Freitag, 17. Juni 2016

Aşk, aşk, hürriyet - die Verlassenheit individueller und kollektiver Widerstände gegen die Faschisierung der Türkei


Als türkische Panzergrenadiere auf den nahen Hügeln ausharrten, während die jihadistischen Genozideure davorstanden, die Grenzstadt Kobanê als ihr „Ayn al-Islam“ einzunehmen, war zu ahnen, dass diese demonstrative Passivität selbst noch zur Aggression werden sollte. Jüngst war im syrischen Qamişlo jede Detonation im hinter der Grenze liegenden Nusaybin zu spüren, wo auch noch nach der Kapitulation der militanten Jugend die türkischen Militäroperationen als Zwangsverordnung der Grabesruhe angedauert haben.

Die türkische Katastrophenpolitik, die mit aller Generosität dem Jihad ein logistisches und ideologisches Hinterland gewährt, hat die suizidale Hölle Syriens längst um den eigenen Südosten erweitert. In Suruç, dem türkischen Grenzstädtchen gegenüber Kobanê, riss am 20. Juli 2015 eine suizidale Bestie jene mit in den Tod, die die Menschen in Kobanê nicht den Ruinen oder dem türkisch-griechischen Toten Meer überlassen wollten. Die Ermordeten waren aus Istanbul, Ankara und anderswoher angereist, sie hatten die Universität verlassen um als Solidaritätsbrigade, als angehende Ingenieure und Ärzte, in Kobanê auszuhelfen. „Die Revolution in Rojava ist eine Revolution der Frauen“, begründete die ermordete Hatice Ezgi Sadet ihre Entscheidung, es mag darin auch eine Flucht vor der Ohnmacht gegenüber der türkischen Katastrophe liegen, die nach dem Ende der Jugendrevolte im Jahr 2013 eintrat. Am 5. Juni erschütterte eine Detonation ein Meeting der oppositionellen Halkların Demokratik Partisi in Diyarbakır. Es folgte im Herbst das verheerende suicide bombing von Ankara mit über hundert Toten während eines Friedensmarsches derselben Oppositionspartei. Ihre Mörder entkrochen ausnahmslos dem jihadistischen Milieu in der anatolischen Provinzstadt Adıyaman. Diese brachen mit ihren Familien, die ihre Söhne in aller Konsequenz bei der Polizei denunzierten. Ungehindert von den Staatsapparaten reisten diese nach Syrien aus, manche unter ihnen heirateten junge Jihadtouristinnen aus Mönchengladbach. Wieder in der Türkei etablierten sie ein eigenes Rekrutierungsbüro in Adıyaman. Die Eltern rannten gegen die Ignoranz des Staates an, sprachen selbst bei Ahmet Davutoğlu vor, doch der Staat schien nicht daran interessiert zu sein, das jihadistische Moloch zu stopfen. Auf die faschistische Methode des suizidalen Märtyrertodes rekurrieren inzwischen auch andere. Die Teyrêbazên Azadîya Kurdistan, die „Freiheitsfalken Kurdistans“, so wird kolportiert, rekrutieren sich aus jenen Verrohten, denen die PKK zu zögerlich geworden ist. Der Tod Unschuldiger – die Detonationen gelten türkischen Militärs oder Polizisten in den Städten - wird von diesem undurchsichtigen Märtyrer-Racket miteinkalkuliert.

Zwischen den suizidalen Massakern in Suruç und Ankara folgte eine Lynchkampagne in nahezu allen türkischen Provinzen. Unter nationalistischem Gebrüll gingen Provinzbüros der Halkların Demokratik Partisi in Brand auf. Die Aufhebung der Immunität für ihre Abgeordneten steht lediglich am Ende einer alsbald einjährigen Rache an der Partei der Abtrünnigen. „Sie sind Atheisten, sie sind Zoroastrier“, denunzierte Erdoğan sie jüngst - und alle anderen, die er für selbiges hält: die Guerilla, die säkulare Jugend und kritische Intellektuelle. Auch der türkische Boulevard titelt inzwischen von „Zoroastriern“ und „Feueranbetern“, wenn der Staatsfeind gemeint ist. Ihre Rhetorik unterscheidet sich kaum noch von der genozidaler Jihadisten. Yeni Akit, die Krawallgazete türkischer Muslimbrüder, feierte jüngst den 50sten Toten des Massakers in Orlando: „Die Zahl der Toten in der von perversen Homosexuellen frequentierten Bar stieg auf 50!“ Sie und die genozidalen Jihadisten von Daʿish sind sich Brüder im Geiste.

Die Despotie der Muslimbrüder unter ihrem „Vater“ Tayyip Recep Erdoğan hat das türkische Staatsdogma - jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige anderswoher auszumachen – modifiziert. Sie amalgamiert die nationalen Opfermythen und Staatsgründungslegenden, die für sich allein ein einziges Arsenal an Ideologie und Paranoia sind, mit den Symptomen jener narzisstisch Gekränkten, denen die Erniedrigung und Verächtlichmachung der Menschen allein Grund ist, die Erniedrigung und Verächtlichmachung der Menschen zu perfektionieren, jener also, die Rache an dem Leben und allem, was noch irgendwie an die Möglichkeit von individuellem Glück erinnert, nehmen: den zum Jihad Erweckten.

Die türkische Staatsfront integriert, wer Mündigkeit in Unterwerfung abstreift, die eigene unter den Vater, den Apparaten und Gott, und noch mehr die der anderen, demütigend, erniedrigend, rächend. Die Kleingeistigkeit und Weinerlichkeit der eigenen Existenz gelangen in der Vaterfigur Tayyip Recep Erdoğan zur Erhabenheit über die Intrigen der Moderne. Die Personifikationen von der Nicht-Identität sind dabei auch nach 1915 dieselben: Während auf den zerschossenen Fassaden in den eingeschlossenen Distrikten des Südostens der Mordauftrag der türkischen Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen prangt: „Armenische Bastarde“, spürt der paranoide Boulevard hinter der Guerilla getarnte Armenier auf und brodelt das Gerücht, die PKK schleuse ihre Kämpfer ins armenische Bergkarabach.

Die syrische Katastrophe ist längst um den türkischen Südosten erweitert. Nusaybin und Yüksekova, Cizre und Sur sind kaum noch zu unterscheiden von Halep und Homs. „Liebe lebt man in Bodrum, meine Hübsche“, Aşk Bodrumda Yaşanıyor Güzelim, besang Bülent Serttaş, eine der Diven der türkischen Kulturindustrie, im vergangenen Jahr das mediterrane Städtchen, das heißt wie das türkische Wort für „Kellergebäude“. Ein Brandmord machte ein halbes Jahr später „Aşk Bodrumda Yaşanıyor Güzelim“ zum Freudengesang der türkischen Konterguerilla. Im militärisch abgeriegelten Cizre harrten junge Militante tagelang unter den Einschlägen der türkischen Artillerie in Kellergebäuden aus. Mehr als hundert Menschen verbrannten, erstickten oder begrub einstürzender Beton unter sich. „Liebe lebt man im Keller, meine Hübsche“ ist eine der Reviermarkierungen der türkischen Konterguerilla, die als Schriftzüge an den zerschossenen Fassaden von Cizre prangen. Vor dieser Hymne an den Verbrennungstod salutieren Polizisten siegestrunken mit Wolfsgruß.

Indessen wird in Diyarbakır-Sur, das mehr als hundert Tage lang militärisch abgeriegelt blieb, der faschistische Soundtrack zur Straßenschlachtung eingesungen und nicht allein die gnadenlose Authentizität unterscheidet sich von Frankfurt-Sossenheim und anderen Kulissen faschistoidem Rap. Wo zuvor noch die Drohung durch den Präzisionsschuss jede Bewegung in den Sträßchen und schmalen Gassen des historischen Stadtkerns verunmöglichte, streift nun ein camouflierter Polizeioffizier als Lone Wolf durch die Ruinen von Sur umher, ehrt die gefallenen Märtyrer der Jandarma und geriert das Vaterland als Opfer perfider Verschwörung listiger Armenier, Griechen und Juden. Verschwörungsparanoia als türkische Staatsdoktrin.

Auf Straßenschlachtung und erzwungener Flucht folgt Enteignung. Hunderte Gemarkungen, einschließlich die schwerbeschädigte St. Giragos Kathedrale, werden in Sur, dem historischen Diyarbakır, verstaatlicht. Das sanierte Sur, das in einem Imagefilm präsentiert wird, hat jede Erinnerung, die nicht in den neo-osmanischen Staat integriert werden kann, ausgelöscht. Was bleiben soll, sind Satellitenstädte, deren Funktionen allein im Interesse des neo-osmanischen Größenwahns liegen, das heißt: die moralische Erbauung in einer der restaurierten Moscheen unter strenger Kontrolle des Religionsministeriums, die Stimulation der Gebärmaschinerie – Kinderlosigkeit ist „Verrat an der Nation“ (Erdoğan) – sowie eine Ökonomie, die vor allem noch durch den korrupten Pfuhl des Immobiliensektors angereizt wird. Derselbe Kahlschlag geschieht in diesen Tagen auch in Cizre-Nur, der „Liebe“ der Konterguerilla.

Zwanghaft spricht die Despotie der Muslimbrüder vom Erobern. Am letztjährigen 562. Jahrestag der Eroberung Konstantinopels posaunte es aus Erdoğan: „Eroberung heißt Mekka. Eroberung heißt Sultan Saladin, heißt es, in Jerusalem wieder die Fahne des Islams wehen zu lassen." Im Erobern besteht schlussendlich der Staatsauftrag an die Jugend. „Ihr seid die Generation, die Damaskus und Jerusalem erobern wird“, peitschte es auf die anwesende Jugend ein. Istanbuls Schuldirektionen waren unter Drohung angehalten, Kontingente an Schülern zum Jahrestag aufzustellen. Was unter Eroberung wesentlich zu verstehen ist, führte Erdoğan, der von seinen Hörigen sanft „Sohn von Mehmed Fatih, dem Eroberer“ gerufen wird, im Jahr 2009 im schweizerischen Davos, der Luxusmarke internationaler Diplomatie, vor. Erdoğan forderte während einer Diskussion hysterisch eine weitere Minute ein, um den anwesenden Shimon Perez vorzuhalten, dass Morden eine jüdische Spezialität sei. Nachdem Erdoğan mit dem Ägypter Amr Moussa bereits 34 Minuten gegen Israel gehetzt hatte und aus der weiteren herausgeschlagenen Minute mehrere geworden waren, stand Erdoğan abrupt auf, drückte die Hand des Generalsekretärs der Arabischen Liga und verließ die Debatte. Wieder in Istanbul angekommen, wurde er von seinem Brüllvieh als „Eroberer von Davos“ begrüßt. In seinem Wesen ist das Beschwören von Eroberung der antisemitische Ritus, sich selbst als verfolgende Unschuld zu gefallen. „Ihr könnt euch noch so anstrengen", rief Erdoğan auf dem besagten Jahrestag der Eroberung Konstantinopels, „ihr werdet uns nicht dazu bringen, auf unsere erste Qibla zu verzichten.“ Die erste Qibla, die Ausrichtung des Gebetes der Muslime, war Jerusalem, erst nach der Auswanderung des Propheten nach Medina änderten sie diese gen Mekka. Diese Weinerlichkeit, die in Trotzt umschlägt, und der zwanghafte Reflex, jede innere Uneinigkeit als Kabale von außen zu exorzieren, verraten: sie projizieren ihr aggressives Inneres auf ein Äußeres.

Darin liegt das Wesen antiimperialistischer Ideologie – und es ist die Schwäche der organisierten Opposition, dass nicht wenige aus ihr die nationale Borniertheit, den antiimperialistischen Reflex, teilen. Die traditionelle KP demonstriert unter dem Banner „Kein Durchmarsch der Shariah, dem Faschismus und der Dunkelheit“, um dann doch vor den Konsequenzen einer Kritik der türkischen Ideologie zu flüchten: „Frömmelnder, Geldbesessener, Amerikanist. Du bist nicht die Türkei“. Opposition entscheidet sich in der Türkei vor allem dort, wo es den türkischen Gründungsmythos trifft. Die türkische KP spricht wenigstens von 1915 als einem Genozid – auch wenn ihre Kritik allein der türkischen Bourgeoisie als Profiteur der ökonomischen Islamisierung gilt -, die mit ihr verwandte Halkın Kurtuluş Partisi, die „Partei der Volksbefreiung“, dagegen demonstrierte in aller Dreistigkeit am 24. April, dem Jahrestag der armenischen Katastrophe, gegen die Genozidlüge. Die strenglaizistische Vatan Partisi ist so konsequent und erklärt wider die Teilung des Vaterlandes die Einheit mit den „religiös Konservativen“ Erdoğans zur „patriotischen Front“.

Das Gedenken ist bei denen am entschiedensten, die längst das Phantasma der armenischen Verschwörung zu inkarnieren haben. So trugen die Familienangehörigen von der Konterguerilla "Verschleppter", die sich wider die zwangsverordnete Amnesie wöchentlich auf dem Istanbuler Galatasaray Meydanı treffen, Fotografien jener Armenier, die am 24. April 1915 in Istanbul verhaftet und ins anatolische Hinterland deportiert worden sind. Özgür Gündem erinnerte auf der Titelseite an den Genozid und denunzierte das Regime Erdoğans in der mörderischen Tradition der osmanischen Despotie sowie des Türkisierungsregimes des jungtürkischen İttihat ve Terakki Cemiyeti. Und auch die Halkların Demokratik Partisi gedachte dem Genozid, ihr Abgeordneter Garo Paylan, ein Armenier aus Istanbul, hielt die Ansprache. In den Bücherstuben von Diyarbakır etwa ist Literatur über den Genozid, die unzähligen 'verschwundenen' armenischen Dörfer in Kurdistan sowie die Zwangsislamisierung Überlebender omnipräsent. Die anatolischen Armenier lebten vor 1915 vor allem auch im heutigen türkischen Osten.

Tayyip kaç kaç kaç, ibneler geliyor
„Tayyip, so viele, so viele, so viele Schwuchteln kommen“
(Protestruf gegen Erdoğans Geburtendiktat)

Das Schänden von Leichen, das demonstrative Hissen der türkischen Flagge auf Ruinen, die Selbstporträts der Konterguerilla vor zertrümmertem Mobiliar, die Unterwerfungsaufforderungen an den Fassaden - die andauernden Militäraktionen im türkischen Südosten werden durchgeführt als Eroberungszüge, als Demütigung und Rache. „Es gibt nur einen Gott und seine Armee ist die türkische“, wie es auf einer Fassade in Nusaybin prangt, ist die Drohung, alles Andere zu unterwerfen. Es ist nicht „ein Volk ohne Staat“ oder eine andere deutsche Projektion, womit solidarisch zu sein wäre. Es ist die alltägliche individuelle und kollektive Unternehmung, die Aggression, die in ihrem Wesen eine antiuniversalistische ist, zu kontern. Und nicht, dass der türkischen Katastrophenpolitik kein Widerstand mehr entgegengebracht wird. Nachdem jüngst Ismail Kahraman, Präsident der Nationalversammlung und islamistischer Veteran aus der antilaizistischen Bewegung Millî Görüş, die völlige Entsäkularisierung der türkischen Verfassung – noch steht das Gebot der Trennung zwischen Politik und Religion als laizistisches Rudiment - forderte, demonstrierten jene, die wissen, was ihnen droht: "Schulter an Schulter gegen die Sharia" (Şeriata karşı omuz omuza). In säkularen Stadtvierteln von Istanbul, Ankara und anderswo werden die enthemmter auftretenden Religionsrackets noch auf Distanz gehalten. In Izmir kontern junge Menschen das Diktat Erdoğans zur Produktion von Menschenmaterial mit dem Slogan: „Tayyip, so viele, so viele, so viele Schwuchteln kommen“. Doch während die İHH, die 'humanitäre' Flanke von Hamas und Ahrar al-Sham, an manchen Universitäten in die Kritik im Handgemenge gezwungen und die tugendterroristische Sitte von der Straße gedrängt werden, können sie an den staatlichen Gymnasien der İmam hatip lisesi zu Gedächtnisabenden für die Märtyrer der Khaybar-Flottille laden.

Eine der noch harmlosesten Angriffe auf die Halkların Demokratik Partisi spricht in aller Deutlichkeit aus, was der Türkei noch droht und vor allem womit solidarisch zu sein wäre. In der letzten Ausschusssitzung der Nationalkammer vor der Immunitätsaufhebung wollte ihr Abgeordneter Mithat Sancar in seiner Ansprache Oscar Wilde, kommunistischer Müßiggänger und homosexueller Dissident, aus dessen Klassiker „Dorian Gray'in Portresi“ zitieren, doch ein Parteigänger Erdoğans nach dem anderen unterbrach ihn: "Wer? ... Hä? Wer ist das denn? ...Herr Sancar, haben Sie kein Zitat aus dieser Kultur, aus dieser Zivilisation? ... Kannst du Necip Fazıl zitieren? Bring ein Zitat aus dieser Zivilisation! ... Was uns wehtut, ist, dass du von dieser Zivilisation so entfremdet bist.“ Necip Fazıl Kısakürek, Vordenker eines „Islamischen Großen Ostens“ unter türkischer Führung, schrieb mit Yahudilik-Masonluk-Dönmelik, „Judentum-Freimaurerei-Wendehalsigkeit“, die türkische Variante der „Protokolle“. In seiner Schrift Doğru Yolun Sapık Kolları, „Die irrigen Abweichungen vom rechten Pfad“, von 1978 – dem Jahr antialevistischer Pogrome in Kahramanmaraş und anderen anatolischen Provinzen - empfiehlt er, die religiösen Minorität der Aleviten wie Unkraut herauszureißen.

Keineswegs hätte es noch die jüngste Hysterie um die deutsche Resolution zum Genozid an den anatolischen Armeniern bedurft, um mehr als nur eine Ahnung zu bekommen von der Penetranz türkischer Ideologie. Die deutsche Politik bot – und bietet weiterhin - den türkischen Muslimbrüdern als auch den Völkischen mehr als nur eine Flanke für ihren aggressiven Zugriff auf die türkische Diaspora. Mit Anbeginn des Importes von Menschenmaterial aus Anatolien, das hemmungsloser als das autochthone aufgerieben wurde, weil es als unumstößlich galt, dieses alsbald wieder abzuschieben, installierte sich ihre Ideologie als sozialer Kontrollapparat. In der Fabrik garantierte die deutsche Direktion das auf die Kniefallen, solange dieses davon abhielt, sich gegen die Despotie der Fabrik zu erheben. Spätestens mit dem Mord an den Kommunisten Celalettin Kesim in Berlin-Kreuzberg im Januar 1980 ist jede Täuschung über den faschistischen Charakter Grauer und Grüner Wölfe sträflich. Die Häscher wurden mit kulturrelativistischer Sensibilität bedacht, der Ermordete mit Ignoranz und rassistischer Verachtung. Die Moschee in der Skalitzer Straße, aus der die Mörder kamen, wurde knapp zwanzig Jahre später die Verantwortung für die Unterrichtung Berliner Schüler im Islam zugetragen. Diese und andere Moscheen der anti-laizistischen Bewegung in den Staat Millî Görüş fungierten in den Jahren der Gründung der AK Parti Erdoğans vor allem auch als Märkte für Anteile an „Islamischen Holdings“, dem ökonomischem Fundament der Staatsinfiltration der Muslimbrüder in der Türkei.

Europäer und US-Amerikaner ließen die syrische Opposition mit den türkischen Muslimbrüdern allein. Inzwischen beschriften panturkistische Brigaden in Halep ihre Artilleriegeschosse mit den Namen ihrer ideologischen Ahnen: Enver Paşa, jungtürkischer Mitorganisator des Genozids an den anatolischen Christen, etwa oder Muhsin Yazıcıoğlu, Gründer der „Partei der Großen Einheit“ und Hauptinitiator des antialevitischen Pogroms von Kahramanmaraş im Jahr 1978. Wer in diesen Tagen in Azaz oder den Ruinen von Haleb überwiegend präsent ist, laviert zwischen traditioneller al-Qaida, Grünen und Grauen Wölfen. Wie im türkischen Boulevard werden ihre Feinde als „Majus“, „Feueranbeter“ und „Ungläubige“ denunziert. Die PKK gilt ihnen als Nachfolgeorganisation der Haganah. Die europäisch-türkische Aggression gegenüber Flüchtenden dagegen widersteht noch allen narzisstischen Kränkungen. Mit Push-backs direkt an der türkisch-syrischen Grenze und Abschiebungen in jene syrischen Territorien, die von Ahrar al-Sham, Jabhat al-Nusra und anderen rabiaten Menschenfeinden kontrolliert werden, werden al-Qaida und ihre Offshoots zu verlängerten Funktionsträgern der europäisch-türkischen Migrationsregulierung, die Despotie der Muslimbrüder zum key player. Inzwischen verständigt sich die Türkei auch mit Daʿish bei der Fluchtverhinderung. Während die genozidalen Jihadisten jeden auffordern, in den von ihnen eingenommen Territorien auszuharren, nimmt das türkische Grenzmilitär diejenigen in sein Visier, die dem nicht nachkommen und sich der Grenze nähern.

Die türkischen Muslimbrüder wissen die Flüchtenden aus dem syrischen Abgrund für ihre ganz eigenen Zwecken zu funktionalisieren. Sie – nicht die konkreten Menschen, viel mehr der Schatten der syrischen Katastrophe, der auf ihnen liegt - dienen dem Regime als Drohung an die letzten Minoritäten in Anatolien. In Sivricehöyük in der Provinz Kahramanmaraş liegend sowie in Sivas-Divriği und Tunceli-Mazgirt verfolgt das Regime die Ansiedlung einiger tausend syrischer Geflüchteter inmitten der verbliebenen alevitischen Gemeinden. Gerüchte - der um sich greifenden Angst geschuldet - kursieren, es seien Familien der Jabhat al-Nusra und Daʿish. In Kahramanmaraş ermordeten im Jahr 1978 Graue Wölfe weit über hundert Aleviten. In der Propaganda der Idealisten und mancher Imame galten sie als „kommunistische Agitatoren“, „Ungläubige“ und „Moscheeschänder“. In Sivas verbrannte eine islamistische Rotte im Jahr 1993 die Gäste eines alevitischen Kulturfestivals unter dem Gebrüll „Muslimische Türkei“ und „Die laizistische Republik erstand in Sivas, in Sivas wird sie gestürzt“.

Nefrete inat yaşasın hayat
„Wider der Hass es lebe das Leben“
(Solidaritätsadresse der HDP an die Ermordeten und Hinterbliebenen des Orlando Massakers)

Anzustehen hat die fundamentale Aufklärung über die Residuen individueller und kollektiver Widerstände gegen die Faschisierung der Türkei - und die konkrete Solidarität mit ihnen. Kaos GL Derneği, eine Solidaritätsvereinigung von Homo- und Transsexuellen in der Türkei, spricht von einer genozidalen Politik gegenüber sexuellen Minoritäten in Syrien, Irak und anderswo. Und auch die Halkların Demokratik Partisi, die sich ausdrücklich auch als Organisationskern für Betroffene tugendterroristischer Verfolgung wie Homo- und Transsexuelle versteht, spricht von Orlando als Universalisierung einer „faschistischen Mentalität“, die religiöse Minoritäten, Frauen und Homosexuelle mit dem Tod droht. Die Männerrotte der faschistischen „Partei der Großen Einheit“ verspricht indessen, den diesjährigen Istanbul Pride, der den Ermordeten von Orlando gewidmet ist, zu zerschlagen. Wenn der Staat nicht diese „Ehrlosigkeit“ während des Fastenmonats Ramazan untersagt, so die Gewaltandrohung der Grünen Wölfe, übernehmen wir es selbst. Vergangenes Jahr erstickte der Pride im Reizgasnebel, polizeilich organisierte Kommandos an bärtigen Männern lauerten in den Nebengassen, einzig die Anwesenheit von Abgeordneten der Halkların Demokratik Partisi und der traditionslaizistischen Cumhuriyet Halk Partisi gewährten einige Minuten ohne Verfolgung. Infolge der Immunitätsaufhebung droht auch diese Flanke genommen zu werden. Im dezidiert säkularen Izmir wurde jüngst der Pride durch den von Ankara berufenen Provinzgouverneur aufgrund von „Propaganda für eine terroristische Organisation“ gebannt. Einige hundert Menschen trotzten der Kriminalisierung und riefen das Gröbste einer Opposition gegen Hass und Angstproduktion der Muslimbrüder: Aşk, aşk, hürriyet; uzak olsun nefret („Liebe, Liebe, Freiheit; fern von Hass“). 

Donnerstag, 18. Februar 2016

Die syrische Katastrophe – einige Anmerkungen zur kursierenden Dolchstoßlegende


Die syrische Katastrophe ist unlängst um den türkischen Südosten erweitert. Cizre und Sur, das historische Diyarbakır, sind kaum noch zu unterscheiden von Halep und Homs. Eine Straße wird nach der anderen geschlachtet, wer ausharrt und nicht flüchtet als potenzieller Terrorist markiert. Systematisch wird Reizgas in die Gemäuer geschossen, in denen die Eingeschlossenen ausharren. Während auf den zerschossenen Fassaden in den eingeschlossenen Distrikten der Schlachtruf der türkischen Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen prangt, Ermeni Piçleri: „Armenische Bastarde“, salutiert die Konterguerilla mit Wolfsgruß in der schwerbeschädigten St. Giragos Kathedrale in Diyarbakır.

Die türkische Katastrophe ist längst um Syrien erweitert. In den turkmenischen Brigaden im nordwestlichen Syrien, der Bergregion Bayır Bucak, propagieren Graue Wölfe die völkische Erweckung eines Großturkistans. Als jüngst ein Parteifunktionär der panturanistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP) aus dem Istanbuler Distrikt Fatih in der syrischen Hölle zum Märtyrer wurde, trugen ihn Parteikameraden als Şehit Tuğtekin, als Wiedergeburt des Atabeg von Damaskus aus dem Jahr 1104, zu Grabe. Ahmet Mahmut Ünlü, der berüchtigte Imam des fundamentalistischen İsmail Ağa Cemaat, sprach das Totengebet, während Graue Wölfe ihr Haupt senkten. Unter den Betenden auch Alparslan Çelik aus dem östlichen Elazığ, der sich damit brüstet, einen der russischen Piloten der abgeschossenen Sukhoi ermordet zu haben.

In Syrien brechen die imperialen Ideologien, die diese Region systematisch hervorbringt, ungehemmt durch. Die imperiale Aggression hüllt sich in Unschuld und wähnt sich als ständiges Opfer imperialistischer Verschwörung, bevor sie zur Verfolgung der Anderen schreitet. Was diese Despotien – allen voran der klerikalfaschistisch-militaristische Iran und die Türkei unter den Muslimbrüdern - eint, ist die etatistische Erziehung zur Unmündigkeit und einer alles durchdringenden Paranoia. Der Reflex, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige anderswoher zu exorzieren, wird eingeprügelt mit der Drohung, selbst als Äußeres markiert zu werden.*

Die US-Amerikaner, jahrzehntelang in der Funktion des militanten Souveräns des Wertgesetzes, haben wie die Europäer die Organisierung der militanten Opposition gegen das Regime Bashar al-Assads den türkischen Muslimbrüdern sowie Qatar und der saudischen Despotie anvertraut, ganz so wie sie in diesen Tagen dem klerikalfaschistischen Iran den Todesstoß derselbigen überlassen. In der syrischen Hölle, wo das Aushungern eine zentrale Strategie des Regimes ist und Menschen über Jahre auf wenigen Quadratkilometern eingeschlossen bleiben, entscheidet über Loyalität und Rekrutierung als erstes ein funktionierendes Distributionssystem in den eingeschlossenen Distrikten. Wer die Mehlmühlen und Brotstuben kontrolliert, erzwingt Hörigkeit. Folglich werden sie von dem Regime Bashar al-Assads systematisch bombardiert, auf der ständigen Verknappung des Gröbsten gründet die Macht des militärisch-humanistischen Komplexes türkischer Muslimbrüder. Pseudo-NGOs wie die İHH und İmkander, beide aus dem Istanbuler Distrikt Fatih, fungieren als logistische Schneise der Muslimbrüder zur Front. Die İHH, aus dem Milieu der antilaizistischen Bewegung in den Staat: Millî Görüş, pflegt intime Kontakte zur AK Parti Erdoğans, sie wirbt beidseitig im Bordmagazin der staatseigenen Turkish Airlines. An türkischen Universitäten häufen sich dagegen die Konfrontationen, wenn islamistische Fundraising-Organisationen Werbestände aufmachen.

An allen Tagen findet sich in Istanbul, Gaziantep oder anderswo ein Benefizabend für den syrischen Jihad. Mit dem Tugenddiktat „Treue zu den Märtyrern“ ruft İmkander zum Gedächtnisabend, das Plakat hierzu wirbt mit dem spirituellen Haupt der Hamas Ahmed Yasin, dem Emir des Kaukasus-Emirats Dokka Umarov, dem Mentor Osamas Abdullah Azzam. In Gaziantep unterhielt İmkander ein eigenes Charité für jene, die in Syrien am Märtyrertod vorbeigeschrammt sind. In allen Ehren halten die türkischen Muslimbrüder den kaukasischen Jihad, sie verehren Şamil Basayev, den Blutsäufer von Beslan, und machen Beerdigungen tschetschenischer Jihadisten im Istanbuler Distrikt Fatih zu Aufmärschen gegen den „Şeytan“ Putin. Die honorige İHH gedenkt in diesen Tagen auf Twitter und anderswo Ibn al-Chattab „Komutan Hattab“, ein saudischer Reisender tscherkessischer Abstammung und Weggefährte Osamas, der in Afghanistan, Tadschikistan und im Kaukasus dem Jihad gedient hat. Von ihm kursierten in den 1990er Jahren Snuffmovies, in denen er Feinden des Emirats die Hälse durchschneidet.

Es ist nicht der „Islamische Staat“, dem der türkische Benefiz vorrangig gilt. Es ist ein Milieu irgendwo zwischen den Muslimbrüdern und der traditionellen al-Qaida, in dem auch panturkistische Heilsversprechen keimen. In der Grenzprovinz Idlib ist es die Jaysh al-Fatah, eine Militärallianz von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, die auf die türkische Flanke vertraut. In Latakia panturkistische Brigaden mit Volontärs aus dem völkischen Milieu der Grauen Wölfe. Im strategisch sensiblen Distrikt Azaz an der syrisch-türkischen Grenze verlor die protürkische Jabhat al-Sham, die Levante Front, in den vergangenen Tagen Tel Rifat an die YPG, die de-facto-Armee Syrisch-Kurdistans, sowie an die mit ihr verbrüderten multiethnischen Jaysh al-Thuwar. Die Militärkoalition Jabhat al-Sham besteht vor allem aus der Islamischen Front, der saudisch-hörigen Asala wa-al Tanmiya und der quietistisch-salafistischen Harakat Nour al-Din al-Zenki. Im Spätherbst 2013 haben diese, mit der syrischen al-Qaida, die Institutionen der syrischen Exil-Opposition als illegitim und „konspirative Unternehmung“ denunziert und die Sharia, die Despotie des religiösen Gesetzes, als einzig legitimes Fundament des Staatswesens behauptet.

"Vereint für die Etablierung des Islamischen Staates", Graffiti in Tel Rifat (ANHA)

Die Konstellationen des kaukasischen Jihads aus den 1990ern ähneln grob denen in Syrien. Die Bösartigkeit jener, die den Syrern die Sharia aufzwingen, trifft auf die Gnadenlosigkeit einer militaristischen Despotie, die mit ihrer Strategie der Teppichbombardements Bashar al-Assad als ihren syrischen Kadyrow stabilisiert. Sie ähneln aber noch mehr der irakischen Katastrophe. Die islamisierte Opposition funktioniert nach derselben Logik einer konfessionalistischen Eskalation, die der khomeinistische Iran im Irak verfolgt.

Es ist nicht der „Islamische Staat“ aka Daʿish, dem die russische Aggression vorrangig gilt. Es ist aber gelogen, jene sunnitischen Jihadisten, die in diesen Tagen Aleppo verlieren, unter einen anderen Namen zu rufen. Und es ist bösartig, jene, die von diesen Jihadisten bis aufs Äußerste bedrängt werden, eines Dolchstoßes an der syrischen Opposition zu beschuldigen. Die Levante Front hat noch im vergangenen Jahr begonnen, das kurdische Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo auszuhungern. Ihre Artillerie schießt blind unter dem Mordgebrüll „Allahu Akbar“ in die Enklave der Ungläubigen. Ahrar al-Sham, als stärkster Teil der Islamischen Front vorherrschend in dieser Militärkoalition, bedrängt mit der syrischen al-Qaida, Jabhat al-Nusra, den eingeschlossenen Kanton Syrisch-Kurdistans Afrin. Die Fatah Halab, die wesentliche Operationszentrale in Aleppo, denunzierte die YPG längst vor dem territorialen Einbruch der islamisierten Opposition als „Ungläubige“ und „Feinde der Religion“.**

Brigadistinnen der YPG/YPJ mit der arabischen Stammesmiliz Jaysh al-Sanadid (QSD Press Office) 

Gegen die YPG wird mitunter moralisiert als hätte man dem Mythos von Rojava als revolutionäre Kommune blind geglaubt. Natürlich ist es kühles Kalkül, den russischen Bombardements zu folgen, daraus aber das Gründungsmoment einer Dolchstoßlegende zu machen, nach der eine demokratische Opposition, die unter den Militanten in Aleppo längst nicht mehr existiert, von der YPG aufgerieben werde, ist ein rhetorisches Anschmiegen an Erdoğans Bemühen, die Region zwischen Azaz und Cerablus unter islamistischer Kontrolle zu halten. Der deutschsprachige Analyseblog bikoret khatira hat als einer der wenigen erkannt, dass der Vorstoß der YPG von Afrin aus nach Osten weniger der islamistischen Levante Front gilt als dem Regime Bashar al-Assads und der Hezbollah. Diese stieß in den vergangenen Tagen massiv im Distrikt Azaz vor und droht die gleichnamige türkisch-syrische Grenzstadt einzunehmen. Ein von der Hezbollah kontrolliertes Azaz würde Afrin auf Dauer vom östlichen Syrisch-Kurdistan abschneiden, eine direkte Konfrontation mit dem Iran und seinen Satelliten dagegen wäre selbstmörderisch. Wie es aussieht, liegt darin der jüngste Vorstoß der YPG begründet. In diesem Moment nähert sich die YPG unter dem Donnern der türkischen Artillerie Dabiq, knapp 20 Kilometer von Tel Rifat, beherrscht vom „Islamischen Staat“. Einem apokalyptischen Hadith zufolge werden in Dabiq – das Fanzine der jihadistischen Genozideure ist hiernach benannt - die Armeen der Muslime am Ende der Menschheit mit den Feinden der Religion konfrontiert.

Währenddessen beschuldigt das Regime Assads die YPG, eine Passage für militante Oppositionelle von Idlib durch Afrin ins nördliche Aleppo aufgemacht zu haben. Quwwat Suriya al-Dimuqratiya (QSD), die Militärkoalition der YPG mit arabischen, turkmenischen und assyrisch-christlichen Verbänden, zufolge hätten sich ihr in Tel Rifat Brigaden der aufgeriebenen FSA angeschlossen. Ende Januar schlug die berüchtigte Spezialität Bashar al-Assads, explorierender Stahlschrott, auch in Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo ein. Es wird womöglich die Drohung sein, dass zwischen einer direkten Kornfrontion allein Russen und US-Amerikaner stehen. Anders als deutsche Politiker, die bei dem Iran einzig an Stabilität, Kulturdialog und Konjunkturhoch für die Kranindustrie denken, hat die Partiya Yekitîya Demokrat, die Initiatorin der YPG, wieder und wieder den Iran als Hauptaggressor neben der türkischen Despotie genannt. Wo die militanten Sidekicks der Muslimbrüder und die salafistisch-jihadistischen Bataillone aufgerieben werden, stößt nicht eine irgendwie noch multikonfessionelle Armee Syriens vor, es ist die Internationale der Ayatollahs, koordiniert durch Hezbollah und Qods-Pasdaran. Sie sind die Komplementäre zur Islamischen Front, nicht ihre Opposition. Der entscheidende Unterschied zwischen ihnen liegt darin, dass die khomeinistische Despotie als das akzeptiert ist, was den salafistisch-jihadistischen Emiraten und Pseudokalifaten ohne Hermes-Kredite und europäischem Kulturdialog verweigert wird: die Akzeptanz als Stabilitätsgarant, als Komplize.

Das Gerücht über den Dolchstoß verschleiert die eigentliche Katastrophe: die Säkularen Syriens sind vom ersten Tag mit den aggressivsten Feinden von Aufklärung und Mündigkeit alleingelassen. Während die türkische Staatsfront die syrische Katastrophe um den eigenen Südosten erweitert und inzwischen selbst mit schwerer Artillerie der Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und indirekt auch Daʿish (indem sie den Vorstoß der YPG auf Cerablus blockt) beikommt, finanzieren die Deutschen die türkische Kollaboration mit der syrischen al-Qaida zur Repatriierung Geflüchteter. Und während die iranischen Qods-Pasdaran vorankommen, Syrien als „35ste Provinz“ des Irans (Mullah Mehdi Taeb) einzunehmen, sind sich die Deutschen einzig noch über Vertragsklauseln bei der technologischen Modernisierung der khomeinistischen Despotie und über das perfekte Timing der Einladung von Hasan Ruhani als Staatsgast uneins. Wenn deutsche Politiker und andere am Iran Interessierte heute noch über die dezidiert säkulare Revolte aus dem Jahr 2009 sprechen, dann mit dem Unbehagen, dass eine solche die Grabesruhe irgendwann wieder stören könnte.

* Die khomeinistische Despotie im Iran etwa verfolgt in der religiösen Minorität der Bahá'í eine solche halluzinierte Inkarnation des Dolchstoßes. Nach der „Islamischen Revolution“ wurde mit über 200 Hinrichtungen die Organisationsstruktur der Bahá'í gänzlich gesprengt, über 10.000 Menschen zwang es ins Exil. In der Teheraner Metro und anderswo klären, wie im vergangenen Jahr, großflächige Plakate über die Bahá'í auf. Sie seien „Spione und Agenten imperialistischer Mächte“ und „propagieren Unmoral“. Wieder und wieder wurden Bahá'í als Apostaten hingerichtet; Verhaftungen von Oppositionellen werden weiterhin damit begründet, dass die Verdächtigten im konspirativen Kontakt zu Bahá'í gestanden hätten.

** In der Fatah Halab koordinieren Jabhat al-Sham, einschließlich: Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam, mit den salafistisch-jihadistischen Fajr al-Khilafah Bataillonen sowie sunnitisch-konservativen, vorübergehend US-amerikanisch finanzierten Brigaden wie Liwa Fursan al-Haqq ihre Militäraktionen. 

Dienstag, 2. Februar 2016

Der Vater und die Fremden - weitere Anmerkungen zur Faschisierung der Türkei


Eine schlankere Variante erschien zuerst in der Jungle World 04/2016.

Einen Tag nach dem jüngsten suizidalen Massaker in Istanbul wendete sich Erdoğan dem eigentlichen Staatsfeind zu und drohte jenen Professoren und Doktoranden türkischer Universitäten, die in einem antimilitaristischen Aufruf ein Ende der staatlichen Aggression im Südosten verlangen: „Ihr seid keine Intellektuellen, ihr seid ignorant und dunkel, ihr wisst nichts über den Osten oder den Südosten. Wir kennen diese Region so gut wie eure Wohnadressen.“ Unlängst begannen in der Provinz Kocaeli Verhaftungen von Mitunterzeichnern, sie hätten sich der „Propaganda für eine terroristische Organisation“ sowie der „Beleidigung der türkischen Nation, des Staates, seiner Institutionen und Organe“ schuldig gemacht.

Aus Erdoğan spricht nicht nur der Hass auf den Intellekt, der sich nicht als Brüllvieh hingibt – abtrünnig, die Einheit untergrabend und als gefühlter Dolchstoß juristisch denunziabel -, es spricht aus ihm auch die narzisstische Kränkung, dass er sich von Geistesmenschen aus dem Überbau einer anachronistischen Republik über den Südosten belehrt fühlt. War es doch Erdoğan selbst, der Türken und Kurden als Brüder bei territorialer Integrität des einen Vaterlandes einigen wollte, der dem Südosten den Qur'an auf Kurmancî schenkte und dem morgendlichen Treueschwur aller Schüler auf die zu verinnerlichende Türkisierung, "Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke" (Andımız), ein Ende machte. Als die Erweckungsbewegung des politischen Islam Millî Görüş in den 1970ern ihre ersten Parteien hervorbrachte, etablierten diese sich zunächst vor allem im feudalen Südosten. Das tausendjährige Millet der Muslimbrüder, die Nation geboren aus einem Glauben, versprach den dem Türkisierungsregime Unterworfenen eine Versöhnung mit dem Staat.

Unter Erdoğan deckte das vorgetäuschte Aufknacken nationalistischer Dogmen die Entmachtung der laizistischen Traditionalisten in Militär und den Apparaten. Und während die Repression gegen die organisierte Opposition anhielt – die Barış ve Demokrasi Partisi gibt 7.748 Verhaftungen zwischen April 2009 und Oktober 2011 an -, vertrauten einige dem Friedensversprechen Erdoğans, mit dem er gegen die Traditionalisten polemisierte. Abdullah Öcalan näherte sich der Rhetorik der Muslimbrüder an, als er bei seiner Newroz Ansprache im März 2013 vor einem tausendjährigen Leben „unter der Flagge des Islam“ und nach dem „Gesetz von Brüderlichkeit und Solidarität“ sprach. Das Anschmiegen Öcalans an die neo-osmanische Propaganda traf zugleich auf entschiedene Kritik. Vor allem Aleviten protestierten vehement angesichts der tausendjährigen Verfolgung religiöser Minoritäten: ... die Deportationen der Kızılbaş unter Sultan Bayezid II.; die Massaker an den Êzidî unter Süleyman I.; die vom selben Sultan angefragte Fatwa des Großmufti Ebu Suud, nach der es religiöse Pflicht sei, Aleviten zu töten; die antiarmenischen Massaker unter Abdülhamid II., einem Idol Erdoğans. Während der Revolte der säkularen Jugend im selben Jahr blieb es im Südosten weitgehend still, viele fürchteten, dass auf das Regime der Muslimbrüder wieder ein Regime von Gnaden des Militärs folgen könnte. Bei Sırrı Sakık von der Barış ve Demokrasi Partisi schlug die nicht unbegründete Skepsis in die Identifikation mit dem Aggressor um, er forderte die Zerschlagung der Proteste als Keim einer Verschwörung nationalistischer Kontras, während viele seiner Istanbuler Genossen an diesen teilnahmen. Doch so wenig wie Nationalisten die Revolte vereinnahmen konnten, so wenig war der Südosten durch neo-osmanische Nostalgie zu befriedigen. Als in Lice in der Provinz Diyarbakır ein junger Mann bei antimilitaristischen Protesten sein Leben verlor, solidarisierten sich die Revoltierenden in Istanbul unter dem Banner „Taksim, Lice, Schulter an Schulter“ (Taksim Lice omuz omuza). Im selben Jahr etablierte sich die Halkların Demokratik Partisi als Dachorganisation beider Bewegungen; sie versteht sich ausdrücklich auch als Organisationskern für Betroffene tugendterroristischer Verfolgung wie Homo- und Transsexuelle.

Blieb vom Glücksversprechen der von Mustafa Kemal etablierten Modernisierungsdiktatur, "Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke", vor allem der Zwang zur Türkisierung, während die feudale Blutsurenge weiterhin über den Einzelnen herrscht und das ökonomische Elend anhält, verspricht die Despotie der Muslimbrüder Gleichheit im Millet der Gläubigen. Doch die Gleichheit kann nicht anders als negativ realisiert werden. Die Muslimbrüder denken den Staat als Familie und ihren Atatürk, Tayyip Recep Erdoğan, als strengen Vater, wo doch die patriarchalische Familie nur als Staat gedacht werden kann und die Muslimbrüder die Zwänge der Blutsurenge zur Tugend erheben. Die Gleichheit im Millet wird schließlich konkret in der Ungleichheit der Anderen: der Ungläubigen und Abtrünnigen. Während der feierlichen Einweihung des Selahaddin Eyyubi Havalimanı in Yüksekova begründete Ahmet Davutoğlu die Entscheidung, den Flughafen in der südöstlichsten Provinz Hakkari nach dem kurdischstämmigen Sultan, der im Jahr 1187 Jerusalem einnahm, zu benennen: „Ja, das ist unser Führer. Ja, das ist das Symbol unserer Einigkeit. Alle, die behaupten, Jerusalem ist die heilige Stadt der Juden, sollen sich dafür schämen.“ Der Judenhass, kombiniert mit antiarmenischer Paranoia, ist der ideologische Kitt auch der Muslimbrüder und verhält sich komplementär zum eigenen imperialen Wahn.

Doch allein durch den Begriff des Wahns erschließt sich die Ideologie der Muslimbrüder nicht. Sie gewinnen ihr Brüllvieh nicht oder wenigstens nicht allein aus der Prekarisierung ihres Klientels; viel mehr verschränken sie moralische Erbauung und islamistische Verhetzung mit der Aussicht auf ökonomische Karriere. Sie haben ein Ideal von der Ökonomie als Ameisenkollektiv und von der Gewalt des Souveräns als väterliche Erziehung zu Disziplin und Frömmigkeit im Gebet wie in der Fabrik. Erdoğan befindet sich dabei in Tradition des Begründers der Erweckungsbewegung Milli Görüş, Necmettin Erbakan, der sich in einem gleichnamigen Traktat aus dem Jahr 1975 fragte, wie denn das türkische Vaterland, als Nabel des gewaltigen Osmanlı İmparatorluğu, so verkümmern konnte. Erbakan fand die Antwort einerseits in der Entfremdung vom Islam und andererseits in der perfiden Nachahmung arabischer Techniken der Naturbeherrschung durch das Millet der Ungläubigen. Seine zentrale Forderung war folglich „Wieder eine große Türkei“: Industrialisierung und moralische Überformung der Ökonomie durch einen türkisierten Islam. Die Identifikation mit der Despotie der Muslimbrüder erfolgt nicht allein über die Zugehörigkeit zu dem Millet der Gläubigen, sie ist verschränkt mit dem Versprechen, das zugleich eine Erpressung ist, in absoluter Loyalität und im Gottesdienst am Kapital doch noch zu Prestige und zu mehr als Brotkrümel zu kommen.

Sie hätten Yüksekova hunderte Kilometer Asphalt geschenkt, so Erdoğan bei der Einweihung des Selahaddin Eyyubi Havalimanı. Gebracht hat es ihnen dort nichts. Davutoğlu und Erdogan sprachen vor einem Jubelvieh aus tausenden Staatsbediensteten, während unweit der Inszenierung Kanister an Reizgas geleert wurden. Nahezu 94 Prozent vereint die Halkların Demokratik Partisi in Yüksekova auf sich. Was die Despotie der Muslimbrüder in diesen Tagen in den abgeriegelten Distrikten des Südostens verfolgt, ist nicht der staatsloyale Kurde, der buckelt und sich über das Urnengrab beugt. Sie verfolgt jene, die Misstrauen provozieren, anderes mit ihrem Leben vorzuhaben, als „die Generation von 1071“ (Erdoğan im Bezug auf das mystifizierte Jahr, in dem die muslimischen Selçuklular den Byzantinern ein erstes militärisches Debakel beibrachten) zu sein, oder als Nachkommen von Selahaddin Eyyubi Jerusalem und Damaskus einzunehmen. Die Muslimbrüder kommen über die Religion zu denselben Konsequenzen für die Abgefallenen des Vaterlandes. Wie nur der eine Gott existiert, so haben auch nur ein Staat, eine Flagge, eine Partei zu existieren. Das Gerücht, das die Muslimbrüder zur Propaganda machen, fingiert Oppositionelle zu Ungläubigen, „Fremden unter uns“ oder, wie Erdoğan jüngst über die abgefallenen Intellektuellen sagte, zu „Relikten der Mandatsmächte“.

Star, ein boulevardeskes Organ des Regimes, denunziert die militante Jugend im Südosten als „Kreuzfahrer“ und beruft sich auf die Kollaborateure der Konterguerilla unter den Autochthonen. Während in Sur, dem historischen Diyarbakır, die Konterguerilla eine Straße nach der anderen schlachtet, ruft im Star die politische Vertretung der Dorfschützer, die Assoziation anatolischer Dorfschützer und Familien der Märtyrer (Anadolu Köy Korucuları ve Şehit Aileleri Konfederasyon), zur Einheit und Solidarität gegen „die Gottlosen“ der PKK mit „ihrer Mentalität von Kreuzfahrern“ auf. Die Dorfschützer sind eine quasi-staatliche Institution der Konterguerilla, gegründet im Jahr 1985 unter Turgut Özal nach einem historischen Vorbild im Südosten: den Hamidiye Regimentern. Mit diesen sicherte sich der Blutsultan Abdülhamid II. ab 1891 die Loyalität der Aşirets, der kurdischen Stammesverbände, indem er ihre Raubökonomie und Bandenkonkurrenz in den Staatsauftrag der Niederhaltung armenischer Aufstände integrierte. Bei der Serie an Massakern an Armeniern unter Abdülhamid II. (1894–1896) wüteten die Hamidiye Regimenter vor allem in den heutigen Provinzen Erzurum, Bitlis, Diyarbakır und Şanlıurfa.

Die heutigen Hamidiye, die Institution der Dorfschützer, funktionieren nach ähnlichen Mechanismen. Unter Absolution des Souveräns, das Staats-Racket, konnten sie eine Ökonomie aus Zwangsenteignung von Landflächen, räuberischer Erpressung und Schmuggel von Opiaten installieren. Mit vom Staat ausgehändigten Knarren werden Morde an einigen der verbliebenen assyrischen Christen und Êzidî zur Abschreckung aller begangen, Stammesfehden ausgetragen und Abtrünnige hingerichtet. Auch aus Dorfschützern rekrutieren sich die subunternehmerischen Todesschwadronen des Staates wie die berüchtigten Hançer Timleri, benannt nach einem osmanischen Krummdolch. In der Dorfschützerprovinz Bingöl vereint die AK Parti Erdoğans nahezu 65 Prozent auf sich; ganze Distrikte hängen am finanziellen Tropf des Dorfschützersystems.

Während in den militärisch abgeriegelten Distrikten Cizre, Silopi und Sur die Leichen Getöteter tagelang gehortet werden, weil die ständige Drohung durchs Schrapnell Beerdigungen verunmöglicht, trugen Erdoğan und Davutoğlu jüngst einen der Ihrigen zu Grab. Der an einem Herzinfarkt verstorbene Hasan Karakaya gehörte zur Kortege Erdoğans bei dessen Staatsbesuch in Saudi-Arabien. Ohne zu zögern brach Erdoğan den Besuch ab und eskortierte den Toten nach Istanbul. Während der Beerdigung am 31. Dezember hob Erdoğan Erde aus, las aus dem Qurʼan und trug mit Davutoğlu und anderen den Sarg. Einiges an Prominenz verneigte sich vor dem Toten: die AK Parti und Minister aller Ressorts kondolierten, der Staatsfunk TRT und Redakteure regimeloyaler Gazetten wie Takvim, Yeni Şafak oder Star, die Albayrak Holding verwandt und verschwägert mit der Familie Erdoğan, aber auch Mahmut Ustaosmanoğlu von dem İsmail Ağa Cemaat, das aus dem Istanbuler Mahalle Çarşamba ein gefühltes Talibanistan gemacht hat, Bülent Yıldırım von der İHH, einer Fundraising-Organisation der syrischen al-Qaida, sowie Salih Mirzabeyoğlu, Gründervater der zerschlagenen İBDA-C, die in Berufung auf Necip Fazıl Kısakürek, einem Idol Erdoğans, einen „Islamischen Großen Osten“ terroristisch erzwingen wollte. Hasan Karakaya war augenscheinlich einer der Intellektuellen, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Als jemand, dem die Shoah als „zionistisches Geschwätz“ galt, war er bis zu seinem Tod verantwortlicher Redakteur der Yeni Akit und ihrer Vorgängerin Anadolu’da Vakit. Dieses Organ der Milli Görüş, das Adolf Hitler und Osama Bin Laden als Männer mit „Weitblick“ preist, kennt wie Erdoğan die Namen und Adressen seiner Feinde: Mit einer neun-kalibrigen Glock und unter dem Gebrüll „Allahu Ekber“ wurde am 17. Mai 2006 der traditionslaizistische Richter Mustafa Yücel Özbilgin kaltblütig ermordet. Im Konflikt um den Bann des Türbans an türkischen Universitäten hatte die Gazette zuvor Namen und Fotografien laizistischer Richter veröffentlicht; der Mörder rief bei seiner Überwältigung „Wir sind Enkel der Osmanen, Soldaten Allahs“ (Osmanlı’nın torunlarıyız, Allah’ın askerleriyiz).

In Silopi, das bis zum 19. Januar vollständig abgeriegelt war, beschallte die militarisierte Polizei die Eingeschlossenen mit dem Mehter Marşı, den Marsch der osmanischen Yeñiçeri Ocaġı, der einstigen Leibgarde der Sultane. Nach Explosionen erfolgte ein drohendes „Allahu Ekber“. Die Despotie der Muslimbrüder absorbiert mit ihrer Eskalationsstrategie im Südosten die ideologischen Milieus aller, die sich eins sind im Hass auf die Abtrünnigen des Vaterlandes. Die Nation konstituiert sich als Millet der Verfolger. Jüngst erklärte Doğu Perinçek, türkisches Idol Jürgen Elsässers, Genozidleugner und ein Relikt laizistischer Nationalisten (Ulusalcılık) mit den starren Prinzipien: Schuldumkehr - pathische Projektion - Paranoia, die Einheit mit den „religiös Konservativen“ Erdoğans zur „patriotischen Front“. Die zerschossenen Fassaden in den abgeriegelten Distrikten tragen die Schlachtrufe dieser Staatsfront: Ermeni Piçleri, „Armenische Bastarde“, ist jene Reviermarkierung, die alle Rackets der Konterguerilla, Graue wie Grüne Wölfe, vereint.

„Leben nicht der Tod“ (Ölüm Değil Yaşam), „Frau - Leben - Freiheit“ (Jin Jiyan Azadî), Proteste in Diyarbakır ©Tolga Sezgin/NarPhotos

Im Südosten herrscht kein Kampf der Völker, es ist ein Kampf gegen eine Despotie, die, wo sie zu sich kommt, keine Abtrünnigen, keine Dissidenz mehr duldet. Während Protestierende in Diyarbakır und anderswo - „Leben nicht der Tod“ , „Frau - Leben – Freiheit“ - rufen, dauert die Serie politischer Morde an. In der Nacht vom 04. auf den 05. Januar wurden in Silopi die Kommunalpolitikerinnen Sevê Demir, Pakize Nayır und Fatma Uyar hingerichtet. Selma Irmak, Abgeordnete der Halkların Demokratik Partisi, weiß um die internationale Konstellation der Morde: „Wir werden nicht vor der Ideologie von Daʿish kapitulieren … weder vor dem Staat noch vor Daʿish ... Das Massaker von Paris wiederholte sich in Silopi.“ Während es noch nahezu hundert Kilometer entlang der türkisch-syrischen Grenze sind, einschließlich ihrer logistischen Ader Cerablus, die Daʿish, so das arabische Akronym des „Islamischen Staates“, weiterhin ungehindert kontrolliert, wird das östlich vom Euphrat liegende und von der De-Facto Armee Syrisch-Kurdistans gehaltene Tel Abyad von türkischer Artillerie terrorisiert und der westlichste Kanton Syrisch-Kurdistans, Efrîn, von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham bedrängt. Der Säkularist Can Dündar ist inhaftiert, weil er in der republikanischen Gazette Cumhuriyet der türkischen Flanke dieser syrischen al-Qaida nachging.

Aus der demokratischen Legitimierung der Despotie der Muslimbrüder ist nicht zu folgern, es gebe in der Türkei keine entschiedene Opposition, keinen Widerstand mehr. An türkischen Universitäten häufen sich die Konfrontationen, wenn Fundraising-Organisationen für die syrische al-Qaida und ihre Offshoots Werbestände aufmachen. Vor allem die staatsnahe, aus dem Milieu der Muslimbrüder kommende İHH, die dem deutschen Professor Dr. Norman Paech vor einigen Jahren noch das unvergessliche Gefühl auf einem Basar zu sein beschert hat, gerät in die Kritik im Handgemenge. Wie am Jahrestag der Ermordung von Hrant Dink: die Kritiker der Despotie sind nie verstummt, aller höchstens (und das aus naheliegenden Gründen) desillusioniert, doch sie werden (und das ist gesichert) gänzlich alleingelassen. Gälte es doch einzig das Geringste und Banalste auf sich zu nehmen: Solidarität zu üben.

„Dem Faschismus zum Trotz, du bist mein Bruder Hrant“ (Faşizme inat kardeşimsin Hrant), Gedenken an den am 19. Januar 2007 ermordeten armenischen Publizisten Hrant Dink in Istanbul ©Tolga Sezgin/NarPhotos

Wo die türkische Kollaboration mit der syrischen al-Qaida zur Repatriierung Geflüchteter noch zu wenige davon abhält, nach Europa zu gelangen, wollen einige Europäer die Despotie der Muslimbrüder als das verabsolutieren, wonach der europäische Abschiebeapparat und die türkische Propaganda zugleich verlangen: zu einem Souverän, dessen väterliche Liebe keiner zu fürchten habe, außer diejenigen, die den Vater nicht ehren. Zugleich kriminalisiert der griechische Staat im Interesse aller noch jene, die den unterkühlten, dehydrierten, beinahe ertrunkenen Geflüchteten beikommen. Die vorgebrachte Empörung über die Forderung nach dem Schießbefehl ist die pseudohumanistische Camouflage einer ganz konkret mörderischen Dezimierungspolitik, die von allen vorangetrieben wird, während im Südosten der Türkei die nächste Katastrophe Trümmer auf Trümmer häuft.  

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Die Ära der Esedullah - Anmerkungen zur Faschisierung der Türkei


Wie jede andere Gang hat die türkische Konterguerilla die zerschossenen Fassaden im tagelang abgeriegelten Silvan in der südöstlichen Provinz Diyarbakır markiert: „Wenn du ein Türke bist, sei stolz, wenn nicht gehorche“, „Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke“ oder „Die Türkische Republik ist hier, wo sind die Bastarde“. Neben der Reviermarkierung des Wolfsrudels im Staatsdienst hinterlässt vor allem die Gang Esedullah, „Allahs Löwen“, ihren Namen an durchlöcherten Fassaden zuvor abgeriegelter Distrikte. In İdil in der Provinz Şırnak ergeht sich die maskierte Konterguerilla im Gebrüll „Allahu ekber“ und in Sur, dem historischen Diyarbakır, seien unter den Paramilitärs, so die Eingeschlossenen, auffällig viele bärtige Männer. Die beidseitige Drohung mit nationalisiertem Islam und islamisiertem Nationalismus spricht auch aus Erdoğan, wenn er zu den Häretikern im Südosten sagt: „Wir akzeptieren keine weitere Flagge als die unsere. Was eine Flagge ausmacht, ist das damit vergossene Blut, wenn es ein Land gibt, wofür zu sterben ist, dann ist es das Vaterland. Unsere Flagge symbolisiert das Blut der Märtyrer, der Mond die Unabhängigkeit und der Stern die Märtyrer." Die Konterguerilla ist Ausdruck der voranschreitenden Racketisierung, die Einheit ausschließlich negativ realisiert: in der Verfolgung der Abgefallenen.

Ahmet Davutoğlu, Ministerpräsident von Erdoğans Gnaden, drohte im südöstlichen Van, dass auf die Verweigerung einer demokratischen Legitimierung der Despotie seiner Muslimbrüder eine Wiederkehr der schwarzen Ära der „beyaz toros“ folgen werde. Mit den weißen Renaults verschleppten und ermordeten Todesschwadronen in den 1990ern unzählige „Bastarde“, die weder stolz waren, Türken zu sein, noch gehorchten. Die demokratische Legitimierung wurde den Muslimbrüdern nicht verweigert. Ihre perfide Strategie „Chaos oder Stabilität“ ging auf. Sie provozierten den Tod im Südosten und das Pogrom im nationalistischen Stammland, wo sie das Milieu der Grauen Wölfe absorbierten. Keine Provinz, in der sie nicht Prozente dazugewannen, auch nicht im Südosten und das nachdem sie die Dämonen vergangen zu schienender Tage erzwungen haben, inklusive täglicher Inhaftnahmen von Oppositionellen, der Abriegelung ganzer Distrikte, extra-legaler Hinrichtungen und erzwungenem Verschwinden, dem Schänden von Toten und Niederwalzen von Gräbern als Drohung an die Lebenden sowie - das kannte die schwarze Ära der „beyaz toros“ noch nicht, aber die der „Esedullah“ – suizidalen Massakern in Suruç und Ankara mit 137 Toten. Es ist die Identifikation mit dem Aggressor, die Verschmelzung von Angst und Lust, Teil eines mörderischen Apparates zu sein, auf der die demokratische Legitimierung der Muslimbrüder fundiert. Die AK Parti Erdoğans profitiert mehr als alle anderen von der systematischen Paranoia, die konstitutiv ist für die nationale Identität. Jede Kritik, jeden Protest denunziert sie als perfide Intrige von außen. Während der Revolte im Jahr 2013 konterte das Regime und sein Brüllvieh, der Protest könne nur eine Verschwörung sein, da er doch in jenem Moment aufkomme, wo die Türkei bald den letzten Zins abgezahlt und sie den “unterdrückten Völkern” den Pfad vorgetrampelt habe. Nicht anders in diesen Tagen: Die PKK ist ihnen ein terroristisches Instrument der Imperialisten, eine Strategie, um Chaos zu säen und Unterwürfigkeit zu ernten.

Protest nach dem Massaker in Ankara: „Wir kennen den Mörder“ (Ufuk Koşar/NarPhotos)

Wie die Militärdiktatur vom 12. September 1980 die Hörigen mit der Angst vor einem Andauern der Pogrome und politischen Morde aus den vorangegangenen Jahren erzog, so disziplinieren die Muslimbrüder mit der Drohung, dass ohne erzwungene Stabilität die ökonomische Karriere ein abruptes Ende findet. Die Asphaltierung des Hinterlandes entspricht der Ermächtigung, das Hinterland anderswo – in den Distrikten der Abgefallenen - niederzuwalzen. Und noch als über den Asphalt gezogene Leiche ist einem im Südosten der Verdacht eingebrannt, das Vaterland zu bedrohen. Was an den Muslimbrüdern Angstschauer provoziert aber auch fasziniert, ist die Gewalt, die Gräben zu schütten und mit ihnen jede Dissidenz.

Auf den Staatszweck verpflichtet entspricht ihre Ideologie dem Zwang zur nationalen Homogenität in Ansehung der Krisenhaftigkeit der eigenen Staatlichkeit. Ihr Feind war nie der Staat Atatürks, es war die Säkularisierung, die sie als atheistische Entartung und Einfallsschleuse kommunistischer Subversion im Dienst jüdischer Konspirativität denunzierten. Wider Marx kursierten unter Grauen und Grünen Wölfen in den turbulenten Jahren vor der Grabesruhe der Militärdiktatur des 12. Septembers 1980 vor allem die Schriften eines Necip Fazıl Kısakürek, der selbst eine laizistische Jugend genoss und auf die renommierte Pariser Universität Sorbonne ging, bevor er seine religiöse Erweckung erlebte. Seine Schrift „Judentum-Freimaurerei-Wendehalsigkeit“ (Yahudilik-Masonluk-Dönmelik) und andere aus diesem Erweckungsmilieu entsprechen der türkischen Variante der „Protokolle“, sie gleichen dem Judenhass eines Theodor Fritschs oder Erich Ludendorffs (1). Den inneren Feind markierte Necip Fazıl in seiner Schrift „Die irrigen Abweichungen vom rechten Pfad“ (Doğru Yolun Sapık Kolları) aus dem Jahr 1978 in der religiösen Minorität der Aleviten, die er empfahl wie Unkraut herauszureißen. Das Jahr 1978 war das Jahr antialevistischer Pogrome, Rudelführer der Pogromisten waren Graue Wölfe. Sie identifizierten Aleviten mit kommunistischer Agitation und Dolchstoß. Necip Fazıl ist nach Erdoğan einer der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts, ein Idol seiner eigenen und aller folgenden Generationen. Eine weitere Schrift aus dem Jahr 1969, „Die religiösen Unterdrückten der vergangenen Epoche“ (Son Devrin Din Mazlumlari), hätte, so Erdoğan, sein Leben geändert. Necip Fazıl skizziert darin den jungtürkischen Coup gegen den Blutsultan Abdülhamid II. – sein Hamidiye Regime ermordete in den Jahren 1894–1896 über hunderttausend vor allem armenische Christen - als Intrige von Juden und Freimaurern.

Die Grauen Wölfe spüren dem Gerücht aggressiv nach, das der republikanischen Idee nachhängt: dass diese die Nation von Blut und Boden abstrahiere und somit empfänglich mache für kosmopolitische und individualistische Keime. So terrorisierten sie in den 1970ern selbst noch Staatsbedienstete, die mit zu viel Haut provozierten. Anders als bei den Grauen Wölfen ist das historische Substrat der Muslimbrüder nicht die Türkisierung als zentrales Moment des Modernisierungsregimes. Es ist vielmehr die beschädigte Modernisierung selbst, die sie als Erweckungsbewegung provozierte.

Der Modernisierungsauftrag des osmanischen Rumpfstaates bestand als erstes darin, aus den empirischen Menschen eine Nation zu konstituieren. Das Türkisierungsregime entschied die zentrale Frage, woraus diese zu machen ist, im Genozid. Im Jahr der Republikgründung 1923 wurde schließlich aller „verwaiste“ Besitz der ermordeten und geflüchteten Armenier konfisziert. Dieser vorletzte Schritt des Genozids – der letzte, die Schuldprojektion auf die Ermordeten, dauert an - war zugleich das Gründungsmoment der türkischen Bourgeoisie mit laizistischen Familiendynastien wie Koç und Sabancı. Doch jenes Establishment profitierte nicht nur von der ökonomischen 'Islamisierung', es eignete sich auch mehr und mehr die Kultur der ermordeten Ungläubigen an. Necmettin Erbakan, Gründer der Erweckungsbewegung „Milli Görüş“ und politischer Ziehvater Erdoğans, war getrieben vom Hass auf dieses Establishment der Abgefallenen; ein Hass, der rationalisiert werden konnte durch die reale Konzentration der Industrie und Kreditmaschinerie auf einige wenige westtürkische Monopolisten. Er propagierte den stillen Marsch durch die Institutionen, die Übernahme der Industriekammern im Interesse einer initialen Akkumulation eines grünen Kapitals im stehengebliebenen Anatolien. Seine Schriften waren durchzogen von einer schweren narzisstischen Kränkung, dass das türkische Vaterland, als Nabel des gewaltigen Osmanlı İmparatorluğu, herabgewürdigt werden konnte zur blutleeren wie gottlosen laizistischen Republik. Seine Großmachtphantasie war bei ihm wie selbstverständlich mit deutscher Ideologie durchtränkt. Die Krise ist Erbakan zufolge, der 1953 an einer deutschen Technischen Universität promovierte und bis zu seinem Tod der technischen Detailverliebtheit der Deutschen und ihrer „Ernsthaftigkeit und Organisiertheit“ schmeichelte, dem Kapital nur künstlich eingepflanzt. Es sei der Zins, der sie in die Produktion hineintrüge und als Nadelöhr kommunistischer Subversion fungiere. Sein zentraler Ruf - „Wieder eine große Türkei“ - sollte folglich durch religiöse Erbauung der entfremdeten Muslime und einer forcierten Industrialisierung realisiert werden.

Beide Kontrabewegungen, Graue wie Grüne Wölfe, brüteten noch in ihren ersten Tagen imperialistische Gegenstrategien wider die universalistische Drohung mit der Moderne aus. Dass die Flagge mit dem einen Halbmond die einzige ist, die Erdoğan legitim ist, ist gelogen. Die ideologische Kaderschmiede Erdoğans: die Osmanlı Ocakları, die nicht nur namentlich von dem faschistischen Idealistenrudel der Grauen Wölfe, Ülkü Ocakları, inspiriert ist, tritt unter einer anderen Flagge als der republikanischen auf: Auf dem Grün des Islam prangt für jeden Kontinent, auf dem die osmanischen Imperialisten zu anderen Tagen Territorien beherrschte, ein Halbmond. In dem Intro jeder größeren Ansprache grüßt Erdoğan „seine Brüder“ in Sarajevo, Kosovo, Ramallah und anderen Gegenden, auf die der Schatten vergangener osmanischer Größe schielt. Die Grauen Wölfe dagegen adressierten ihre Identifikation entlang völkischer Kriterien, ihr Osmanlı İmparatorluğu steht als Büyük Türkistan, als ein „Großturkistan“, wieder auf. Das antiimperialistische Gejaule der Wölfe, der zwanghafte Reflex, jede innere Uneinigkeit als Kabale von außen zu exorzieren, verrät: sie projizieren ihr aggressives Inneres auf ein Äußeres.

Anders die Muslimbrüder, die als Panislamisten Türken und Kurden bei territorialer Integrität des einen Vaterlandes unter dem Banner des Islam einigen wollen. Staatsbedienstete erzogen Generationen an Kindern, die vor ihren Lehrern anderes sprachen als Türkisch, mit Prügel und dem Schwur: "Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke", unter den Muslimbrüdern dagegen bringen die Staatsimame den Qur'an in Kurmancî unter die Frommen. Was das Regime der Muslimbrüder in diesen Tagen in den abgeriegelten Distrikten des Südostens verfolgt, ist nicht der staatsloyale Kurde, der betet und buckelt und sich über das Urnengrab beugt. Die ersten Distrikte und Provinzen, die Erbakans Milli Selamet Partisi 1973 und 1977 an sich nahmen, lagen im Südosten. Noch heute halten die Muslimbrüder Provinzen wie Bingöl, Elazığ und Şanlıurfa, wo die feudale Organisiertheit in Aşirets eng verwebt ist mit dem Repressionsapparat, das Dorfschützersystem Koruculuk Sistemi ist Teil der Konterguerilla sowie der organisierten Kriminalität. Das Regime der Muslimbrüder verfolgt jene, die Misstrauen provozieren, für anderes als für „die Generation von 1071“ einzustehen (2). Es kommt über die Religion zu denselben Konsequenzen für die Abgefallenen des Vaterlandes. Wie nur der eine Gott existiert, so haben auch nur ein Staat, eine Flagge, eine Partei zu existieren. „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“, so die berüchtigte Aussage Erdoğans, für die er sich im Jahr 1998 noch vor Gericht zu verantworten hatte, aus der in diesen Tagen, wo Militär und Justiz auf eine Funktion heruntergebracht sind, viel mehr das Aufgehen islamistischer Ideologie im Staat, dieser verwundeten Kollektivbestie, spricht. Das Gerücht, das die Muslimbrüder zur Propaganda machen, fingiert Oppositionelle zu Ungläubigen, Feinden Gottes und „Fremden unter uns“ (Erdoğan). So empört sich Erdoğan vor seinem Brüllvieh im Südosten, dass die Opposition sage: 'Jerusalem den Juden', also die Ummah verrate, und Zarathustras Philosophie als wahre Religion propagiere. Indessen schreitet die Nazifizierung der Propaganda voran: Jüngst wurde vom seriösen „Kanal A“ der Einmarsch türkischer Militärs in die irakische Provinz Mosul mit dem Gerücht flankiert, dass einige 'neutralisierte' Kader der PYD Davidsterne trugen.

Euphorisiert durch die Erfolge der ideologischen Brüder in Tunesien und Ägypten brach das türkische Regime Ende des Jahres 2011 radikal mit Bashar al-Assad, nachdem es zuvor noch befürchtet hatte, dass eine Schwächung Assads einer Stärkung der PYD gleichkäme. Vor allem mit Qatar beschleunigte es die Militarisierung und Islamisierung der Opposition. Neben der AK Parti selbst sind es NGOs aus dem ideologischen Milieu der Muslimbrüder wie die berüchtigte İHH, die aus den Grenzprovinzen Hatay, Kilis und Gaziantep ein türkisches Peshawar machten. In der Grenzprovinz Idlib ist es die Jaysh al-Fatah, eine Militärallianz von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, die auf eine logistische Flanke der türkischen Muslimbrüder vertrauen kann. Ihre jüngste Affäre ist das Ahrar al-Sham Offshoot Jaysh al-Sham, das von sich behauptet, sich ausschließlich aus Syrern zu rekrutieren. Dies ist inzwischen das wesentliche Kriterium dafür, wer Potenzial zum Stabilitätsfaktor hat und wer nicht.

Doch ein regime change hin zu einem sunnitischen Satellitenstaat bleibt aus und die Aussicht Erdoğans, in Damaskus zu beten, schwindet. Weder das Regime Bashar al-Assads noch die islamisierte Opposition können die syrische Katastrophe für sich entscheiden. Wo es nicht der explodierende Stahlschrott mit Todesgrüßen Assads oder Putins ist, ist es die Rivalität um die Beute oder die Methoden einer Ökonomie der Geiselhaft, die Syrien weitflächig mehr und mehr von Menschen entleeren. Wo es Bashar al-Assad an Rekruten fehlt, sind es Mujahedeen der Shiah aus dem Irak, dem Libanon und anderswo sowie afghanische Zwangsrekruten, mit denen die khomeinistische Despotie Iran sich seinen Satelliten, ein Rumpfstaat Typ „Südlibanon“, erzwingt.

Während Erdoğans neo-osmanische Expansion in Syrien strauchelt, hat sich entlang der türkisch-syrischen Grenze ein säkulares Syrisch-Kurdistans behauptet, das augenblicklich der Despotie der Muslimbrüder die gröbste Provokation ist. Ahmet Davutoğlu droht der YPG, der de-Facto-Armee Syrisch-Kurdistans, ausdrücklich vor einem Überqueren des Euphrat und der Einnahme von Cerablus, der einzig verbliebenen Grenzstadt unter Kontrolle von Daʿish. Damit diese Drohung auch ankommt, wird das östlich vom Euphrat liegende Tel Abyad wieder und wieder von türkischer Artillerie gekitzelt. Dass die US-Amerikaner darüber rätseln wie sie Daʿish ohne die YPG aus Cerablus herausdrängen können, um das türkische Regime nicht zu reizen, sagt nahezu alles über die tödliche Farce der aus mehr als 40 Staaten bestehenden Koalition gegen den einen Pseudostaat Daʿish. Es sind noch nahezu hundert Kilometer entlang der türkisch-syrischen Grenze, die Daʿish weiterhin unbelästigt kontrolliert, ihre logistische Ader und das Nadelöhr für ihre Todesschwadrone. Eine solche ermordete am 30. Oktober Ibrahim Abd al-Qader und seinen Freund Fares Hamadi in Urfa. Der Ermordete war Mitbegründer von „Raqqa is Being Slaughtered Silently“, der letzten verbliebenen Opposition in Raqqa. Wenn in diesen Tagen der europäischen und US-amerikanischen Politik eine Kontinuität zu konstatieren wäre, dann ihre Einfühlung in die Interessen derer, die am perfidesten töten, und allein aufgrund ihrer Eignung als Totengräber als Stabilitätsgaranten identifiziert werden. Nichts anderes heißt es, wenn etwa in Teheran die Munich Security Conference, das deutsche Luxuslabel in der internationalen Diplomatie, unter der Causa die „Bewältigung regionaler Krisen“ konferiert, wo doch der khomeinistische Iran Syrien als seine „35ste Provinz, eine strategische Provinz“ (Mehdi Taeb) okkupiert (3). Während die europäische Politik der klerikalen Despotie Iran als „Stabilitätsgaranten“ schmeichelt, sperrt sie Geflüchtete vor diesem Regime systematisch aus. Einige hundert blieb die griechisch-mazedonische Grenze tagelang versperrt – bis die griechische Polizei sie nach Athen verschleppte, von wo aus ihnen die Abschiebung droht.

Während neue Militärallianzen präsentiert werden – allein die exklusiv islamische Koalition unter Führung Saudi-Arabiens umfasst 34 Staaten -, ist Daʿish nach wie vor die Alibifunktion, um das Wesentliche zu unterlassen. Dem westlichsten Kanton Syrisch-Kurdistan, Efrîn, droht ähnliches wie Kobanê. Die syrisch-türkische Grenze ist hier abgeriegelt, zu passieren ist sie im nächst gelegenen Azaz, das zur Hälfte von der Jabhat al-Nusra kontrolliert wird. Der syrische Branch von al-Qaida bedrängt mit Ahrar al-Sham Efrîn wie auch das von der YPG gehaltene Sheikh Maqsood im nördlichen Halab. In einer Fatwa identifiziert die Fatah Halab, eine lokale Militärkoalition, die YPG als Kuffar, als „Ungläubige“. Es sind im Moment einzig die Kantone Syrisch-Kurdistans, in dem der konfessionelle Irrsinn – parteiübergreifend - durchbrochen wird, wo auf das Dröhnen der Artillerie nicht ein verrohtes „Allahu Akbar“ folgt. Es mag diesem Europa kulturrelativistischer Projektionen befremdlich sein, wenn sich Frauen unter dem Kampfruf „Jin, Jiyan, Azadî“, „Frau, Leben, Freiheit“, militant verschwören. Dem Regime der Muslimbrüder ist es eine einzige Provokation, auch weil die militante Jugend im eigenen Südosten mit „Autonomie“ droht. Nicht zufällig liegt der Fokus der türkischen Konterguerilla vor allem auf die Distrikte nah an Syrisch-Kurdistan: Nusaybin, Dargeçit, Silopi und Cizre sowie – dahinter liegend - Diyarbakır und Silvan. In Folge der intensivierten Militäroperationen wurden in einigen dieser Distrikte die Autonomie ausgerufen. Und auch in Okmeydanı, einem alevitisch geprägten Mahalle Istanbuls keine fünf Kilometer von Taksim, werden die Straßen von der militanten Jugend, Yurtsever Devrimci Gençlik Hareketi (YDG-H), kontrolliert, die Polizei beschränkt sich hier noch darauf, Kanister an Reizgas in der Dunkelheit zu entleeren. In Cizre, Silopi und anderswo im Südosten hebt die YDG-H systematisch Gräben aus, um es der Konterguerilla zu verunmöglichen, in den engen, verschachtelten Gassen voranzukommen. Doch wo diese ausgesperrt ist, zerstört sie aus der Distanz Strommasten, Trafostationen und Wasserdepots. Von Hügeln aus wird die Munition geleert, ihre Sniper machen jede Bewegung auf den verwaisten Straßen zum erlebten Nahtod. Dera und Homs grüßen in jenen Tagen, wenn auch noch nicht dergleichen enthemmt, auch aus Nusaybin und Cizre. Die Verhaftungen von Kommunalpolitikern und anderen Oppositionellen dauern indessen an, jüngst wurden einige Überlebende des Massakers von Suruç verhaftet und wieder und wieder kommt es zu Toten bei Razzien auch in Istanbul, wie Dilek Doğan und Dilan Kortak.

Die europäische Flanke

Wo in diesen Tagen aus dem militarisierten Distrikten circa 200.000 Menschen geflüchtet sind, ist es das Kalkül der Europäer, den entscheidenden Prellbock wider wilder Migration außerhalb Europas zu installieren: In türkischen, von den Europäern finanzierten Screeningszentren sollen die noch im Transit ausharrenden Geflüchteten aus der syrischen oder irakischen Hölle aufgestaut werden, wo nur einigen von ihnen die Gnade des Exils zu kommen wird. Einige wenige Stunden nachdem sich das Regime mit den Europäern über den Wert dieser Funktion geeinigt haben – allein den Deutschen ist sie 500 Millionen € wert -, wurden die ersten 1.300 Flüchtenden verhaftet. Eine Chance auf Screening ihrer „Asylrelevanz“ haben sie nicht, was ihnen bevorsteht ist die Abschiebung nach Syrien, in den Irak oder Iran. Mit Push-backs direkt an der türkisch-syrischen Grenze und Abschiebungen in jene syrischen Territorien, die von Ahrar al-Sham und Jabhat al-Nusra kontrolliert werden, werden al-Qaida und ihre Offshoots zu verlängerten Funktionsträgern der europäisch-türkischen Dezimierungspolitik, die ab dem 8. Januar 2016 mit der Visapflicht für Syrer institutionalisiert wird. Mit der Gewissheit, dass der drohende Tod sie hinhält oder sie in letzter Konsequenz physisch dezimiert, zwingt die europäisch-türkische Kollaboration die Geflüchteten auf die noch riskanteren Routen. Beinahe gleicht dies einem perfiden europäischen Kalkül, sich zwischen dem Tod in Halab oder im namenlosen Meer, zwischen Schrapnell oder Überfahrt in einer Nussschale zu entscheiden. Nicht aber, dass in Folge dessen weniger flüchten werden. Um den türkischen Patrouillen entlang der türkisch-griechischen Meerengen zu entkommen, entscheiden sich mehr und mehr Flüchtende für die Überfahrt nach Anbruch der Dunkelheit und riskieren bedrohliche Umwege.

Diejenigen, die überleben – noch sind es 50 auf jeden Toten -, treffen auf ein Europa, das der Türkei der Muslimbrüder so unähnlich nicht ist. Im Jahr 1997 traf sich Necmettin Erbakan - einige Wochen nach dem sanften Coup des Militärs - in seiner Sommerresistenz in Altınoluk an der türkischen Ägäis mit Jean-Marie Le Pen. Details der Unterredung wurden nicht veröffentlicht, einzig, dass sich beide über eine engere Kooperation verständigt hätten. Der Franzose Le Pen erklärte, dass ihn das Erstarken des Islam in der Türkei erfreue und darin auch ein Gewinn für das Nationale liege (4). Nach Erbakans Niederlagen gegen das Militär manövrierten ihn seine Ziehsöhne Erdoğan und Gül ins Abseits, er verstarb im Jahr 2011. Der exzentrische Übervater der französischen Front National, Jean-Marie Le Pen, wurde von seiner leiblichen Tochter Marine innerhalb der Partei isoliert. Doch das ideologische Milieu der beiden ist dasselbe geblieben. Das höchste ist diesem der Staat als Familie, die Gewalt des Souveräns als väterliches Patriarchat, Zwang als Kultur. Konsequent ist da die Feinderklärung von Jean-Marie Le Pen an die Kosmopoliten von Charlie Hebdo nach dem Massaker vom 7. Januar 2015, die Satiriker hätten einen „anarchistisch-trotzkistischen Geist, der die politische Moral zersetzt“. Kaum wahrgenommen wurde, weil der kalte, kulturrelativistische Blick dem totalitären Anspruch der Despotie auf geschlossene Einheit gleicht, dass in Ankara von jungen Militanten eine Solidaritätsdemonstration für die Toten des Massakers vom 7. Januar abgehalten wurde. Als sich in ihrer Nähe islamistische Freunde des Todes aufstellten, wurden diese augenblicklich in die Flucht geschlagen.

Einer von Erdoğans Freunden in Europa ist Viktor Orbán, Ungarns starker Mann, der sich selbst „ein Verehrer des Islam“ nennt und - um die christliche Identität Europas zu bewahren - Geflüchtete, die den heiligen Grenzzaun beschädigen, mit Haft droht. Orbán markiert den Hauptfeind in jenen, deren „wirren Träume“ es sind, die Nationalstaaten zu sprengen. Verfleischlicht sieht Orbán diese antinationale Intrige im jüdischen Philanthropen Georg Soros, der eine Kampagne in Budapest mitfinanziert, die Geflüchteten beikommt. Dieses Europa muss den Judenhass nicht von anderswoher importieren. Wenn ihn etwas noch potenziert, dann der gängige Klüngel, in dem die Europaorganisationen türkischer Grüner und Grauer Wölfe (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği - DİTİB, Millî Görüş, Avrupa Türk-İslam Birliği – ATİB) als zentrale Ordnungsfaktoren akzeptiert werden. Der einzige Antirassismus, der im Europa der ungesühnten Brandanschläge und des institutionalisierten Tötens an der Migrationsfront noch zu haben ist, ist nicht die Garantie auf ein menschenfreundliches Exil, er ist die Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, denen bereits die Stabilisierung Syriens und des Iraks anvertraut ist.


(1) Wo sich der kapitalisierten Gattung ihr eigener sozialer Nexus als Charakter der Waren konfrontiert, als deren Wert, wo ihr sozialer Nexus die verrückte Form von toten Dingen angenommen hat, kann auch der negative Charakter, das bedrohliche und krisenhafte Moment des Kapitals nur in der Form einer zu personifizierenden und rassifizierenden Eigenart erscheinen. Die kapitalistische Gattung, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist und innerhalb pseudo-naturgesetzlicher, fetischistischer und selbstzweckhafter Denk- und Handlungsformen blind kreist, kann nicht anders als die eigene Negativität auf ein Objekt, „dem prospektiven Opfer“ (Horkheimer/Adorno), zu projizieren und somit zu bannen. Das antisemitische Gerücht gibt der subjektlosen Logik des Geldes eine Adresse und erhebt die kapitalisierte Gattung in eine Reservearmee potenzieller Pogromisten, es ist somit als erstes auch eine Konterrevolution in Prävention. Antisemiten haben ein Ideal von der Ökonomie als Ameisenkollektiv und von der Gewalt des Souveräns als väterliche Erziehung zu Sittlichkeit und Frömmigkeit, sie sind autoritäre Charaktere. Dass dieses Ideal tagtäglich durch die Empirie karikiert wird, hat keine Kritik der Ideologie zur Folge, es wird panisch das Scheitern des Ideals an der Realität auf ein Anderes projiziert und somit exorziert: der Geburtsgrund der Verschwörungsindustrie.
(2) Im Jahr 2012 mahnte Erdoğan in einer Ansprache in Konya die Gebärfunktion der muslimischen Jugend an: „Ihr werdet heiraten. Ihr werdet die Generation von 1071 heranziehen.“ Im Jahr 1071 schlug die erste islamische Armee die christlichen Byzantiner verheerend.
(3) Hezbollah, Qods-Pasdaran, Asa'ib Ahl al-Haq, Kata'ib Sayyid al-Shuhada, Ansar Allah sind die Komplementäre zu Daʿish, Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam, nicht ihre Opposition. Wahrlich - die khomeinistische Despotie wirbt nicht in Fanzines mit Köpfungen, die Ayatollahs posieren nicht mit abgeschnittenen Köpfen als Trophäen, sie beeindrucken Außenstehende mit interkulturellem Dialog, theologischer Expertise und Investitionspotenzial. „Apostaten“ und „Ungläubige“ mordet die khomeinistische Despotie mit mehr Diskretion – das aber ist nicht der wesentliche Unterschied zu Daʿish. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die khomeinistische Despotie als das akzeptiert ist, was Daʿesh als Pseudostaat ohne Hermes-Kredite und europäischem Kulturdialog noch verweigert wird: die Akzeptanz als Stabilitätsgarant, als Komplize.
(4) Darin, wo der Feind lauere, sind sie sich sowieso eins: „Der Jude“ - ist bei Erbakan zwanghaft beides: ein Rassist von Gottes Gnaden und sich gegen die Souveränität der Völker verschwörender Kosmopolit, ein religiös Besessener und gottloser Zersetzer der Religion, ein das Volk aufwiegelnder Kommunist und die Produktion sabotierender Zinsherr Als halluzinierte Verfleischlichung des Geldes, das die materielle Repräsentanz der Abstraktion ist, muss „der Jude“ auch die fetischisierte Charakteristik des Geldes verfleischlichen: universale Geltung und teuflische Magie. Was der Antisemit auf die Juden projiziert, ist sein eigener innerster Gedanke: seine türkisierte Variante des Islam als universale Totalität. Jean-Marie Le Pen ist ein wenig pragmatischer, bei Gelegenheit droht er seinen jüdischen Kritikern mit „dem Ofen“.