Samstag, 29. Juni 2013

Der faschistische Agitator und sein Brüllvieh


Der folgende Beitrag wird in einer leicht gekürzten Variante auch im kommenden Grossen Thier einzulesen sein - neben weiteren Beiträgen zu Syrien, Ungarn und den Protesten von Geflüchteten in München.

Nachdem Erdoğan am 7. Juni wieder in Istanbul eintraf – die Tage zuvor verbrachte er im Maghreb – begrüßte ihn ein auf einige zehntausend Menschen angeschwollenes Brüllvieh mit einem penetranten „Beuge dich nicht. Diese Nation ist mit dir“. Erdoğan, der noch in Marokko äußere Kräfte für die Geschehnisse in der Türkei verantwortlich machte, markierte nun die halluzinierten Dunkelmänner hinter den Protesten als perfide „Zins-Lobby“ (faiz lobisi), die es auf „des Volkes Schweiß“ abgesehen hätte: „Wenn der Generaldirektor einer Bank sagt, er sei auf der Seite dieser Plünderer, dann werden sie uns als ihre Gegner vorfinden. Sie werden uns vorfinden.“ (1) Es dauerte nicht lange und es kursierten die ersten Boykottaufrufe gegen jene „Zins-Lobby“, die in Trailern und ähnlichem assoziiert wird mit der Schändung der türkischen Flagge sowie der Dolmabahçe-Moschee, die durch Protestierende zum Lazarett umfunktioniert worden ist. Auf der Straße macht sich das Brüllvieh seine eigenen Gedanken: „Sie sind Juden geworden. Sie sind Armenier geworden. Sie sind Plünderer geworden. Sie waren nie Kinder des Vaterlandes“, hieß es etwa in Ankara. Am 12. Juni konkretisierte Erdoğan selbst, wenn er meinen könnte: „Diejenigen, denen wir sagten ''One Minute', freuen sich nun.“ (2) Erdoğan hatte im Jahr 2009 im schweizerischen Davos hysterisch eine weitere Minute eingefordert, um den anwesenden Shimon Perez vorzuhalten, dass Töten eine jüdische Spezialität sei. Nachdem Erdoğan mit dem Ägypter Amr Moussa bereits 34 Minuten gegen Israel gehetzt hatte (Perez blieben 20 Minuten, um zu antworten) und aus der weiteren herausgeschlagenen Minute drei geworden waren, stand Erdoğan abrupt auf, drückte die Hand des Generalsekretärs der Arabischen Liga und verließ die Debatte. Wieder in Istanbul angekommen, wurde er von seinem Brüllvieh als „Eroberer von Davos“ begrüßt.


Als Erdoğan bei seiner Begrüßung am 7. Juni der Name des Gezi Parks über die Lippen ging, begann das Brüllvieh zu buhen. Dieses letzte Grün, das nicht den Islam meint, scheint ihm und seinem Brüllvieh so verhasst zu sein, weil die Menschen sich dort noch ein wenig Müßiggang gönnen können, weil „des Volkes Schweiß“ heißt, auf die Knie zu fallen und zu beten, zu buckeln und mindestens drei weitere Arbeitskraftdrohnen zu gebären. Folglich bittet das Brüllvieh im Chor um den Befehl Erdoğans, Taksim einnehmen zu dürfen. Ende des vergangenen Jahres hatte Erdoğan in Konya die Gebärfunktion der muslimischen Jugend angemahnt „Ihr werdet heiraten. Ihr werdet die Generation von 1071 heranziehen.“ Jede Familie solle mindestens drei Kinder beitragen. „Es sollten mehr als drei sein, nicht weniger“, so Erdoğan (3). In Taksim und anderswo finden sich viele Graffiti, die sich auf die Disziplinierung - etwa über die schleichende Kriminalisierung des Trinkens - und Funktionalisierung der Menschen als Arbeitskraftdrohnen und Gebärautomaten beziehen: Wie „Mindestens drei Biere“ oder „Wollt ihr immer noch drei Kinder von uns?“.

Was so manchem zunächst wie ein “Istanbul 21” erschien, ist viel mehr eine Eskalation der schleichenden Islamisierung - und ebenso die Hoffnung, dem noch etwas zu entgegnen. Nach der Eskalation der Proteste gegen die Betonierung des letzten Grün in Taksim (Beyoğlu), dem Gezi Park, der für eine der Fassade der osmanischen Halil Paşa Topçu-Kaserne nachempfundene Shopping Mall weichen soll, drohte Erdoğan mit einer Moschee am Taksim Meydanı. Er müsse dazu keine Plünderer fragen, das Volk habe ihn befugt, so Erdoğan (4). Es ist als würde den Menschen kein anderes Grün mehr gegönnt werden als das des Islam. Entweder wird mit „Volkes Schweiß“ dazu beigetragen, das BIP zum Profit wie Prestige des Muslimbrüder-Regimes am köcheln zu halten, oder aber – vor allem auch für jene, die von der Prosperität ausgesperrt bleiben – gebetet und gehetzt. Istanbuls Beyoğlu ist für Erdoğan und seine Muslimbrüder eine einzige Provokation, weil sich dort alles trifft, was in den 76 Millionen nicht aufzugehen vermag: lebenshungrige Menschen, die für keine Märtyrerflotille nach Gazzah zu rekrutieren sind, Homo- und Transsexuelle, Feministinnen und Kosmopoliten, laizistische Intellektuelle und Anarchisten, die nur noch wenigen Christen und Juden Istanbuls sowie Reisende, die sich für den Trubel in engen Gassen und Höfen mehr interessieren als für die Blaue Moschee. Allein die vielen kleinen Cafés sind ein stiller Protest gegen die sexuelle Apartheid, die anderswo herrscht. Ja – in diesem Beyoğlu begann auch die politische Karriere Erdoğans. Im nah gelegenen Kasımpaşa wuchs er auf, hier stand er der Jugendorganisation der Milli Nizam Partisi vor, der ersten Milli Görüş-Partei Necmettin Erbakans. Den Sündenpfuhl Beyoğlu aber konnte Erdoğan bis heute nicht austrocknen.

Es scheint als hätte bei Erdoğan alles Symbolkraft. Er ist ja nicht der erste, der eine Moschee am Taksim Meydanı, diesem Symbol der laizistischen Republik, angedroht hat. Es war Necmettin Erbakan, Erdoğans Ziehvater, der als Ministerpräsident mit einer Moschee am Taksim Meydanı geliebäugelt und somit das Militär provoziert hat. Am 15. Juni mobilisierte Erdoğan sein Brüllvieh nach Sincan, unweit von Ankara, wo er bereits am 9. Juni davon sprach, dass 'heute' nicht der 27. Februar 1997 sei, der Tag des sog. samtigen Coups gegen Erbakans Refah Partisi (5). Nach Sincan hatte am 30. Januar 1997 auch die RP geladen, vereint mit der Ankaraer Filiale der Islamischen Republik Iran zum khomeinistischen al-Quds-Tag. Als Reaktion fuhr in der ersten Hälfte des Februars das Militär in Sincan auf und lancierte ein Memorandum, in welchem Erbakan bei weiteren antilaizistischen Bestrebungen mit Konsequenzen gedroht wurde. Am 18. Juni 1997 sah Erbakan sich gezwungen, als Ministerpräsident abzutreten. Heute, wo das Militär auf eine Funktion heruntergebracht zu sein scheint (6), kann Erdoğans Stellvertreter Bülent Arınç Kritikern der Islamisierung mit dem Militär drohen, ohne auch nur eine verbale Distanzierung der Generalität zu riskieren (7).

Die Beschwörung Erdoğans, Diener von 76 Millionen Brüdern und Schwestern zu sein, allein das Wort „Demokratie“ im Mund Erdoğans, ist eine einzige große Drohung an jeden, der noch irgendwie als Individuum leben will, an jede Differenz, die sich nicht fügt. Noch schlugen die Getreuen Erdoğans, auf Eigeninitiative oder Kommando, nur vereinzelt zu und wenn ja, unter 'regulierendem' Zugriff der Polizei, in Izmir und Adana etwa, in Rize und Konya. In ihrem orchestrierten Gebrülle aber - „Istanbul ist hier, wo sind die Plünderer?“, „Wer auf Polizisten schlägt, dem sollen die Hände brechen“ und „Allahu Akbar“ sowieso - drängt sich die Erinnerung an Sivas 1993 unweigerlich auf.

Nicht nur die Blutspuren, die die Revolten und deren Konter in Ägypten, Syrien und anderswo nach sich ziehen, erzwingen es, über das Gröbste zu sprechen, womit eine Einkehr der Grabesstille drohen könnte. Einige Tage bevor der Protest in Taksim eskalierte, fanden sich in Ankara einige hundert Menschen zusammen. Pärchen und Freunde, Hetero- wie Homosexuelle, küssten sich demonstrativ gegen den Moralterror. Jugendliche Muslimbrüder, die sich dadurch provoziert fühlten, riefen: “Auch wenn unser Blut fließt, der Sieg dem Islam”. Später lauerten sie einigen der sich Küssenden auf und hinterließen blutende Schnittwunden. Erdoğan muss wissen, was es für Konsequenzen haben kann, wenn er die Protestierenden denunziert, Moscheen zu schändigen (8), seine “Töchter und Schwestern” physisch zu bedrängen und “keinen Respekt vor dem Glauben” zu haben. Er wird wissen, was es in blutigster Konsequenz heißen könnte, wenn auf die Gerüchte ein “Allahu Akbar”-Chor folgt. Seit Tagen kursiert auf Facebook und anderswo Material, auf dem Moscheeschänder und andere identifiziert werden. Am 16. Juni, Erdoğan hatte wenige Stunden zuvor nach Istanbul-Zeytinburnu mobilisiert, zogen einige hundert Männer “Ya Allah Bismillah” und “Recep Tayyip Erdoğan” brüllend durch die Straßen Beyoğlus (Şişhane) und attackierten vereinzelte Regimekritiker mit Hölzern - ohne dass die anwesende Polizei dazwischengegangen ist. In Istanbul mögen die Säkularen die Gewalt der Verhetzten militant erwidern können – was aber droht noch den alleingelassenen Aleviten und Säkularen in den frommen Provinzen Zentral- und Ostanatoliens, in Erzincan oder Sivas etwa, in Malatya oder Kahramanmaraş, falls der Konflikt sich noch hinausziehen sollte?

Im Jahr 1993 provozierte im zentralanatolischen Sivas die Anwesenheit genussfreudiger Aleviten, libertärer Intellektueller und vor allem die des Atheisten Aziz Nesin die religiösen Gefühle frommer Muslime. Nesin, der in seiner Jugend von seinem Vater durch die Mühlen von Moschee und Kaserne getrieben worden war, hatte es noch nach Khomeinis Todesdekret aus dem Jahr 1989 gewagt, Auszüge der Satanischen Verse von Salman Rushdie auf Türkisch zu publizieren. Als für die ersten Julitage 1993 Nesin und andere sich zu einem alevitischen Kulturfestival in Sivas aufmachten (der kemalistische Gouverneur von Sivas lud dazu ein), schnaubte der Vorsitzende des Stadtrates und Funktionär der Refah Partisi, Temel Karamollaoğlu, Nesin sei ein Abtrünniger, seine Anwesenheit eine Provokation gegenüber jedem Muslimen. In den kursierenden Flugblättern wurde alsdann der Djihad gegen die Gavur, die Ungläubigen, und den „Satan Aziz“ ausgerufen. Der 2. Juli 1993 - einen Tag zuvor hatte Aziz Nesin noch die Authentizität des Qur'an und die Autorität Muhammad angezweifelt - fiel auf den Beginn des Wochenendes, den Tag der Khutba, der dem Pflichtgebet vorangehenden Predigt. Nachdem die Gläubigen auf die Knie gegangen waren, richteten sie sich zum Töten wieder auf. Etwa15.000 Menschen rotteten sich zusammen und zogen unter Rufen wie „Wir sind die Soldaten Mohammeds“, „Die laizistische Republik erstand in Sivas, in Sivas wird sie gestürzt“ und „Wir wollen die Shariah“ dorthin, wo Aziz Nesin und andere Festivalgäste Logis gefunden hatten. Temel Karamollaoğlu sprach währenddessen zu dem Klientel seiner Partei und hetzte es weiter auf. Die islamischen Kopfgeldjäger - Khomeini datierte den Tod Salman Rushdies auf eine Million Dollar (9) - kesselten über acht Stunden das Hotel Madimak ein bis einige der Pogromisten in das Hotel eindrangen. Es dauerte nicht lange und schwarzer Qualm quälte sich durch alle Ritzen. Jene, die ein Entkommen suchten, wurden mit Hölzern und anderem wieder in die Todesbrunst geprügelt. Flüchtende Frauen wurden mit einem „Verbrennt, ihr Huren“ begrüßt und wieder in die Hölle abgedrängt, der sie zu entkommen flehten. 37 Menschen starben, unter den Toten die kulturelle Avantgarde der den Muslimbrüdern verhassten Aleviten: Muhlis Akarsu und Hasret Gültekin, Behçet Aysan und Metin Altıok, Asaf Koçak und Asım Bezirci. Cafer Erçakmak, Funktionär der Refah-Partei in Sivas, rief dem flüchtenden Aziz Nesin noch entgegen „Da ist der Satan, den wir töten sollten“. Doch Nesin und einige andere entkamen dem Tod - der Rachedurst der Frommen war auch so gestillt, das Gebrüll wich dem Gejohle - „Müslüman Türkiye“ (muslimische Türkei) - angesichts der um sich schlagenden Flammen.

Der Aufmarsch der zum Mord Entschlossenen, das Stillhalten des anwesenden Militärs und das alibihafte Schubsen einiger weniger durch die Polizei, wurden Minute für Minute dokumentiert. Kaum einer der Pogromisten verhüllte sein Antlitz – sie zweifelten nicht daran, Diener der Nation zu sein. Die im Hotel Ausharrenden kontaktierten Ankara – doch nichts geschah. Die Politik schwieg – und fühlte sich in die Ideologie und den Blutdurst derer ein, die am hysterischsten brüllten. Necmettin Erbakan zufolge sei es nur so weit gekommen, da nicht näher genannte Elemente „unhöflich über den Glauben der Nation gesprochen“ hätten. Staatsminister Mehmet Gazioğlu von der Doğru Yol Partisi, die zweieinhalb Jahre nach dem Pogrom mit der Refah koalieren sollte, hatte noch in der Nacht zum Samstag davon gesprochen, Nesin hätte die Menschen in Sivas aufgebracht. Und der über die Vorgänge aufgeklärte Staatspräsident Süleyman Demirel soll noch während des Pogroms das Auseinanderprügeln der zum Mord Entschlossenen von sich gewiesen haben. Er wolle doch nicht das Volk gegen die Staatsapparate aufbringen. Trauernde Aleviten und Säkulare, die sich nach dem Pogrom in Izmir und anderswo zusammenfanden, prügelte die Polizei dagegen innerhalb weniger Minuten auseinander (10). Auch das Militär schwieg – mit dem Kalkül, mit den Toten einen Coup gegen die Refah legitimieren zu können, sobald diese ihnen selbst bedrohlich werden könnte.

Einige Pogromisten wurden dann doch noch inhaftiert und der Justiz zugeführt. Vertreten wurden sie von niemand geringerem als Şevket Kazan, ein Funktionär der Refah Partisi, der zweieinhalb Jahre nach Sivas Justizminister werden sollte und noch heute in der Saadet Partisi ausharrt. Sie hätten in „seelischer Aufwallung“ gehandelt, die Ermordeten hätten sie provoziert. Im Jahr 1997 waren dann noch 21 Pogromisten inhaftiert, gegen andere wie Cafer Erçakmak lagen Haftbefehle vor, die ohne Konsequenzen blieben. Erçakmak, der Bluthund der Refah Partisi, verstarb im Juli 2011 – er verblieb bis zu seinem Tod in Sivas. Neun weitere Pogromisten leben bis heute im deutschen Exil. Mit dem knausrigen Kommentar „Für unsere Nation soll es segenbringend sein“ versah Erdoğan im März 2012 die Entscheidung des 11. Strafgerichtshofs in Ankara, die Morde seien nun verjährt, die Haftbefehle gegen noch flüchtige Pogromisten aufgehoben (11). Als der renommierte Komponist Fazıl Say ein Requiem für Metin Altıok, einem in Sivas ermordeten Lyriker, inszenieren wollte, grätschte das Kultusministerium dazwischen. „Wir wollen nicht daran erinnert werden“ - folglich wurde Say gezwungen, das Ende des Requiems, in welchem mit Bildmaterial von dem Pogrom an die Ermordeten erinnern werden sollte, zu stutzen.

Nachdem Say in einem Gespräch mit der SZ die Überlegung geäußert hat, angesichts der mehr und mehr zu spürenden Islamisierung die Türkei zu verlassen - „...wir (die Säkularen) sind 30 Prozent, die sind 70“ - trat Mehmet Fırat, AKP-Mann der ersten Stunde, nach: Say solle ja nicht glauben, er sei so viel wert wie fünf andere Türken (12). Exakt darin ruht das kalkulierte Moment des Beharrens der Muslimbrüder auf die Demokratie, die Menschen sind ihnen Zahlen, folglich ist ihnen alles eine Bedrohung, was nicht in den 76 Millionen aufgeht. Fazıl Say, den die drohende Enge für sich und seine Liebsten umtreibt, ist noch darin viel mehr materialistischer Ideologiekritiker als die inzwischen in Taksim zusammengekommenen Gralshüter der Volkssouveränität. Sie sprechen vom Volk (halk) und rufen die Volksfront (halk cephesi) aus - als hätte es in Sivas nie gebrannt. Volk ist nur ein anderer Name für das abstrakt Allgemeine, in dessen Gottesdienst die konkreten Menschen auf ihre Funktionalität heruntergebrochen werden. Wie synthetisiert sich denn eine Sozietät, die auf den gegenseitigen Ausschluss vom opferlosen Genuss der sinnlichen Dinge ruht? Wie ist diese kapitalisierte Sozietät als Ganzes zu denken, wo doch ihre Insassen nur durch den Zwang, ihr Begehren in die Wertform zu transkribieren, aufeinander bezogen sind? Wie kommt diesen zwangspsychiatrierten Insassen auch noch eine nationale Identität zu, wo der Vereinzelte formell mit allen gleich ist und doch darin durch alle anderen verüberflüssigt wird? Ihre nationale Identität ist ein Abstraktum, das nur durch die Gewalt des Souveräns konkretisiert werden kann – eben so wie der Wert einer Ware durchs Geld, dem allgemeinen Äquivalent. Die Reduktion der Individuen auf die Funktionalität fürs Kapital einerseits und die Identifizierung als national identisches Exemplar andererseits sind die beiden Seiten desselben Zwangsverhältnisses. Nur vor dem Souverän oder dem Tod ist jeder gleich – und vor dem Geld, so weit man welches hat. Auch wenn das türkische halk mehr dem französischen le peuple ähnelt als dem deutschen Volk, also nicht durch und durch völkisch behaftet ist, und es gegen das dezidiert völkisch-religiöse millet gewendet wird - wer vom Volk spricht, dem muss ein Vereinzelter weniger wert sein als fünf Türken oder Deutsche. Das Agitieren mit der begriffslosen Worthülse Volk kann bei aller Konsequenz auf nichts anderes hinauslaufen als auf die Frage: war das Volk nun innerhalb oder außerhalb des Hotels Madimak?

Den meisten Protestierenden im Gezi Park und anderswo fehlt dieser instrumentelle Blick des Agitators. Sie riskieren ihr Leben, widerstehen dem Reizgasnebel, um der drohenden Grabesstille zu entkommen. Einer von ihnen antwortete auf die Frage, in wie weit es bei den Protesten allein um den Erhalt des Gezi-Parks in Taksim ginge,: “Was habe ich von einem Park, von grün flankierten Pfaden, wenn ich auf diesen nicht mehr frei sein kann.“ In solchen Äußerungen, als Individuen noch leben zu wollen und nicht unter einer Zahl subsumiert zu werden, schöpft sich auch eine Solidarität, die bei den Parteien des türkischen ML doch wieder in die Asozialität der konkurrierenden Rackets umzuschlagen droht. So manches dieser Rackets reproduziert die repressiv erzwungene Grabesstille des Souveräns in ihren eigenen perfiden Formen: die Volksfront der DHKP-C etwa rekrutiert nicht nur Suicide Bomber, sie radikalisierte auch den Protest gegen den stillen Tod in den Typ-F genannten Särgen, deren Zweck die absolute Vereinzelung der Inhaftierten ist, zur Produktion von Märytrern. Mit zynischem Blick aufs Prestige drang die DHKP-C ihre Genossen zum Hungern bis in den Tod. Die Verhungerten waren alsdann nur noch Zahlen, ihr Sterben wurde zum Spektakel, in welches sich die Partei als Souverän über Leben und Tod inszenieren konnte. “Die 100. Märtyrerin des Todesfastens”, so die triumphierende Notiz der DHKP-C (13). Und auch die maoistische TKP-ML prügelte dem sinnlosen Sterben Sinn ein: “Sie sind zur Unsterblichkeit gelangt”. Solche Rackets installierten noch unter den Knüppeln des Souveräns ihren eigenen Repressionsapparat: Inhaftierte, die etwa die Partei kritisierten, wurden aus den Kommunen ausgeschlossen und von allen anderen isoliert. Selbst das Küssen der Liebsten an den wenigen Besuchstagen wurde sanktioniert. Während in vielen Graffitis der Führerkult Erdoğans kritisiert wird, hatten die Nationalrevoluzzer Taksim mit den Porträits ihrer Märtyrer aufgesucht: Deniz Gezmiş (1947-1972) und Mahir Çayan (1945-1972), die beide im souveränitätsfetischistischen Furor von einer “unabhängigen Türkei” sprachen als wäre das Fundament dieser zwangshomogenisierten Türkei nicht die Gräber der verscharrten Armenier und Griechen. Nicht sehr viel sympathischer die lenistischen Exilparteien: Sie präsentieren Agitation und Führerkult mit Halay-Folklore während nicht wenige Protestierende in Istanbul Komospoliten sind und tänzelnd den Tango frönen. Und wider der Akkumulationsdespotie eines Mao Zedong kursiert unter einigen Istanbuler Genossen auch Oscar Wilde ('Sosyalizm ve İnsan Ruhu'), Paul Lafargue (Tembellik Hakkı) und Adorno & Horkheimer (Aydınlanmanın Diyalektiği) – das kommunistische Gespenst trägt nicht das Grabestuch eines Märtyrers.

Der Marsch der Muslimbrüder durch die Institutionen

Ahmet Davutoğlu, Staatsminister und geopolitischer Stratege der AKP, erinnert sich bei dem verstorbenen Übervater der türkisch-islamischen Erweckungsbewegung Milli Görüş, Necmettin Erbakan, an seinen Verdienst um die „demokratische Transformation der Türkei“ (14). Nicht dass Davutoğlu lügt – was Erbakans RP zu Beginn der 1990er zu gelingen schien, war kein anti-demokratischer Konter, es war viel mehr das Herauskitzeln des regressiven Potenzials der in die Subjektform Entlassenen. Es war zunächst ein Riegel frommer Provinzen Zentralanatoliens wie Çorum, Yozgat, Tokat, Sivas, Kayseri, Kahramanmaraş und natürlich Konya, den die Refah Partisi an sich nahm bevor sie 1995 zur stärksten Partei in der Türkei wurde und in ganz Zentral- und Ostanatolien mit Ausnahme der alevitischen Provinz Tunceli gewann. In Istanbul ist die Refah-Partei, unter Tayyip Erdoğan, bereits ein Jahr zuvor die stärkste Partei geworden. Mit seiner nunmehr dritten Partei schien Erbakan die Konkurrenz, die Milliyetçi Hareket Partisi der Grauen Wölfe, verdrängt zu haben. Die beiden Jahrzehnte zuvor war er immer wieder gescheitert: an der Konkurrenz und dem Militär. Erdoğan war von Beginn an dabei. Zunächst bei den Akıncılar Derneği, benannt nach djihadistischen Kavalleristen im Dienst der osmanischen Despotie. Die Racketökonomie der historischen Akıncı bestand aus der Versklavung Überfallender und dem Knabenzins, die Akıncılar Erbakans dagegen waren vor allem eine Reaktion auf die Grauen Wölfe, der ärgsten Konkurrenz in den 1970ern. Die MHP von Alparslan Türkeş verachtete die Innerlichkeit der Muslimbrüder. Sie beschuldigte die islamische Konkurrenz, sich vorrangig dem inneren Djihad zu widmen und nicht dem Djihad gegen die reale Bedrohung, ausgehend von kommunistischer und atheistischer Subversion. Im islamischen Moralterror waren sie Erbakans Millî Selamet Partisi, die Partei des nationalen Heils, kaum unterlegen. Staatsbeamtinnen, die mit zu viel Haut zu provozieren wagten, wurden von Grauen Wölfen überfallen und, um zu viel Sinnlichkeit zu ahnden, ausgezogen. Restaurants wurden gezwungen, an Silvesterabend zu schließen, da dieser Tag nur von Ungläubigen begangen werde und so weiter. Während Erbakans MSP zunächst eine Islamisierung der Aleviten verfolgte, identifizierten die Grauen Wölfe diese als Kommunisten und beide als Agenten der Verwestlichung. Alsdann kam es in Erzincan und Iğdır zu anti-alevitischer Gewalt, die im Jahr 1978 eskalierte: Zunächst in Malatya und Sivas und dann in Kahramanmaraş, wo der Pogrom sich über Tage hinzog. Häusertüren, hinter denen Aleviten vermutet wurden, wurden präventiv rot markiert, während Imame das Paradies für jene ausschrieben, die einen Aleviten töten. Als dann noch das Gerücht zu kursieren begann, kommunistische Aleviten würden die 'Große Moschee' schänden, bedurfte es kaum noch Agitation. Mindestens 200 Menschen wurden ermordet, viele von ihnen aus ihren Häusern gezerrt und auf der Straße hingerichtet. Im Juni 1980 folgte noch ein weiteres Pogrom in Çorum. Vorausgegangen war das lancierte Gerücht eines Moscheebrandes. Erdoğan sollte also wissen, was es in blutigster Konsequenz heißen könnte, das Gerücht über die Schändung einer Moschee zu lancieren.

Über 5.000 Menschen, viele von ihnen Aleviten und Kommunisten, wurden zwischen den bleiernen Jahre 1975 bis 1980 von den Todesschwadronen der Grauen Wölfe ermordet. Nicht nur darin schienen sie in den 1970ern der islamischen Konkurrenz immer einen Stechschritt voraus. Nach Konflikten innerhalb der MSP, vor allem zwischen den Brüdern der radikalisierten Orden (tarikat) Nakşbendiyye und Nurculuk kam es im Jahr 1977 zu Übertritten zur MHP. Auch das Tarikat der Süleymanlılık, dessen Imame aggressiv antisemitisch auftraten, war der MHP mehr zugetan als Erbakans MSP. Beide, die Nurculuk und Süleymanlılık, hatten zudem eine Nähe zur Adalet Partisi, die Gerechtigkeitspartei von Süleyman Demirel, die in den 1960ern alles überragende Partei, die auch still hielt als Koranschüler der Süleymanlılık zunehmend aggressiv gegen kemalistische Pädagogen auftraten. Als hätte die MSP die Konkurrenz in Radikalität überbieten müssen, um wieder zu ihr aufzuschließen, marschierte sie am 7. September 1980 in Konya auf und simulierte mit grüner Beflaggung und Rufen nach der Shariah den Djihad gegen die laizistische Republik. Im selben Jahr war auch der antikommunistische und antilaizistische Terror in der türkischen Diaspora eskaliert. Am 5. Januar 1980 wurde in Berlin-Kreuzberg, unweit der Milli Görüş-Moschee in der Skalitzer Straße, der Kommunist Celalettin Kesim ermordet. Ein spontanes Rollkommando hatte Kesim und einige seiner Genossen, die an jenem Tag den Interessierten eine Flugschrift gegen die drohende Militärdiktatur in der Türkei aushändigten, unter „Allahu Akbar“ Rufen attackiert. Ein Schnitt traf die Schlagader im Oberschenkel. Die deutsche Justiz interessierte sich nur wenig für den Mord. Einzig Abdul Satıcıoğlu, ein umtriebiger Agitator aus der nahen Milli Görüş-Moschee, wurde schuldig gesprochen, die Beteiligten aufgehetzt und angewiesen zu haben. Doch auch ihm kam die Mildtätigkeit des deutschen Souveräns zu: Satıcıoğlu habe „seiner ganzen Ideenwelt“ entsprechend geglaubt, das Richtige zu tun (15). Auch darin zeigt sich, dass der herrschende Kulturrelativismus den Alleingelassenen und Gehetzten als eisige Kälte entgegenschlagen muss. Die Milli Görüş-Moschee in der Skalitzer Straße existiert bis heute, sie ist organisiert in der Islamischen Föderation Berlin, die vom deutschen Souverän die Verantwortung für den Islam-Unterricht zugetragen bekam.Von Kesim dagegen blieb nur eine Gedenkschrift mit den Worten Nazım Hikmets: „Sie sind die Feinde der Hoffnung, Geliebte.“ Als es im April 1980 in Berlin zu einem Konflikt zwischen einer Lehrerin und einer Türban tragenden Schülerin gekommen war, scannten die Moralterroristen aus der nahen Milli Görüş-Moschee in den folgenden Tagen die Unterrichtsklassen ab und machten sich zur Notiz, welche türkischen Mädchen ihr Haar nicht verhüllt trugen. In einer Flugschrift gegen die „Nachahmung“ der Ungläubigen war zu lesen: „Schwester, deine Bedeckung ist Befehl unseres Gottes … deine Bedeckung ist unsere Fahne ...“ (16).

Am 12. September 1980 erfolgte in der Türkei ein Coup des Militärs – was einkehrte war die von Kesim und anderen befürchtete Stille eines Grabes. Das Militär übernahm eine sanfte Islamisierung in Eigenregie. Unter seinem regulierenden Blick wurde der Etat des Islampräsidiums Diyanet in die Höhe geschraubt und noch jedes alevitische Dorf mit einer Moschee okkupiert. Die Kader der gebannten MSP und MHP stauten sich in der Anavatan Partisi auf, die Partei des Mutterlandes, und trugen ihre Konflikte in die neue Partei herein, die als einzige neben zwei Satelliten des Militärs noch existieren durfte. Ministerpräsident wurde Turgut Özal aus dem Tarikat der Nakşbendiyye, der 1977 noch für die MSP kandiert hatte und auf den sich heute auch Erdoğan beruft. Özal brach die Löhne noch weiter herunter und frisierte die unter der Kreditkrise darbende türkische Ökonomie für den Export. Mit den engen Kontakten seines Bruders Korkut zu den Shariah-Regimen am arabischen Golf etablierte sich ein eigener islamischer Finanzmarkt, der es vermochte so manches Geld türkischer Migranten für ein anatolisches Kapital zu akquirieren. Aus den hiermit finanzierten Unternehmungen gingen ab Ende der 1980er die berüchtigten islamischen Holdings hervor.

Zins-Lobby“ und Islam Holding

Erdoğans Blick auf eine sich gegen ihn verschwörende „Zins-Lobby“ ist nicht zufällig. Er befindet sich damit geradezu in Tradition seines politischen Ziehvaters Erbakan, der in seinem namensgebenden Traktat „Milli Görüş“ aus dem Jahr 1975 sich fragte, wie denn das türkische Vaterland, als Nabel des gewaltigen Osmanlı İmparatorluğu, so verkümmern konnte. Erbakan fand die Antwort einerseits in der Verwestlichung, in der Entfremdung der muslimischen Türken von Moral und Werten des Islam, und andererseits in der perfiden Nachahmung arabischer Techniken der Naturbeherrschung durch den Westen. Der zentrale Ruf seiner Partei war folglich: „Wieder eine große Türkei“. Im Zweischritt sollte sich der Erbauung der entfremdeten Muslime gewidmet werden und die Industrialisierung forciert werden. Erbakan promovierte 1953 an einer deutschen Technischen Universität und war in der Folge als Ingenieur bei der Deutz AG tätigt, wo er in der Konstruktion des Leopard 1 involviert war. Noch wenige Monate vor seinem Tod schmeichelte er der technischen Detailverliebtheit der Deutschen, der „Ernsthaftigkeit und Organisiertheit“, mit denen sie sich an den Dienst machen würden (17). Erbakan blieb bis zu seinem Tod ein deutscher Ideologe – in einer spezifisch islamischen Variante. Daran, dass die Zweckrationalität des Kapitals sich auf keinen menschlichen Zweck, die Stillung des Hungers, bezieht, viel mehr einzig und allein auf den abstrakten Selbstzweck des Kapitals: der Akkumulation toter, d.h. ausgezehrter Arbeitskraft als Kapital, stieß sich Erbakan nirgends. Denn nach Erbakan liege die Krise natürlich nicht darin, dass die Produktivkräfte andauernd revolutioniert werden, aber darin nie dem „Gröbste(n): dass keiner mehr hungern soll“ (Adorno), näher gekommen wird, viel mehr Maschinenpark um Maschinenpark, Investitionsruine um Investitionsruine um ihrer selbst angehäuft werden und darin die nächste Krise struktureller Überakkumulation sich potenziert. Die Krise ist Erbakan zufolge dem Kapital nur künstlich eingepflanzt. Es sei der Zins, der sie in die Produktion hineintrüge. Der Zins sei nicht nur der schwächste Punkt des Kapitals, in dem die Krise einzufallen drohe, er sei auch Einfallschleuse kommunistischer Subversion. Es war Erbakans Mission und darin ist er der deutschen Ideologie so sehr verhaftet, die Akkumulation des Kapitals mit einer völkischen und antisemitischen Ideologie zu exekutieren. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre rief Erbakan eine „Offensive der Schwerindustrie“ aus. Er zog durchs feudale Anatolien und legte, hier wie dort, den ersten Stein einer industriellen Anlage, die dann doch nie realisiert worden ist – zum Ende gebracht wurde dagegen der Djihad gegen eine „pornographische Statue“ 1976 in Istanbul, „der Stadt Sultan Fatihs“ (Erbakan).

Von jeher war Erbakan das kemalistische Establishment in der Westtürkei verhasst, das er als freimaurerisch verschrie, ein Hass, der rationalisiert werden konnte durch die reale Konzentration der Kreditmaschinerie auf einige wenige westtürkische Monopolisten. Er propagierte den Marsch in die Institutionen, die Übernahme etwa der Industriekammern im Interesse einer initialen Akkumulation eines grünen Kapitals im stehengebliebenen Anatolien. Als Prototyp dieses ideologisierten Akkumulationsregimes fungiert das sog. Konya-Modell, eine shariah-konforme Holding, an dem die Gläubigen Anteile erwerben und somit am weiteren Unternehmensschicksal teilhaben können. Vor allem auch deutsche Moscheen von Milli Görüş verwandelten sich in Muslim Märkte, wo die Imame Rendite predigten (18). Das Eigentliche an dem Konya-Modell sei das 'Wir-Gefühl', ein- und dasselbe Schicksal zu teilen: die profitable Holding als Ummah. Eine Karriere in einer solchen Holding verlangt nicht nur nach technischer Qualifikation, viel mehr auch nach Parteiloyalität und Frömmigkeit. Nicht wenige die von der Politik in das Management einer solchen Holding wechselten und dann wieder in die Politik. In der Ideologie des berüchtigten Imams Fethullah Gülen sind Karriere wie Verhaftetbleiben im Elend Erscheinungsformen desselben göttlichen Willens (19). Ein positiver Jahresabschluss ist folglich so etwas wie die Quittung für die Auserwähltheit durch Gott und für Bienenfleiß und Selbstdisziplinierung im Gebet und in der Hetze ums Geld. Diese türkische Variante des politischen Islam propagiert eine calvinistisch anmutende Arbeitsethik (20), die einhergeht mit der antisemitischen Lüftung des Geldrätsels, der starrende Blick ist auf die geldwerte Unternehmung gerichtet, die flankiert wird durch den sozial-repressiven Zugriff auf die zu kurz Gekommenen. Mildtätigkeit, wie es im Jargon der Muslimbrüder heißt, ist die Gnade des Souveräns – bei andauernder Drohung, dem Objekt Gewalt anzutun.

Wer hier nur von einem neoliberalen Regime spricht, begreift wenig. Die von der AKP forcierte Privatisierung sozialer Dienste geschieht neben einem ökonomischen Kalkül auch immer im Interesse der Racketisierung der Apparate. Exemplarisch sei hier die von der AKP aufgewertete Green Card genannt, mit der Bedürftige einen Basis-Wartungsbedarf ihrer geschundenen Körper (Zahnprothese u.ä.) geltend machen können. Auf eine solche Green Card existiert kein Rechtsanspruch. Es unterliegt der lokalen Autorität, die subjektiven Kriterien der Bedürftigkeit zu scannen. Diese Autorität kann die Gendarmarie sein, ein Muhtar oder auch ein Imam. Über die Green Card hat die AKP Zugriff auf die Elendigen. Da ist es auch nicht zufällig, dass die Muslimbrüder eine ihrer Basen bei den Frauen aus pauperistischen Familien hat, sind sie es doch, über die vorrangig der Zutritt zum Sozialregime gewährt wird. Vor allem im Südosten ist dokumentiert, dass politische Dissidenten und deren Verwandte immer wieder von der Green Card ausgesperrt werden und mit der Drohung des Entzugs, Menschen zum Gang an das Urnengrab erpresst werden. In der Türkei sind nur etwa 40 Prozent der zum Verkauf ihrer Arbeitskraft Gezwungenen sozialversichert. Allen anderen tritt ein islamisiertes Sozialregime entgegen, das die feudale Despotie, das Ausgeliefertsein des Einzelnen gegenüber der Blutsbande, in seinen eigenen Formen reproduziert. Die sozialen Dienste werden an die Kommunen ausgelagert, die mehr und mehr mit einer privat finanzierten Fürsorge verzahnt sind. Islamische Orden wie der der Fethullahçılık treten hier als islamische Karitas auf, die den Zutritt an Loyalität und Frömmigkeit knüpfen. Eine gratis Speisung im Monat Ramazan zwingt natürlich dazu, sich dem religiösen Diktat des Hungers zu fügen. Die Opposition gegen die Islamisierung ist nicht allein eine der sog. weißen gegen die schwarzen Türken, gebildet gegen ungebildet, urban gegen provinziell. In einigen der subproletarisierten Vierteln Istanbuls - Gazi Mahallesi, Maltepe-Gülsuyu und Sarıgazi etwa, wo viele alevitische Immigranten aus dem Südosten sich aufgestaut haben - waren die Proteste mit am stärksten (zu schweigen von der alevitischen Provinz Tunceli im östlichen Anatolien, die nach Fethullah Gülen von Armeniern und Assyrern bevölkert sei). Es ist also auch eine Revolte jener, die zu spüren bekommen, dass ihnen der repressive Sozialapparat und das islamisierte Akkumulationsregime den Atem abschnüren werden.

Genauso unbegriffen muss die Verzahnung von Ökonomie und Islamisierung bleiben, wenn nur von Gentrifizierung der Städte gesprochen wird. In dem kalkulierten Dahinrottenlassen Alt-Istanbuls mit seinen Spuren armenischen, griechischen und jüdischen Lebens, dem Kahlschlag ganzer Viertel und den Milliardenprojekten des Regimes, die das BIP weiter am köcheln halten sollen, sind Profitinteresse und Islamisierung miteinander verschraubt. Zu zeigen wäre es etwa an dem Projekt der dritten Überbrückung der Bospurus-Enge, die den Namen des Alevitenschlächters Yavuz Sultan Selim tragen wird. Abgesehen von solchen Prestigeprojekten verwebt das Regime über seinen direkten Zugriff auf einen monströsen Apparat fürs Public Housing namens TOKİ (21) Milliardenprofite für die Seinigen mit dem Konter auf das kosmopolitische Istanbul, das in Beyoğlu und anderswo noch nicht ausgetrieben ist: Satelittenstädte, deren Funktionen allein im Interesse des muslimischen Calivinismus zu liegen scheinen, d.h. die Reproduktion der Arbeitskraft, die moralische Erbauung in einer der Moscheen, mit denen dieses Neu-Istanbul alle gefühlte 50 Meter abgesteckt ist, und – natürlich: “mindestens drei Kinder” – die Stimulation der Gebärmaschinerie.


Im vielen dahinrottenden Vierteln Alt-Istanbuls finden Geflüchtete aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und dem Südosten der Türkei prekären Unterschlupf. In Küçükpazar-Fatih sind es aktuell vor allem kurdische Familien, die aus der syrischen Hölle in Aleppo und Damaskus geflüchtet sind und in Istanbul von den dortigen Slum-Hoteliers für ein Leben in halb zerfallenen Ruinen ausgepresst werden.


Da auf den Straßen Istanbuls die Konkurrenz unter den der Verwertung ihrer Arbeitskraft hinterherfliehenden Männern nur zu groß ist, sind es die Kinder, die durch tägliches Betteln oder mit dem Anbieten von Dosenschießen und ähnlichem noch ein wenig Geld einzubringen vermögen.

Frühere Armenierviertel wie Gedikpaşa oder Dolapdere sind dem Verfall überlassen. In den Kirchen trifft man inzwischen vor allem auch geflüchtete Christen aus dem Irak, Eritrea oder Nigeria an.

Hat Erbakans RP noch die Gecekondular, jene Slums der “über die Nacht Gekommenen”, mit Brosamen und religiösem Pfeffer zur Basis ihres Brüllviehs gemacht, verspricht Erdoğan den Elendigsten einen nahen Blick auf ein prosperierendes Leben – soweit sie fromm und bienenfleißig seien. Darin liegt auch die Bedrohung für alle, die als Saboteure dieses entstellten Glückes identifiziert werden. Die Identifikation mit Erdoğan erfolgt nicht allein über Islam und Nation; beide sind verknotet mit dem Versprechen, bei einer ausdauernden Aufreibung als Arbeitskraftdrohne und im Gebet doch noch zu Geld und Prestige zu kommen. Einige fromme Muslime, die bereits dort angekommen sind, wo noch andere hin wollen, inserierten am 14. Juni eine ganzseitige Solidaritätsadresse an ihren Başbakan, Tayyip Erdoğan. Die Anatolischen Löwen (Anadolu Aslanları İşadamları Derneği, kurz: ASKON), eine Pressure Group gläubiger Kapitalisten, brachten auf dieser einen Seite nahezu alle kursierenden Verschwörungstheorien unter: Der Protest könne nur eine Verschwörung sein, da er doch in jenem Moment aufkam, wo der “Tyrann Israel” sich die Nase reibe und Assad ein Ende drohe, wo die Türkei bald den letzten Zins abgezahlt und sie den “unterdrückten Völker” den Pfad vorgetrampelt hätte (22).

Antisemitismus als der Wahn, dem Abstrakten des Kapitals ein Antlitz aufzuzwingen

Auf den sanften Coup des Militärs gegen Erbakans Refah Partisi und deren Bann am 16. Januar 1998 folgte nur ein anderer Name: die Fazilet Partisi, die Partei der Tugend, die dann im Juni 2001 von den Verfassungsrichtern kassiert worden ist. Erdoğan und weitere Ziehsöhne Erbakans zogen daraus ihre Konsequenzen. Sie riefen am 14. August desselben Jahres die Adalet ve Kalkınma Partisi aus. Die AKP rekrutierte sich vor allem aus den als Reformer verschrieenen Kadern der Fazilet Partisi, wie der heutige Staatspräsident Abdullah Gül oder Staatsminister Hayati Yazıcı, der als Jurist einige der Pogromisten von Sivas vertrat. Hinzu kamen Übertritte aus der aufgeriebenen ANAP und DP sowie im Jahr 2007 Vereinzelte aus der Cumhuriyet Halk Partisi, Mustafa Kemals Republikanischer Volkspartei. Selbst einige Aleviten nahm man ins Portfolio auf. Erbakan dagegen blieb nur die Konkursmasse der Fazilet. Seine Saadet Partisi, die Partei der Glückseligkeit, liegt inzwischen bei unter zwei Prozent. Gegen Ende des Jahres 2010 rebellierte auch noch der Vorsitzende der SP, Numan Kurtulmuş, und rief mit einigen anderen Abtrünnigen die Halkın Sesi Partisi aus, die alsbald in der AKP aufging. Erbakan blieb nur noch sein Wahn. Bis zu seinem Tode am 27. Februar 2011 halluzinierte er, dass das Volk sich noch zu ihm bekennen werde. Seine Ziehsöhne Erdoğan und Gül waren ihm nur noch Abtrünnige, Kassierer der Zionisten (23).

Der kapitalisierten Sozietät, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist und innerhalb des selbstzweckhaften Autismus der Verwertung des Wertes rotiert, ist die Idee einer „Magie des Geldes“ und ihrer Personifizierung inhärent. Sie produziert aus sich heraus jenes Anti-Subjekt, welches sie bedarf, um ihre eigene Negativität auf ein Objekt zu bannen und folglich zu exorzieren. Die Selbsterhaltung der Subjekte fällt mit der Selbstverwertung des Wertes in eins: Wer sein Begehren nicht in die Wertform presst, vegetiert dahin. Weil die zur Subjektform gedrängten Menschen den irren Selbstläufer der Verwertung des Wertes aber nicht als Fleisch vom Fleische wiedererkennen, sie vor sich selbst zu Tode erschrecken würden, können sie den herrschenden Irrationalismus des Kapitals selber nur irrational reflektieren und in der Konsequenz reproduzieren. Der soziale Nexus tritt ihnen doppelt entgegen: einerseits konkret, als Gebrauchswerte in ihrer Nützlichkeit, andererseits abstrakt, wobei dieses Abstrakte sich wieder konkretisiert, als Geld, d.h. die abstrakte Seite der Ware drückt sich an einer anderen Ware, dem Geld, aus. Zum einen ist ihnen das Geld nur das Medium für einen außer ihm existierenden Zweck: einer Begierde, der durch den Kauf eines nützlichen Dings nachgekommen wird. Zum anderen – und noch im selbem Moment - ist das Geld sich selbst alleiniger Zweck. Geld heißt, mit Marx gesagt, seinen eigenen sozialen Nexus im Säckel mit sich zu tragen.

Durch die „Verdinglichung der Tauschabstraktion im gemünzten Geld“ (A. Sohn-Rethel) dringt diese Abstraktion in das Bewusstsein, aber in unbewusster Form: als Geldfetisch, eben als „Magie des Geldes“ (Marx). Die Figur des 'Juden' muss als Personifikation des Geldes, die die materielle Repräsentanz der Abstraktion ist, auch den fetischisierten Charakter des Geldes inkarnieren: universale Geltung und dämonische Magie. Als halluzinierter Magier der Zirkulationssphäre ist die Figur des 'Juden' immer auch beides: ein das Volk aufhetzender Kommunist und die Produktion aussaugender Spekulant, ein Rassist von Gottes Gnaden und ein mit dem Dolchstoß drohender, vaterlandsloser Kosmopolit. Die Realabstraktion des Kapitalverhältnisses wird heruntergebrochen auf eine durchtriebene Tarnung, eine mit polizeilicher Akribie zu personifizierende Camouflage. Unter türkischen Antisemiten heißt diese Tarnung „Dönme“: Konvertiten, die ihren Übertritt zum Islam nur fingieren, um diesen, in der Tarnung, zu judaisieren. Es existiert inzwischen eine eigene Industrie, die „Sabbataisten“, sog. „Krypto-Juden“ (Gizli Yahudiler), auffindet. Es scheint, dass die Kemalisten es nur noch hier mit den Muslimbrüdern aufnehmen können. Yalçın Küçük, Kolumnist für Aydınlık, etwa spürt „schwarzen Hebräern“ und anderen klandestinen Juden nach und findet sie in der Prominenz der AKP. Abdullah Gül etwa, so Küçük, sei ein Sabbataist, was dieser augenblicklich von sich wies (24).

Aydınlık ist das Organ der İşçi Partisi des aggressiven Leugners der Ausrottung der türkischen Armenier, Doğu Perinçek. Die IP ist mit der von ihr initiierten Jugendorganisation Türkiye Gençlik Birliği, die Türkische Jugendunion, eine der bestorganisiertesten Parteien, die unter dem Ruf „Wir sind die Soldaten Atatürks“ aufmarschieren. Von Protestierenden im Gezi Park wird diese Kasernen-Mentalität immer wieder gekontert: „Wir sind die Soldaten von niemandem“ oder – in der LGBT-Variante - „Wir sind die Soldaten von Freddie Mercury“. Präsent ist die IP inzwischen vor allem über die TGB, die in Erdoğan einen anti-türkischen, d.h. zweiten US-amerikanischen Präsidenten ausgemacht haben will. Ein authentischer Souverän ist ihr dagegen der syrische Schlächter Assad. Wo in Syrien tagtäglich gestorben wird, die Säkularen zerrieben werden zwischen Ba'ath-Regime, Hezbollah und dem khomeinistischen Regime Iran einerseits und djihadistischen Rackets inklusive ihrer türkischen, arabischen, europäischen und US-amerikanischen Gönnern andererseits, ruft ihr kemalistisches Brüllvieh auf Märschen in Ankara und anderswo: „Das syrische Volk ist vereint“ und „Das syrische Volk ist seinem Staat treu“ (25). Der reformistischen Türkiye Komünist Partisi fällt auch nicht viel anderes ein als an dem Regime der Muslimbrüder zu kritisieren, dass dieses nicht authentisch türkisch sei. Den Aufruf „Frömmelnder, Geldbesessener, Amerikanist. Du bist nicht die Türkei!“ (Yobazsın, paracısın, Amerikancısın. SEN TÜRKİYE DEĞİLSİN!) bebildert sie mit einer islamischen Gebetskette, die mit dem Symbol des Dollars endet. Noch in der säkularen Konfrontation mit dem Regime der türkischen Muslimbrüder rekurrieren sie auf die nationale Projektion nach außen.
 

Im nationalistischen Milieu der Türkiye Gençlik Birliği gärt ein Antisemitismus, der eins zu eins eine Durchschrift der Protokolle ist. Zu nennen wäre etwa Soner Yalçın, Initiator des populären Oda TV, oder Erdal Sarızeybek, der anempfiehlt sich der TGB anzuschließen („Türkiye Gençlik Birliği'ni izleyin“). Sarızeybeks Pseudo-Traktate (wie Son Harekat - Kod Adı: Yahuda) findet man auf den ersten oder zweiten Blick auf jeden Istanbuler Büchermarkt. Auch die oppositionellen Sozialdemokraten der CHP scheinen zu wissen, dass für sie in manchen Provinzen wenig zu holen ist, wenn sie einen Zweifel daran lassen, dass auch sie Antizionisten sind. Als Kemal Kılıçdaroğlu, Erdoğans Herausforderer, im Juni 2011 in Kayseri sprach, wies er empörend von sich, ein Freund Israels zu sein: Er beschuldigte Erdoğan, Abgeordnete der AKP abgebracht zu haben, an dem Ship-to-Gaza-Konvoi teilzunehmen, während Furkan Doğan, ein in Kayseri geborener US-Amerikaner, als Märtyrer gestorben sei. „Hast du oder hast du nicht? Die Söhne des Vaterlands sind auf die Mavi Marmara gegangen, sie wurden angegriffen, sie fielen als Märtyrer, aber du hast deinen Abgeordneten … gesagt, nicht zu gehen.“ (26) Auf der Mavi Marmara, die den Konvoi voranging, lief nahezu alles zusammen. Sie war ein Joint Venture von Milli Görüş, d.h. ihrer Benefiz-Sparte IHH, und den Genossenmördern und Alevitenschlächtern der Büyük Birlik Partisi, in der sich im Jahr 1992 abtrünnige Veteranen der MHP unter dem Kommando von Muhsin Yazıcıoğlu, zusammentaten. Der inzwischen verstorbene aber nach wie vor wie ein Rudelführer verehrte Yazıcıoğlu wurde u.a. verdächtigt, verantwortlich für das Bahçelievler-Massaker am 9. Oktober 1978 in Ankara zu sein, bei dem sieben Genossen der Türkiye İşçi Partisi ermordet worden sind. Dementsprechend würdigte Fethullah Gülen den Killer Yazıcıoğlu nach dessem Tod: “...er war ein tapferer und aufrichtiger anatolischer Mann” (27). Ein weiterer tapferer anatolischer Mann und Mitbegründer der BBP, Ökkeş Şendiller, war einer der Initiatoren des anti-alevitischen Pogroms von Maraş. Auf der Mavi Marama befanden sich ranghoge Funktionäre der BBP und ihrer Jugendorganisation Alperen Ocakları (28) und der Nachfolgepartei der Pogromisten von Sivas, Erbakans Saadet Partisi, in der bis heute auch Temel Karamollaoğlu – man möge sich erinnern – ausharrt und nun gegen Israel hetzt. Neben Korrespondenten der islamistischen Vakit, ein Organ von Milli Görüş, dem die Shoah “zionistisches Geschwätz” ist (29), waren auch deutsche Anttiimperialisten auf der Mavi Marmara. Für Norman Paech aber war das alles kein Miniaturmuseum des türkischen Schlachthauses, viel mehr ein interkulturelles Spektakel: “...für mich war das wie ein Basar.”

Auf die Grauen Wölfe der BBP scheint Verlass zu sein. Ihr Hass auf Säkulare ist um einiges größer als der Neid auf die alles überragende Konkurrenz, den “großen Bruder” AKP. Mustafa Destici, Nachfolger Yazıcıoğlus, zufolge hätten die Protestierenden, die aus Bierflaschen ein T.C. (Türkiye Cumhuriyeti) formten, die Märtyrer, die in Çanakkale ihr Leben opferten, beleidigt (30). Es waren auch die Jugendkader der Alperen Ocakların, die als erstes – und aus Eigeninitiative - Regimekritiker attackiert haben. Die Mutterpartei der Grauen Wölfen, die MHP, dagegen ist in den anatolischen Provinzen noch zu stark, um sich dem Regime zu fügen. Ihr Rudelführer Devlet Bahçeli griff – nachdem er einige Tage schwieg – frontal an: Erdoğan hätte die Nation mehr gespalten als es Abdullah Öcalan, das “Böse von İmralı”, in 29 Jahren getan hätte (31). Auch innerhalb der AKP sind Risse wahrzunehmen, nicht entlang der Adjektive “moderat” und “fundamentalistisch”, es sind wieder die Tarikats, die um Geltung und Strategie konkurrieren. So soll es vor allem zwischen Erdoğan, assoziiert mit den Nakşbendiyye, und Gül, der den Fethullahçılık zugerechnet wird, rumoren.

Die Parteigänger Öcalans harren weiter aus um ihre Bewegung in den Staat nicht zu gefährden. Eine Versöhnung, die nur erpresst - oder zynisch einkalkuliert - sein kann, wenn man an die seit dem Jahr 2009 über 8000 Inhaftierten mit Nähe zur Barış ve Demokrasi Partisi, der Partei für Frieden und Demokratie, denkt. Waren es vor allem auch Vereinzelte aus der BDP, wie etwa Sırrı Süreyya Önder, die sich mit als erstes im Gezi Park einfanden, blieb es im Südosten weitgehend still. So still, dass das Regime Militärpolizei aus dem Südosten nach Ankara abziehen konnte (32). In seiner diesjährigen Nevroz-Ansprache hatte Öcalan vom „tausendjährigen Zusammenleben mit den Türken unter der Flagge des Islam“, von dem solidarischen Sterben dieser beiden Brüder in Çanakkale, jenem zum nationalen Mythos gewordenen Blutbesäufnis im Jahr 1915 gegen die Entente, gesprochen (33). Die Islamisierung seiner Rhetorik mag dem Eingeständnis geschuldet sein, dass die islamische Konkurrenz im Südosten stärker geworden ist. Neben der AKP hat sich inzwischen auch die Todesschwadrone der Hizbullahî Kurdî in zivil formiert. Vor allem aber spricht aus Öcalans Worten – ohne dass es ihm bewusst sein wird - die Lebenslüge der türkischen Republik. Es war die durch Mord erzwungene Homogenisierung Anatoliens in den dahinschwindenden Jahren des osmanischen Rumpfstaates, die Reduzierung der Christen auf eine Zahl nahezu hinter dem Komma, die zur stillen Prämisse der türkischen Republik geworden ist. Nur durch die Teilhabe an Vertreibung, Ausplünderung und Ermordung der anatolischen Christen wurden die alsdann mit der Säkularisierungspolitik Mustafa Kemals konfrontierten frommen Feudalclans präventiv befriedigt. Jene Koalition, die Mustafa Kemal um sich scharte, war einzig geeint durch die Furcht davor, dass die Islamisierung des armenischen und griechischen Besitzes keinen Bestand haben könnte, sobald die Kumpanei zwischen Bürokrat, Militär, Ağa und Şeyh ein Ende hat. In den folgenden Jahrzehnten kapitulierten die Republikaner vor den Großagrariern und stundeten eine zunächst propagierte Bodenreform. Allein die Flucht in die Städte erschien als das Versprechen, dem feudalen Elend zu entkommen. Und so kam es auch in der Türkei zu einer rasanten Binnenmigration, die durch die blutige Fehde zwischen 'den beiden Brüdern' im Südosten, einer Hölle aus Konterguerilla und verbrannter Erde, noch weiter eskalierte. In Istanbul und Ankara, Izmir und Adana, Diyarbakır und Batman stauten sich die sprunghaft entbäuerlichten Massen auf. Verkauften sie dort auch ihre Arbeitskraft, lavierten sie doch zwischen der nackten Reproduktion ihrer physischen Existenz und dem Ausgeliefertsein gegenüber dem mitgeschleppten feudalen Klientelismus, der die Frau an den Mann bringt, aber immer zu wenig Geld in das Säckel. Hier hinein grätschten die Muslimbrüder, sie markierten glaubwürdiger als alle anderen das Elend der Davongezogenen wie Dagebliebenen als eine Konspiration der Ungläubigen, die inzwischen in neun von zehn Predigen als Zionisten identifiziert werden. Die Muslimbrüder prügelten dem Elend Sinn ein, einen unmenschlichen, aufhetzenden Sinn. Inzwischen aber koppeln nicht wenige nicht nur ihre Identität, viel mehr auch ihre Karriere und Pfründe an die AKP – in dieser Kombination aus Identität und Interesse mag die gröbste Bedrohung liegen.

Es sieht so aus als würde das Regime mit dem seit längerem durchislamisierten Polizeiapparat demonstrieren wollen, wie es mit einer säkularen Opposition noch zu widerfahren gedenkt. Dass bei dem Überrollen des Gezi Parks der gegen die Protestierenden gerichtete Wasserstrahl mit stark ätzenden Chemikalien kontaminiert worden ist, ist ja keinem polizeilichen Zweck geschuldet. Auch ohne schwere Verbrennungen bei den Protestierenden wäre der Gezi Park abgeräumt worden. Es scheint viel mehr so, als würde man die ausharrende Opposition gegen die Islamisierung brandmarken wollen, als müsste ihnen eingebrannt werden, dass sie konspirative Elemente sind. Inzwischen bringt das Regime den Terrorismusverdacht gegen einzelne Protestierende in Anschlag, was in der Konsequenz unbegrenzte Untersuchungshaft für die Betroffenen heißen könnte (34). Das Islampräsidium Diyanet indes bewertet die Zerschlagung der Proteste augenfällig als „religiöse Angelegenheit“. Vor einigen Tagen gab es eine Fatwā heraus, in der der systematische Gebrauch von Reizgas als rechtmäßig und den Umständen entsprechend befunden wird (35).

(1) Siehe die Übersetzung der Rede von Murat Yörük.
(2) Those against whom we said ‘one minute’ are now delighted, says PM over Gezi Park protests, in: Hürriyet Daily News, 12.06.2013.
(3) Zur Rede in Konya siehe Radikal, 07.12.2012. Die Zahl 1071 bezieht sich auf jenes Jahr, in dem das erste islamische Heer Anatolien betrat und die Byzantiner verheerend schlug. Zur Gebärpolitik Erdoğans, die einhergeht mit einer angedrohten Kriminalisierung von Schnittentbindungen, siehe des Weiteren: Turkish PM pushes for ‘three children incentive’ , in: Hürriyet Daily News, 10.02.2013.
(4) Turkish PM Erdoğan retires mall project, vows mosque in Taksim, in: Hürriyet Daily News, 02.06.2013.
(5) Siehe Erdoğans Rede in Ankara am 9. Juni. Übersetzung v. Murat Yörük.
(6) Als Konter auf die vermeintlichen Verschwörungen namens „Ergenekon“ und „Balyoz“ wurden dutzende pensionierte Generäle und amtierende Offiziere verhaftet.
(7) Army may step in to stop protests if need be: Deputy PM Arınç, in: Hürriyet Daily News, 17.06.2013.
(8) Siehe Erdoğans Rede in Ankara am 9. Juni. In der Dolmabahçe-Moschee, Teil der einstigen Residenz des Sultans, fanden Protestierende Zuflucht vor den Reizgasschwaden und dem Geknüppel der Polizei. Sie funktionierten die Moschee in ein Lazarett um. Auf Facebook und anderswo kursieren nun Fotografien von Protestierenden, die in der Moschee Alkohol getrunken, sich geküsst und ähnlich sündhaftes getan hätten.
(9) Khomeinis Fatwā, der Aufruf zum Töten, betrifft jeden, der sich an der Publikation der Satanischen Verse beteiligte. Im vergangenen Jahr erhöhte der iranische Hojatoleslam Hassan Sane'i das Kopfgeld auf Rushdie um weitere 500.000 auf nunmehr 3,3 Millionen Dollar.
(10) Siehe die Erinnerungen von Ali Ertan Toprak, in: SZ, 17.05.2010.
(11) Sivas davası zamanaşımında yanacak, in: Radikal, 06.03.2012; Sivas'ta son dava düştü, in: Radikal, 14.03.2012; Erdoğan'dan çok tartışılacak Sivas davası yorumu, in: Milliyet, 13.03.2012.
(12) Siehe Spiegel Special, 30.09.2008.
(13) Endloses Sterben, in: Jungle World, 24.12.2002.
(14) Davutoğlu im Gespräch mit Die Welt, 06.03.2011.
(15) Siehe Aus Liebe zu Allah, in: Jungle World, 02.01.2002; sowie Islam und Politik in der Türkei (Hrsg. v. Jochen Blaschke/ Martin van Bruinessen), S. 333 f.
(16) Zitiert nach Islam und Politik in der Türkei, S. 336 f.
(17) Erbakan im Gespräch mit Die Welt, 08.11.2010.
(18) Näheres dazu bei Claudia Dantschke. Etwa hier.
(19) Siehe dazu auch Anne Steckner in der Iz3W, Mai/Juni 2013, S. 22. Nach Fethullah Gülen ist das Tarikat der Fethullahçılık benannt, das als tiefer Staat verrufen und vor allem in den Polizeiapparat und die Justiz eingesickert ist.
(20) Es liegt aber noch ein Unterschied ums Ganze zwischen dem Arbeitsethos des muslimischen Calvinismus und dem Produktivwahn der deutschen Ideologie. Letztere steigerte die Selbstzweckhaftigkeit der abstrakten Arbeit zu ihrer äußersten Konsequenz. Hatte bereits der deutsche Imam Martin Luther Arbeit als „Knechtschaft aus Überzeugung“, als Berufung und Dienst an Gott ausgerufen, radikalisierte die nationalsozialistische Ideologie die Reduktion der Menschen auf einen blinden Mechanismus zur Heroisierung des Arbeiterkraftvehikels als Soldat in zivil, als Märtyrer fürs große Ganze. Dem nationalsozialistischen Publizisten Franz Schauwecker wurde es angesichts des Menschenschlachtens in den Frontgräben nur zu deutlich, “daß 'Arbeit' etwas sehr Hohes und sehr Tiefes war, etwas, das jede Tat in sich schloß. Und Tat war etwas, das zugleich immer auch ein Opfer bedeutete ... Was nachher kam: Verwundung, Hunger, Ermattung, Tod – das konnte nur noch eine Bestätigung sein. Es war alles Arbeit, Dienst am Werk, Amt innerhalb einer großen Ordnung.” In einer Unterredung Schauweckers mit einem Kameraden, ausharrend in einem Granattrichter, wurde es “beiden unverbrüchlich gewiß, daß 'Arbeit', wenn sie richtig begriffen wird, jegliches Werk, jegliche Leistung ist, die für die Nation geschieht. Gebet, Schuß, Motorbedienung, Dichtung, Befehl, Buchdruck – all dies war und ist Arbeit. Mochte es nun Über- oder Unterordnung sein – immer war es Einordnung in eine große Einheit Deutschlands” (Arbeitertum, 01.05.1934, S. 24). In den hemmungslosen Blutbesäufnissen gewannen die deutschen Ideologen die Einsicht in die authentische Erscheinungsform von Arbeit. Die dröhnende Artillerie war ihnen wie eine gewaltige Schmiede, die nie ruhte. Dem Arbeitsethos der muslimischen Calvinisten dagegen haftet der Makel des Instrumentellen an, die Erinnerung, dass Arbeit vor allem ein Zwang ist, ist hier noch nicht ganz ausgetrieben. Arbeit verliert sich bei ihnen nicht in der “Voraussetzungslosigkeit dieses schlichten Dienstes” (Wilhelm Decker: Der deutsche Weg. Ein Leitfaden zur staatspolitischen Erziehung der deutschen Jugend im Arbeitsdienst, 1933, S. 20), sie ist ihnen viel mehr ein Medium, ein shariah-konformes Kapital zu initialisieren und in der Konkurrenz aufzuschließen, d.h. auch ein wesentliches Moment des Djihads gegen die Ungläubigen in der Sphäre des Kapitals. Arbeit ist ihnen kein Gott, kein Wert an sich, in der Fabrik wird gehetzt aber nicht gebetet. An einen Arbeitsdienst der auf dem Markt Überflüssigen, an denen der selbstzweckhafte Charakter der Arbeit demonstriert wird, wie unter dem sanften Diktat von ALG II oder etwa im schlanken Faschismus des ungarischen Fidesz-Regimes, ist in der Türkei nicht zu denken. Die Elendigen sind hier Objekte repressiver Mildtätigkeit, die ihre Funktion – wenn überhaupt - als Brüllvieh finden.
(21) Zu TOKİ siehe auch das Gespräch mit Ayse Çavdar in analyse & kritik, 18.01.2013.
(22) Gezi masumiyetini yitirmiştir, ASKON Inserat, 14.06.2013.
(23) Siehe Erbakans Gespräch mit Die Welt.
(24)Yalçın Küçük konuşmanın devamında, kaleme aldığı Tekeliyet-2 isimli kitabında Gül'ün 'Sabetayist' olduğu yönündeki yazısını hatırlatıyor. Gül'ün yazı üzerine kendisine gönderdiği ve kitapta yer alan iddiaların doğru olmadığını anlatan mektubunun da kullanılmasını istiyor. Aynı konuşmada Küçük'ün, "Ondan sonra bende başka bilgiler var. Bir de çok kategorik olarak söyleyeceğim. Türkiye'de kökeninde Ermeni olan hiç kimse Çankaya Köşkü'ne veya Başvekâlete çıkamaz. Bir de Soner (Yalçın) ile konuşun" diyor. In: Aktik Haber, 16.03.2011.
(25) Siehe den youtube-Channel des TGB. Wer in der syrischen Menschenschlacht nie etwas anderes als eine Konspiration gegen die nationale Souveränität ersehen will, dem muss unbegriffen bleiben, dass in Syrien neben einem blutig ausgetragenen Stellvertreterkonflikt zwischen der khomeinistischen Despotie Iran und den Shariah-Golfstaaten vor allem auch die Krise der arabischen Regime durchschlägt. In Tunesien etwa besteht die florierendste Ökonomie in der Rekrutierung der überflüssigen Jugend in den Moscheen für den Djihad in Syrien.
(26) Z.n. Tapferer Recep, tapferer Kemal, in: Der Standard, 06.06.2011.
(27) Siehe Gülen: Yazıcıoğlu kazasını kurcalayın, in: Radikal, 01.04.2009; das Zitat (“Cesur ve dürüst bir Anadolu yiğidi”) findet sich auf Herkul.org (einer Webseite derFethullahçılık ).
(28) Die Namen der Passagiere findet man in der Vakit: Etwa Eyüp Gökhan Özekin (BBP Genel Başkan Başmüşaviri), Muhittin Açıcı (BBP İstanbul İl Başkan Yardımcısı) und Halis Akıncı (Denizli Alperen Ocakları Başkanı).
(29) Siehe den Beitrag der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus.
(30) BBP Lideri'nden, Gezi Parkı açıklaması, in: IHA, 02.06.2013.
(31) Başbakan Erdoğan Türk milletini ayırmaktadır. İmralı canisinin 29 yılda yapamadığı kötülüğü hayata geçirmek için mücadele vermektedir. Bahçeli in seiner Rede auf der Fraktionssitzung der MHP am 18. Juni 2013.
(32) Die Ruhe scheint nun auch im Südosten wieder ein Ende zu haben. Am 28. Juni eskalierte ein Protest Öcalan Getreuer gegen die Erweiterung eines Militärstützpunktes in Lice, unweit von Diyarbakır. Ein junger Mann starb.
(33) Transkript der Ansprache hier.
(34) Siehe Erdoğans zweite Rache, in: Die Zeit, 27.06.2013.
(35) Diyanet'in Alo Fetva hattı 'biber gazı caiz' dedi, in: Radikal, 24.06.2013.

Mittwoch, 28. November 2012

Wider die khomeinistische Despotie




Es schien als hätte sich die pathische Indolenz der Gattung Mensch den Iranern eingebrannt wie die Stigmen der Torturen aus Evin und anderswo, da nahm die repressiv erzwungene Todesstille im Iran am 3. Oktober abrupt ein Ende. „Nein zu Syrien (zum Assad-Regime), nein zum Libanon (zur Hezbollah), unser Leben für den Iran“, riefen die Menschen, die zu tausenden auf die Straßen Teherans zogen. Es blieb bei diesem einen Tag, dann nahm die Repression die Straße wieder an sich. Zwei Wochen später marschierten die Sepah-e Pasdaran-e Enghelab-e Eslami, die khomeinistischen Blutsäufer, zu einem dreitägigen Manöver in Teheran auf. Mohsen Kazemeini, Kommandeur des Mohammad Rasool-Allah Korps, glaubend demonstrierten abschließend 180 Divisionen der Pasdaran auf dem Teheraner Palestine Square. Sie schnauben von Israel – und drohen darin jedem Dissidenten im Iran. 

Der Ruf „Nein zum Assad-Regime, nein zur Hezbollah, unser Leben für den Iran“ ist eine ungeduldige Reminiszenz an den 18. September 2009, jenem Tag, an dem die Iraner zu hunderttausenden ihre Vermassung zum antiisraelischen Brüllvieh konterten: Aus den Chassis dröhnte, auf allen größeren Straßen Teherans, ein penetrantes „Tod Israel“. Das Ende des Monats Ramazan näherte sich und wie jedes Jahr wurden die khomeinistischen Klientel, die invaliden Märtyrer und die von Prämien Korrumpierten, herangefahren zum „Tag der Mobilisierung der Muslime“ (Khomeini im Jahr 1979). In seiner Ansprache beschwor Mahmud Ahmadinejad, es sei nicht nur der Tag, an dem die iranische Nation sich vereine, viel mehr sei es der Tag, an dem alle Nationen sich vereinen, auch die nicht-muslimischen, gegen die eine Anti-Nation Israel. „Tod Israel“ dröhnte es – und dem khomeinistischen Brüllvieh schlug es entgegen: „Tod den russischen und chinesischen Kollaborateuren des Regimes“. Hatte noch Khomeini infolge des ersten al-Quds-Marsches im Jahr 1979 die Hezbollah als jene islamische Assoziation der Mostaz'afin, der muslimischen Unterdrückten, ausgerufen, schallte nun ein  „Weder Ghazzah noch der Libanon, unser Leben für den Iran“ durch die Straßen Teherans, Isfahans und anderswo. Das hatten sich die Reformkhomeinisten Mehdi Karroubi, Mir-Hossein Mousavi und Mohammad Khatami anders gedacht. Ihr Kalkül war es, dass Ali Khamenei alsbald einsehe, dass eine „Mobilisierung der Muslime“ ohne sie nicht zu haben sei und so riefen sie auf, im oppositionellen grün für ein Ende Israels mitzumarschieren. Doch die Erhebenden entzogen sich ihrem repressiven Zugriff. Es hat sich ihnen eingebrannt, dass die terroristisch erzwungene Homogenität nach innen und der antiisraelische Furor nach außen sich komplementieren, dass das eine im anderen eskaliert. Es scheint, als dass sie die Malignität der pathischen Projektion auf Israel ahnen.   

Nur zu kärglich war dagegen der frühherbstliche regimeinszenierte Furor um die Schmähung Mohammads. Es sah nie aus als hätten sich noch viele andere Menschen als die Kleriker aus der nächstgelegenen theologischen Fakultät eingefunden. An den Universitäten huschten zwischen klerikalem Agitator und ausgedünntem stipendiatischem Brüllvieh jene vorbei, die noch wenige Jahre zuvor gegen den religiösen Furor angeschrieen haben - und die es wieder tun würden, wäre es ihnen nicht eingebrannt, wie die Stigmen der Torturen aus der Universität Evin und anderswo, alleingelassen zu werden. Das khomeinistische Brüllvieh reduziert sich auf die schwindenden Klientel und Profiteure der Apparate und so ist es nur noch eine ungesühnte Verhöhnung jener, die erpresst sind zu schweigen, dass Fars und Mehr News Agency Fotografien über die Mohammad-Rage präsentieren, die nur noch Porträts der wenigen Loyalisten ähneln aber mit „Millionen von Iranern“ beschriftet sind.

Die Reaktion deutscher Antiimperialisten auf die säkularistische Erhebung gegen die khomeinistische Despotie ist konträr zu der auf den religiösen Furor. Waren sie im Jahr 2009 bedacht, die bis zu drei Millionen Menschen allein in Teheran zu einem korrumpierten Racket „sponsored by CIA, George Soros and friends“ (1) zu erniedrigen, ist es ihnen nun nichts als Demagogie, auszusprechen, dass wider den logistischen Apparat des Regimes nicht mehr als einige wenige tausend Iraner sich zu einer der inszenierten Empörungen einfanden. Solche Herabwürdigung des khomeinistischen Mobilisierungspotenzials ist ihnen eine Schmähung des Souveräns (2). War ihnen noch der religiöse Furor um verbranntes Papier im afghanischen Bagrám ein demokratisches Erwachen (3), so ist ihnen das Moment, wo es hätte anders kommen können, eine „asoziale Revolution“: „die konterrevolutionäre Revanche an der Islamischen Revolution als Emanzipationsprozeß der Volksklassen“ (4). Es ist der zynische Kommentar auf die kapitalisierte Sozietät als Bestialität und ihrer postmodernen Verdunkelung.

Beschädigte Modernisierung und Islamisches Erwachen

Anders als etwa die ägyptische oder tunesische Despotie des al-Mukhabarat, die die Rekrutierung der Depravierten an die islamische Konkurrenz abtrat, akkumulierte die khomeinistische Despotie ihr Selbstbewusstsein aus der katastrophalen Mobilisierung der Mostaz'afin. Der khomeinistische Erweckungsislam transformierte das Unglück, sich als vereinzelt Einzelner in einer Masse von Entwurzelten vorzufinden, in die grobe Gewalt der Masse.

Mit dem Beginn der 1960er lancierte das Pahlavi-Regime eine Agrarreform. Sie versprach, die unter dem Diktat der Fronherren dahinlebenden kleinbäuerlichen Produzenten zu Herren ihrer eigenen  Parzelle zu erheben. Das allein empörte einen jeden Kleriker. Garantierte doch der feudale Zwang die klerikale Autorität. Seyyed Ahmad Khansari etwa verlas, dass die Konfiskation von Boden eine Sünde sei. Jedes Gebet sowie jede rituelle Waschung, die auf einem solchen Boden vorgenommen werden, seien wider Gott.

Die Pahlavische Agrarreform zerschlug das feudale im Interesse eines agroindustriellen Produktionsverhältnisses, sie fungierte als Integrationsform der iranischen Ackerscholle in den universalen wie totalitären Markt des Kapitals. Das Diktat der Fronherren war liquidiert – die kleinbäuerliche Existenz aber darbte weiter. Die eigene Parzelle schrumpfte auf wenige Hektar Boden während die Kompensationen in Geldform an den Staat - ihrem Befreier – sie erdrückten. Hatten noch die Feudalherren, so despotisch sie auch waren, die Saatfrucht, das Zugvieh und ähnliches den ihnen Hörigen überlassen (manche von ihnen auch Investitionskredite gewährt und die Vermarktung des Mehrproduktes übernommen), so war nun die vom Fronzwang befreite parzellenbäuerliche Existenz beherrscht vom Zwang, dem selbst nachzukommen um in der Konkurrenz zu überleben. An eine Mechanisierung der Produktion war dabei nicht zu denken, ihre beschämende Kreditmoral war ihnen eingebrannt wie ein Stigma. Allein die Parzelle garantierte also keine Reproduktion und so wurden aus den Minifundisten Flüchtige nach einer kapitalproduktiven Funktion irgendwo anders. Sie stoßen zu jener Masse an bodenlosen bäuerlichen Existenzen hinzu, die weder Halb- noch Unterpächter und von der Agrarreform sowieso ausgeschlossen waren. Sie allein potenzierten sich zu Beginn der 1960er, noch vor der Agrarreform, auf 40 bis 60 Prozent der ländlichen Population. Alles in allem äußerte sich die Befreiung der kleinbäuerlichen Existenz als ihre Liquidation im Interesse einer Industrialisierung der Agrarproduktion.

Die Binnenmigration eskalierte in jenen Jahren, etwa aus den südöstlichen Provinzen Sistan und Baluchestan in die nördlichen wie Gilan und Gorgan. Die noch zwischen Dorf und Stadt lavierenden Flüchtigen hofften von der industrialisierten Agrarproduktion absorbiert zu werden, doch die Modernisierung, von der sie selbst ausgesperrt waren, potenzierte nur ihre Fungibilität. So staute sich das flüchtige Leben auf. Vor allem Teheran schwoll Jahr zu Jahr auf weitere Slums an, so dass noch zwischen Gräbern die Davongezogenen hausten. Die khomeinistische Karitas las jene Flüchtigen auf, die in die Städte drängten und dort noch fataler mit ihrer Funktionslosigkeit vor dem Kapital konfrontiert waren. Nicht, dass diese Karitas ihren Hunger stillte, warb sie mit heiligen Versen und einem Vertragsverhältnis, zu dem ein jeder kam, der absolute Loyalität versprach: das des klerikalen Agitators mit seinem Brüllvieh. Es war eine regressive Reminiszenz ans feudale Klientelverhältnis; der Zwang, sich der Autorität zu fügen, wurde nun zur Inbrunst, sich für Khomeini und den Imam zu opfern. Sie, die Mostaz'afin, waren als Subjekte in die Konkurrenz entlassen, ohne dass jemand an das ihnen überantwortete variable Kapital, die Ware Arbeitskraft, ein redliches Interesse nahm. Sie waren nichts als weitere hungrige Behälter fungibler Arbeitskraft, denen die Integration in den universalen wie totalitären Markt des Kapitals als Objekte angetan worden ist. Ohne darin eine Funktion einzunehmen waren sie unter dem Zwang der Verwertung des Wertes subsumiert. Ihr Totengesang „Weder westlich noch östlich – islamisch“ (5) wurde nunmehr zum regressiven Konter auf die beschädigte Modernisierung des Pahlavi-Regimes.

In dem Gebrüll „Tod Amerika“ wie „Tod Israel“ eigneten sich jene, die zuvor nichts hatten, die Stärke der Masse an. In der Masse erfuhren sie Funktionalität für die Masse, außerhalb blieben sie hungrige Existenzen. Die Identifizierung mit allen anderen in der Masse, mit den nächsten Konkurrenten, funktionierte noch in den frühsten Momenten der konformistischen Revolte nie anders als durch die Entzweiung der Gattung: in Gläubige und Ungläubige, durch die Projektion auf etwas der Masse Äußerliches. Bereits am 3. Juni 1963, während Ashura in Qom, assoziierte Khomeini den Despoten Reza Pahlavi mit Yazid, dem Mörder des Imams Hussein, um dann auf den wahren Konspirator gegen die islamische Souveränität zu sprechen kommen: „Israel ist dagegen, dass im Iran die Gesetze des Korans gelten.“ Doch die Exorzierung der Krise war nur simuliert, anders als die nazifizierten Deutschen konnte der khomeinistische Iran nicht die Fungibilität der Subjekte stunden, indem er sie als Vehikel höherer Produktivität rassifizierte und verstaatlichte und alsdann die eigene Krise den anderen Nationen aufhalste. Dem khomeinistischen Iran vermisst es dazu an der industriellen Potenz. Nicht im Kahlfraß der anderen, wie bei den Deutschen, viel mehr im provozierten Tod der mit ihm total Identifizierten hob der khomeinistische Souverän die Wertlosigkeit der Mostaz'afin vor dem Kapital auf: im achtjährigen Menschengemetzel mit dem Irak.

Hierin nahm der Iran wieder eine Funktion im Universalsystem des Kapitals ein. Beide, der khomeinistische Iran wie der ba’athistische Irak, verschlungen Massen an tödlichem Material, das von den Märkten, ohne Engpässe, in die Frontgräben nachgestopft worden ist; beide, der Iran wie der Irak, fungierten als Subjekte eines „grandiosen Petro-Dollar-Recyclings“ (6). Sie kauften die tödlichen Waren gegen Dollars, um diese zu realisieren, überschwemmten sie mit ihrem Rohöl die Märkte. Das Geld blieb also im bayrischen Ottobrunn, im steirischen Liezen und wo noch für das Morden produziert worden ist, während an der Front das Eingekaufte in schwarzem Qualm und dem Gestank verbrannten Fleisches aufging. Die khomeinistische Akkumulation des Todes korrespondierte mit der dem Kapital einhausenden Krise: Nicht nur, dass die strukturelle Überakkumulation des Kapitals auch in seiner Peripherie, irgendwo zwischen Khorramshahr und Mandali, als Produktion des Todes, als Liquidation von nicht zu verwertendem Wert, auftrat. Die khomeinistische Märtyrerproduktion radikalisierte die Konfrontation der Mostaz'afin mit ihrer Funktionslosigkeit vor dem Kapital, indem sie diese mit dem Nichts konfrontierte: der Tod als Märtyrer wurde ihnen zur edelsten Geste an einen ihnen äußerlichen Zweck, zum finalen Abschied aus einem Leben, das keines war. Noch darin scheint die Totalität des Kapitals auf, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst Zweck ist. Die khomeinistische Despotie steigerte diese dem Kapital inhärente Irrationalität bis an die Schwelle einer diesseitigen Hölle. Sie eskalierte das subjektlose Subjekt zum Märtyrer, zum „Staubkorn des Vaterlandes“, das Funktionalität nur noch im suizidalen Tod für Khomeini und den Imam realisiert.

Der „Emanzipationsprozeß der Volksklassen“, den deutsche Ideologen in der Islamischen Republik sehen, war die Korrumpierung durch Prämien bei absoluter Loyalität, das Verschwindenlassen der Jugend in Milizklüften und der Tod als Märtyrer für jene, die zuvor nichts hatten. Emanzipiert wurde sich vom Leben. Die khomeinistische Karitas eskalierte in ihrer Variante der Ein-Kind-Politik, bei der das Regime tausende von Kindern als Kamikazekommandos rekrutierte. Sie wurden ihren Familien abgepresst und gezwungen, eingegrabene explosive Metallkörper zu neutralisieren. Versprochen war ihnen das Paradies, für viele von ihnen war es ein Versprechen, der Hölle zu entfliehen. Der Spiegel (02.08.1982) erzählte vom Unglück eines Halbwaisen namens Hossein. Wo er herkam wurde jede Familie gedrängt, ein Kind abzutreten. Hossein, der unter einer Lähmung litt, war am leichtesten zu vermissen. Er überlebte die Kamikaze auf die irakische Artillerie, kam also nicht ins Paradies und wurde so ein Tribut an den Irak. Heute darben in den iranischen Invalidendörfern die Menschen dahin, nur gelegentlich funktionalisiert für die Aufmärsche des Regimes. „Wollt ihr etwa dem Islam und der Nation nur dienen, damit ihr euch die Bäuche füllen könnt?“, bedachte im Jahr 1981 Khomeini die ihm Hörigen. „Ich preise jenen zwölfjährigen Helden“, so Khomeini weiter, „der sich Granaten um den Körper schnürte und sich unter ein Panzergefährt des Teufels Saddam schmiss.“ Er sprach von Hossein Fahmideh, der sich am 30. Oktober 1980 bei Chorramshahr selbst grenadierte. Nach ihm sind heute Kinderbibliotheken und ähnliches benannt. In seinem Namen drohte im Jahr 2007 ein Kommandeur der Pasdaran, Ali Fadavi, mit weiteren Kindermärtyrern: „He declined to provide any further details on the specific role of the Basiji troops in possible engagement with enemy forces in the Persian Gulf, but said that each of them can play the role of martyr Fahmideh. Hossein Fahmideh was a 13-year-old volunteer who blew up an enemy tank during a martyrdom-seeking operation in the midst of the Iraqi imposed war on Iran (1980-1988). Due to a lack of RPG rockets and the sensitive formation of enemy tanks, Fahmideh wrapped himself in a grenade belt and lied under the tank to blow it up.” (7)

Die toten Märtyrer wurden nach dem iranisch-irakischen Menschengemetzel zur Drohung an die Lebenden. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Khomeini in seinem Todesdekret des Jahres 1988, mit dem er die Hinrichtungen tausender Dissidenten anbefahl. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Alsdann scannten die Todestribunale die politische Identität der Inhaftierten: Antwortete jemand, er sei bei den Volks-Mujahedin, wurde die Befragung abrupt beendet und das Exekutionskommando übernahm. Die Volks-Mujahedin wurden in der Fatwa Khomeinis namentlich als Heuchler, die nur vorgeben, Muslime zu sein, denunziert. Wer angab, er sei mit keiner oder einer anderen oppositionellen Partei assoziiert, wurde nach seinem Glauben gefragt: Bist du ein Muslim? Fastest du? Betest du und liest im Koran? ... Wer verneinte oder auch nur eine Antwort hinauszögerte, wurde in die Gefängnishöfe abkommandiert. Allein in der elektronischen Datenbank Omid: a Memorial in Defense of Human Rights finden sich die Namen - sowie Ergänzungen zur politischen Identität - von 3.803 Menschen, die im Jahr 1988 hingerichtet worden sind. Andere sprechen von bis zu 12.000 Ermordeten.

Keine imperiale Konspiration im Iran, von der mir so einige einfielen: russische und britische, US-amerikanische und deutsche, legitimiert die Einfühlung in diese klerikalfaschistische Despotie. Darin, dass diese zum Objekt imperialer Konspirativität banalisiert wird, spricht sich die antiimperialistische Ideologie als nichts als Kälte aus, die sich nur noch einfühlen kann in den Apparat, welchen die Antiimperialisten als Volk fetischisieren. Sie viktimisiert die nationale Souveränität, die nie anderes hieß als die zweckrationale wie abstrakte und darin so irrationale Funktionalisierung der konkreten Individuen zu Material von Staat und Racket: vom Mensch zum Ding, das nur in der Identifikation mit der souveränen Gewalt autorisiert ist zu leben. Das Geraune von der imperialen Konspiration wird zum Mythos im Interesse der Despotie, zur Manipulation der Blutspuren des Souveräns. So erscheinen jene Khomeinisten, die am 4. November 1979 in die US-amerikanische Repräsentanz in Teheran eindrangen, als Rächer des von US-Amerikanern mitinitiierten Coups gegen Mohammad Mosaddegh im Jahr 1953 (8). Verschwiegen, dass es der Kleriker Seyyed Abol-Ghasem Mostafavi Kashani war, ein Märtyrer der Islamischen Republik, der sich mit den Militärs gegen Mosaddegh - namentlich mit Mohammad Fazlollah Zahedi, einem antikommunistischen Agrarpatriarchen - verschwor. Mosaddegh hatte zunächst so einiges getan, um einen Kleriker wie Kashani für sein Regime der Nationalfront zu gewinnen. Er ernannte die gottesfürchtigen Politiker Bagher Kazemi und Mehdi Bazargan zu seinen Ministern, amnestierte 28 Fedajin-e Islam, die Bluthunde Kashanis (9), und bedrängte antiklerikale Kritiker wie auch die iranischen Freunde des Klassenkampfes. Unter anderem weil Mosaddegh erwog, die Frau zum politischen Subjekt zu autorisieren, sowie sich dann doch der moskauhörigen Tudeh annäherte, distanzierte sich Kashani von ihm und konspirierte mit den Militärs um Zahedi während Kleriker wie Seyyed Ali Behbahani, einer der Vordenker der Islamischen Revolution, die promonarchistischen Demonstrationen am 18. und 19. August 1953 initiierten (10).

Nur die wenigsten imperialen Konspirationen im Iran waren nicht im Interesse der khomeinistischen Despotie. Etwa händigten die US-Amerikaner den Khomeinisten in den frühen 1980ern jene Dokumente aus Namen und Kontakten aus, die die Liquidierung von tausenden Kadern und Sympathisanten marxistisch-leninistischer Parteien in jener tödlichen Präzision zuließ, die alsdann auch durch deutsche Repressionstechnologie garantiert worden ist. Nicht zu verschweigen wäre zudem die US-amerikanische Iran-Contra-Affäre, in der ein regierungsamtliches Racket HAWK-Systeme und weiteres Tödliches dem Iran überbracht hat - mit dem Fremdzweck der Finanzierung von antikommunistischen Todesschwadronen in Nicaragua. Darin ist der Dialog, den die Souveränitätsfetischisten propagieren, absolut authentisch: in der Kumpanei mit den Mördern. 

Staatlichkeitswahn und Anti-Nation – die Ideologie der Antiimperialisten als präventive Kontrarevolution

Die Logik des Kapitals (11) heißt nirgendwo anderes als die zweckrationale wie abstrakte Funktionalisierung des empirisch Konkreten zu einem ganz anderen Zweck als dem der Stillung des Hungers und weder in Riyadh noch in Teheran treten die Menschen anders in Kontakt als durch den beidseitigen Ausschluss vom opferlosen Genuß sinnlicher Dinge. Den Menschen ist es zur zweiten Natur geworden, dass die konkreten Dinge des Lebens einen Wert haben, dass sie unter den totalitären Charakter der Ware gezwungen sind. Und so penetranter dieses sich den Menschen konfrontiert, rekurrieren sie auf Authentizität und Kultur, auf einen von der Moderne unbeirrten, naturwüchsigen Souverän. Sich abseits des Kapitals zu halluzinieren und Kapital und Krise im Anderen zu personifizieren, ist die Selbsterhaltung der kriselnden Subjekte als Ideologen. Nicht wenige säkulare Antiimperialisten in Iran und in Europa sowieso faszinierte die khomeinistische Mobilisierung der Mostaz'afin und für einen tödlichen Augenblick ersahen sie darin, dass die vor dem Kapital Funktionslosen in die Moscheen flüchteten, ein authentisches Moment nationaler Selbstfindung. Sie, die säkularen Antiimperialisten, haben es gewusst oder hätten es wissen müssen. Und noch die Gräuel in dem Evin des Pahlavi-Regimes hätte die böse Vorahnung nicht verdrängen dürfen, dass sie nur die Vorhölle sind zu den Gräueln in einer Islamischen Republik. Die Khomeinisten liquidierten die beschädigte Modernisierung des Pahlavi-Regimes und verscharrten sie wie die Kritiker ihrer Despotie auf den Totenäckern eines islamisierten Irans. Die khomeinistische Despotie gehorcht - wie denn auch anders - den Imperativen kapitalistischer Reproduktion und vereinnahmt die moderne Technologie zum Zweck der Repression, doch ihr primärer Drang ist nicht mehr der nach Anschluss an die Konkurrenz: sie verfolgt eine regressiv versöhnte Umma, die im Tod für den Imam das Unglück in der Konkurrenz austreibt.

Riefen die historischen Antiimperialisten wie die des Viet Minh noch auf, die ungleichzeitige Existenz der kapitalisierten Gattung, das heißt: die Konzentration der Produktion auf die imperialen Zentren und die Rearchaisierung der Peripherie, zu korrigieren, paraphieren die Antiimperialisten von heute in ihrem Denken die Liquidation der Modernisierung wie die religiösfaschistische Verwahrung der dem Kapital Überdrüssigen. Ja, die Modernisierungsdiktatur wendete die koloniale Gewalt nach innen: sie zerschlug die Subsistenzproduktion, so dass ein jeder sich nur noch erhalte durch die Formen durch die hindurch das Kapital sich realisiert, sie erzwang die Anwandlung des Menschen an die Maschinerie und dressierte ihn als Rädchen. Ja, auch hier traten die konkreten Individuen nur als fleischliche Inkarnationen einer abstrakten Arbeit auf, die - als akkumulierte Quanten ausgenutzter Arbeitskraft - nichts anderes sein kann als die Substanz von Wert, Geld, Kapital. Die staatkapitalistische Modernisierung, bei den Russen wie Chinesen, potenzierte also nicht die Erhebung gegen den Zwang, sich zu sich selbst als Arbeitskraftcontainer zu verhalten, sie intensivierte viel mehr diese sinnentleerte Form des Produzierens. Dennoch hieß die Modernisierung zum Besseren hin auch die revolutionäre Liquidierung archaischer Formen der Reproduktion: als da wäre die Kriminalisierung der Klitorisverstümmelung in dem Burkina Faso eines Thomas Isidore Noël Sankara oder die Alphabetisierung der fast zu hundert Prozent analphabetischen Frauen in Afghanistan. Auch im Interesse anderer fungierten die USA als militanter Souverän und trieben in Korea und Vietnam, in Nicaragua und El Salvador mit Napalm und Konterguerilla dieses kommunistische Gespenst der Modernisierung aus.

Modernisierung – sie ist den Antiimperialisten von heute nur noch eine Sentimentalität. Ausgetrieben ist ihnen der Gedanke, die Ungleichzeitigkeit der kapitalisierten Gattung zu korrigieren. Zusammengeschrumpft ist ihre Ideologie auf den Souveränitätsfetisch, den Staatlichkeitswahn, der im antizionistischen Furor zu eskalieren droht. Nicht, dass es dazu die Agitation eines Khomeinis oder Ahmadinejads bedürfe: In der UDSSR wurden Kosmopoliten und Zionisten als ein mit sich identisches Gegenprinzip zur eigenen Staatlichkeit verfolgt. Die Paranoia, der jüdische Kosmopolit sei der Prophet der eigenen Krise, entsprach dem Zwang zur nationalen Homogenität in Ansehung des drohenden Bankrotts. Mit der im Januar 1949 lancierten Denunziationskampagne gegen den „Wurzellosen Kosmopolit“, die exklusiv jüdische Genossen aufsuchte, wurden alle anderen eingeschworen, die Internationale nicht anders zu denken als die bloße Summe souverän gehüteter Menschenherden. Die europäischen Antiimperialisten, diese Antiquare von Staatsideologien, sind nur das eine, das andere sind jene arabischen Militärregime, deren Modernisierung den antiisraelischen Furor nur noch mehr ausreizte. Die Existenz Israels wurde in der arabischen Ideologie funktionalisiert, das falsche Alibi dafür zu sein, die Modernisierung nicht zu bewältigen. Solange Israel, dieses „Geschwür“ im arabischen Volkskörper, existiere, drohe auch das nationale Unglück in der Konkurrenz.

Die europäischen Antiimperialisten taten das ihrige: sie schnaubten noch mit jedem Despoten und Kommunistenmörder, mit Hafez al-Assad und Gamal Abdel Nasser sowieso, gegen Israel – und drohten darin auch jedem Dissidenten der nationalen Formierung. An Israel verfolgen sie bis heute, wovon sich das Subjekt zu erlösen sehnt: von der „Raserei der Abstraktion“, wie es etwa in der jungen Welt in Berufung auf einen obskuren Antijudaisten heißt (12). Sie müssen die Ahnung austreiben, dass das Selbstbestimmungsrecht der Völker doch nur das stählerne Kommando zur Anwandlung der konkreten Menschen an die Funktionen von Kapital und Staat ist, dass dieses sich wie jedes andere abstrakte Recht nur durch die Gewalt eines Souveräns konkretisieren kann. Wie in der Personalisierung des real Abstrakten in den Juden das Subjekt wieder abstrahieren kann von den phänomenalen Dingen als Waren als wäre ihm nichts natürlicher im Leben, wird im antiisraelischen Furor verdunkelt, dass jeder Staat künstlich ist, das Produkt eines Grande Terreur. Die notorische Charakterisierung Israels als Retorten-Staat oder ähnliches kritisiert nicht den Charakter eines jeden Staates als repressiv, so auch Israel, und die nationale Formation der Menschen als strukturell nationalistische und rassistische Staatssubjekte, so auch die Israelis (13), sie ächtet den Staat der Juden als mit der Natur nicht-identisches Unding, als Anti-Staat und Anti-Nation: „Der Staat Israel, die Palästinenser können das aus leidvoller Erfahrung bestätigen, ist ein reales Gebilde. Und dennoch ist die Künstlichkeit seiner Existenz evident. Er ist ein Staat aus der Retorte.“ (14) Wo nicht auf Autochthonität, also auf Blut und Boden rekurriert werden könne, rast die zionistische Ideologie, so die verschrobene Staatskritik der Antizionisten, die den Mangel an Naturhaftigkeit denunziert. Dass Israel „weniger aus sich selbst“ entkeimte, als sich viel mehr kraft eines militanten Überlebenswillens von zuvor kosmopolitisch vereinzelt lebenden Juden behaupten konnte, provoziert jene, denen der Staat ein naturwüchsiges Gehäuse der Autochthonen ist. Indem der Antizionist definiert, was Israel ist – „ein Nationalstaat ohne Nation“, denn die Juden hätten keine „spezifisch jüdische Identität“, um eine Nation zu sein –, definiert er den wahren Staat: als souveräne Inkarnation nationaler Identitäten. Hierin spricht sich die antizionistische Ideologie aus als Naturalisierung des Gewaltverhältnisses Staat. Denn es ist nicht eine nationale Identität, die die Nation konstituiert. Es ist die Identifizierung der Menschen als Objekte durch eine sich zentralisierende und zum Staat konspirierende Gewalt, die ihnen Identität einprügelt. Nationale Identität ist nicht positiv zu definieren: nur als Zwang, der den Menschen angetan wird und als Ideologie, die sich angetan wird. Es sind dieselben Kategorien antiimperialistischer Ideologie, in denen sich auch der rassistische und antisemitische Furor deutscher Nationalsozialisten reproduziert: Autochthonität, Volk, Nation, Souveränität, Staat, Anti-Nation (15).

Dass das Verhältnis zu den unter der Gewalt der Rackets stöhnenden Menschen ein instrumentelles ist, äußert sich am perfidesten in Ghazzah. Die Hamas sowie der Islamische Djihad graben ihre Artillerie zwischen den Behausungen jener ein, deren Tode sie propagandistisch zu verwerten wissen. Sie oktroyieren allen anderen einen Djihad auf, der nichts anders verheißt als den Tod der Mikroben und Bakterien, welche ihnen die Juden sind, und die religiösterroristische Verwahrung der Eigenen. Dass sie die Leichen jener hingerichteten Kollaborateure Israels triumphierend durch die staubigen Straßen schleifen, ist eine Drohung an alle anderen, nicht aus der Geiselhaft auszureißen. Den Antiimperialisten ist es keine menschliche Katastrophe, dass in Ghazzah die Revolution gegen die Rackets ausbleibt und den Menschen der irrationale Djihad im Interesse der khomeinistischen Despotie (16) und somit auch die blutigen Konsequenzen überantwortet werden. Die Hamas ist den Antiimperialisten demokratisch legitimiert, die Hezbollah nicht weniger als die neue sozialdemokratische Internationale, die Geiselhaft aller anderen ein „heroischer Widerstand“ (17).

Viele Worte über den Iran vernimmt man von deutschen Antiimperialisten nicht. Wenn doch, raunt es, wie aus der Kasseler Germaniastraße, von „dem völkerrechtlichen Prinzip der Selbstbestimmung und der Souveränität der Staaten“ und verrät so, dass die antiimperialistischen Denkformen von der Kollektivbestie Staat überwältigt sind. Woanders liest man: souverän seien das „iranische und syrische Volk“. Der antiimperialistische Jargon von den Völkern impliziert, dass die in Völkern annullierten Individuen eines bis in den Tod gemein haben, das im Souverän authentisch zu sich findet: die Autochthonität, die kapitalproduktive Funktion oder beides wie bei den Deutschen. Das Geraune von der nationalen Souveränität und dem Volk mit kaltem Blick auf den Iran ist so perfide, weil beides unter der Gewalt des khomeinistischen Souveräns heißt, jede Differenz zu verfolgen.

Die antiimperialistische Ideologie reproduziert die fetischistische Entzweiung der kapitalen Totalität in konkret und abstrakt, in naturwüchsige Produktion und parasitäre Zirkulation. Die Gewalt des Souveräns wird geschieden in eine, die dem fetischistischen Bewusstsein als künstliche erscheint, als imperialistische und die nationale Souveränität bedrängende, und in eine authentische, wo Iraner über Iraner oder Deutsche über Deutsche herrschen. Wie sich nun diese Souveränität äußert, ist ihnen gleich. Die Destabilisierung der Region, eine nachträgliche Legitimierung der Drohung, die Straße von Hormuz zu blockieren, das Ende einer Kooperationspolitik, das sind die Momente, die diesem ideologischen Kleinhirn des Auswärtigen Amtes umtreiben. Kein Wort über die Steinigung von dem Sexualkodex Abtrünnigen, den Mord an Homosexuellen, den Zwang unter dem Hijab, das Darben von so vielen.

Die Totalität des Kapitals, die Sozietät der Ware, die sich den Subjekten doppelt reflektiert: konkreter Gebrauchswert und abstrakter Wert, der im Geld wieder konkretisiert wird, beseelt fetischistisch die Denkformen der Insassen dieser irrationalen Sozietät. Der Ideologe entzweit, was nur als Totalität zu begreifen wäre, er muss das Abstrakte konkretisieren und sodann personifizieren. Die individuelle physische Reproduktion der Subjekte fällt auch in Teheran oder Qom nach wie vor mit der Verwertung des Wertes in eins, auch im Iran konfrontiert letztere die Subjekte mit ihrem genetischen Defekt: der absoluten Fungibilität im Anblick des Konkurrenten. Doch ist es hier der khomeinistische Souverän der die Aufspaltung des Kapitalverhältnisses und die Projektion des bedrohlich Abstrakten auf die Juden in eigener Regie übernimmt. Es ist ein Moment revolutionärer Hoffnung, dass die khomeinistische Variante des Occupy Wall Street Movement die trefflichste Karikatur auf sich selbst blieb, die für alles andere als die 99 Prozent der Iraner spricht. Dass die Krise etwas Äußerliches ist, ist im Iran kein Konsens. 

Eine Kritik der Gewalt des Souveräns, die des imperialen wie national beschränkten, ist mit dem antiimperialistischen Kategorienapparat nicht zu haben. Dass Staat Gewalt heißt, ist den Antiimperialisten Rufmord; das Diktat über die Eigenen ist ihnen legitim, das von Imperialisten über andere aber eine Eskapade wider die Natur. Natürlich ist es nicht so, dass alles, was der antiimperialistische Ideologe über die USA ausspricht, eine Projektion ist. Als militantes Organ des Wertgesetzes – eine Funktion, die sie mit der Zwangspazifisierung der Deutschen einnahmen – kollidiert ihr Interesse immer wieder mit dem nationaler Souveräne. Zu anderen Jahren versprach die Militanz des Viet Minh und anderer noch, die ungleichzeitige Existenz der kapitalisierten Gattung zu korrigieren, in der Logik des Kapitals und dem Fetisch von der politischen Souveränität gehorchend, so dass das Moment der Kontrarevolution in jedem dieser Projekte ausharrte. Heute ist die antiimperialistische Ideologie nur noch das Ticket, sich abseits von Krise und Kapital zu halluzinieren und mit oder gegen den realen nationalen Souverän an der nationalen Formierung teilzuhaben. In Istanbul etwa hausiert die Türkiye Komünist Partisi mit Aufrufen wie: „Frömmelnder, Geldbesessener, Amerikanist. Du bist nicht die Türkei!“ (Yobazsın, paracısın, Amerikancısın. SEN TÜRKİYE DEĞİLSİN!). Bebildert sind sie mit einer islamischen Gebetskette, die mit dem Symbol des Dollars endet. Noch in der säkularen Konfrontation mit dem Regime der türkischen Muslimbrüder rekurrieren sie auf die nationale Projektion nach außen. Darin, dass die antiimperialistische Ideologie jeden Konflikt nach außen verschiebt, ist sie so malignen, mit ihr ist auf keine revolutionäre Erhebung zu hoffen, nur auf die nationale Versöhnung des Unversöhnlichen.

In den USA wird die abstrakte Totalität des Kapitals konkretisiert, nicht nur weil sich ihre Blutspuren als militantes Organ des Wertgesetzes über die eigenen Grenzen hinweg ziehen. Wäre es die Akkumulation von Tod und menschlichem Leid durch die Gewalt des Souveräns, die die rhetorische Militanz der Antiimperialisten provoziert, sie hätten sich zu keinem Moment zu Komplizen der khomeinistischen Despotie im Iran, des Al-Ba’ath-Regimes im Irak oder der Hezbollah, also zu einigen der bestialischsten Blutsäufer gemacht. Der nationalen Konstitution der USA vermisst es an Autochthonität, an der Verwurzelung in Blut und Boden, an dem Schein, ein Staat des ganzen Volkes und keine kapitalisierte Sozietät zu sein. Im anti-US-amerikanischen Ressentiment modifiziert sich sodann der Hass auf die Juden, deren erzwungene kosmopolitische Mobilität, als Wurzellosigkeit denunziert, mit der „Magie des Geldes“ (Marx) identifiziert wird. Dass das Geld das „reale Gemeinwesen“ (Marx) der kapitalisierten Gattung ist, wird abgespalten und allein in den USA personifiziert. Dagegen sind in der äußersten antisemitischen Konsequenz des antiimperialistischen Denkens die USA nur ein weiteres Objekt jüdischer Konspiration. Etwa in dem Dialog zwischen der khomeinistischen Despotie und dem White Civil Rights-Veteranen David Ernest Duke. Dieser verdächtigt „die jüdische Suprematie“, die Immigration von Nicht-Europäern zu forcieren: “In summary, massive non-White immigration has been one of the most effective weapons of organized Jewry in its cultural and ethnic war against the European American.” Nah an diesem Niveau laviert eine jede antiimperialistische Kumpanei mit der Islamischen Republik: die Verständigung, wer die reale Anti-Nation sei. 

Wie das Kapital scheidet zwischen phänomenalem und funktionalem Menschen, indem es ihn als Rohmaterial der Verwertung identifiziert, so auch zwischen wahrem und falschem Bedürfnis: das heißt, um ein Bedürfnis zu befriedigen, muss dieses die Wertform annehmen, denn eine andere Form, als die, durch die hindurch das Kapital sich reproduziert, existiert nicht – auch nicht in Riyadh oder Teheran. Nationale Souveränität heißt selbst zwischen wahrem und falschem Bedürfnis zu scheiden, also auszusprechen, nach welchen Kriterien das mit dem Souverän identifizierte Menschenmaterial sich zu reproduzieren hat, ohne die Formen zu verlassen, durch die das Kapital sich realisiert – noch ein Ali Khamenei gebraucht das Geld, möge er sich danach auch die Hände wundscheuern. Im Iran heißt der Souverän Velayat-e Faqih, das heißt das durch den obersten religiösen Rechtsgelehrten Ali Khamenei repräsentierte absolute Kommando in Absenz des okkulten Imams. Der Souverän im Iran ist ein klerikalterroristischer und militaristischer Zwangsapparat, der dann doch immer wieder in miteinander konkurrierende Rackets, also Teilsouveräne, zerfällt, die sich nur noch im Hass auf Israel und die individuelle und hier vor allem sexuelle Differenz synthetisieren. Wo den zwangsislamisierten Menschen sich das Moment auftut, sich der khomeinistischen Erpressung zur Homogenität zu entziehen, im Exil oder in den noch nicht ausgeräucherten Refugien beschädigter Intimität, zögern sie nicht, es zu tun. Den Khomeinisten ist es bewusst, dass auch unter klerikaler Souveränität die empirischen Menschen alles andere sind als eine dem entschwundenen Imam würdige al-Umma al-islamiya, sodann intensivieren sie die Repression gegen jede Differenz und geißeln als enthemmte Aggression, was sich gegen den Zwang zur Homogenität erhebt. So konstatiert Mehr News, dass Kleriker mehr und mehr physisch bedroht werden, wie in Shahmirzad, in der nördlichen Provinz Semnan liegend, wo eine Frau die Repression zu kontern wagte:

“I politely [told] her to cover herself up,” said Hojatoleslam Ali Beheshti, an Iranian cleric in the city of Shamirzad in Semnan Province, describing a recent encounter with a woman he believed was improperly veiled. “She responded to me by saying: 'You [should] close your eyes.’ The cleric, who spoke to the semi-official Mehr news agency, said he repeated his warning to the “bad hijab” woman, which is a way of describing women who do not fully observe the Islamic dress code that became compulsory following the 1979 revolution. “Not only didn’t she cover herself up, but she also insulted me. I asked her not to insult me anymore, but she started shouting and threatening me”, Beheshti said. “She pushed me and I fell to the ground on my back. From that point on, I don’t know what happened. I was just feeling the kicks of the woman who was beating me up and insulting me.”

In diesem Sinne: für die antiklerikale Revolution

(1) R. Göbel, in: junge Welt (jW), 02.07.2009.
(2) K. Mellenthin, in: jW, 27.09.2012.
(3) K. Mellenthin, in: jW, 25.02.2012.
(4) W. Pirker, in: jW, 20.06.2009.
(5) In Protest gegen die ihnen drohende Zwangshijabisierung riefen am 8. März 1979 tausende von Frauen in Teheran „Weder westlich noch östlich – Freiheit ist universal“. Der Versuch, die khomeinistische Regression zu kontern, endete in Repression und dem Schweigen der anderen.  
(6) H. Brandscheidt, in: konkret texte, S. 219.
(7) Fars News, 29.10.2007.
(8) Für Bahman Nirumand, ein in das Islamische Erwachen sich hineinfühlender säkularer Intellektueller, war der Coup gegen Mosaddegh „eine nationale Demütigung, die ein ganzes Volk spürte“, die aber mit dem 4. November 1979 gerächt worden sei. S. Taz, 08.12.2009.
(9) Die Fedajin-e Islam terrorisierten und ermordeten seit den 1940er „korrupte Individuen“ - wie am 11. März 1946 den Apostaten Ahmad Kasravi, einem Kritiker der Obskurität im schiitischen Islam. An ihnen hätte jedem vor dem Jahr 1979 gewahr werden können, was eine Islamische Republik zu heißen hätte.
(10) Der Klerus war es auch, der in seiner frommen Furcht vor einer Republik das Ende der Monarchie aufschob und die Dynastie der Pahlavi erzwang. Noch als Ministerpräsident brachte Reza Khan im Jahr 1924 die Idee einer Iranischen Republik in das Majalis ein - inspiriert von der Türkischen Republik eines Mustafa Kemals. Alsdann organisierte der Kleriker Seyyed Hassan Modarres, dessen Antlitz später auf die islamische 100 Rial-Banknote gepresst worden ist, im Majalis den Boykott einer Abstimmung über eine Republik. Überdies agitierten Kleriker ihr Betvieh, die Straße zu terrorisieren. Reza Khan kapitulierte, verriet die Idee einer Republik und rekurrierte von nun an auf die Autorität seiner Dynastie.
(11) Das Kapital ist weder ein Prozent noch eine Konspiration, es ist eine abstrakte wie totalitäre Form der Synthesis, ein Zwangsverhältnis, das sich im Geld objektiviert, einer Realabstraktion, in der doch die Sozialität eines jeden menschlichen Exemplars aus der kapitalisierten Gattung liegt, es ist ein autistisches Selbstverhältnis, in dem die Selbsterhaltung des Subjektes mit der Selbstverwertung des Wertes identisch ist.
(12) So in der Rezension von Israel Shamirs Blumen aus Galiäa, jW, 27.06.2005.
(13) Die Juden waren gezwungen, in Reaktion auf die antisemitische Aggression, die wie die Krise der kapitalisierten Sozietät einhaust, Staat und Nation sich anzueignen, um in diesem falschen Ganzen aus Staaten und Nationen zu existieren – mit allen Konsequenzen. Da es die Formen von Staat und Nation sind, die dieses Asyl der antisemitisch Gehetzten garantieren, sind es die falschen, aber in einem Moment, in dem die soziale Revolution gestundet ist, die einzigen Formen, der antisemitischen Aggression militant zu entgegnen.
(14) W. Pirker, in jW, 24.04.02.
(15) Gegen die USA und Israel, diesem Staat gewordenen „Völkerhaß“, so der Nationaldemokrat Jürgen Gansel, gebühre den Muslimen die „Solidarität von Nationalisten“. Die Hamas garantiere folglich den „palästinensischen Selbstbehauptungswillen“. Auch die Deutsche Stimme (02.05.2011) prustet von einem „arabischen nationalen Sozialismus“, einer Front der Souveränisten gegen die Anti-Nation Israel.
(16) The Palestinian resistance movement of the Islamic Jihad has hailed Iran for its military and financial support for the Palestinian people that helped them defeat the Israeli regime during its eight-day war on the besieged Gaza Strip. The movement said on Thursday that, with the help of Iranian technology on producing Fajr (Dawn) 5 missiles, Israel’s communication systems were targeted. In: Press TV, 22.11.2012. Oder: Commander of the Islamic Revolution Guards Corps (IRGC) Major General Mohammad-Ali Jafari says Iran has provided the Palestinian resistance movement, Hamas, with only the technology to produce Fajr 5 (Dawn) missiles. In: Press TV, 21.11.2012.
(17) Der AIK aus Wien zufolge sei die Hezbollah nicht revolutionär, aber wenigstens „sozialdemokratisch“ (11.08.2006), ihr Interesse sei die „Souveränität des Volkes“, ihre politische Programmatik eine Schablone für jede weitere „Vereinigung des Volkswiderstands“ (AIK, 16.12.2009). Zum heroischen Widerstand in Ghazzah lese man nur die jüngsten Aufrufe der Vierten Internationalen oder der RCIT.