Dienstag, 12. Mai 2015

Mahabad darf nicht allein bleiben – Flugschrift in Solidarität mit den Aufständischen in Iranisch-Kurdistan


Die Islamische Republik Iran wirbt - anders als ihre sunnitische Entsprechung: „Islamischer Staat“ aka Daʿesh - nicht in Fanzines mit Köpfungen, die Ayatollahs posieren nicht mit abgeschnittenen Köpfen als Trophäen, sie beeindrucken viel mehr Außenstehende mit interkulturellem Dialog, theologischer Expertise, Städteaustausch und natürlich Exportaufträgen. „Apostaten“ und „Ungläubige“ mordet die khomeinistische Despotie mit mehr Diskretion – das vor allem ist der Unterschied zu Daʿesh. Inhaftierte Regimekritiker im Iran skizzieren ihre Arrestzellen als Särge und exakt das sind sie nicht allein aufgrund ihrer Größe (im Trakt 209 des in der nördlichsten Peripherie Teherans gelegenen Zendān Evin haben diese Särge die Größe 1 x 2 Meter). In ihnen soll jede Dissidenz, jede Kritik verstummen. Selbst von dem Dahinsterben soll nicht erzählt werden. Zahra Kazemi wurde zu Tode gefoltert, allein weil sie von außen Evin, diese Fabrik sadistischer Qualen, fotografiert hat. Doch keiner kann sagen, er wüsste nicht, was dort passiert, die Biografien der Überlebenden, etwa von Monireh Baradaran und Reza Ghaffari, oder die herausgeschmuggelten Briefe der Toten schildern dieses System der Vernichtung bis ins Detail. Und keiner kann sagen, er wüsste nicht, was in Mahabad und anderswo passiert.

Denn nicht, dass die Grabesruhe nicht andauernd durchbrochen wird. Die Islamische Republik Iran kann sich seit der ausgebluteten Revolte von 2009 allein noch auf ihren Repressionsapparat verlassen - und auf die pathische Indolenz der Menschheit. In Mahabad (Iranisch-Kurdistan) stürzte sich am 4. Mai eine junge Frau namens Farinaz Khosravani aus der vierte Etage eines Hotels, um der Vergewaltigung durch einen Regimeagenten der Islamischen Republik zu entkommen. Seitdem wird in Mahabad und anderswo in Iranisch-Kurdistan gegen die systematische Aggression der khomeinistischen Despotie gegenüber Frauen protestiert – und seitdem ist jene Despotie gezwungen, die Stadt militärisch abzuriegeln und als erstes die Sprachkommunikation der Revoltierenden in Mahabad nach außerhalb zu kappen, um den Aufstand im wahrsten Sinne des Wortes totzuschweigen. Das Hotel, vor dem auch die deutsche Flagge gehisst war (irgendwo müssen auch die Handelsvertreter deutscher Repressionstechnologien nächtigen), brannte nieder. Circa 700 Protestierende sind allein am 7. und 8. Mai in Mahabad inhaftiert worden. Viele unter ihnen wurden aufgegriffen als sie mit schwersten Verletzungen die Spitäler der Stadt aufgesucht haben.

Doch die Solidarität mit den Aufständischen von Mahabad begrenzt sich weitgehend auf andere Teile Kurdistans. In Sardasht, südlich von Mahabad, riefen Protestierende „Mahabad ist nicht allein, wir sind Farinaz“ und in Sanandaj „Frau - Leben - Freiheit“ - bevor die Regimeschergen auch sie attackierten. Im türkischen Yüksekova, direkt an der Grenze zum Iran liegend, trug das Banner der Protestierenden die Aufschrift: „Tod dem Regime im Iran, es lebe die Freiheit der Frau“. Die Frauenorganisation der Partiya Jiyana Azad a Kurdistanê - PJAK („Partei für ein freies Leben in Kurdistan“) erklärte unzweideutig, dass dies „nicht der Angriff eines einzelnen Mannes“ war, viel mehr „ein systematischer staatlicher Angriff“. „Bis dieses Denksystem nicht bekämpft wird, wir uns nicht organisieren, bilden und die kollektiven Verteidigungskräfte entwickeln, ist unser aller Leben bedroht und jeden Tag wird es eine andere Frau treffen.“ Mit ihrem militanten Flügel, Hêzên Parastina Jinê – HPJ („Selbstverteidigungseinheiten der Frauen“), ruft sie folglich zur Selbstverteidigung gegen den „Frauenfeind“ Islamische Republik Iran auf und erinnert auch an die Morde an Reyhaneh Jabbari (im Iran hingerichtet, weil sie ihren Vergewaltiger getötet hat) und Farkhunda Malikzada (in Folge des Gerüchtes, sie hätte einen Koran verbrannt, von einem Kabuler Mob gesteinigt) sowie an die Säureattacken in Isfahan.



Während in Berlin die politische und ökonomische Kollaboration mit der khomeinistischen Despotie wieder mit aller Unverfrorenheit aufgenommen wird, droht in Mahabad dasselbe wie den Revoltierenden aus dem Jahr 2009. Sie und die Wenigen, die mit ihnen sind, werden allein gelassen und somit den Bestialitäten der khomeinistischen Schlächter überlassen. Erinnern wir uns also daran, dass das Regime den Tod eines jeden verfolgt, der sich entschlossen hat, sich militant gegen diese klerikale Despotie zu organisieren. Erinnern wir uns, dass unseren Freundinnen und Freunden im Iran in jeder Sekunde, die wir hier passiv bleiben, der Atem abgeschnürt wird. Doch erinnern wir uns nicht länger daran. Beginnen wir von nun an - Seite an Seite - mit ihnen zu kämpfen. Lasst unsere Solidarität eine kosmopolitische sein.

Montag, 16. März 2015

Im Gedenken an Helepçe


Wie der „Islamische Staat“ den Eziden die Entscheidung aufzwang: Konversion zum Islam oder Tod und Versklavung, sprach das Baʿth-Regime in den dunklen Tagen der Militäroperation „al-Anfal“ (1986-89), benannt nach der Koransure: „Die Beute“, ein letztes Ultimatum an die „Abtrünnigen“ in Irakisch-Kurdistan aus. Entweder fügen sie sich der irakischen Nation, mit der Konsequenz einer Zwangskasernierung unter der totalitären Kontrolle des baʿthistischen Militärs, oder sie würden aus der irakischen Nation herausfallen und als Deserteure gelten.

Der 16. März 1988 ‏steht wie kein anderes Datum für die genozidale Aggression des Baʿth-Regimes. 3.200 Tote konnten namentlich identifiziert werden; weitere unzählige Menschen starben in den Folgejahren an den Nachwirkungen der Gasattacke auf Helepçe. Die baʿthistische Todesschwadrone hatte Sarin, Tabun – Produkte aus den Laboratorien der deutschen I.G. Farben in den 1930ern – und andere Gase über die Frontstadt der irakisch-iranischen Menschenschlacht abgeworfen. Über einen süßlichen Apfelgeruch, der über der ganzen Stadt lag, berichteten die Überlebenden.

Etwa 50.000 „Abtrünnige“ wurden infolge von „al-Anfal“ hingerichtet, unzählige Weitere verschleppt. „Al-Anfal“ war keine Aufstandsbekämpfung, die an der eigenen Brutalität erblindete, sie wurde vom Baʿth-Regime als Überlebensschlacht der „arabischen Nation“ gegen die realen und halluzinierten „Abtrünnigen“ inszeniert. In der genozidalen Ermächtigung trieb das Baʿth-Regime, das sich andauernd als Objekt einer Verschwörung wähnte, die „nationale Erniedrigung“ aus. Während der achtjährigen Menschenschlacht mit dem Iran der Ayatollahs beschwor das Baʿth-Regime die irakisch-iranische Front als die „heilige arabische Ostflanke gegen die Zionisten“ (während Ayatollah Khomeini, der zumindest die geografischen Gegebenheiten hinter sich wusste, propagierte, der Pfad nach al-Quds führe über Baghdad).

Das Regime der Baʿthisten fundierte auf einer systematischen Produktion der Angst, die erzeugt wurde, um jede Illoyalität und Dissidenz niederzudrücken. So praktizierte es Amputationen und Brandmarkungen von „Kriminellen“ als Drohung an alle anderen. Im Jahr 1994 veröffentliche das Regime eine mit der 109 nummerierte Anordnung, welcher zufolge Diebe und Deserteure ein X auf die Stirn eingebrannt werden sollte. In der mit der 117 nummerierten Anordnung wurden Ärzten, die an einer kosmetischen Korrektur eines vom Regime Verstümmelten teilhaben, mit Abtrennung der Hände gedroht.

Der „Islamische Staat“ ist kein Alien im Irak, Daʿesh ist die konsequente Kontinuation der baʿthistischen Despotie, die sich dem panarabistischen Schleier entledigt hat. Der “Islamische Staat” sprießt weniger aus der Generosität etwa katarischer Islamisten oder dem strategischen Kalkül eines Erdoğans – auch wenn vor allem letzteres die Karriere von Daʿesh beträchtlich anschob - als aus der Saat, die die baʿthistische Despotie im Irak säte. Saddam Hussein nahm 1991 die „al-Anfal-Kampagne“ wieder auf. Nun gegen die als „Abkommen afrikanischer Sklaven“ aus der „arabischen Nation“ exkommunizierten Angehörigen der Shiah. Funktionäre und Profiteure des Baʿth-Apparates rekrutierten sich mit wenigen Ausnahmen aus den sunnitisch-arabischen Clans. Die Angehörigen der Shiah darbten in Elend, in welchem die illegale Kaderpartei Daʿwa eine „Islamische Revolution“ als Erlösung verhieß. Auf die Zugehörigkeit zur Daʿwa stand ab Ende der 1970er der Tod. Während die Söhne schiitischer Familien zu Tausenden als Frontvieh abkommandiert wurden und im wahrsten Sinne sich dem baʿthistischen Regime gegenüber als loyal bis in den Tod verhielten, kam es im schiitischen Hinterland des Iraks wieder und wieder zu Hinrichtungswellen an vermeintlichen „Abtrünnigen“ und „Kollaborateuren“. Die Menschen wurden aufgerieben zwischen der gnadenlosen Gewalt der Baʿth-Despotie und der Instrumentalisierung der Schiiten durch den khomeinistischen Iran. Nach dem US-amerikanischen „regime change“ im Jahr 2003 und der erzwungenen Entbaʿthisierung der Apparate änderten sich die Konstellationen: Nahezu ungehindert von den US-Amerikanern schnürte sich der Zugriff des Irans auf die irakische Shiah, die größte Konfession im Irak, vollends zu. Iranhörige Todesschwadronen infiltrierten den Polizeiapparat und terrorisierten die verbliebenen Sunniten in Baghdad und anderswo. Im „Irakischen Widerstand“ gegen diesen Machtverlust verschmolzen Baʿthisten mit al-Qaida zum „Islamischen Staat im Irak“.

Wer vom genozidalen “Islamischen Staat” spricht, sollte also von der Despotie der Baʿthisten und Khomeinisten nicht schweigen. Der Irak sowie Syrien - mit Ausnahme Kurdistan - ist weitflächig aufgeteilt zwischen Da'ish und der khomeinistischen Despotie und dem von ihr gehaltenen Assad-Regime. Wo heute die Todesschwadronen der Shiah einmarschieren, fürchten Sunniten um ihr Leben wie anderswo Christen und Eziden. Der pseudokritische Blick auf den “Islamischen Staat” sieht hiervon ab. Wo keine Kritik weder der islamistischen noch panarabischen Kontrarevolution erbracht werden kann, wird höchstens noch gegen die geldheckenden Kataris und die Familie al-Saud gestänkert, denen weniger ihre bösartige Ideologie - inklusive die von Europa geduldeten Hinrichtungen und Auspeitschungen von Apostaten - nachgetragen wird als ihren Zugriff auf Kapital. An den baʿthistischen Despotien Iraks (bis 2003) und Syriens sowie dem Iran der Ayatollahs fasziniert so einigen die antiwestliche Rhetorik der Schlächter. Dies gilt für antiimperialistische Ideologen als auch für deutsche Krämerseelen. Anton Eyerle, ein bayrischer Industrieller, etwa hatte in den 1980ern für seine irakischen Abnehmer einen sehr eigenartigen Service: Aus Volksempfängern, die den mobilen toxikologischen Labors mitgeliefert worden sind, dröhnte die Agitation Adolf Hitlers. Der inzwischen verstorbene Eyerle, der in Saddam Hussein einen würdigen Verbündeten gegen Juden und andere Kosmopoliten ersah, war einer jener deutschen Industriellen, die dem Baʿth-Regime die praktikabelste Variante des Mordens garantierte. Südlich von Samarra begann der Irak zu Beginn der 1980er in einer 160 Quadratkilometergroßen Sperrzone Pestizide zum „Schutz der Dattelernte“ zu produzieren. Deutsche Ingenieure tüftelten auch daran, tödliche Nervengase seriell auf Raketenköpfe zu konfektionieren. Wer als Antifaschist sich in einem solchen Ameisenvolk aus Produkivbestien wiederfindet, sollte von dem Finanzkapital zunächst schweigen (mehr sei zum Blockupy-Spetakel nicht gesagt). Nicht nur die apfelsüße Geruchsspur von Helepçe führt in deutsche Ingenieurbüros, auch an der libyschen und syrischen C-Kampagne waren deutsche Firmen beteiligt. Womöglich mordete Saddam Hussein 1988 in Helepçe, Assad 2013 in Ghouta und der “Islamische Staat” in diesem Moment in Kurdistan mit Gasen, die mit deutschem Know-how produziert worden sind. 

Solidaritätsdemonstration in Helepçe mit den Nervengas-Opfern im syrischen Ghouta (Aug. 2013, Bild: Jiyan Foundation)

Sonntag, 1. März 2015

What's the Difference - Flugschrift in Solidarität mit den Kämpfenden im Iran


Kritik im Sinne des Marxschen Kategorischen Imperativs - „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ - hat vor allem auch dort ihren Ausdruck als praktische Solidarität zu finden, wo Kritiker eine tödliche Bedrohung auf sich zu nehmen gezwungen sind. Im Iran richtet seit 1979 die schiitische Variante des Islamischen Staates gnadenlos über reale und halluzinierte Abtrünnige. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Ayatollah Khomeini, der Übervater dieser Despotie, in seinem Todesdekret des Jahres 1988, mit dem er die Hinrichtungen tausender Dissidenten anbefahl. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Und wie Daʿesh, so das arabische Akronym für den „Islamischen Staat“, verdächtigt die khomeinistische Despotie Kurdistan, ein Hort von Unglauben und Verrat zu sein.

Anders als bei Daʿesh werden die Geiseln der khomeinistischen Despotie nicht in Käfigen vorgeführt und ihr Tod spektakulär inszeniert. Liegt das Versprechen des „Islamischen Staates“ aka Daʿesh an die islamistisch Verhetzten und somit sein Wert auf dem Markt apokalyptisch-faschistischer Ideologien darin, sich als genozidale Aggressoren zu ermächtigen, so wie der Gegenwert der Kollaboration unter irakischen und syrischen Muslimen mit dieser Inkarnation des Todes als erstes darin besteht, als einzige zu überleben, ist jedes islamistische Snuff Video, jede noch so bestialische Sequenz daraus, Propaganda des allein im Genozid gründenden „Islamischen Staates“. Die Lebensader der khomeinistischen Despotie Iran als Konsequenz aus der kontrarevolutionären Wendung der Erhebung gegen das Shah-Regime ist die Kollaboration und die Beschwichtigung der Anderen. So ist sie gezwungen, anders abzuwiegen zwischen „interreligiösem Dialog“ und aggressiver Verfolgung etwa der Bahá'í*, zwischen Hafez-Gedenktagen und der brutalst erzwungenen Monokultur der Ayatollahs. Die khomeinistische Despotie kann wie jüngst via „Kayhan“, dem wesentlichen Organ von Khomeinis Nachfolger Ayatollah Ali Khamenei, exilierten Regimekritikern mit dem Tod drohen und dazu aufrufen, die Apostaten - unabhängig davon, wo sie sich aufhalten – den Henkern zuzuführen, um im nächsten Moment als grobe islamophobe Beleidigung anzuprangern, dass sie als Initiatorin solcher Morde an Exil-Oppossionellen, wie etwa in Wien 1989 oder Berlin 1992, benannt wird (2).

Die khomeinistische Despotie ist so etwas wie die staatsgewordene verfolgende Unschuld. Exakt darin, die Erniedrigung und Verächtlichmachung der Menschen zu perfektionieren und im selben Moment jede Bestialität auf das Andere zu projizieren, liegt ihre Genese. Am 19. August 1978, dem Jahrestag des Coups gegen Mossadegh, brannte ein Cinéma in Abadan (Provinz Khuzistan) aus. Über 400 Menschen verbrannten. Wenige Tage später verdächtigte Khomeini den Shah persönlich für den Brandmord verantwortlich zu sein. In enger Absprache mit der nationalreligiösen Opposition um Mehdi Bazargan wurden die Verbrannten nun als Märtyrermaterial verwertet – eine Strategie, die die Khomeinisten im Iran wie im Libanon noch zu perfektionieren wussten. Die Genossen der Tudeh und Fadai schlossen sich der Mobilisierung an. Der Shah sah sich angesichts der Massenaufmärsche gezwungen, dem Klerus entgegenzukommen und ernannte Jafar Sharif-Emami, ein Politkarrierist mit engen familiären Bindungen zu den Religiösen, zu seinem Premierminister. Auf die Politik der nationalen Versöhnung folgte die Amnestie für Inhaftierte mit Nähe zum Klerus und weitere Gesten zur Beschwichtigung der Islamisten. Es half alles nicht. Am 14. September 1978 sprach Khomeini über die systematische Demoralisierung der muslimischen Jugend durch das Shah-Regime: Die Cineastik sei ein kolonialistisches „Zentrum der Prostitution“, das der Jugend jede Moral austriebe. Der Klerus müsse nicht dazu aufrufen, es wisse jeder, dass „diese Zentren der Unmoral“ brennen müssen. Der Brandmord in Abadan dagegen wäre ein Manöver des Shah-Regimes: es wolle damit den Islam diffamieren. Zum Brandmord aufrufen und im selben Moment jede Bestialität auf das Andere projizieren – die antiimperialistischen Claqueure Khomeinis mochten es glauben, bei den Hinterbliebenen der Verbrannten äußerte sich mehr und mehr Skepsis. Hossein Takbalizadeh, ein islamisierter Kleinkrimineller, der aus den Heroinhöhlen Abadans in die Moschee flüchtete, konnte es nicht für sich behalten und es dauerte nicht lange und ein jeder wusste in Abadan, dass er und seine Kumpanen den Brand gelegt hatten. Wie selbstverständlich sprach er von seiner Radikalisierung in der Moschee und dass es ihn zu mehr drang als Khomeini-Propaganda aus dem Irak in den Iran zu schmuggeln. Doch das Shah-Regime, das ihn in Haft nahm, zögerte bis zum Ende, den Kontakten des redseligen Takbalizadeh zum Klerus nachzugehen. Unter Sharif-Emanis Beschwichtigungspolitik verbot man sich über die “große Angst”, die mit dem islamistischen Roll-back zu drohen schien, zu sprechen. Nach der „Islamischen Revolution“ dauerte es nicht lange und die auf Aufklärung beharrenden Hinterbliebenen der Verbrannten wurden als Feinde der Revolution denunziert. Als sie in Sitzstreik gingen, prügelte die Hizbollah wieder und wieder auf sie ein. Am 18. August 1980, am 2ten Jahrestag des Brandes, kam es zu größeren Protesten in Abadan. Das Regime mobilisierte, als Konter, zu einem Großaufmarsch am darauf folgenden Tag unter dem Banner: „Amerika ist unser Feind“.

Die khomeinistische Despotie wirbt nicht in Fanzines mit Köpfungen, die Ayatollahs posieren nicht mit abgeschnittenen Köpfen als Trophäen, sie beeindrucken Außenstehende mit interkulturellem Dialog, theologischer Expertise und Städteaustausch (und den etwas grobschlächtigeren Verbündeten mit Shoah-Karikaturen). „Apostaten“ und „Ungläubige“ mordet die khomeinistische Despotie mit mehr Diskretion – das vor allem ist der Unterschied zu Daʿesh. Inhaftierte Regimekritiker im Iran skizzieren ihre Arrestzellen als Särge und exakt das sind sie nicht allein aufgrund ihrer Größe (im Trakt 209 des in der nördlichsten Peripherie Teherans gelegenen Zendān Evin haben diese Särge die Größe 1 x 2 Meter). In ihnen soll jede Dissidenz, jede Kritik verstummen. Selbst von dem Dahinsterben soll nicht erzählt werden. Zahra Kazemi wurde zu Tode gefoltert, allein weil sie von außen Evin, diese Fabrik sadistischer Qualen, fotografiert hat. Doch keiner kann sagen, er wüsste nicht, was dort passiert, die Biografien der Überlebenden, etwa von Monireh Baradaran und Reza Ghaffari, oder die herausgeschmuggelten Briefe der Toten schildern dieses System der Vernichtung bis ins Detail.

In Iranisch-Kurdistan verfolgt das Regime die Ausrottung eines jeden, der sich entschlossen hat, sich militant gegen diese klerikale Despotie zu organisieren. Auf die Zugehörigkeit zur Partiya Jiyana Azad a Kurdistanê ("Partei für ein freies Leben in Kurdistan" – PJAK) sowie zur Komele (es existieren zwei Parteien unter diesem Namen: die eine ist unabhängig, die andere die Kurdistan-Organisation der Kommunistischen Partei Iran) kontert die Despotie der Ayatollahs mit dem Vorwurf, „feindselig gegenüber Gott“ („Mohareb“) zu sein. Geahndet wird dieses Kapitalverbrechen im Iran mit dem Tod. Für einige der von Hinrichtung Bedrohten werden internationale Kampagnen initiiert, so bekommen aber auch nur manche von ihnen Namen und Gesichter: Ehsan Fatahian (Organisation: PJAK, hingerichtet am 11. November 2009), Fasih Yasamani (PJAK, 6. Januar 2010), Farzad Kamangar, Ali Heydarian, Farhad Vakili, Mehdi Eslamian, Shirin Alam Hooli (PJAK, 9. Mai 2010), Hossein Khezri (PJAK, 15. Januar 2011), Habibollah Golparipour (PJAK, 26. Oktober 2013), Sherko Moarefi (Komele, 4. November 2013), Sabir Mavane (Komele, 6. Januar 2015). Bei manchen von ihnen weigern sich die Henker, den Hinterbliebenen die toten Körper zu übergeben; in Unwissenheit der betroffenen Familien werden so manche hastig verscharrt. Bei anderen wird den Familien angedroht, die Toten im Stillen zu beerdigen. Sie zwingen zur Einhaltung der Grabesruhe, die in ganz Iran herrscht. Bei Verstoß gegen diese werden auch Hinterbliebene inhaftiert.

Vor einigen Tagen wurden die beiden Brüder Ali Afshari and Habibollah "Habib" Afshari hingerichtet, beide waren assoziiert mit der Komele. Ein weiterer Bruder, Jafar Afshari, ist weiterhin inhaftiert. Es ist zu befürchten, dass mit Ali und Habib Afshari auch Saman Nasim, Sirvan Nejavi, Ebrahim Shapouri und Younes Aghayan hingerichtet worden sind. Younes Aghayan ist ein Angehöriger der verfolgten religiösen Minorität der Yarsan. Saman Nasim wurde im Juli 2011 als Jugendlicher inhaftiert. Die Folterschergen der Islamischen Republik Iran rissen ihm Finger- und Fußnägel heraus. Unter Folter gestand er eine Beteiligung an einer militanten Aktion der PJAK gegen die Schergen der Ayatollahs. Gegenüber der Familie schweigt sich das Regime weiterhin aus oder es äußert sich widersprüchlich. Auch dies ist eine perfide Taktik der khomeinistischen Henker, die Hinterbliebenen in Angststarre zu halten. Zainab Jalalian ist eine der wenigen „Mohareb“, die wieder und wieder dem Henker zugeführt werden sollte und dann doch noch die Gnade der Ayatollahs erfuhr. Nach schwerster Folter mit der Folge eines Schädelbruchs und drohender Erblindung wurde die Todesstrafe umgewandelt in lebenslängliche Dunkelheit. Sie ist im Moment in Khoy inhaftiert.

Zainab Jalalian, inhaftiert seit 2007

Die khomeinistische Despotie bedroht auch außerhalb des Irans ein säkulares Kurdistan. Wenige Tage bevor die YPG (Yekîneyên Parastina Gel) die Aggressoren der Daʿesh aus Kobanê herausdrang, provozierte das Regime des Bashar al-Assad in Hesekê eine tödliche Konfrontation mit den Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas. Mit Mörsern und Fassbomben terrorisierte das Regime dort, wo überwiegend Kurden und christliche Assyrer leben. Die Partiya Yekitîya Demokrat („Partei der Demokratischen Union“ – PYD) sprach jüngst aus, dass die wesentlichen Entscheidungen in Syrien vom Iran getroffen werden und diese auch darin liegen, ein säkulares Rojava zu untergraben. Die Monate zuvor sickerten mehr und mehr Angehörige der von den Khomeinisten initiierten Hizbullah nach Hesekê ein. Selbst zu Absprachen zwischen arabischen Stämmen, die entweder hinter dem Assad-Regime oder dem „Islamischen Staat“ stehen, soll es gekommen sein. Hossein Amir-Abdollahian, in Funktion des iranischen Außenministers, drohte konkret gegen eine kurdische Staatlichkeit im Nordirak: "Wir haben nicht vergessen, dass (Israels Premierminister) Netanyahu, der einzige ist, welcher mit großer Freude die Unabhängigkeit Kurdistans begrüßt, aber wie werden nie zulassen, dass sich seine Träume für den Irak und diese Region erfüllen."

Die Inhaftierten und von Hinrichtung Bedrohten im Iran gehören mit allem Erdenklichen verteidigt, nicht nur weil sie "unschuldig" sein könnten und die Geständnisse unter höllischer Folter erzwungen worden sind; sie gehören mit allem Erdenklichen verteidigt auch gerade dann, wenn es auf sie zutrifft, wofür in der Islamischen Republik Iran der Tod steht: sich militant gegen diese Despotie zu organisieren. Die Hoffnung liegt auch darin, dass die Säkularen in Kurdistan ihre Verbündeten etwa in jenen finden, die im Jahr 2009 zu hunderttausenden gegen die schiitische Variante des „Islamischen Staates“ revoltiert haben – und doch beinahe von allen allein gelassen worden sind. Im vergangenen Jahr protestieren in Isfahan und Teheran wieder hunderte Menschen gegen sich häufende Säuereattacken auf junge Frauen. Sie schrien: „Tod den religiösen Fanatikern“.

Die Selbstverteidigungseinheit der Frauen Iranisch-Kurdistans (Hêzên Parastina Jinê – HPJ, die Frauenbrigade der PJAK) äußerte jüngst unmissverständlich:

Für uns Frauen gibt es keinen Unterschied zwischen der Islamischen Republik Iran und dem Islamischen Staat. Beide werden genährt von Feindseligkeit gegenüber Frauen und einer Kultur der Gewalt. Als Selbstverteidigungskraft der Frauen Iranisch-Kurdistans werden wir unseren Kampf gegen diese verstärken. Wir könnten eine Verteidigungskraft mit den iranischen Frauen gründen, weil die iranischen Frauen eine solche Kraft wie die HPJ benötigen ... Als (in Isfahan) Frauen mit Säure angegriffen wurden, sagten sie: „Mögen die Frauen von Kobanê kommen und uns verteidigen.“

Nichts anderem schließen wir uns an. Das nahezu Banalste und Menschlichste fordern auch wir: „Tod der Islamischen Republik Iran! Marg bar jomhuriye eslami!“

* Die Aggression gegen die Bahá'í ist ein zentrales Moment der islamistischen Bewegung im Iran und auch darin traf sie auf Kollaborateure außerhalb ihrer eigenen Parteigänger. Die heute berüchtigte Hojjatieh-Sozietät, ein messianischer Männerbund in Ersehung des verborgenen Imams, verschwor sich noch in den 1950ern zu Zwecken der Liquidierung der als Apostaten denunzierten Bahá'í. Der Teheraner Kleriker Mahmud Halabi, der im Jahr 1953 die Hojjatieh mit Einwilligung des quietistischen Ayatollahs Hossein Borujerdi gründete, diente sich dem Shah-Regime in der Verfolgung von “Kommunisten” und anderen “heidnischen Elemente” an. Der SAVAK soll sich mit Informationen über die Bahá'i,wie Adressregister, revanchiert haben. Die Pogrome gegen die Bahá'í während des Monats Ramazan im Jahr 1955 wurden folglich von einem Joint Venture aus Klerikern wie Mahmud Halabi und Mohammad Taqi Falsafi, ein heutiges Idol der Islamischen Republik, sowie dem SAVAK koordiniert. Die Pogrome waren dem Shah ein Ventil – oder aber auch nur die Dankesschuld an den Klerus, der zwei Jahre zuvor den monarchistischen Coup gegen Mohammad Mosaddegh lanciert hatte. Im Jahr 1955 überließ der Shah den Hojjatieh neben den Moscheen auch die offiziellen Propagandaapparate des Regimes zur Mordhetze gegen die Bahá'í.


Dienstag, 13. Januar 2015

Flugschrift zu den islamistischen Massakern in Paris (Langfassung)


"When we've freed Kobane, we'll be off to Iran. It's their turn next."
Eine Brigadistin der YPG/YPJ in der BBC Reportage „Inside Kobane“

“For us women there is no difference between the Islamic Republic of Iran and Islamic State group IS. Both are nourished by animosity to women and a culture of violence. As an Iranian Kurdistan women’s defence force we will step up the struggle against this. We could set up a joint defence force with Iranian women, as Iranian women need a defence force like the HPJ. Our second goal is to bring Iranian women into our struggle ... For instance, when a woman in Iran had acid thrown in her face, she said: 'May the women of Kobanê come and defend us.'”
Axîn Maku von der Frauenselbstverteidigungsbrigade Iranisch-Kurdistans (Hêzên Parastina Jinê – HPJ)

“If the civilized world had confronted this ominous phenomenon when the ruling mullahs in Iran were promoting state terrorism and particularly when Khomeini issued the fatwa for killing Salman Rushdie in heart of Europe, the religious fundamentalism would not have expanded this much today in the Middle East.”
Eine Gruppe Oppositioneller aus der iranischen Folterhölle Gohardasht in einer Solidaritätsadresse an die Ermordeten und Hinterbliebenen des „Charlie Hebdo“-Massakers


Es bewahrheitet sich, was Sîpan Hemo, Oberkomandierender der Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans (Yekîneyên Parastina Gel – YPG, Yekîneyên Parastina Jin - YPJ), über das Verhältnis der Islamischen Republik Iran zum "Islamischen Staat" geäußert hat. Die Interessen der khomeinistischen Despotie Iran charakterisiert Sîpan Hemo als Strategie einer weiteren Eskalation des konfessionellen Konflikts. Sie verfolge mit ihr, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der sich vom Iran über den Irak bis zum Südlibanon erstreckt, zu installieren. Da'ish, so das arabische Akronym für den „Islamischen Staat“, fungiere dem Iran hierbei als sunnitischer Komplementär. Inzwischen ist die multikonfessionelle Irakische Armee weitgehend ausgehöhlt durch iranhörige Todesschwadronen der Shiah. Wo diese - Asa’ib Ahl al-Haq, Kata’ib Hezbollah, Badr Brigade - herrschen, terrorisieren sie nicht nur die verbliebenen Sunniten wie anderswo Da'ish Anders- und Nichtgläubige. Mit äußerster Brutalität verfolgen sie alle, die als lebende „Beleidigung des Islam“ identifiziert werden: vermeintliche Homosexuelle, unverschleierte Frauen, junge Liebespärchen, êzîdîsche und christliche Spirituosenverkäufer. Der Irak - mit Ausnahme Südkurdistans - ist weitflächig aufgeteilt zwischen Da'ish und der khomeinistischen Despotie, zwischen den brutalsten Varianten der zwei großen islamischen Konfessionen ahl as-sunna („Volk der Tradition“) und Shiah („Partei Alis“). Für das von ihr gehaltene Assad-Regime rekrutiert die khomeinistische Despotie irakisches, libanesisches und afghanisches Frontvieh, während im Schatten des „Islamischen Staates“ Aleppo und Idlib unter Fassbomben eingegraben werden.

Das perfide Kalkül der khomeinistischen Despotie ist aufgegangen. Denn nicht nur, dass mit ihrer engen Einbindung in die „Internationale Allianz“ gegen Da'ish jene Despotie rehabilitiert wurde, die seit Anbeginn ihrer Existenz eine Variante des Islam nach innen konserviert und nach außen exportiert, die dem „Islamischen Staat“ am ähnlichsten ist: Saudi-Arabien. Nicht nur, dass noch jene Shariah Firma, welche von Libyen über Ägypten bis nach Syrien Islamisten finanziell beikommt, in die Koalition einbezogen ist: Katar. Wird nun darüber hinaus auch noch die schiitische Variante von Daʿesh, die Islamische Republik Iran, als wesentlicher Stabilitätsgarant des Mittleren Ostens beschworen. Jüngst traf Niels Annen (sozialdemokratisches MdB) im Iran Ali Akbar Velayati und sprach mit ihm über beidseitige Interessen in Syrien und dem Irak. Bei Mehrnews, eine Regimeagentur, heißt es dann so: „'This special cooperation could be in regard to combating terrorism, and the Islamic Republic has already exploited its full capacity and capabilities in this regard and will take all the necessary steps to fight terrorism,' said Velayati ... Annen also touched upon the threat of ISIL and said, 'Iran and Germany share common concerns especially over regional issues such as ISIL, Syria and Iraq. We are hoping to further consultations by exchanging ideas on these serious issues.'“ Velayati, so die makabre Szenerie, wurde von einem deutschen Gericht 1997 als einer der Initiatoren des Massakers im Restaurant „Mykonos“ in Berlin-Wilmersdorf am 17. September 1992 genannt, bei dem der Generalsekretär der Partiya Demokratîk a Kurdistana Îranê (PDK-I) Sadegh Sharafkandi sowie die Oppositionellen Fattah Abdoli, Homayoun Ardalan und Nouri Dehkordi ermordet worden sind. In der argentinischen Justiz wurde 2013 ein Haftbefehl gegen Velayati gefordert für seine Verstrickung in ein antisemitisches Massaker in Buenos Aires mit 85 Toten. Die Charaktermasken aus der deutschen Politik waren zunächst peinlichst bemüht, die Handschrift des khomeinistischen Regimes an der Hinrichtung der Exil-Oppositionellen in Berlin zu verwischen. Im Jahr eins nach den Morden wurde neben Velayati ein weiterer Mykonos-Verschwörer nach Bonn und Pullach eingeladen. Ali Fallahijan, der mit dem VEVAK jenem Ministerium vorsaß, in dem Spionage, Repression und straatsterroristische Aktionen (auch außerhalb des Irans) gebündelt sind, hoffte auf Informationen über geflüchtete Regimekritiker. Dass diese ihm auch ausgehändigt wurden, bestritten die Deutschen, die wenige Monate zuvor nach Teheran gekommen waren. Zumindest zu Beginn der 1980er war es noch deutsche Realität, dass zur Identifizierung kritischer Exil-Iraner, die bei Protesten inhaftiert wurden, die Schergen aus den diplomatischen Repräsentanzen der khomeinistischen Despotie herangezogen wurden. Die Namen der Regimekritiker wurden alsdann im Iran veröffentlicht, ihre Familienangehörigen bedroht.

Da die khomeinistische Despotie den repressiven und ideologischen Zugriff auf die zu hunderttausenden Exilierten nicht verlieren und auch sie nur überleben kann, wenn sie den Imperativen kapitalistischer Reproduktion gehorcht und zu diesem Zweck, gezwungen ist, politische wie ökonomische Kontakte zu pflegen, hält sie sich dort eine repräsentative Adresse, wo die deutsche Kollaboration mit der khomeinistischen Despotie ihren Nabel hat, dort wo Ayatollahs Staatsverträge schließen. Die erste deutsche Adresse der Islamischen Republik Iran ist nicht die der Ambassade zu Berlin, sie ist die des „Islamischen Zentrums Hamburg“ (im folgenden: IZH). Hier residiert Ayatollah Reza Ramezani, der offizielle Stellvertreter von Ali Khamenei. Und hier befindet sich auch eine Hawza im Geiste der Ayatollahs, die Islamische Akademie. Es ist Ali Khamenei höchstpersönlich, der jüngst das Studieren an dieser schiitischen Variante der Madrasa zur „kollektiven Pflicht“ erhob. Großayatollah Makarem Shirazi weicht nur dahingehend ab, dass er von „einer individuellen Pflicht“ spricht. Mit beiden Fatwas wirbt die Islamische Akademie für sich. Shirazi ist einer jener Kleriker, die im Jahr 2012 eine Todesfatwa gegen den exiliierten Musiker Shahin Najafi aussprachen. Er machte die „religiöse Verpflichtung“ der Muslime darin aus, jede Verächtlichmachung der „keuschen Imame“ sei als Apostasie zu ahnden, also mit dem Tod. Najafi hatte zuvor in einem Song über die okkultistische Ideologie um die Imame der Zwölfer-Shiah gespöttelt. Die Mordaufrufe kursierten auch in den deutschen Repräsentanzen der Islamischen Republik Iran, etwa im Münchener Konsulat, shia-online.ir dotierte das Kopfgeld auf 100.000 Dollar. Der inzwischen selbst verstorbene Großayatollah Mohammad Fazel Lankarani, bei dem der IZH-Vorsitzende Ramezani in Lehre ging, war verantwortlich für eine weitere Todesfatwa gegen den aserbaidschanischen Autor Rafiq Tağı, der am 23. November 2011 in Baku ermordet worden ist. Tağı, so der Kleriker, habe den „Propheten Mohammed” beleidigt. Im Moment droht Sohail Arabi, der auf Facebook Mohammed beleidigt habe, die Hinrichtung. Auch im Rächen verletzter religiöser Gefühle konkurriert die khomeinistische Despotie mindestens auf Augenhöhe mit ihrer sunnitischen Konkurrenz.

Dem IZH zufolge ist der Imam Khomeini, Gründervater der Islamischen Republik, eine „großartige Quelle der Nachahmung“. „Sein Denken und Wirken“ hatten „einen göttlichen Duft, und die Kraft und Beständigkeit seines Weges und seiner Gedanken entsprangen den gnostischen und spirituellen Dimensionen seines Charakters.“ Dieser „göttliche Duft“ liegt vor allem auch über den Folterhöllen der khomeinistischen Despotie, in Evin, Gohardasht, Kahrizak, er liegt über den Gräbern der in Massen Verscharrten. Im Jahr 1988 – während der letzten Zuckungen der Menschenschlacht mit dem Irak Saddam Husseins - erließ Khomeini eine Anordnung, in der er anbefahl, über diejenigen Inhaftierten, die „auf ihrer zwieträchtigen Meinung beharren“, als Abtrünnige zu richten. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Khomeini in seinem Todesdekret, auf dem die Hinrichtungen tausender Dissidenten folgte. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Allein in der elektronischen Datenbank Omid: a Memorial in Defense of Human Rights finden sich die Namen - sowie Ergänzungen zur politischen Identität - von 3.803 Menschen, die im Jahr 1988 hingerichtet worden sind. Andere sprechen von weiteren bis zu 12.000 Ermordeten. Das ist der authentische „göttliche Duft“ Khomeinis: der Duft der eitrigen Wunden der von Folter Geschundenen, der Duft der Exkremente in den zugestopften Todeszellen, der Duft des Schweißes der Hinrichtungskommandos.

Am vergangenen Wochenende lud das IZH zur 5. Einheitskonferenz wider der Islamkritik. Eröffnet wurde die Konferenz von Ayatollah Ramezani und Mustafa Yoldaş. Der eine in Vertretung von Imam Khamenei, der andere als Funktionär von Milli Görüş, jener antilaizistischen Erweckungsbewegung des politischen Islam in der Türkei, deren „Reformflügel“ das Regime des Kalifen Tayyip Recep Erdoğan ist. Aus dem Milieu von Milli Görüş sind auch die vielen türkischen NGOs, die den islamistischen Totengräber der syrischen Opposition - Ahrar ash-Sham, Jabhat al-Nusra, Da'ish - logistisch und propagandistisch beikommen. Yoldaş war bis zu ihrer gerichtlich erzwungenen Abwicklung Vorsitzender der deutschen Filiale der Yardım Vakfım alias İHH. Die türkische Mutterorganisation rekrutiert, etwa Özgür Politika zufolge, hunderte von jungen Männern für Syrien. Mindestens ein Kader der İHH ist für die Jabhat al-Nusra als Märtyrer gestorben. Beide, der Ayatollah und der Milli Görüş-Funktionär, müssten eigentlich Todfeinde sein, schließlich schwieg auch am 10. Januar der Tod an der syrischen und irakischen Front nicht. Doch ihre Funktionen liegen anderswo als darin, die Positionen der khomeinistischen Despotie (und somit die des Assad-Regimes) einerseits und die der türkischen Muslimbrüder andererseits in der syrischen Hölle einzuhalten. Die deutschen Filialen der khomeinistischen Despotie und der türkischen Muslimbrüder sind staatstragend im doppelten Sinne, sie fungieren weniger im mittelöstlich fokussierten geopolitischen Interesse ihrer Regime als viel mehr im konkreten Interesse der deutschen Kollaboration mit jenem organisierten Islam. Sie sind beiderseits zur Staatsloyalität angehalten - und darin liegt auch begründet, dass die khomeinistische Despotie seit 1993 der Hinrichtung exilierter Oppositioneller in Europa entsagt und den deutschen Apparaten dahingehend auch Garantien gegeben hat. Die penetrant vorgetragenen Distanzierungen der Islamischen Republik Iran, der Hezbollah und selbst der Hamas sind nicht den Toten und Hinterbliebenen des Massakers von Paris gewidmet. Mit ihnen versichern sie den europäischen Souveränen, sich an die stille Abmachung zu halten, nicht innerhalb Europas zu morden. Während Saudi-Arabien den Franzosen kondoliert, peitscht es am darauffolgenden Tag Raif Badawi aus, ein Libertärer, dessen Islamkritik mit 1000 Peitschenhieben und 10 gestundeten Lebensjahren gekontert wird. Während in der deutschen Dependance der khomeinistischen Despotie mehr „kultureller Dialog“ eingefordert wird, verhaftet das Regime im Iran die junge Karikaturistin Atena Faraghdani, die nun in Haft ausharrt, weil sie den Imam Khamenei beleidigt und Paramilitärs und Staatsorgane karikiert hätte. Einen Tag vor dem Massaker in Paris richtete es in Urmiye Sabir Moklid Moane, einen Oppositionellen aus Iranisch-Kurdistan, aufgrund von „Feindseligkeit gegen Gott“ (moharebeh) hin.

Khomeinisten und Milli Görüş treten hierzugegen zweckvereinigt als Schura (nach shūrā: „Beratung“) auf. Hinzu kommen einige andere Moscheen wie die der Hizbullahî Kurdî, einer Konterguerilla, die in den 1990ern tausende Oppositionelle ermordet hat. Seit den Attacken auf Kobanê tritt diese Partei Allahs wieder als Repressionsorgan des türkischen Staates auf. In Amed und Cizîr töteten sie Protestierende. Aussagen des oppositionellen Parlamentariers Demir Çelik zufolge hätten sich zudem 2000 Angehörige der Hizbullahî Kurdî in Syrien und dem Irak Daʿish angeschlossen. In der Hamburger Vahdet Moschee wurde jüngst Hüseyin Velioğlu, dem Gründer dieser Todesschwadrone, gedacht.

Mit Anbeginn des Importes von Menschenmaterial aus Anatolien, das hemmungsloser als das autochthone aufgerieben wurde, weil es als unumstößlich galt, dieses alsbald wieder abzuschieben, installierte sich der Islam als sozialer Repressionsapparat. In der Fabrik garantierte die deutsche Direktion den Salāt, das rituelle auf die Kniefallen, solange dieses davon abhielt, sich gegen die Despotie der Fabrik zu erheben. Es waren Graue und Grüne Wölfe aus dem Milieu der ultranationalistischen Milliyetçi Hareket Partisi und von Milli Görüş die jedes soziales Aufbegehren als „unislamisch“ und „jüdisch infiltriert“ denunzierten und verfolgten und sich auf das komplizenhafte Augenzwinkern des deutschen Souveräns verlassen konnten. Als am 5. Januar 1980 in Berlin-Kreuzberg der Kommunist Celalettin Kesim ermordet wurde, gestand das Gericht dem Mörder, einem Agitator aus der nahen Milli Görüş-Moschee in der Skalitzer Straße, zu, dass er „seiner ganzen Ideenwelt“ entsprechend geglaubt habe, das Richtige zu tun. Aus Mord wurde Landfriedensbruch. Die Milli Görüş-Moschee in der Skalitzer Straße existiert bis heute, sie ist organisiert in der Islamischen Föderation Berlin, die vom deutschen Souverän die Verantwortung für den Unterricht im Islam zugetragen bekam.

Es war zunächst vor allem diese antikommunistische Funktion, die der Islam so präzise einzunehmen vermochte wie nur wenige andere Ideologien. Doch noch 1979 war die Beschwichtigung gegenüber der faschistischen Kontrarevolution der Ayatollahs im Iran und die Kollaboration mit der feudalen Reaktion in Afghanistan nicht allein auf kühles Kalkül herunterzubrechen. An der Bande zwischen Ayatollah und Brüllvieh, an der Grobschlächtigkeit bärtiger Antikommunisten faszinierte der Kniefall des Knechtes aus Inbrunst, das Opfer für einen höheren „göttlichen“ Zweck, also die authentische Überführung der Totalität des Kapitals, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst widersinniger Zweck ist, in die Sphäre des religiös Absoluten. Während die Aggression Europas gegen die suspendierte Gattung innerhalb und außerhalb seiner Grenzen unzählige Geflüchtete in den Tod drängte und nach wie vor drängt, wurde der Islam diesem Europa, das Geflüchtete zwingt, sich unter das Chassis eines LKWs zu klemmen, zum Sakrileg. Der einzige Antirassismus, der im Europa der Push backs und nächtlichen Abschiebekommandos zu haben ist, ist eben nicht die Garantie auf ein menschenfreundliches Exil, er ist die Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, die am perfidesten morden.

40 Prozent der rassistischen Angriffe trifft Juden, die aber unter den Franzosen nur ein Prozent ausmachen. Von der Ermordung Ilan Halimi im Februar 2006 über das Massaker an dem jüdisch-orthodoxen Collège in Toulouse im März 2012 und im Brüsseler Jüdischen Museum im Mai 2014 bis zu dem Pogrom im Pariser Banlieue Sarcelles im Juli 2014 und den Morden von Porte de Vincennes im Januar 2015 sind es Juden, die im frankophonen Europa wie Roma in Osteuropa um ihr Leben fürchten müssen. Viele der ersten oder zweiten Reaktionen auf das Massaker in Paris ähneln sich darin, dass der Islam zum eigentlichen Opfer erhoben wird - als hätten die Mörder nur zufällig religionskritische Karikaturisten und Juden aufgesucht. In Hamburg warb die Journaille mitleidsvoll für die Einheitskonferenz unter dem Antlitz Ayatollahs Khomeini. Es ginge um „Gegenstrategien“ gegen „die aktuellen Anfeindungen“. Die „taz“ bat dazu, Katajun Amirpur, Professorin für „Islamische Studien“, zum Gespräch. Sie bringt „die theologische Ressourcen“ - ja, welche: etwa die der Ayatollahs Shirazi und Lankarani - in Anschlag gegen salafistische Rowdys. Wenn sie sich in die Faschisierung jugendlicher Muslime einfühlt, die, so Amirpur, radikalisiert werden, weil in der Konkurrenz um die wenigen Funktionsstellen diskriminiert wird, wer „Yüksel heißt und nicht Müller“, muss es wie eine bösartige Verhöhnung für Zineb El Rhazoui, marokkanischstämmige Redakteurin von Charlie Hebdo und Überlebende des Massakers, und Mustapha Ourrad, ermordeter algerischstämmiger Korrektor der Karikaturisten, und alle anderen sein, die auf selbst erfahrende rassistische Aggression mit kosmopolitischer Solidarität kontern und nicht damit, sich an dem Leben anderer und allem, was noch irgendwie an die Möglichkeit von individuellem Glück erinnert, zu rächen.

Die Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans YPG/YPJ forderten monatelang konkrete Solidarität ein und erinnerten daran, dass sie die menschliche Gattung und nicht sich allein verteidigen. Einer der wenigen, der dies wusste, war der am 7. Januar in Paris ermordete Stéphane Charbonnier alias Charb. Er schrieb in einer seiner Kolumnen: „Les Kurdes nous défendent tous“, „die Kurden verteidigen uns alle“. "Je suis Charlie" kann nur konkret gemeint sein als Solidarität mit Menschen wie jenen, die den Feinden des Glückes entschlossen widerstehen. Menschen wie Atena Faraghdani und Saman Naseem, dem die Folterschergen der khomeinistischen Despotie zunächst Finger und Fußnägel herausrissen, bevor er eine Beteiligung an einer militanten Aktion gegen die Revolutionsgardisten des Regimes gestand. Ein islamisches Gericht in Mahabad befand ihn schuldig, "feindselig gegenüber Gott" zu sein. Ihm droht als nächstes die Hinrichtung.

"As the editor of Charlie Hebdo magazine, Stephane Charbonnier (Charb) had earlier mentioned in one of his writings, we the People’s Defense Units (YPG) are not only defending our land, rather we conduct an honorable resilience against a dark force which is trampling on human values ... Against the dark forces not only in word, but in practice and action a rigorous struggle must be conducted."
Das Generalkommando der YPG in Kobanê


Donnerstag, 18. Dezember 2014

Free Saman


Der Islamische Staat Iran droht mit der Hinrichtung von zehn Gefangenen als Vergeltung für den Hungerstreik von 27 politisch Inhaftierten in Urmiye (Rojhelat/Iranisch-Kurdistan). Saman Naseem ist einer von ihnen. Er wurde am 17. Juli 2011 als 17jähriger inhaftiert. Die Folterschergen des Regimes rissen ihm Finger und Fußnägel heraus. Unter Folter gestand er eine Beteiligung an einer militanten Aktion gegen die Pasdaran mit Todesfolge. Im Januar 2012 wurde er von einem Revolutionsgericht in Mahabad für schuldig befunden, "feindselig gegenüber Gott" (moharebeh) zu sein.



Solidarität mit den verfolgten Eziden


Die Eziden, die seit Jahrhunderten der Hass der Herrschenden trifft, sind nun mit einem noch gnadenloseren Feind konfrontiert. Nachdem der “Islamische Staat” am 3. August Şengal im Nordirak attackierte und weitflächig einnahm, ergriffen die dort Lebenden zu Tausenden die Flucht. “Wir versklaven, verkaufen und teilen ezidische Frauen und Kinder unter uns auf“, heißt es in “Dabiq”, einem Organ des „Islamischen Staates“. Anders als Christen, die Tod und Versklavung durch eine Zwangszahlung entfliehen können, seien Eziden “absolute Ungläubige” und fielen somit als ”Beute” an den “Islamischen Staat”. Weit über 3.000 junge Mädchen und Frauen wurden seit den Attacken auf Şengal, wo ein Großteil der Eziden Iraks leben, verschleppt. Diese Sklavenökonomie ist eine weitere perfide Form der genozidal verfolgten Ausrottung der als “absolut Ungläubige” verunglimpften Eziden. Jene, die den Mördern des “Islamischen Staates” und somit dem Tod durchs Halsabschneiderkommando entkommen sind, sind zu Hunderttausenden nach Irakisch-Kurdistan geflüchtet. Nach aktuellen Zahlen der Regionalregierung Irakisch-Kurdistans sind es mehr als 300.000 ezidische Geflüchtete, allein 263.000 von ihnen befinden sich in Duhok, 40.000 in Hewlêr (Erbil) und Silêmanî. Sie sind untergekommen in feuchten Rohbauten, in Straßengräben oder den Hinterhöfen der Altansässigen. Lang anhaltende Regenfälle unterspülen die Planen, zu denen es vielen Geflüchteten einzig langt. Der genozidalen Aggression des “Islamischen Staates” nur knapp entkommen, droht ihnen nun mit dem angebrochenen Winter die Kälte mit dem Tod.

Bis zu 10.000 Eziden harren weiter im Şengal-Gebirge aus, eingeschlossen vom “Islamischen Staat”. In Şerfedîn, wo ein den Eziden heiliger Schrein liegt, verhindern selbstorganisierte Selbstverteidigungsbrigaden das Eindringen des “Islamischen Staates” in das Gebirge mit dem Gröbsten. Auch ihnen fehlt es allem.* Etwa 1.4 Millionen Geflüchtete harren im Moment in Irakisch-Kurdistan aus, zehntausende Christen aus Mosul und Nineveh sowie mehr als 200.000 Geflüchtete vor der syrischen Katastrophe. Währenddessen rationalisieren die “Vereinten Nationen” ihren Betrieb. Allein ihr Ernährungsprogramm für Geflüchtete und Eingeschlossene innerhalb Syriens wurde um 40 Prozent minimiert. Da zugesagte Zahlungen ausbleiben, ist das UN World Food Programme (WFP) gezwungen, seinen Beistand für 1,7 Millionen syrische Binnengeflüchtete einzufrieren.

Unter Deutschen wird indessen die existierende Humanität mit der Kontroverse ausgereizt, wer und wohin im Winter abgeschoben werden darf. Joachim Hermann, eine christsoziale Charaktermaske in Ministerwürden, sieht in den aus Serbien flüchtenden Roma das Gegenteil zu den Geflüchteten aus der syrischen Hölle. Der Unterschied, auf den Hermann beharrt, gründet nicht in dem Wissen, dass die Menschen in Haleb oder Raqqa genozidal bedroht sind. Der Unterschied, auf den es Hermann ankommt, liegt allein darin, dass weder die Militarisierung der europäischen Außengrenzen noch die Gewalt der ersten Natur, die in der Geografie lauernden Risiken, bei den Roma, deren Slums und provisorischen Behausungen in Serbien und Mazedonien denen der Geflüchteten in Duhok und Zaxo nicht unähnlich sind, zu zuschlagen vermögen. Zwischen Haleb und Bayern liegen zunächst Tonnen von Fassbomben Assads und die islamistischen Ganglands von Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und Da'ish und - für jene, die diesen Aggressoren entkommen sind - die riskantesten Routen, zu denen die Europäer die Geflüchteten zwingen. Über 3420 tote Flüchtlinge forderten im Jahr 2014 allein die Tücken des Meeres. Und selbst dort, wo die Gewalt der ersten Natur am gnadenlosesten zuschlägt, droht den Geflüchteten noch die Repression der zweiten Natur: „Pro Asyl“ dokumentiert systematische "Push Backs" an der griechisch-türkischen Front des europäischen Migrationsregimes. Maskierte Spezialkommandos inhaftieren Geflüchtete ohne jegliche Registrierung auf griechischem Territorium, um sie anschließend in die Türkei abzuschieben. Geflüchtete, die sich zur riskanten Überquerung des Meeres entschlossen haben, werden, sobald sie aufgegriffen werden, systematisch in türkische Territorialgewässer bugsiert, die Motoren ihrer schwimmenden Nussschalen sabotiert. Nahezu alle von „Pro Asyl“ dokumentierten "Push Backs" geschahen im Operationsgebiet der europäischen Frontex-Mission "Poseidon Land and Sea".

Der Irak - mit Ausnahme Südkurdistans, wo sich inzwischen 1,4 Millionen Flüchtlinge aufstauen - droht mit den Attacken des "Islamischen Staates" auf Mosul und die Nineveh Ebene seine letzten Christen und Yeziden zu verlieren.** In Hamburg wurde unter Beteiligung des Autors dieses Blogs eine Kampagne der Solidaritätsinitiative für Şengal (Însîyatîva pishtgirîya bo Shingalê) und Roja Sor e.V. initiiert, mit der zu konkreter Solidarität mit den geflüchteten Eziden aufgerufen wird. Die Kampagne konzentriert sich darauf, das Gröbste zu organisieren, damit die Geflüchteten in Duhok und anderswo den Winter überstehen. Alles weitere (wie Kontodaten) ist dem Flyer der Initiative zu entnehmen (Seite 1, 2). Ich bitte eindringlich um Interesse und Großzügigkeit (eMail: hh.soli.shengal@gmail.com).

*Am 18. Dezember brachen die ersten Peshmerga zu den ezidischen Selbstverteidigungsbrigaden durch. Durch den hierdurch eröffneten Korridor naht die Evakuierung der ins Gebirge Geflüchteten. 
**“The Last Plight" von Suzan Younan & Sargon Rouel ist eine eindringliche Dokumentation dieser Katastrophe. 

Sonntag, 26. Oktober 2014

Über den „Islamischen Staat“ - die aktuellste Inkarnation des Todes


Allein die Namen deutscher Jihadisten, die nach Syrien oder in den Irak auswandern, sind Höllengeburten der Multitude deutscher Ideologie: Abu Osama al-Almani etwa, „Vater von Osama, der Deutsche“, rief sich jener als Philip geborene Suizidbomber, der unweit von Mosul mindestens 20 Menschen, überwiegend Peshmerga, mit in den Tod riss. Jüngst ermordete ein weiterer al-Almani mit einer Suizidattacke 26 Menschen in der irakischen Provinz Diyala, wieder waren die Ermordeten vor allem Peshmerga. Doch nicht nur, dass den Selbstverteidigungsbrigaden viel zu lange noch das Gröbste verweigert worden ist, womit sie dieser suizidalen Hölle hätten entkommen können, findet sich auch nirgends eine antifaschistische Organisation, die in konkreter Solidarität mit den Menschen in Şengal, Kobanê und anderswo diese grünen Faschisten vor ihrer Auswanderung nachspürt und angreift, um abzuwenden, dass ein weiterer al-Almani im Irak oder in Syrien mehr Menschen in wenigen Sekunden ermordet als der NSU in mehreren Jahren.

Manch einer mag sich in diesen Wahn einfühlen als eine Überreaktion auf „Islamophobie“ oder „rassistische Diskriminierung“. Nicht nur, dass dabei ignoriert wird, dass die größten Auswandererströme nach Syrien und Irak von dort erfolgen, wo der organisierte Islam eine staatstragende Funktion hat und ihm weitgehend die soziale Kontrolle über Communities und Banlieues übertragen worden ist. Es wird dabei konsequent abgesehen von der sozialen Totalität der Ökonomie. Dessen innerster Kern ist die Abstraktion der Individuen zu Subjekten kapitalistischer Akkumulation. Mit allen anderen gleich, also lebendes Äquivalent zu den Nächsten zu sein, heißt durch alle anderen verüberflüssigt zu werden. Im Angesichts des Wertes werden sie dauernd mit ihrer fundamentalen Minderwertigkeit konfrontiert. Die Agitatoren Allahs sind so auch nicht gezwungen, unter Geflüchteten zu rekrutieren, nicht dort, wo die von Markt und Konkurrenz Ausgeschlossenen ausharren, im Plastikdschungel von Calais etwa oder entlang des Todesstreifens von Melilla, nicht also dort, wo reale Diskriminierung sich tödlich äußert. Sie finden ihre Rekruten, die Inkarnationen des Todes, unter Pizzabäckern und anderen subjektlosen Subjekten. In der Konversion zum nazifizierten Islam wird die Überflüssigkeit der Individuen nicht gestundet, sie wird im Hass auf alles Individuelle glorifiziert. Die jihadistische Märtyrerproduktion radikalisiert die Konfrontation der islamisierten Subjekte mit ihrer Funktionslosigkeit vor dem Kapital, indem sie diese mit dem totalen Nichts konfrontiert: der Tod als Märtyrer wird ihnen zur edelsten Geste an einen ihnen äußerlichen Zweck. Noch darin scheint die Totalität des Kapitals auf, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst Zweck ist und vor allem darin sind sich die jihadistische Variante des Islam und die nationalsozialistische Variante der deutschen Ideologie so nah. Sie steigern die dem Kapital inhärente Irrationalität bis an die Schwelle einer diesseitigen Hölle, sie eskalieren das subjektlose Subjekt zum Märtyrer, das Funktionalität nur noch im suizidalen Tod für Allah und den Imam realisiert: „Wir lieben den Tod wie ihr das Leben.“

Natürlich: ohne die Zwieschlächtigkeit in den Interessen des türkischen Regimes der Muslimbrüder, des Assad-Regimes, des khomeinistischen Irans und der klerikalen Despotien am arabischen Golf sowie des Lavierens der US-Amerikaner und Europäer wäre es nie zu dem exorbitanten Landgewinn des „Islamischen Staates“ gekommen. Die Pseudofront zwischen diesen Mimen wäre wahrlich als Verschwörung zu charakterisieren, würde dadurch nicht verdunkelt werden, dass der „Islamische Staat“ weniger das Produkt anderer Interessen ist als das eines Racketisierungsprozess, dem viel mehr mit den Kategorien Krise und Ideologie nachzugehen wäre. Die in schwarz gehüllten Halsabschneider sind die authentischen Liquidatoren einer absolut ruinösen Modernisierung in den arabischen Staaten, viel mehr: einer Modernisierungsattrappe, dessen Einknicken auch nur durch die Repression der politischen Polizei so lange hinausgezögert werden konnte. Was sich an dem „Islamischen Staat“ exemplifiziert, ist die Entgrenzung eines konfessionellen Bandenwesens, welches zuvor noch national integriert war. Die Alawitisierung des syrischen Regimes oder die Sunnitisierung des irakischen Baʿth-Regimes unter Saddam Hussein gehorchte dem objektiven Zwang, sich eine absolut loyale Basis als Staatsmaterial zu halten. Wurde der Staatsapparat auch konfessionalisiert, war die herrschende Clique doch gezwungen, darüber den Schleier eines überkonfessionellen syrischen oder irakischen Nationalismus zu legen.

Die Brut Saddams

Die innerislamische Entzweiung von Shiah („Partei Alis“) und ahl as-sunna („Volk der Tradition“) und die Terrorisierung von allen realen und halluzinierten „Feinden der arabischen Nation“ im Irak, die unter dem Schleier des Baʿth-Staates „des ganzen Volkes“ ausgereizt worden sind, haben das Terrain geebnet für Daʿesh (so das arabische Akronym für den „Islamischen Staat“). Zunächst als „al-Qaida im Irak“, dessen aktuellste Inkarnation Daʿesh ist, organisierten die Jihadisten die Rache der sunnitischen Stämme für die Verdrängung aus den Funktionen des zerschlagenen Baʿth-Apparates. Über Syrien wanderten tausende Jihadisten ein, überwiegend aus anderen arabischen Staatsruinen. Die geschlagenen Loyalisten Saddam Husseins betrieben Mimikry und drangen mit ihrem militärischen Know-how bis in die Kommandostrukturen der Daʿesh vor. Unterdessen schnürte sich, toleriert von den US-Amerikanern, der Zugriff des khomeinistischen Irans auf die irakische Shiah weiter zu. Schiitische Todesschwadronen infiltrierten Polizei und Paramilitärs und terrorisieren seither die verbliebenen Sunniten in den schiitischen Viertels Baghdads und anderswo.

Nicht nur, dass Daʿesh ranghohe Baʿth-Militärs in ihren Reihen zählt, die Jihadisten wahren auch die Tradition der baʿthistischen Terrorisierung der realen und halluzinierten „Abtrünnigen“ der arabisch-islamischen Nation. Wie Daʿesh den Yeziden die Entscheidung aufzwang, Konversion zum Islam, Tod oder die Flucht ins schroffe Gebirge, sprach das Baʿth-Regime in den dunklen Tagen der Militäroperation „al-Anfal (1986-89), inspiriert von der Koransure: „Die Beute“ , ein letztes Ultimatum an die „Abtrünnigen“ aus: Entweder fügen sie sich der irakischen Nation, mit der Konsequenz einer Zwangskasernierung unter dem strengen Regiment des baʿthistischen Militärs, oder sie würden aus der irakischen Nation herausfallen und als Deserteure gelten. Desertion aber wurde im Irak Saddams, wie auch woanders, mit dem Tod geahndet. Der Tod durchs Gas war integriert in die „al-Anfal-Kampagne“, in der das Baʿth-Regime Arabisierung und Pazifizierung des abtrünnigen Hinterlandes im nördlichen Irak, das abwechselnd als „israelische Enklave“ oder „5. Kolonne der Perser“ denunziert wurde, kombinierte. Seit den 1970ern waren die Yeziden einer gnadenlosen Arabisierung unterworfen, ihre Dörfer wurden verbrannt und ihr Boden an loyale muslimische Araber übereignet. Auch nach den jüngsten jihadistischen Attacken auf die irakischen Yeziden in Şengal wurde die Kollaboration sunnitischer Stämme, die die Attacken der Daʿesh flankierten, mit einem Anteil an der „Beute“ entgolten. “Wir versklaven, verkaufen und teilen yezidische Frauen und Kinder unter uns auf“, heißt es in Dabiq”, einem Fanzine des „Islamischen Staates“. Anders als Christen und Juden, die Tod und Versklavung durch die erpresste Zahlung der Jizya entfliehen können, seien Yeziden “absolute Ungläubige” und fielen somit als ”Beute” an die Jihadisten. Weit über 3000 Yeziden wurden seit den Attacken auf Şengal, wo ein Großteil der irakischen Yeziden leben, verschleppt. Diese Sklavenökonomie ist eine weitere perfide Form der genozidal verfolgten Ausrottung der als “Teufelsanbeter” denunzierten Yeziden. Aktuell forciert Daʿesh seine Attacken auf Şengal, bis zu zehntausend Menschen sind im Gebirge von jeder Fluchtroute abgeschnitten. Wenn die Geflüchteten nicht durch die Hände der Jihadisten sterben, droht ihnen Dehydration und Hunger mit dem Tod.

Die syrische Katastrophe

Das syrische Assad-Regime präsentierte den Jihadisten alsbald eine weitere Expansionsfläche. Noch ganz zu Beginn der Revolte amnestierte Assad hunderte von ihnen mit dem Kalkül, diese würden die Opposition mehr schädigen als es selbst bedrohen und natürlich um das Alibi geliefert zu bekommen für das gnadenloses Vorgehen gegen jede Opposition. Die berüchtigten Fassbomben, mit denen das Assad-Regime anderswo kaum mehr hinterließ als Ruinen und Leichengestank, sparten die Frontverläufe der Daʿesh zunächst systematisch aus. Wo es zu Konfrontationen kommt, nehmen diese Alibicharakter an – so blutig sie auch sein mögen, etwa die Hinrichtungsorgien an Soldaten Assads. Daʿesh konzentriert sich zunächst darauf, die militantesten Gegner des Regimes in Grabenkämpfe zu zwingen und das letzte säkulare Refugium Syriens einzunehmen, wo der Irrsinn noch nicht über alles triumphiert hat: Syrisch-Kurdistan alias Rojava. Wie es scheint ist das Kalkül des Assad-Regimes weitgehend aufgegangen: In stiller Verständigung mit den Jihadisten der Daʿesh wurde die Opposition in allen ihren Varianten aufgerieben, während heute, wo die US-Amerikaner gegen Daʿesh vorgehen, das Regime sich unwidersprochen als Stabilitätsgarant präsentieren kann. Indessen ist es in Halab/Aleppo dieselbe Prozedur: Assad sät, d.h. bombardiert und hungert aus, und Daʿesh erntet. „Aleppo existiert nicht mehr“, so ein Geflüchteter aus der Millionenruine.

Der Protektor des syrischen Assad-Regimes ist zugleich die schiitische Variante der Daʿesh und herrscht seit 1979 im Iran über mehr als 75 Millionen Menschen. Dieser Islamische Staat rekrutiert tausende Jihadisten für Assad & Shiah, verfolgt einen schleichenden aber systematischen Genozid an der religiösen Minorität der Bahá'í, propagiert wie Daʿesh den Mord an den Juden und verdächtigt Kurdistan, ein Hort von Unglauben und Verrat zu sein. Wie Daʿesh richtet er gnadenlos über reale und imaginierte Abtrünnige. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Ayatollah Khomeini, der Übervater dieser Despotie, in seinem Todesdekret des Jahres 1988, mit dem er die Hinrichtungen tausender Dissidenten anbefahl. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Es ist diese schiitische Variante der Daʿesh, die sich nun als Garant von Stabilität empfiehlt - eine Stabilität, die sich nur als Grabessruhe äußern kann. Sipan Hemo, Kommandeur der Selbstverteidigungsbrigaden in Syrisch-Kurdistan: Yekîneyên Parastina Gel (YPG), charakterisiert die Interessen der khomeinistischen Despotie als Strategie einer weiteren Eskalation des konfessionellen Konflikts. Sie verfolge mit ihr, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der sich vom Iran über den Irak bis zum Südlibanon erstreckt, zu installieren. Daʿesh fungiert der khomeinistischen Despotie als Komplementär. Es scheint in ihrem Interesse zu sein, dass es die Irrsten unter den Irren sind, die nun den Hass der irakischen Sunniten auf das schiitische Maliki-Regime in Baghdad orchestrieren. Exemplifiziert die syrische Katastrophe doch wie Daʿesh noch die ideologisch engsten Verwandten, etwa Ahrar al-Sham oder Jabhat al-Nusra, in Fehden aufreibt und jede Opposition sprengt. 

Daʿesh als türkische Kontrabande

Daʿesh ist kein Produkt anderer als die, die im irakischen Mosul die Bleiben christlicher Assyrer in Androhung eines Pogroms oder zur Erhebung der Jizya markieren, dieser Jihad ist kein Produkt anderer als die, die in Şengal Yeziden massakrieren und versklaven. Dass Daʿesh ein authentisches Eigenprodukt grüner Faschisten ist, heißt aber nicht, dass diese keine Gönner hätten und ihr Vormarsch nicht von diesen abhängig ist. Noch in den 1980ern hat der türkische „derin devlet“, die verborgenen Strukturen des tiefen Staates, Islamisten als Kontraguerilla organisiert. Diese Hizbullahî Kurdî war zunächst eine Bewegung von Bewunderern Ayatollahs Khomeini und der „Islamischen Revolution“ im Iran, vor allem auch kurdischstämmige Graue Wölfe aus Elazığ und Diyarbakır etwa, die in den Knästen der Militärjunta vom 12. September 1980 frömmlerisch wurden, schlossen sich ihr an. In den 1990ern zählte ihr militantester Flügel 20.000 Killer in seinen Reihen, tausende zählen die von ihm Ermordeten: etwa Angehörige der Juristenvereinigung İnsan Hakları Derneği (İHD), die politisch Inhaftierte, Gefolterte und Hinterbliebene von Verschwundenen verteidigt, und kritische Autoren von Özgür Gündem und Gerçek. Ganz ähnlich wie heute das Erdoğan-Regime sagte im Jahr 1993 der Gouverneur für die südöstlichen Provinzen im Ausnahmezustand, Ünal Erkan, dass sie, so lange die PKK existiere, solche Organisationen wie die Hizbullahî Kurdî nicht zerschlagen werden (im Gespräch mit Milliyet, 7.02.1993). Heute sagt Erdoğan: "Wir dulden keine Terroristen an unser Grenze“ und meint damit nicht Daʿesh, viel mehr die säkularen Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas. Nachdem im Jahr 2000 der türkische Staatsapparat die Hizbullahî Kurdî dann doch zerschlug – sie hatte ihren Dienst getan und entwickelte ein bedrohliches Eigenleben – und nicht wenige Angehörige dieser Todesschwadrone sich im deutschen Exil reorganisierten, amnestierte Erdoğan im Jahr 2011 die letzten inhaftierten Hizbullahis. Mit anderen gründeten sie die legale Partei Hür Dava Partisi. Aussagen des oppositionellen Parlamentariers Demir Çelik zufolge hätten sich zudem 2000 Angehörige der Hizbullahî Kurdî in Syrien und dem Irak der Daʿesh angeschlossen.

Es sind vorrangig islamistische NGOs, die sich der direkten logistischen und propagandistischen Flankierung des syrischen Jihads annehmen, dieselben NGOs, die vom Erdoğan-Regime noch jeden Auftrag zum antiisraelischen Krawall zugeteilt bekommen: Yardım Vakfım alias İHH etwa, die in Europa und der Türkei hunderte Jihadisten rekrutiert. Mindestens ein Veteran der antiisraelischen Märtyrer-Flottille der İHH ist in Syrien im Kampf für die mit al-Qaida assoziierte Jabhat al-Nusra gestorben. In Gaziantep, unweit der türkisch-syrischen Grenze, verfügt İmkan-Der, eine weitere islamistische NGO, über eine eigene Charité für verwundete Jihadisten von Ahrar al-Sham, einem weiteren al-Qaida-Sidekick in Syrien. Das Erdoğan-Regime dagegen unterlässt alles, was die Jihadisten in die Enge treiben könnte. Während diese sich im türkisch-syrischen Grenzgebiet ungezwungen von einer Seite zur anderen bewegen als wäre ihr postnationales Kalifat noch dieser Tage Realität, werden weiterhin Hirten und andere Grenzgänger von türkischem Militär bedroht, ermordet und verstümmelt; während türkische Panzergrenadierbataillone auf den an Kobanê angrenzenden Hügeln selbst auf den Beschuss türkischen Bodens durch Daʿesh nicht reagieren, werden Solidaritätsaktionen für die Geflüchteten aus Kobanê massiv von Militärpolizei attackiert. Im Süden und Osten der Türkei morden unterdessen dieselben Bluthunde, die seit den 1970ern noch jede Opposition mit Pogrom und Meuchelmord überzog. In Gaziantep ist es ein militanter Rudel von Grauen Wölfen, der sich in stiller Verständigung mit der Polizei auf mörderische Kurdenhatz begibt. Und in Diyarbakır sind es eben jene Hizbollahis, die erneut eng in die Repressionsstrukturen des türkischen Staates eingebunden werden, d.h. Oppositionelle hetzen und ermorden, verschleppen und foltern ohne eigene Konsequenzen.

Monatelang forderten die Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas das Mindeste ein, womit sie den massiven Attacken von Ahrar al-Sham, Jabhat al-Nusra und Daʿesh entgegnen können: „We need Europe and the United States to support us with technology. Detectors and explosive deactivators are needed to fight IS“. Es wurde ihnen viel zu lange konsequent verweigert. Monatelang forderten sie Europäer und US-Amerikaner als ihre „natürlichen Verbündeten“ auf, Luftbombardements gegen Daʿesh zu intensivieren und vor allem auf die Frontverschiebungen Richtung Kobanê zu reagieren. Es kam lange nur zu kosmetischen Eingriffen - bis zu dem Moment als die Enklave Kobanê zu 30 oder 40 Prozent von Daʿesh eingenommen war und zumindest die US-Amerikaner mit forcierten Luftbombardements und einer Luftbrücke den Aufgeriebenen beikamen. Erdoğan beschuldigt nun die US-Amerikaner, mit den Munitionstransporten für die in Kobanê ausharrenden Brigadisten der YPG „Terroristen“ zu unterstützen. Wenn irgendetwas ein System hat, dann dass jede konkrete Solidarität bis aufs Äußerste hinausgezögert wird. So empfand auch der drittgrößte Exporteur von Mordswaren, Deutschland, eine Aufrüstung der Peshmerga als Reaktion auf die Attacken der Daʿesh auf Şengal zunächst als „falsche Antwort“ und drängte die Bedrohten, sich wieder den Intrigen und Winkelzügen des schiitischen und Iran-hörigen Maliki-Regimes in Baghdad zu unterwerfen, bevor damit begonnen wurde, den Peshmerga Militärschrott zu liefern.

Die Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas bedanken sich noch für jeden Flug der United States Air Force auf Positionen der Islamisten in der nüchternen Gewissheit, dass einerseits das US-amerikanische Militär seine Schlagkraft gegen Daʿesh gedrosselt hält, anderseits der anti-US-amerikanische Verschwörungswahn die ideologische Flanke eines jeden regionalen Regimes – von Khomeini über Assad bis Erdoğan - ist, das Daʿesh direkt instrumentalisiert. In unzähligen Kommentaren analysieren Kommandeure der YPG die regionalen Konstellationen: Sie sprechen von der Verlogenheit Assads und des khomeinistischen Irans und der türkischen Flanke der Daʿesh. Vieles von dem wird im europäischen Solidaritätsmilieu konsequent ignoriert. Auch in diesem herrscht die Borniertheit vor, in der die regionalen Regime höchstens als Agenten Dritter fungieren. Von der nationalen Spezifik, der Verrohung durch islamische und nationale Ideologien und der konkreten Gewalt des Souveräns wird abgesehen, wo einzig das Interesse als perfide Verschwörung denunziert wird. In der Konsequenz ist die antiimperialistische Ideologie die aktuellste Form eurozentristischen und rassistischen Denkens: der Figur „des Orientalen“ wird ihr Opferstatus eingebrannt, dieser sei affektiv und leicht zu instrumentalisieren, Ratio und Interesse wird allein – und im denunziatorischen Sinne - „dem Westen“ zugesprochen. Es sind die Brigadisten der YPG, die die Hoffnung an die eine Gattung Mensch und die Universalität von Emanzipation und Säkularität verteidigen und allein aus diesem Grund den US-Amerikanern – auch wenn diese sie viel zu lange allein ließen – weniger Verachtung entgegenbringen als den Despoten des Mittleren Ostens selbst.

Es irrt, wer sich der US-amerikanischen und europäischen Geopolitik einzig mit den Kategorien „Interesse“ und „Zweckrationalität“ nähert. Geopolitik im Mittleren Osten heißt vor allem Einfühlung in die Grabesruhe. Nicht nur, dass mit ihrer engen Einbindung in die „Internationale Allianz“ jene Despotie rehabilitiert wurde, die seit Anbeginn ihrer Existenz eine Variante des Islam nach innen konserviert und nach außen voranbringt, die dem „Islamischen Staat“ am ähnlichsten ist: Saudi-Arabien. Nicht nur, dass noch jene Shariah Firma, welche von Libyen über Ägypten bis nach Syrien Jihadisten, wie die Jabhat al-Nusra, finanziert, in die Koalition einbezogen ist: Katar. Wird nun darüber hinaus auch noch von Kerry bis Ischinger die schiitische Variante von Daʿesh, die khomeinistische Despotie im Iran, als wesentlicher Stabilitätsgarant des Mittleren Ostens gehandelt.

Die pathische Indolenz gegenüber den Opfern jener Despotien schlägt entlang der europäischen Grenzen in unverschämte Aggression um. Hunderttausende sind aus anderen Teilen Syriens und Iraks nach Kurdistan geflüchtet. Sie sind untergekommen in feuchten Rohbauten oder unter Planen, die bei den starken Regenfällen der vergangenen Tage davongespült werden. Unterdessen wird in Europa die Jagdsaison ausgerufen und strömen in einer koordinierten Aktion 20.000 Polizisten aus, um „Illegale“ aufzugreifen. Die größte Betroffenengruppe sind Geflüchtete aus der syrischen Hölle. An den Hochtechnologiezäunen von Melilla werden Menschen gesteinigt und in den sterilen, von der EU-Kommission finanzierten griechischen Internierungszentren noch die letzten Nerven aufgezehrt. Jene, die „durchgekommen“ und nun in einer deutschen Flüchtlingskaserne auszuharren gezwungen sind, müssen erfahren, dass die ideologischen Brüder von al-Almani sie auch hier bedrohen. Yezidische und christliche Geflüchtete wurden in den vergangenen Monaten wieder und wieder Opfer islamistischer Aggressionen. Doch als wäre der genozidale Terror der Jihadisten sowie der traditionelle muslimische Hass auf die „Teufelsanbeter“ eine Frage subjektiven Empfindens und nicht einer objektiven Katastrophe, bezweifelt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Generalbedrohung von Yeziden im Irak und anderswo. Noch sie werden in der Angst gelassen, dass ein Abschiebekommando sie irgendwann aus den Schlaf reißen könnte.

Solidarität mit den Säkularen des Mittleren Ostens

Die Hoffnung harrt im Moment in Kurdistan aus. Nicht dass dort die Zentralisation von Souveränität völlig unblutige Formen angenommen hat, so wurde hier doch eine Entwicklung eingeschlagen, die konträr liegt zum islamischen Rollback in der Türkei und der Grabesruhe im Mittleren Osten. In den von den Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans beherrschten Territorien werden Menschen in Absehung ihrer Blutsenge vor der jihadistischen Aggression des IS verteidigt. Tausende Christen flohen aus Halab, Raqqa und anderswoher nach Rojava. Der Syriac Military Council (MFS) christlicher Assyrer ist mit der YPG assoziiert und verteidigt, Seite an Seite, den östlich von Kobanê gelegenen Kanton Jazira, in dem auch viele yezidische Geflüchtete ausharren. Neben assyrischen Christen organisieren sich tausende junge Frauen in den Selbstverteidigungseinheiten, Yekîneyên Parastina Jin (YPJ). Mag es unter dem Antlitz Abdullah Öcaclans auch etwas zwieschlächtiges und ideologisches anhaften, das Versprechen, das sich die Rekrutinnen der YPJ geben, „Jin Jiyan Azadî” (Frau – Leben - Freiheit), ist angesichts der Frauenverachtung und Todesbeschwörung der Jihadisten, “Wir lieben den Tod wie ihr das Leben” , jener militante Konter auf die islamistische Aggression, der keinen Zweifel daran lässt, was es vorrangig zu verteidigen gilt: nicht die Scholle, nicht die inzestiöse Blutsenge, allem anderen voran die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Unsere Hoffnung ist es, dass sie ihre Verbündeten etwa in jenen finden, die im Jahr 2009 zu hunderttausenden gegen die schiitische Variante der Daʿesh revoltiert haben – und doch allein geblieben sind. In den vergangenen Tagen protestierten zumindest in Iranisch-Kurdistan, etwa in Sardasht, Marivan und Kermanshah, tausende Menschen gegen die Terrorisierung der Yeziden und die Bedrohung von Kobanê durch den IS. Peshmerga der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (PDK-I) rückten nach Şengal vor, um den Yeziden beizustehen. Nur zu viele Jahre zwang die Repression die Menschen im Iran zu schweigen – heute protestieren in Isfahan und Teheran wieder hunderte Menschen gegen sich häufende Säuereattacken auf junge Frauen. Sie schreien: „Tod den religiösen Fanatikern“.

Politisch Inhaftierte im Iran in Solidarität mit Kobanê (v.r.n.l.): Afshin Hirtian (inhaftiert für seinen Kampf gegen Kinderausbeutung), Vahid Asghari (Blogger, bedroht mit der Todesstrafe), Behnam Ebrahimzadeh (kämpfte an der proletarischen Front) and Khaled Khardani (Oppositioneller aus Ahwaz/Khuzestan, dem arabischen Iran).