Fatalität des Kapitals – eben des ganzen, nicht nur das der „Finanzhyänen“ und „Dollarkönige“ – aufklären können. Nach der „Great Depression“ 1929 war die US-amerikanische Industrieproduktion auf die Hälfte zusammengeschrumpft, die Arbeitslosigkeit war dagegen von 1,5 auf 13 Millionen angestiegen. Weder stimulierte der keynesianische „New Deal“ die Kapitalakkumulation noch versprach der Antisemitismus – trotz eines virulenten Hasses auf jüdische Immigranten, die kommunistischer Subversion verdächtigt wurden – die überschüssigen Massen für Krieg und Raub zu mobilisieren. Während der deutsche Faschismus die nazifizierten Massen für die „Arbeitsschlacht“ mobilisierte und die „Motorisierung“ (Hitler) der Volksgemeinschaft als Hebel für die organisierte Krisenabwälzung auf die anderen Nationen forcierte, lagen noch 1939 in den USA fast ein Fünftel der Arbeitskräfte und über ein Viertel der Produktionskapazitäten brach. Erst der Krieg, den die Deutschen und Japaner den isolationistischen USA aufzwangen, bewältigte die Krise. Der antifaschistische Konter auf die militante Volksgemeinschaft der Deutschen bedurfte einer eigenen Kriegsmaschinerie, die zugleich die Krise kapitaler Akkumulation auskurierte, die Produktivkräfte revolutionierte und die Pax Americana sponserte. Nach dem 8. Mai 1945 war eine Re-Transformation der aufgeblähten Kriegsproduktion in eine zivile Warenproduktion nicht möglich ohne eine neue Krise zu riskieren. Militärische und zivile Produktion waren miteinander verknotet, der militärisch-industrielle Komplex wurde zum Garanten der Akkumulation des nationalen Kapitals. Auch im Interesse anderer fungierten die USA nun als militanter Souverän und trieben in Korea und Vietnam, in Nicaragua und El Salvador mit Napalm und Konterguerilla das kommunistische Gespenst aus.

Eine antimilitaristische Kritik dessen wäre nur möglich gewesen wider die projektive Entlastung, als die der deutsche Antiimperialismus fungierte. Verdrängt, dass es die Deutschen als Volksgemeinschaft waren, die das Vernichtungspotenzial des Kapitalsverhältnisses ausgereizt haben und deren antisemitische und raubkriegerische Exorzierung der kapitalen Krise 60 Millionen Menschenleben vernichtete. Die Deutschen, gestern noch Mörder und Arisierungsprofiteure, wurden nun, wie der militante Arm des deutschen Antiimperialismus, die RAF, 1976 schrieb, zur „autochthonen Bevölkerung“, kolonialisiert durch die „Reeducation-Kampagne“, des alliierten Versuchs der Entnazifizierung (7). „Unser Volk war die bereitwilligste Manövriermasse für die Kulturmonopolisten (…)“, so Diether Dehm, der hiermit seine Volkslieder für den „nationalen Aufbruch“ bewarb (8). Wäre es nur so gewesen – mehr Blue Notes weniger Musikstadl.

Die Agitation „gegen das Unterpflügen kultureller Traditionen“ (9), wo Kultur nur Idiotie ist, die sich zwanglos angetan wird, verrät näheres über das Subjekt einer solchen nationalen Erwachung: „Als formelles Subjekt“ ist das Individuum „nicht Herr seiner Identität, denn es hat keine Substanz. Seine Substanz als materielles Subjekt dagegen – die Arbeitskraft – ist variables Kapital (…) Es kann seine Stabilität, wenn auch prekär, überhaupt nur sichern, wenn es sich doppelt abgrenzt, wenn es sich distanziert von den Untermenschen und von den Übermenschen, wenn es rassistisch und antisemitisch fühlt, denkt und agiert.“ (10) Oder aber – möglicherweise als Konzession an eine halbe Reeducation – wenn es sich seine Identität einverleibt, indem es eine „andere“ deutsche Kultur halluziniert, für die neben Marx auch „Goethe, Heine und Brecht“ einvernahmt werden.

Die Charakterisierung der Unvernunft in der Welt als „Imperialismus“ suggeriert eben jene Welt als gallisches Dorf, terrorisiert von fremden Mächten, die die nationale Souveränität – also die Herrschaft von Nationalisten über Nationalisten – sabotieren. Verschleiert bleibt so die Totalität des Kapitals. Denn alle haben an ihr teil: das Chávez-Regime, das seine Sozialpolitik mit Rohölexporten in die USA finanziert, und so weiter. Und warum echauffieren sich Antiimperialisten über das Sanktionsregime gegen den Iran und Syrien, wenn diese nicht an dem Ganzen teilhätten, von ihm leben würden … Waren die antiimperialistischen Frontregime, der ba`thistische Irak und der khomeinistische Iran, nicht die willigen Akteure eines „grandiosen Petro-Dollar-Recycling“, die in diesem mörderischen Krieg das kriechende Staatsmaterial formten … (Zu fragen wäre nun, ob die derzeitige US-amerikanische Iran-Politik nicht ein ähnliches blutiges Szenario als Konsequenz haben könnte: einen blutigen Krieg zwischen dem Iran und seinen arabischen Feinden. So kaufte die Sharia Inc. Saudi-Arabien zuletzt 84 F-15 von Boeing im Wert von 30 Milliarden Dollar und auch die VAE und Kuwait ziehen bei der Hochrüstung mit.)

Der Imperialismus, materialistisch bestimmt, war jener mörderische Prozess der „ursprünglichen Akkumulation“ des Kapitals (MEW 23, S. 741- 791), der mit der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln und der Erbeutung von Gold, Silber, Arbeitskräften usw. allen voran durch die europäischen Mächte begann und mit der Einverleibung des letzten blinden Fleckens in die kapitale Totalität abschloss. Das universale Kapitalverhältnis basiert auf nichts als Gewalt, doch begegnet es den Insassen seiner Sozietät als ein stummer Zwang, der ihnen zur zweiten Natur und den liberalen Ideologieproduzenten zur invisible hand wird. Die Zerschlagung der Subsistenzproduktion – flankiert von El Nino, Dürren und Seuchen – resultierte zwischen 1876 und 1879 sowie zwischen 1896 und 1900 allein in Äthiopien, Indien, China und Brasilien im Hungertod von bis zu 60 Millionen Menschen. Sie starben, wie Mike Davis kriminalistisch nachspürt, in jenem Prozess, der sie in die Totalität des Kapitals integrierte. Nicht nur, dass die europäische Ideologieproduktion vom Hunger auf den Rassencharakter der Hungernden, als Vehikel von geringerer Produktivität, schloss. In jenen gottverlassenen Winkeln der ursprünglichen Akkumulation inspirierte diese einzige Katastrophe einen wahngeschwängerten Messianismus und apokalyptische Reiter: die chinesische Sekte Weißer Lotos, die Kommunarden um den katholischen Laienprediger Conselheiro im brasilianischen Canudos, der islamische Mahdismus im Sudan und auf Java ... Es sollten noch viel mehr werden.

Die Solidarität mit den Schwachen gegen die Starken ist eine seltene Sentimentalität des Antiimperialismus. Wo er sich konkret positioniert, tut er es im Namen krisenexorzierender Regime: etwa für den ba`thistischen Irak bis zu seinem Ende 2003 (jW, 19.3.03: „Saddam muss bleiben“) oder die khomeinistische Despotie im Iran. Dass der Irak im Beutekrieg gegen Kuwait sich kurieren wollte und seine lebendige Staatsmasse brutalst homogenisierte und Irak wie Iran tausende Genossen ermordeten und, mit deutscher Inspiration, die Krisen antisemitisch exorzierten, qualifiziert sie erst zu authentischen Adressaten antiimperialistischer Verbrüderung: in ihnen lebt sich die antiimperialistische Pseudomilitanz aus, die kritisches Denken vollends sublimiert hat. Saddam Hussein, dieser irakische Bismarck und von Deutschen befähigte Nervengiftmörder, war, wie die Wiener AIK am 30. Juni 2006 rühmte, „nicht nur ein Partisan, sondern ein Staatsmann“. Eine kleine Partei von Genossen aus dem Irak, die die Komplizenschaft mit islamistischen Halsabschneidern und ba`thistischen Killern zu kritisieren wagte,wurde von Wilhelm Langthaler in dem antiimperialistischen Fanzine Intifada (11/04) denunziert, dass sie „was ihre politische Tradition und Kultur betrifft, durch und durch persisch ist“, das heißt sie huldige den „Säkularismus der persischen Intelligenz“, sei also fern des autochthonen Volkes.

Als im Juni und den Folgemonaten des Jahres 2009 Massen an Menschen den regressiven Antiimperialismus der Islamischen Republik Iran und ihrer Apologeten zu blamieren drohten, sorgte sich die jW inniger als je zuvor um die Reputation einer Staatlichkeit, deren Praxis der Tugendterrorismus ist und für deren Heilsideologie – „The World without Zionism“ – die antisemitische Internationale sich begeistert. Die revoltierenden Massen von bis zu drei Millionen Menschen allein in Teheran denunzierte Werner Pirker unbeirrt als „asoziale Revolution“ und konstatierte beleidigt „die konterrevolutionäre Revanche an der Islamischen Revolution als Emanzipationsprozeß der Volksklassen“, denn „mit dem Führer der Habenichtse“, dem Schwulenmörder Ahmadinejad, würde vermutlich „auch die antiimperialistische Komponente aus der iranischen Revolution verschwinden.“ (jW, 20.06.09)

Die antiimperialistische „Solidarität mit den Völkern“ zielt auf Kumpanei mit Despotien, die Verbrüderung ist nicht an die Schwachen adressiert sondern an die Schlächter. Sie verschleiert das einzige Vernünftige – die Revolution für eine freie Assoziation freier Menschen – im Interesse der nationalen Frage um die Beute.

Auf seinem eigenen Terrain der Geopolitik ist der Antiimperialismus nur noch der trügerisch linke Flügel deutscher Ideologie. Nach Jürgen Gansel, Vordenker der „Nationaldemokratischen Partei“, habe der Islam in Europa „keine Existenzberechtung“, doch „unantastbar ist er dort, wo er historisch beheimatet ist“. Gegen Israel, dem Staat gewordenen „Völkerhaß“, und die Vereinigten Staaten von Amerika, diesem kosmopolitischen Bastard, gelte den Muslimen die „Solidarität von Nationalisten“. Und so verkörpere die Hamas den „palästinensischen Selbstbehauptungswillen“ und so seien die irakischen Suicide Bomber „Heimatverteidiger“. Folglich träumt auch die „Deutsche Stimme“ von einem „arabischen nationalen Sozialismus“ (DS, 02.05.2011), einer Achse der Souveränisten gegen die jüdische Anti-Nation. Es sind dieselben Kategorien des Antiimperialismus, in denen Rassismus und Antisemitismus von diesem Schlag sich geopolitisch reproduzieren: Autochthonität, Volk, Nation, Souveränität, Staat, Antizionismus, Anti-Nation.

(1) Appell: Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens, in: „junge Welt“, 05.01.2012. Unterzeichnet u.a. von Diether Dehm, Norman Paech und Rainer Rupp. (2) Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, FfM1988, S. 18. (3) Raphael Gross: Carl Schmitt und die Juden, FfM 2000, S. 60 ff. (4) Thomas Haury: Antisemitismus von links, Hamburg 2002, S. 350 ff. (5) Ebd., S. 367. (6) Siehe „Konkret“, 2/2004, S. 27-28. (7) Z.n. Michael Hahn: Nichts gegen Amerika, Hamburg 2003, S. 40. (8) Ebd., S.42. (9) Dehm im Gespräch mit der Jungle World 4/01. (10) Joachim Bruhn: Was deutsch ist. Zur Kritik der Nation, Fbg. 1994, S. 149.

Montag, 28. November 2011

Solidarität mit Aliaa Magda Elmahdy


“Put on trial the artists' models who posed nude for art schools until the early 70s, hide the art books and destroy the nude statues of antiquity, then undress and stand before a mirror and burn your bodies that you despise to forever rid yourselves of your sexual hangups before you direct your humiliation and chauvinism and dare to try to deny me my freedom of expression.”

Mit diesen Worten beschriftete Aliaa Magda Elmahdy aus Ägypten eine Fotografie ihres nackten Leibes, geziert nur mit roten Ballerinas und einer roten Haarschleife, auf ihrem Blog. Nicht, dass ihre Sinnlichkeit auch nur einen einzigen Häscher des Militärregimes bei dem Töten und Foltern irritiert; nicht, dass sie auch nur eine einzige Salve an Reizgasgranaten abwehrt. Doch in Tagen, an denen die Kämpfe zwischen Kaserne und Straße nur noch mehr Tote fordern, verspricht sie, der Hoffungslosigkeit trotzend, Versöhnung und provoziert in diesem falschen Ganzen doch vor allem Hass. Die Versöhnung, die sie verheißt, ist nicht erpresst im falschen Kollektiv, denn für dieses ist die Fotografie, zu der Aliaa sich gewagt hat, nur zu bedrohlich und so distanzierte sich auch die umrühmte „Bewegung des 6. Aprils“ von ihr. Die Kunst von Aliaa ist eine vereinzelte Revolte gegen den Tugendterrorismus, den die Herrschenden und nur zu oft die Beherrschten teilen, also gegen die erlebte Suspendierung des Individuums durch Kaserne und Straße.

“(…) I am not shy of being a woman in a society where women are nothing but sex objects harassed on a daily basis by men who know nothing about sex or the importance of a woman. The photo is an expression of my being and I see the human body as the best artistic representation of that.” (1)

In Ägypten ist spätestens seit dem Ende des nasseristischen Modernisierungsregimes ein Islam mit protestantischer Innerlichkeit aber militantem Antlitz erwacht: Religiosität verriet sich mehr und mehr als eine „Knechtschaft aus Überzeugung“ (Marx). Die Revoltierenden gegen die Despotie des Mubarak-Clans waren in der Masse nicht dazu gewillt, dem Tugendwahn ein Ende zu machen. Bereits in den ersten Tagen des „revolutionären“ Ägyptens verriet sich, dass der Zwang, der hinter dem unmittelbaren Zwang der Despotie herrscht, die Demontage des Mubarak-Clans überdauert – als wäre nichts geschehen. Nicht nur, dass die revoltierenden Massen nur zu still blieben, als am 8. März einige hundert Frauen, die für die Gleichberechtigung von Frau und Mann demonstrierten, attackiert wurden. Auch Aliaa wurde auf dem Kairoer Tahrir Square, diesem Symbol (wahrlich imaginärer) ägyptischer Volkssouveränität, für eine Geste der Zärtlichkeit: die Umarmung ihres Freundes, wiederholt Gewalt angedroht.

“I like being different. I love life, art, photography and expressing my thoughts through writing more than anything.”

In ihrem trotzigen Beharren auf Individualität und individuelle (eben nicht kollektive) Differenz findet Aliaa solidarisch zu anderen. Die Liebe ihres Lebens, Kareem Amer, erfuhr die Repression, die Ägypten beherrscht, nur zu brutal. Zuvor bereits wegen religionskritischem Blogging kriminalisiert und von der sunnitischen al-Azhar-Universität exmatrikuliert, nachdem er aussprach, dass sie gegen jeden ist, der frei denkt, verschwand Kareem in einem der dunkelsten Kerker des Gefängnisses Ägypten. Denn er wurde für schuldig befunden, den Islam sowie den Präsidenten Hosni Mubarak beleidigt zu haben. Vier Jahre seines noch jungen Lebens wurden dafür kassiert. Doch nicht nur der Repressionsapparat des Regimes und die religiösen Autoritäten der al-Azhar verschwuren sich gegen Kareem; viel mehr: sein eigener Vater forderte den Tod des Apostaten.

Seit dem Mai 2011 engagiert sich Aliaa in den Protesten gegen die Herrschaft der Militärs, deren Klassenjustiz seit dem 11. Februar des Jahres über circa 12.000 Menschen gerichtet hat. Einer von ihnen ist Maikel Nabil Sanad, Antimilitarist und Freund einer ägyptisch-israelischen Versöhnung. Aliaa begann nun, für Maikel, der die Armee beleidigt habe, sich zu engagieren.

Und nicht nur Hass schlägt Aliaa entgegen. So kursieren vor allem von iranischen aber auch von israelischen und ägyptischen Kritikern des Tugendterrorismus zurzeit dutzende Solidaritätsadressen an Aliaa (2).

So – sehr viel mehr weiß ich über Aliaa und ihre Freunde nicht. Ob sie zu einer Kritik einer politischen Ökonomie vordringt, in der das Ausbleiben des Gröbsten: dass keiner mehr hungern soll, als Schicksal der meisten Menschen sich zu verewigen droht. Und zu der Kritik der nationalen Neurose: der antisemitischen Projektion, zu der die tugendterroristische Triebunterdrückung und Triebabfuhr dauernd eskalieren – ich weiß es nicht. Doch mit ihrem sinnlichen Protest gegen die psychosozialen Agenturen der Herrschaft, zuerst gegen den religiösen Tugendterrorismus, erinnert sie, dass Revolution nur zu denken ist als Kampf um eine „emanzipierte Gesellschaft“, in der „man ohne Angst verschieden sein kann“ (3).

Apropos Solidarität: So eben las ich von 20 Flüchtlingen, die den Häschern des syrischen Regimes entflohen waren und nun in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze aufgetrieben wurden. Sie werden alsbald, vorerst nach Polen, abgeschoben. Das ist – neben dem Export von Repressionstechnologien und der Kumpaneibereitschaft gegenüber den Muslimbrüdern – der deutsche Anteil an den arabischen Revolten.

(1) Folgende Zitate sind aus einem Gespräch Aliaas mit CNN.

(2) Siehe etwa Firoozeh Bazrafkan, den Karikaturisten Ezel oder die Israelin Or Tepler.
(3) Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: GS Bd. 4., Frankfurt a.M. 2003, S. 114.

Donnerstag, 17. November 2011

Keine Frau, keinen Mann, keinen Rial für Khomeini und Krieg


Die Islamische Republik Iran müsse „in die Knie gezwungen werden“, drohte jüngst der deutsche Minister des Auswärtigen und schwor seine europäischen Amtskollegen auf ein totales Embargo ein. Nur mit scharfen Sanktionen spüre der Iran, dass „die Luft dünner wird“. Wahrlich sind die Worte so nie gesprochen worden, denn nicht auf die völlige Isolierung des Feindstaates Iran sondern auf das im nationalistischen Wahn sich atomisierende „Völkergefängnis“ Jugoslawien drängte Klaus Kinkel im Jahr 1992.

Übrigens war es Kinkel, der in den frühen 1990ern den „kritischen Dialog“ mit dem khomeinistischen Regime des Irans als eine gewiefte Taktik erschuf, unter widrigen Umständen Kumpane zu werden. Andere mächtige Kumpane aus Washington, London und Riad protestierten in jenen Tagen zunehmend gegen die deutsche Annäherung an den Iran. Doch die düstere Kulisse deutsch-iranischer Kumpanei gab folgendes ab: Nachdem am 6. August 1992 der nach Bonn exilierte Sänger und Regimekritiker Fereydoun Farokhzad ermordet wurde, wurde am 17. September 1992 in dem Berliner Restaurant „Mykonos“ über vier iranische Exilanten der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran, einer mit der „Sozialistischen Internationalen“ assoziierten Partei, gerichtet. Nachdem also das khomeinistische Regime im Jahr 1988 seine Gefängnisse von politischen Dissidenten gesäubert hatte – bis zu 12.000 Abtrünnige und „Heuchler“ wurden in jenen Tagen hingerichtet -, operierte der berüchtigte VEVAK, in dem Spionage, Repression und staatsterroristische Aktionen zu einem Ministerium gebündelt sind, nun blutig auf deutschem Staatsterritorium.

In der deutschen Regierung war man zunächst bemüht, die Handschrift des khomeinistischen Regimes an den Meuchelmorden zu verwischen. Im Oktober 1993, nur ein Jahr nach den Morden in Berlin, wurde der Mykonos-Verschwörer Ali Fallahijan, der den VEVAK führte, in das Bonner Kanzleramt sowie zu dem Kölner Verfassungsschutz und dem Pullacher BND eingeladen. Fallahijan hoffte auf Informationen über politische Flüchtlinge. Dass die Informationen ihm auch ausgehändigt wurden, bestritten die deutschen Amtskollegen, die wenige Monate zuvor nach Teheran gereist waren. Gesichert ist aber, dass in jenen Jahren, also lange vor Siemens-Nokia, deutsche Waren mit den Gebrauchswerten Repression und Tod in den Iran geliefert wurden (1). Im März 1996 gab der BGH dann einen Haftbefehl zu Ali Fallahijan heraus. In der Zwischenzeit starben bei einem antisemitischen Massaker unter der Regie Fallahijans, dem AMIA bombing, 85 Menschen in Buenos Aires.

Möge nun die koreanische oder chinesische Konkurrenz einen größeren Teil der iranischen Industrie, die zu zwei Dritteln auf deutschen Maschinen und Anlagen basiert (2), ersetzen, die Vereine und Verbände der deutschen Exportindustrie mühen sich noch um jede einzelne Schraube. Den Sanktionen ist es geschuldet, dass sie dies unter ständig wechselnden Namen tun. Kam es in der ersten Jahreshälfte 2009 noch dem traditionswürdigen, am 24. Mai 1934 von Siemens, I.G. Farben und Co. initiierten NuMO-Verein zu, das „tiefe Vertrauen“ des Irans in die deutsche Produktion zu festigen (3), wurde es alsbald still um den Verein mit dem Ehrenvorsitzenden Gerhard Schröder und ein anderer übernahm die Beratungen zu Inspektion und Zertifizierung von Exporten, Kredit- und Investitionsgarantien und ähnlichem. Zurzeit ist es eine Seilschaft aus dem Dunstkreis deutscher Mittelstandsverbände, die sich der Angelegenheit widmet.

Nicht, dass dies ein Skandal wäre. Es ist die bürgerliche Geschäftsordnung, in der der Gebrauchswert einer Ware, wie die Anti-Panzer-Rakete „MILAN 3“ der paneuropäischen Unternehmung MBDA, mit einem „verbesserten Tötungspotenzial“ beworben wird. Oder aber wie Bayer den Insektenkiller „Baygon“ 1996 in Guatemala: „Der plötzliche Tod ist eine deutsche Spezialität“. Reklame lügt nicht immer. Und doch ist es eine besondere Perfidität: den „ehrlichen Makler“ zu imitieren und Solidarität mit Israel als Staatsräson zu beschwören, aber nur dann sein Interesse im Iran zu stutzen, wenn das Risiko sich erhöht, woanders Einbüßen hinzunehmen. So fungierte die deutsche Bundesbank noch zu Beginn des Jahres als Vermittlerin existenzieller Geschäfte des khomeinistischen Regimes bis am 4. April dem Protest aus Washington nachgegeben wurde. Und so zögerte man bis zum 23. Mai die Sanktionierung der berüchtigten iranischen Staatsbank EIH hinaus, die bis dahin seelenruhig von Hamburg aus operierte.

Doch die deutsch-iranische Kumpanei ist nicht nur auf schnödes Interesse herunterzubrechen. Und so erstaunt es nicht, dass der akademische Flügel des NuMO-Vereins, das Deutsche Orient-Institut, über 30 Jahre von einem antisemitischen Kulturalisten geführt wurde: „Sheikh“ Steinbach.

Gerhard Schröder rügte bei seiner Stippvisite Teherans im Februar 2009 den Prügeljungen Mahmud Ahmadinejad, es gebe „keinen Sinn“ die Shoah zu leugnen – um dann mit seinem Freund Mohammad Khatami anheimelnd sich einzufinden, der eben mit Diskretion, also nur vor dem eigenen Mob, Israel eine „nicht heilbare Wunde im Körper des Islam“ nennt. Was den deutschen Freunden des „kritischen Dialogs“ jene „unnötigen Diskussionen“ (Schröder) sind, die an dem humanitären Antlitz der Kumpanei kratzen, ist dem khomeinistischen Regime Heilsideologie und Herrschaftskitt zugleich. Unter der Parole „Marg bar Esraiil“, „Tod Israel“, formiert sich das lebende Herrschaftsmaterial. Und umso prekärer die nationale Formierung – erinnert sei an den antifaschistischen Konter mutiger Iraner am al-Quds-Tag 2009 auf die Regimeparole „Tod Israel“ –, desto drohender werden die Worte Khomeinis, die er 1980 in Qom predigte: „Ich sage, lasst den Iran in Rauch aufgehen, wenn nur der Islam auf der übrigen Welt triumphiert“ (4). Dass der Khomeinismus nur durch die Vernichtung Israels triumphieren wird, daran lassen weder die Freitagspredigen des Klerus noch die mit der Parole „Israel muss ausgerottet werden“ beschrifteten „Shahab 3“-Raketen keinen Zweifel. Nicht abwegig die These, dass die iranische A-Bombe nicht auf Israel zielt, sondern auf einen kalten Krieg mit der sunnitischen Regionalkonkurrenz, also Saudi-Arabien und die Türkei. Auch möglich, dass das Regime einen andauernden Konflikt niedriger Intensität mit Israel, ausgetragen von seinen lokalen Filialen, vorzieht. Doch für Israel – wie für die Menschen im Iran, denen mit der A-Bombe die Geiselhaft droht – ist das Risiko eines nuklearen Irans nicht zu kalkulieren.

Herangewachsen ist die junge Bevölkerung Irans in dem achtjährigen Krieg mit dem ba`thistischen Irak. Der Krieg, der mit einer Aggression Iraks am 22. September 1980 begann und später vom Iran bis zum 20. August 1988 blutig verschleppt wurde, forderte bis zu 900.000 Tote. Beide Kriegsparteien verschlungen Unmengen an Kriegsmaterial, das von den Märkten, ohne Engpässe, in die Kriegsgräben nachgestopft wurde. Hans Brandscheidt spricht von einem „grandiosen Petro-Dollar-Recycling“ (5). Die Kriegsparteien kauften Kriegsgerät gegen Dollars, um diese zu realisieren, überschwemmten sie mit ihrem Rohöl die Märkte. Das Geld blieb also im bayrischen Ottobrunn, im steirischen Liezen und wo noch für den Krieg produziert wurde, während an der Front das Eingekaufte vernichtet wurde. Zugleich wurde so die Dominanz eines der beiden Regime über die Golfregion torpediert.

Berüchtigt die US-amerikanische Iran-Contra-Affäre, in der ein regierungsamtliches Racket unter anderem HAWK-Systeme in den Iran schmuggelte, mit dem Fremdzweck der Finanzierung von antikommunistischen Todesschwadronen in Nicaragua. Deutsche Kriegsprofiteure dagegen trumpften im Irak mit einer nationalen Spezialität auf: dem plötzlichen Tod. Südlich von Samarra begann man zu Beginn der 1980er in einer 160 Quadratkilometergroßen Sperrzone Pestizide zum „Schutz der Dattelernte“ zu produzieren. Beteiligt war, neben einem deutschen Klassiker wie die Preussag AG, der Nationaldemokrat Anton Eyerle, der nicht nur mobile toxikologische Labors lieferte, sondern in Saddam Hussein auch einen würdigen Erben Adolf Hitlers ersah. Für den Einkauf der brisanten Waren wurde am 17. April 1984 die Tarnfirma W.E.T. in Hamburg initiiert, in der mindestens ein Mann des BND involviert war (6). Die Datteln wurden sogleich an der Front geerntet. Bereits in den Jahren 1980 bis 1984 kam es zu circa 130 chemischen Attacken auf den Iran. Während der letzten Zuckungen des Krieges, am 16. und 17. März 1988, vergaste das ba`thistische Regime tausende Menschen in Halabja. Noch heute sterben dort Menschen einen qualvollen Tod oder leiden unter schwersten Nervenlähmungen und Fehlgeburten – Reklame lügt also doch.

Im März 1982 bekam die Wenzl Hruby KG aus Hamburg – über Vermittlung des BND – den Auftrag zugeschanzt, Iraker in Terrorismus-Bekämpfung zu befähigen und gemäß auszurüsten. Ein GSG-9-Veteran übernahm die physische Zurichtung der Truppe. Brisant war vor allem, dass die Iraker auch in dem Hantieren mit Kampfgasen instruiert wurden. Präsident des BND, der die deutsch-irakische Liaison arrangierte, war der erste Protagonist des späteren „kritischen Dialogs“ mit dem Iran: Klaus Kinkel (7). Die Kulisse der deutsch-iranischen Kumpanei war also auch für das khomeinistische Regime nur zu düster: Die deutschen Todeskrämer des Feindes wurden nun zu Komplizen.

Keine Frau, keinen Mann, keinen Rial für Khomeini und Krieg

Das khomeinistische Regime zwangrekrutierte während seines Krieges mit dem Irak die jüngsten und ärmsten unter den Armen. Tausende von Jungen wurden so ihren Familien abgepresst und zu Märtyrerkommandos formiert. „Der Spiegel“ (02.08.1982) erzählte vom Schicksal eines jungen Halbwaisen namens Hossein. In seinem Heimatdorf wurde jede Familie gezwungen, ein Kind an die Kamikazekommandos abzutreten. Hossein, der unter Kinderlähmung litt, war am leichtesten zu entbehren. Er überlebte den suizidalen Sturm auf die sich eingegrabene irakische Artillerie, gelangte also nicht in das ersehnte Paradies, sondern wurde Beute des irakischen Feindes. Heute vegetieren in den Kriegsinvalidendörfern Irans die Menschen dahin, nur gelegentlich gebraucht für die Aufmärsche des Regimes. Die Menschen im Iran haben bei einem Regime change also nichts zu verlieren außer Almosen, Milizklüfte, Märtyrertode und den einen oder anderen deutschen Freund – doch bei einem Krieg ist ihr Leben bedroht. So präzise die Bombardierungen iranischer Anlagen auch sein mögen, das Risiko einer weitflächigen atomaren Kontaminierung ist kaum zu kalkulieren. Krieg ist der brutalste Ausdruck der Unvernunft in dieser Welt. Doch nicht Israel, sondern die Islamische Republik Iran und ihre Komplizen treiben zum Krieg. Ein solcher ist nur zu sabotieren, indem die Möglichkeit des Irans, atomare Sprengköpfe auf den Shahab-3-Missiles zu konfektionieren, sabotiert wird.

(1) Zur Fallahijan-Affäre: u.a. FAZ, 13.10.1993; Der Spiegel, 25.10 u. 01.11 1993.
(2) So Michael Tockuss, ehemaliger Präsident der AHK Iran, in: Focus, 13.02.2006.
(3) Von einem „tiefen Vertrauen” in die Deutschen und ihre Produkte sprach der Botschafter des Irans, Ali Reza Attar, auf Einladung des NuMOV am 29. Mai 2009 in Berlin, siehe die NuMOV-Publikation WiFo, Juli/August 2009.
(4) Khomeini, in: „A Selection of the Imam’s Speeches, Teheran 1981, S. 109
(5) Brandscheidt, in: Saddam Husseins letztes Gefecht? (Hg. Osten-Sacken/Fatah), konkret texte 33, Hamburg 2002, S. 219.
(6) Ebd., S. 222-223; sowie hier.
(7) Ebd., S. 225-226; sowie hier.

Samstag, 29. Oktober 2011

Das Verhängnis der kapitalisierten Gattung


Eine Flugschrift aus gegebenem Anlass

„Wir werden es nicht zulassen, dass wie früher nur gewisse kleine Kreise den Profit der Arbeit anderer haben“, versprach Robert Ley, Organisator der NS-faschistischen Deutschen Arbeitsfront, im Jahr 1935 den Volksgenossen. Dass die Arbeit einen Sinn hat, wo sie doch nur die unmittelbarste Verwertungsagentur des Kapitals ist, dass sie einen „ethischen und seelischen Wert“ erhält, wo sie doch ein Zwang ist, dass aus ihr „ein Ideal“ entsprießt, eine „Ehre der Arbeit“ und aus dieser „eine gemeinsame Auffassung von Volk und Nation“, und dass dies alles gegen das „gewisse“ parasitäre ein Prozent erwehrt wird, blieb nicht nur ein feuchter Traum eines faschistischen Karrieristen wie Robert Ley: es eskalierte in der Vernichtung durch Arbeit.

Der Wahn endete nicht mit dem 8. Mai 1945 und der Zwangspazifisierung der Deutschen. Dass er bis heute Staats- und Volksauftrag der postnazistischen Charaktermasken des Kapitals ist, verrät sich auch in der jüngsten Krise. So ist auch die deutsche Variante der „Occupy Wall Street“-Bewegung nur ein weiterer Ausdruck des deutschen Arbeitswahns. Und so falsch liegen die hiesigen „99 %“ nicht, wenn sie sich als die 99 Prozent der Deutschen brüsten. Um nur zwei der Namhafteren unter den letzteren zu nennen: Die Produktivbestie Hans-Ulrich Jörges, die bei anderer Gelegenheit das Kalkül des Staates, die mit ihm identifizierten Überschüssigen nicht dem Hunger zu überlassen, eine „wahre Honigroute zum Kommunismus“ nannte, ruft nun auf, der „Realwirtschaft (zer-)störenden Spekulation muss das Kreuz gebrochen werden“. Und Johannes Singhammer, ein Mann aus der Politik, stimuliert das nationale Gedächtnis. Zu erinnern sei, wie nach dem 8. Mai 1945 die Deutschen sich von „tiefster Zerstörung und menschlicher Erniedrigung“ befreiten: mit „ehrlicher Arbeit“. Ein knochenbrechender Malthusianismus, nach dem nur wer arbeitet ein Existenzrecht habe, und die Mystifikation einer Schicksalsgemeinschaft der nationalen Arbeit – auch das sind die 99 Prozent.

Was den Deutschen eine Mission ist – und im Worst Case ein Mandat zum Pogrom: die produktive oder eben „ehrliche“ Arbeit, ist dem materialistischen Kritiker Marx nur „ein Pech“, unmittelbares Verwertungsmittel des Kapitals, gewesen (MEW 23, S. 532). Die Spaltung der kapitalen Totalität in Produktions- und Zirkulationssphäre aber ist die Basisideologie der kapitalisierten Gattung – nicht nur des germanisierten Teils –; sie ist die ideologische Reproduktion des Kapitalverhältnisses im Medium seines ureigenen Fetischismus.

Das Geld ist den Individuen der materielle Repräsentant einer Abstraktion, die sie Tag für Tag bewältigen ohne ein Bewusstsein von ihr zu haben. Dass die sinnlich so verschiedenen Dinge des Lebens einen Wert haben, dass die Dinge unter den einheitlichen Charakter der Ware gezwungen sind, ist ihnen zur zweiten Natur geworden. Der einzelne Mensch als „Eigentümer bloßer Arbeitskraft“ (MEW 23, S. 892) ist gezwungen, die Arbeitskraft gegenüber seiner Individualität zu objektivieren und sie als die ihm einzig eigene Ware zu vermarkten.

Im Tausch wird vom konkreten Gebrauchswert der Produkte abstrahiert, indem man die Waren als Werte identisch setzt, das heißt: sie werden gegen Geld, das die Äquivalentform zu allen anderen Waren annehmt, getauscht. So wird aber von der Eigenheit der einzelnen Arbeitstätigkeit abgesehen: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es“, heißt es bei Marx von den Exemplaren der kapitalisierten Gattung, die im Tausch von der konkreten Arbeit abstrahieren, indem sie die Produkte ihrer Anstrengung als Waren, also Werte gleichsetzen (MEW 23, S. 88). Wie die Waren als Werte qualitativ gleich sind, so sind es auch die verschiedenen konkreten Arbeiten, die in der Warenproduktion angewandt werden: als abstrakte gesellschaftliche Arbeit. Im Tausch gilt die vernutzte Arbeitkraft, also verstorbene Arbeit nun mehr als ein bestimmtes Quantum Wert produzierender Gesamtarbeit.

Der Wert existiert nur durch das soziale Verhältnis der Menschen zueinander, das aber nur das Selbstverhältnis des Kapitals ist, weil die Selbstverwertung des Werts mit der Selbsterhaltung der in die Subjektform gebannten Individuen (1) identisch zu sein scheint. Er existiert nur in den Denkformen, die den Direktiven seiner Verwertung gehorchen und so sich objektivieren. So wird er real ohne konkret zu werden: er ist eine Realabstraktion. Und real ist das Abstrakte des Kapitalverhältnisses nur darin, dass es den Menschen zum stummen Zwang wird, dass es sie zu existieren, zu überleben erst befähigt: Wer nicht arbeitet, der frisst auch nicht.

Der kapitalisierten Gattung ist die bewusstlos getätigte Realabstraktion des selbstzweckhaften und den Fetischismus beseelenden Arbeitens die Bedingung ihrer Existenz: der Tribut an den stummen Zwang. In der (nicht nur deutschen) Ideologie wird dieser Zwang als „ehrliche“ Arbeit vor sich selbst verschleiert.

Das Geld, womit die Produktivbestien sich konfrontiert fühlen, ist nur die „unmittelbare Existenzform“ der abstrakten Arbeit (MEW 13, S. 42). Doch die kapitalisierte Gattung verliert davon jede Spur: Die „vermittelnde Bewegung“, in der die Ware Geld die Äquivalentform zu allen anderen Waren annehmt und so erst zu Geld und alsdann zu dem Gott unter den Waren wird, verschwindet „in ihrem eigenen Resultat“; es reflektiert sich den Warenhüter nun mehr als „die Magie des Geldes“ (MEW 23, S. 107). Geld und Kapital sind zwar nichts anderes als akkumulierte Waren in abstrakter Form, doch in diesen Formen spuken die Produkte vernutzter, also verstorbener Arbeitskraft als vollends eigenlebige, „automatische Subjekte“ (ebd., S. 169).

Die nicht-bewusste Form der Abstraktion, die die Warenhüter tätigen, wird ihnen erst in der Geldform in verkehrter und verkehrender, also fetischistischer Form bewusst. „Das Geld ist das real Abstrakte zum Anfassen, es enthält als einzige Bestimmung alle anderen Waren, nur keinen ihrer Gebrauchswerte.“ (2) Das Kapital in seiner mystifiziertesten Form: „der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld“, trägt schließlich „keine Narben“ seiner Genese mehr (MEW 25, S. 405); viel mehr: es ist als hätte es sich von seiner eigenen Genese vollends emanzipiert. Nichts erinnert die Warenhüter noch daran, dass es die produktive Arbeit ist, die die Substanz der gespenstischen Existenz des Werts ist. Die rätselhafte Metamorphose von Geld in mehr Geld schwebt über den Warenhütern als „eine prozessierende, sich selbst bewegende Substanz“ (MEW 23., S. 169), wo sie doch in Wahrheit das Resultat kapitalproduktiver Arbeit ist. Die dinglichen Objekte, also Ware, Geld und Kapital, transformieren zu übermächtigen Subjekten und die in die Subjektform gebannten Individuen zu ohnmächtigen Objekten. Diese Verkehrung wird von den Menschen Tag für Tag authentifiziert: „indem es das Kapital ist, was da in ihnen denkt, hat es sich selbst reproduziert.“ (3)

Nicht nur, dass die „99 %“ den Fetischismus des Kapitalverhältnisses reproduzieren, indem sie dieses ideologisch spalten, um in der Zirkulationssphäre die Dämonen der Krise zu exorzieren; nicht nur, dass sie sich über das Unglück in der Produktion ausschweigen und an den politischen Souverän appellieren, das Geld müsse regionalisiert oder vom Zins befreit werden, damit es die Produktion als unser Schicksal nicht sabotiere; nicht nur also, dass ihnen das falsche Ganze das einzig Richtige ist, das nur von der Magie des Geldes oder doch nur von den Charaktermasken des fiktiven Kapitals zu befreien sei – nein, ihr ganzes Spektakel ist doch darauf herunterzubrechen, dass sie sich der Dämlichkeit hingeben, ein Charakterdefekt wie „Gier“ sei der Systemfehler. Die Camper – eine deutsche Comedyserie zur Krise.

Die kapitalisierte Gattung, nicht nur die „99 %“, ist beherrscht vom Äquivalenzprinzip und wo sie aufbegehrt, tut sie es in seinem Namen. Und wo man sich noch fragt, was sie auch anderes tun könne in einem Verhältnis, in dem nur noch zu hoffen ist, einen „gerechten Preis“ gezahlt zu bekommen, eskaliert ihre Wut im Verschwörungsdenken. Nicht nur, dass die „99 %“ blind sind für die antisemitische und wie derzeit in Tschechien und Ungarn antiziganistische Mobilisierung im Namen der „ehrlichen“ Arbeit, inszenieren sie sich als Avantgarde der realen 99 Prozent, als, zum Teil mit dem NS-Jargon versierte, Stichwortgeber. Kritik von Herrschaft heißt aber mit dem Konsens der kapitalisierten Gattung zu brechen – und dies vor allem auch im Interesse einer revolutionären Aufhebung der Getrenntheit. Und es ist die kapitalproduktive Arbeit – also die Kollektivehre der Deutschen, Ungaren, etc. –, die die Geldform und die weiteren verrückten Formen der Verwertung des Werts lostritt.

(Wahrlich sind die Vertracktheiten und theologischen Mucken des Kapitalverhältnisses mit seiner okkulten Qualität dann doch besser im Marxschen Original nachzulesen.)

Das Kapital, soviel wissen wir nun, muss sich unentwegt verwerten, das ist der zentrale Herrschaftsimperativ dieses totalitären Verhältnisses. Doch die Verwertung des Werts stößt dabei auf strukturelle Schranken. Die Einzelkapitalien sind zur Produktivitätssteigerung und somit zur technischen Rationalisierung des Vernutzungsprozesses von lebendiger Arbeitskraft gezwungen, um in der Konkurrenz nicht zu verlieren. Doch eben jene technische Rationalisierung spuckt noch mehr Massen an Arbeitskräften aus, die nun nicht mehr zur kapitalproduktiven Funktionalisierung eingesaugt, sondern verüberflüssigt werden. Die Mikroelektronik sowie die Informations- und Telekommunikationstechnologien revolutionierten die Produktivkräfte, scheiterten aber als Basistechnologien eines neuen Arbeitskraft einsaugenden Akkumulationsregimes – und so viele iPhones können von chinesischen Kulis nicht zusammengeschraubt werden, um darüber hinwegzutäuschen. Das Kapital, gezwungen sich zu verwerten, flüchtet in Spekulation und Kredit, also ins fiktive Kapital, in dem eine ‚ewige’ Akkumulation des Kapitals stimuliert wird – bis eben die spekulativen Blasen zu platzen beginnen.

(Ohne Zweifel ist dies schlecht verkürzt, lest es doch bitte woanders nach.)

Die tätige Unvernunft ist doch, dass die Revolutionierung der Produktivkräfte es ermöglicht, die Arbeit für alle Menschen auf ein Minimum zu reduzieren, aber sie doch nur Massen an unwertem Material auf Halde entlädt, also dem Hunger aushändigt. Nicht nur, dass kaum einer es wagt, ein Leben ohne Arbeit und Zwang zu denken, viel mehr trauert man im Kollektiv der 99 Prozent der fordistischen Produktionsdespotie nach, diesem „wissenschaftlichen System zur Schweißauspressung“ (Lenin), das nicht zufällig nach einem Autor antisemitischer Pamphlete benannt wurde. Und nicht nur, dass die halbe Gattung verüberflüssigt ist, gebietet Arbeit auch dort, wo keine kapitalproduktive Funktion einzunehmen ist, herrisch über die Menschen: als Hunger oder eben als zwangsverordnete Arbeit, die, ohne die Möglichkeit kapitalproduktiv zu sein, sich ungeniert als Selbstzweck entblößt.

An dem schlanken Faschismus des ungarischen Krisenregimes erfährt man, wo es endet, wenn ein „Pfad der Arbeit“ wider die Spekulation eingeschlagen wird: Der „Ungarische Arbeitsplan“ droht vor allen anderen den vom ersten Arbeitsmarkt rassistisch ausgegrenzten und als „parasitär“ denunzierten Roma mit Zwangsarbeit und Kasernierung. Viktor Orbán, ungarischer Ministerpräsident, konkretisiert: Nicht mittels „den Technologien des 21. Jahrhunderts“, sondern „mit der Hand“ werden die von Staats wegen verordneten Arbeiten zu erledigen sein. Und so wird auch noch die Möglichkeit der technischen Revolution, aufreibende Arbeit zu erleichtern, kassiert, um an den Überschüssigen zu demonstrieren: Arbeit ist unser Schicksal und die Menschen nur eine Funktion

„Erbitte Gottes Segen für deine Arbeit - aber erwarte nicht, dass er sie auch noch tut“. In diesen Worten eines ausgedienten deutschen Politikers und Autoren moralisierender Bedienungsanleitungen für das variable Kapital (mit Titeln wie „Ehrliche Arbeit…“) verrät sich das ganze Verhängnis der kapitalisierten Gattung: Vor dem unbarmherzigsten Gott unter den Göttern, das Kapital mit seinem Propheten: dem Geld, verbeugen wir uns seine Strafe fürchtend und zugleich auf seinen Segen hoffend: die ‚geglückte’ Verwertung. Unser Opfer ist die Arbeit, Glück ohne Opfer dagegen ist uns nur zu verdächtigt, denn unser Schicksal ist die Herrschaft in Produktion.

(1) „Unter der Form des Subjekts tastet sich das Individuum beständig darauf ab, ob seine Stofflichkeit der Funktionalisierung genügt. Es beargwöhnt sich als ungenügend und mangelhaft. Sein Selbstbewußtsein ist Selbstmisstrauen, sein Selbstgefühl das der ‚Minderwertigkeit’ und Überflüssigkeit im Angesicht des Werts. Diese Angst zuzulassen, das hieße, dem Nichts sich zu konfrontieren, der totalen Entwertung.“ Joachim Bruhn: Was ist deutsch. Zur kritischen Theorie der Nation, ça ira Verlag 1994, S. 149.
(2) Gerhard Scheit: Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno, ça ira Verlag 2011, S. 44.
(3) Joachim Bruhn: Karl Marx und der Materialismus, in: Bahamas 33/2000.

Montag, 10. Oktober 2011

Deutsche Eichen oder Pogrom

In der Hoffnung auf Solidarität mit den von Pogromen bedrohten Menschen

Ein guter Kapitalist im deutschen Sinne ist einer, der von der Arbeitskraft, die er kauft, den Maschinen, die er vernutzt, und sich höchstpersönlich als „wir, die Völker“ spricht, der tagsüber kühl kalkuliert und abends den Arbeitskraftbehältern auf die Schulter klopft. So einer geißelt das Geld, das nicht „sinnvoll wirtschaftet“, also der Produktion gehorcht, sondern „herumzigeunert“ – und vor allen anderen pflichtet ihm ein deutscher Karrierist aus der Spekulationssphäre bei: Brecht die Zinsknechtschaft.

Unterdessen formiert sich in der Peripherie des Europas der Produktion der nationale Opferschutz wider die Nicht-Arbeit – unter Parolen wie „Zigeuner zu Seife“ oder doch nur „zur Arbeit“. Hier wie dort wird das „leistungs- und anstrengungslose“ Überleben in der rassistischen Figur des Zigeuners denunziert. Über mehr als zwei Wochen marschieren im nördlichsten Böhmen, einer einstigen Bastion des sudetendeutschen Faschismus, hunderte Tschechen auf, um die Roma-Ghettos als verdächtigten Hort parasitärer Nicht-Arbeit zu stürmen. Am 17. September sind es bis zu 3500 Menschen, die in Varnsdorf nur noch von der Staatsgewalt am Pogrom gehindert werden. Ende September dann wiederholt sich die rassistische Raserei in Bulgarien.

Und weiter nach Ungarn. Wo noch vor wenigen Monaten Milizen gegen„Zigeunerkriminalität“ aufmarschierten und Roma-Familien in die Flucht zwangen, herrscht nun Frieden durch Arbeitszwang. Vom ersten Arbeitsmarkt rassistisch ausgegrenzt, werden die Roma von Staats wegen rekrutiert: zunächst für die Rodung eines Hügels, auf dem dann deutsche Eichen angepflanzt werden. Hier in Gyöngyöspata, wo drei Monate lang Milizen die Ärmsten unter den Armen terrorisierten, begann jüngst das Pilotprojekt des „Ungarischen Arbeitsplans“ der Budapester Regierung. Überwacht werden die Arbeiten von der faschistischen Jobbik, der populärsten Partei in Gyöngyöspata. (Bei anderer Gelegenheit ratschlagte Csanád Szegedi, Jobbik-Abgeordneter im Europäischen Parlament, man müsse „Zigeuner“ provisorisch in gesonderten Zonen konzentrieren, die man nur mit „Registrierung“ und bis Anbruch der Nacht verlasse dürfe.) Auch eine Verleihung der Arbeitskräfte an nicht-staatliche Interessenten ist möglich, einschließlich zwangsverordneter Mobilität. Vorgesehen ist zudem, dass frühberentete Polizeibeamte den Arbeitsdienst organisieren.

In Ungarn erweist sich zudem, dass der rassistische Hass auf die Roma stets im Antisemitismus zu eskalieren droht. Der Herr über Gyöngyöspata, Oszkár Juhász, beteuert, nicht die gesetzestreuen und also arbeitswilligen Roma seien die Feinde Ungarns. Das jüdische Israel sei es, das Ungarn aufzukaufen drohe. Als seine Partei Jobbik zu Beginn des Jahres 2010 sich aufmachte, drittstärkste Partei im ungarischen Parlament zu werden, plakatierte sie das Antlitz des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres, das einen geschwärzten Davidstern halb verdeckte und kontrastiert wurde mit dem Symbol der Pfeilkreuzler, der ungarischen Schwesterpartei der NSDAP, und dem Slogan:„Okkupiere doch deine Mutter, aber nicht unser Vaterland“. In jenen Tagen wurde das ungarische Parlament als „Synagoge am Kossuthplatz“, die „auszuräuchern“ sei, denunziert und der Verschwörungsmythos vom „Judeobolschewismus“ wiederbelebt. Jüngst bewies die Jobbik auf einer propalästinensischen Demonstration von vor allem arabischstämmigen Immigranten, wer die originäreren Antisemiten sind: die Parole „Jetzt, Jetzt“ (gemeint: ein palästinensischer Staat) überholte sie mit den Rufen „Dreckige Juden“. Anwesend waren drei Jobbik-Parlamentsabgeordnete sowie der antisemitische Reformpfarrer Loránt Hegedús jun., der die ungarische HAMASZ zur Rettung der Heimat initiierte. Denn nicht nur Krisztina Morvai, Jobbik-Abgeordnete im Europäischen Parlament, befürchtet, dass die Ungaren zu Palästinensern auf ihrem eigenen Flecken Land werden.

Dass der Antisemitismus, der die Juden als Übermenschen, als Verfleischlichung der Zirkulationssphäre halluziniert, den Antiziganismus in seiner Wahnhaftigkeit noch übertrumpft, ist ein schwacher Trost für die von Pogromen bedrohten Menschen. Kein politischer Souverän existiert, der ihr Leben zu schützen wagt; kein Asyl, das garantiert ist.

So hat die deutsche Regierung am 14. April 2010 mit dem jungen Staat Kosovo einen Abschiebungspakt ratifiziert, in dem letzterer sich verpflichtet, pro Jahr bis zu 2.500 von deutschen Beamten als überschüssig bewertete Menschen aufzunehmen. Über 10.000 Menschen, unter ihnen hier geborene Kinder von Flüchtlingen, sind derzeit zur Ausreise in den Kosovo verpflichtet. Die meisten von ihnen sind in den späten 1990ern von nationalistischen UÇK-Milizen in die Flucht gezwungen wurden. Diejenigen, die im Kosovo ausharrten, wurden in provisorischen Lagern der UNHCR auf mit Blei, Cadmium und Quecksilber verseuchten Industriehalden einquartiert. Bis heute leben sie in ständiger Angst vor Pogromen in solchen von der albanischen Bevölkerung abgegrenzten Elendslagern.

Falls sich die deutsche Nation auch für jene erschließt, die wegen mangelnder Autochthonität zuerst nicht als Gleiche gelten, dann nur selektiv: also für jene, denen es nun gelingt, eine produktive Funktion zu verbürgen. Doch die Entscheidung des Staates über die Produktivität eines Menschen ist keine allein mit dem Individuum sich befassende, aus reinem Kalkül über die Verwertbarkeit des lebendigen Dings getroffene, sobald ein kollektives Ressentiment vorherrscht. So ist die Entscheidung über Abschiebung eine fundamental rassistische über die Wertigkeit des Menschen für den Staat des Kapitals. Und hier wie dort werden die Roma zur nationalen Verschiebungsfläche zugerichtet, auf die eine die Wirtsgemeinschaft schröpfende, pathogene Kollektivität projiziert wird. Die Roma werden also nicht nur als nicht verwertbares Leben abqualifiziert. Das Bild, welches die Deutschen sich von den Roma machen: „Bettel-Rumänen“ und „Rotationseuropäer“, provoziert die kapitalisierte Gattung. Im Antiziganismus verrät sich eine unbändige Angst vor der drohenden Verwilderung des Arbeitskraftbehälters, vor der eigenen Entkapitalisierung. So schaudert es dem wesentlichsten Aufklärungsorgan des deutschen, wahrlich klassenlosen Proletariats: „Ihre Beine und Füße sind verdreht, sie schlurfen gekrümmt, hinken theatralisch. Elends-Bettler belagern die Weihnachtsmärkte (…) und die Behörden (sind) machtlos.“ Die Ahnung, dass nichts als bloße Natur, nichts als kränkelnde Leiblichkeit, die ohne „aufdringliches Geschnorre“ entschläft, übrig bleibt, sobald die Krise sich totalisiert, erschreckt den glühweinseligen Deutschen vor der eigenen Asozialität und dem drohenden Schicksal: der noch zögernde Tod der bürgerlichen Subjektivität. Das antiziganistische Ressentiment ist also mehr als eine bloß launische Feindseligkeit. Es richtet die „Rumänen“ zu Aggressionsobjekten zu, auf denen die eigene drohende Überschüssigkeit, die Degeneration des Arbeitskraftbehälters in nur dürftig in Lumpen gehüllte Natur, verschoben wird.

Der antiziganistische Furor war das Staatswerdungsverbrechen der kosovarischen Nation. Doch auch die Deutschen haben im Hass auf die als absolut unbrauchbar, darüber hinaus als parasitär denunzierten Roma-Flüchtlinge sich den Kitt zur nationalen Versöhnung einverleibt. Nachdem die kapitalisierte Gesellschaft der Deutschen sich um sechzehn Millionen Subjekte der Wertverwertung aufgebläht hatte, fanden diese ein Objekt, das ihnen die Gelegenheit versprach, die in der Krise sich verratende absolute Fungibilität der subjektivierten Individuen zu projizieren. „Der Spiegel“ stillte die nationale Empfindung, jene untermenschliche Anti-Nation zur zivilisierten deutschen Nation gefunden zu haben, deren antideutscher Barbarei sich zu erwehren sei: Die „Dünkelhäutigen“, die „bettelnd durch die Straßen“ vagabundieren und sich weigern, am Förderband auszuharren; sie, die „Roma und Sinti“, „tyrannisieren“ den nationalen Frieden (in: Der Spiegel, 7.9.1992). Das „Gewissen seiner Nation“, Helmut S., log den antiziganistischen Pogrom in Rostock-Lichtenhagen in eine bloße Emotion um: Werde aus seinem Land ein „Schmelztiegel“, „entartet“ es und wenn die Wut sich rege, etwa „über de facto vierzig Prozent Arbeitslosigkeit“, breche die Frustration durch und „endet in Gewalt“ (in: FR, 12.9.1992). Und der damalige Berliner Senator für Inneres, Dieter H., beteuerte, dass in Rostock-Lichtenhagen nicht der nationale Hygienewahn, sondern der „berechtigte Unmut“ über den organisierten Asylbetrug der Roma-Flüchtlinge sich verraten habe (zit. n. Die Zeit, 6.10.1992). Einen Monat nach dem Pogrom in Rosstock-Lichtenhagen drängte die deutsche Politik die rumänische Regierung dazu, sich zu verpflichten, die vom Mob terrorisierten Roma-Flüchtlinge aufzunehmen. Französische Juden, die am 19. Oktober 1992 in Rostock sich mit den Roma-Flüchtlingen solidarisierten, wurden von deutschen Polizisten verprügelt und inhaftiert. (Im Jahr 1992 gab es allein bis zum Monat September 970 rassistische und antisemitische Gewalttaten mit zehn Toten und 700 Verletzten (Konkret, 10/1992).)

In der Krise fällt den Subjekten nichts anderes ein, als ihr Unglück, die Arbeit, als das einzig Richtige im falschen Ganzen zu beschwören. Sie spalten zwanghaft auf, was doch nur als Verhältnis existiert: so wird aus der Totalität des Kapitals eine Produktionssphäre, die ihnen zugleich Schicksal wie Auftrag ist, und eine Zirkulationssphäre, die an dem ideologischen Antlitz ihres blinden Willens zur Kapitalproduktivität zu kratzen droht. Wie Marx festhielt, ist die Spekulation weder der letzte Grund noch das Wesen der Krise, sondern vielmehr „ein Resultat und eine Erscheinung“ der Krisenhaftigkeit kapitalistischer Akkumulation (MEW 12, Berlin 1972, S. 336). In Wahrheit fungiert die sich aufblähende Finanzindustrie nicht als Saboteurin sondern als Komplizin der Diktatur der Arbeit. Beschleunigt vor allem durch den Rationalisierungstriumph der Informationstechnologien speit das Kapital immer mehr Menschen als wertlos aus und verüberflüssigt die halbe Gattung, weil ihre Arbeitskraft zu keiner kapitalproduktiven Funktion findet – und darüber wird kein Eichenwald hinwegtäuschen. Die Flucht ins fiktive Kapital, in Spekulation und Kredit, kaschierte nur das Krisenpotenzial der Despotie der Fabrik; sie schob die Krise nur hinaus, deren angeschwollenes Potenzial nun durchbricht

Es ist also jenes Verhältnis des ‚ganzen’ Kapitals, in dem Arbeit bei Strafe des Hungertodes Zwang ist und zugleich nur Selbstzweck der Verwertung des Werts, das die Krise in sich trägt und gebärt. Jenes Verhältnis, das aus sich heraus den Hass auf das Glück, das durch kein Äquivalent zur Leistung, durch kein Opfer verbürgt wird, als nationale Ideologie produziert. Das Verhängnis der Subjekte ist doch, dass wo die Möglichkeit schwindet, die Ware Arbeitskraft zu verkaufen, also kapitalproduktiv zu funktionieren, mit noch mehr Opferwilligkeit die Arbeit zum Schicksal erhoben wird. Die Mobilisierung der Ressentiments gegen die Nicht-Arbeit treibt die böse Erinnerung aus, dass die Arbeit selten Glück, sondern meist nur Entbehrung bedeutet. An den Roma, funktionalisiert zu Objekten der Projektion, verfolgen sie mit rohster Gewalt den bloßen Gedanken an ein Leben ohne Arbeit und Zwang. Der notorische Verdacht, der eine leistet weniger als der andere, eskaliert im Antiziganismus so zur rassistischen Empörung über das organisierte Parasitentum.

Das die Vernunft verhöhnende Moment liegt so in der Arbeit selbst: dass trotz der Revolutionierung der Produktivkräfte, die die Reduzierung der Arbeit auf ein Minimum für alle Menschen ermöglicht, der Verkauf der Ware Arbeitskraft das Leben der Subjekte weiterhin absolutistisch diktiert – als stummer Zwang und Fetisch. Die Spekulation auf Getreide und ähnlichem ist tödlich, die Diktatur der Arbeit, die das überschüssige Leben – um in der Sprache eines deutschen Ministers zu sprechen – als Menschenmüll auf Halde entlädt, ist es noch mehr. Und so bleibt das Engagement für die ‚ehrliche Arbeit’ und den ‚gerechten Preis’ stets eine Bestätigung von Akkumulation und Konkurrenz, Ausbeutung und Herrschaft.