Donnerstag, 18. Februar 2016

Die syrische Katastrophe – einige Anmerkungen zur kursierenden Dolchstoßlegende


Die syrische Katastrophe ist unlängst um den türkischen Südosten erweitert. Cizre und Sur, das historische Diyarbakır, sind kaum noch zu unterscheiden von Halep und Homs. Eine Straße wird nach der anderen geschlachtet, wer ausharrt und nicht flüchtet als potenzieller Terrorist markiert. Systematisch wird Reizgas in die Gemäuer geschossen, in denen die Eingeschlossenen ausharren. Während auf den zerschossenen Fassaden in den eingeschlossenen Distrikten der Schlachtruf der türkischen Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen prangt, Ermeni Piçleri: „Armenische Bastarde“, salutiert die Konterguerilla mit Wolfsgruß in der schwerbeschädigten St. Giragos Kathedrale in Diyarbakır.

Die türkische Katastrophe ist längst um Syrien erweitert. In den turkmenischen Brigaden im nordwestlichen Syrien, der Bergregion Bayır Bucak, propagieren Graue Wölfe die völkische Erweckung eines Großturkistans. Als jüngst ein Parteifunktionär der panturanistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP) aus dem Istanbuler Distrikt Fatih in der syrischen Hölle zum Märtyrer wurde, trugen ihn Parteikameraden als Şehit Tuğtekin, als Wiedergeburt des Atabeg von Damaskus aus dem Jahr 1104, zu Grabe. Ahmet Mahmut Ünlü, der berüchtigte Imam des fundamentalistischen İsmail Ağa Cemaat, sprach das Totengebet, während Graue Wölfe ihr Haupt senkten. Unter den Betenden auch Alparslan Çelik aus dem östlichen Elazığ, der sich damit brüstet, einen der russischen Piloten der abgeschossenen Sukhoi ermordet zu haben.

In Syrien brechen die imperialen Ideologien, die diese Region systematisch hervorbringt, ungehemmt durch. Die imperiale Aggression hüllt sich in Unschuld und wähnt sich als ständiges Opfer imperialistischer Verschwörung, bevor sie zur Verfolgung der Anderen schreitet. Was diese Despotien – allen voran der klerikalfaschistisch-militaristische Iran und die Türkei unter den Muslimbrüdern - eint, ist die etatistische Erziehung zur Unmündigkeit und einer alles durchdringenden Paranoia. Der Reflex, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige anderswoher zu exorzieren, wird eingeprügelt mit der Drohung, selbst als Äußeres markiert zu werden.*

Die US-Amerikaner, jahrzehntelang in der Funktion des militanten Souveräns des Wertgesetzes, haben wie die Europäer die Organisierung der militanten Opposition gegen das Regime Bashar al-Assads den türkischen Muslimbrüdern sowie Qatar und der saudischen Despotie anvertraut, ganz so wie sie in diesen Tagen dem klerikalfaschistischen Iran den Todesstoß derselbigen überlassen. In der syrischen Hölle, wo das Aushungern eine zentrale Strategie des Regimes ist und Menschen über Jahre auf wenigen Quadratkilometern eingeschlossen bleiben, entscheidet über Loyalität und Rekrutierung als erstes ein funktionierendes Distributionssystem in den eingeschlossenen Distrikten. Wer die Mehlmühlen und Brotstuben kontrolliert, erzwingt Hörigkeit. Folglich werden sie von dem Regime Bashar al-Assads systematisch bombardiert, auf der ständigen Verknappung des Gröbsten gründet die Macht des militärisch-humanistischen Komplexes türkischer Muslimbrüder. Pseudo-NGOs wie die İHH und İmkander, beide aus dem Istanbuler Distrikt Fatih, fungieren als logistische Schneise der Muslimbrüder zur Front. Die İHH, aus dem Milieu der antilaizistischen Bewegung in den Staat: Millî Görüş, pflegt intime Kontakte zur AK Parti Erdoğans, sie wirbt beidseitig im Bordmagazin der staatseigenen Turkish Airlines. An türkischen Universitäten häufen sich dagegen die Konfrontationen, wenn islamistische Fundraising-Organisationen Werbestände aufmachen.

An allen Tagen findet sich in Istanbul, Gaziantep oder anderswo ein Benefizabend für den syrischen Jihad. Mit dem Tugenddiktat „Treue zu den Märtyrern“ ruft İmkander zum Gedächtnisabend, das Plakat hierzu wirbt mit dem spirituellen Haupt der Hamas Ahmed Yasin, dem Emir des Kaukasus-Emirats Dokka Umarov, dem Mentor Osamas Abdullah Azzam. In Gaziantep unterhielt İmkander ein eigenes Charité für jene, die in Syrien am Märtyrertod vorbeigeschrammt sind. In allen Ehren halten die türkischen Muslimbrüder den kaukasischen Jihad, sie verehren Şamil Basayev, den Blutsäufer von Beslan, und machen Beerdigungen tschetschenischer Jihadisten im Istanbuler Distrikt Fatih zu Aufmärschen gegen den „Şeytan“ Putin. Die honorige İHH gedenkt in diesen Tagen auf Twitter und anderswo Ibn al-Chattab „Komutan Hattab“, ein saudischer Reisender tscherkessischer Abstammung und Weggefährte Osamas, der in Afghanistan, Tadschikistan und im Kaukasus dem Jihad gedient hat. Von ihm kursierten in den 1990er Jahren Snuffmovies, in denen er Feinden des Emirats die Hälse durchschneidet.

Es ist nicht der „Islamische Staat“, dem der türkische Benefiz vorrangig gilt. Es ist ein Milieu irgendwo zwischen den Muslimbrüdern und der traditionellen al-Qaida, in dem auch panturkistische Heilsversprechen keimen. In der Grenzprovinz Idlib ist es die Jaysh al-Fatah, eine Militärallianz von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, die auf die türkische Flanke vertraut. In Latakia panturkistische Brigaden mit Volontärs aus dem völkischen Milieu der Grauen Wölfe. Im strategisch sensiblen Distrikt Azaz an der syrisch-türkischen Grenze verlor die protürkische Jabhat al-Sham, die Levante Front, in den vergangenen Tagen Tel Rifat an die YPG, die de-facto-Armee Syrisch-Kurdistans, sowie an die mit ihr verbrüderten multiethnischen Jaysh al-Thuwar. Die Militärkoalition Jabhat al-Sham besteht vor allem aus der Islamischen Front, der saudisch-hörigen Asala wa-al Tanmiya und der quietistisch-salafistischen Harakat Nour al-Din al-Zenki. Im Spätherbst 2013 haben diese, mit der syrischen al-Qaida, die Institutionen der syrischen Exil-Opposition als illegitim und „konspirative Unternehmung“ denunziert und die Sharia, die Despotie des religiösen Gesetzes, als einzig legitimes Fundament des Staatswesens behauptet.

"Vereint für die Etablierung des Islamischen Staates", Graffiti in Tel Rifat (ANHA)

Die Konstellationen des kaukasischen Jihads aus den 1990ern ähneln grob denen in Syrien. Die Bösartigkeit jener, die den Syrern die Sharia aufzwingen, trifft auf die Gnadenlosigkeit einer militaristischen Despotie, die mit ihrer Strategie der Teppichbombardements Bashar al-Assad als ihren syrischen Kadyrow stabilisiert. Sie ähneln aber noch mehr der irakischen Katastrophe. Die islamisierte Opposition funktioniert nach derselben Logik einer konfessionalistischen Eskalation, die der khomeinistische Iran im Irak verfolgt.

Es ist nicht der „Islamische Staat“ aka Daʿish, dem die russische Aggression vorrangig gilt. Es ist aber gelogen, jene sunnitischen Jihadisten, die in diesen Tagen Aleppo verlieren, unter einen anderen Namen zu rufen. Und es ist bösartig, jene, die von diesen Jihadisten bis aufs Äußerste bedrängt werden, eines Dolchstoßes an der syrischen Opposition zu beschuldigen. Die Levante Front hat noch im vergangenen Jahr begonnen, das kurdische Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo auszuhungern. Ihre Artillerie schießt blind unter dem Mordgebrüll „Allahu Akbar“ in die Enklave der Ungläubigen. Ahrar al-Sham, als stärkster Teil der Islamischen Front vorherrschend in dieser Militärkoalition, bedrängt mit der syrischen al-Qaida, Jabhat al-Nusra, den eingeschlossenen Kanton Syrisch-Kurdistans Afrin. Die Fatah Halab, die wesentliche Operationszentrale in Aleppo, denunzierte die YPG längst vor dem territorialen Einbruch der islamisierten Opposition als „Ungläubige“ und „Feinde der Religion“.**

Brigadistinnen der YPG/YPJ mit der arabischen Stammesmiliz Jaysh al-Sanadid (QSD Press Office) 

Gegen die YPG wird mitunter moralisiert als hätte man dem Mythos von Rojava als revolutionäre Kommune blind geglaubt. Natürlich ist es kühles Kalkül, den russischen Bombardements zu folgen, daraus aber das Gründungsmoment einer Dolchstoßlegende zu machen, nach der eine demokratische Opposition, die unter den Militanten in Aleppo längst nicht mehr existiert, von der YPG aufgerieben werde, ist ein rhetorisches Anschmiegen an Erdoğans Bemühen, die Region zwischen Azaz und Cerablus unter islamistischer Kontrolle zu halten. Der deutschsprachige Analyseblog bikoret khatira hat als einer der wenigen erkannt, dass der Vorstoß der YPG von Afrin aus nach Osten weniger der islamistischen Levante Front gilt als dem Regime Bashar al-Assads und der Hezbollah. Diese stieß in den vergangenen Tagen massiv im Distrikt Azaz vor und droht die gleichnamige türkisch-syrische Grenzstadt einzunehmen. Ein von der Hezbollah kontrolliertes Azaz würde Afrin auf Dauer vom östlichen Syrisch-Kurdistan abschneiden, eine direkte Konfrontation mit dem Iran und seinen Satelliten dagegen wäre selbstmörderisch. Wie es aussieht, liegt darin der jüngste Vorstoß der YPG begründet. In diesem Moment nähert sich die YPG unter dem Donnern der türkischen Artillerie Dabiq, knapp 20 Kilometer von Tel Rifat, beherrscht vom „Islamischen Staat“. Einem apokalyptischen Hadith zufolge werden in Dabiq – das Fanzine der jihadistischen Genozideure ist hiernach benannt - die Armeen der Muslime am Ende der Menschheit mit den Feinden der Religion konfrontiert.

Währenddessen beschuldigt das Regime Assads die YPG, eine Passage für militante Oppositionelle von Idlib durch Afrin ins nördliche Aleppo aufgemacht zu haben. Quwwat Suriya al-Dimuqratiya (QSD), die Militärkoalition der YPG mit arabischen, turkmenischen und assyrisch-christlichen Verbänden, zufolge hätten sich ihr in Tel Rifat Brigaden der aufgeriebenen FSA angeschlossen. Ende Januar schlug die berüchtigte Spezialität Bashar al-Assads, explorierender Stahlschrott, auch in Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo ein. Es wird womöglich die Drohung sein, dass zwischen einer direkten Kornfrontion allein Russen und US-Amerikaner stehen. Anders als deutsche Politiker, die bei dem Iran einzig an Stabilität, Kulturdialog und Konjunkturhoch für die Kranindustrie denken, hat die Partiya Yekitîya Demokrat, die Initiatorin der YPG, wieder und wieder den Iran als Hauptaggressor neben der türkischen Despotie genannt. Wo die militanten Sidekicks der Muslimbrüder und die salafistisch-jihadistischen Bataillone aufgerieben werden, stößt nicht eine irgendwie noch multikonfessionelle Armee Syriens vor, es ist die Internationale der Ayatollahs, koordiniert durch Hezbollah und Qods-Pasdaran. Sie sind die Komplementäre zur Islamischen Front, nicht ihre Opposition. Der entscheidende Unterschied zwischen ihnen liegt darin, dass die khomeinistische Despotie als das akzeptiert ist, was den salafistisch-jihadistischen Emiraten und Pseudokalifaten ohne Hermes-Kredite und europäischem Kulturdialog verweigert wird: die Akzeptanz als Stabilitätsgarant, als Komplize.

Das Gerücht über den Dolchstoß verschleiert die eigentliche Katastrophe: die Säkularen Syriens sind vom ersten Tag mit den aggressivsten Feinden von Aufklärung und Mündigkeit alleingelassen. Während die türkische Staatsfront die syrische Katastrophe um den eigenen Südosten erweitert und inzwischen selbst mit schwerer Artillerie der Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und indirekt auch Daʿish (indem sie den Vorstoß der YPG auf Cerablus blockt) beikommt, finanzieren die Deutschen die türkische Kollaboration mit der syrischen al-Qaida zur Repatriierung Geflüchteter. Und während die iranischen Qods-Pasdaran vorankommen, Syrien als „35ste Provinz“ des Irans (Mullah Mehdi Taeb) einzunehmen, sind sich die Deutschen einzig noch über Vertragsklauseln bei der technologischen Modernisierung der khomeinistischen Despotie und über das perfekte Timing der Einladung von Hasan Ruhani als Staatsgast uneins. Wenn deutsche Politiker und andere am Iran Interessierte heute noch über die dezidiert säkulare Revolte aus dem Jahr 2009 sprechen, dann mit dem Unbehagen, dass eine solche die Grabesruhe irgendwann wieder stören könnte.

* Die khomeinistische Despotie im Iran etwa verfolgt in der religiösen Minorität der Bahá'í eine solche halluzinierte Inkarnation des Dolchstoßes. Nach der „Islamischen Revolution“ wurde mit über 200 Hinrichtungen die Organisationsstruktur der Bahá'í gänzlich gesprengt, über 10.000 Menschen zwang es ins Exil. In der Teheraner Metro und anderswo klären, wie im vergangenen Jahr, großflächige Plakate über die Bahá'í auf. Sie seien „Spione und Agenten imperialistischer Mächte“ und „propagieren Unmoral“. Wieder und wieder wurden Bahá'í als Apostaten hingerichtet; Verhaftungen von Oppositionellen werden weiterhin damit begründet, dass die Verdächtigten im konspirativen Kontakt zu Bahá'í gestanden hätten.

** In der Fatah Halab koordinieren Jabhat al-Sham, einschließlich: Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam, mit den salafistisch-jihadistischen Fajr al-Khilafah Bataillonen sowie sunnitisch-konservativen, vorübergehend US-amerikanisch finanzierten Brigaden wie Liwa Fursan al-Haqq ihre Militäraktionen. 

Dienstag, 2. Februar 2016

Der Vater und die Fremden - weitere Anmerkungen zur Faschisierung der Türkei


Eine schlankere Variante erschien zuerst in der Jungle World 04/2016.

Einen Tag nach dem jüngsten suizidalen Massaker in Istanbul wendete sich Erdoğan dem eigentlichen Staatsfeind zu und drohte jenen Professoren und Doktoranden türkischer Universitäten, die in einem antimilitaristischen Aufruf ein Ende der staatlichen Aggression im Südosten verlangen: „Ihr seid keine Intellektuellen, ihr seid ignorant und dunkel, ihr wisst nichts über den Osten oder den Südosten. Wir kennen diese Region so gut wie eure Wohnadressen.“ Unlängst begannen in der Provinz Kocaeli Verhaftungen von Mitunterzeichnern, sie hätten sich der „Propaganda für eine terroristische Organisation“ sowie der „Beleidigung der türkischen Nation, des Staates, seiner Institutionen und Organe“ schuldig gemacht.

Aus Erdoğan spricht nicht nur der Hass auf den Intellekt, der sich nicht als Brüllvieh hingibt – abtrünnig, die Einheit untergrabend und als gefühlter Dolchstoß juristisch denunziabel -, es spricht aus ihm auch die narzisstische Kränkung, dass er sich von Geistesmenschen aus dem Überbau einer anachronistischen Republik über den Südosten belehrt fühlt. War es doch Erdoğan selbst, der Türken und Kurden als Brüder bei territorialer Integrität des einen Vaterlandes einigen wollte, der dem Südosten den Qur'an auf Kurmancî schenkte und dem morgendlichen Treueschwur aller Schüler auf die zu verinnerlichende Türkisierung, "Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke" (Andımız), ein Ende machte. Als die Erweckungsbewegung des politischen Islam Millî Görüş in den 1970ern ihre ersten Parteien hervorbrachte, etablierten diese sich zunächst vor allem im feudalen Südosten. Das tausendjährige Millet der Muslimbrüder, die Nation geboren aus einem Glauben, versprach den dem Türkisierungsregime Unterworfenen eine Versöhnung mit dem Staat.

Unter Erdoğan deckte das vorgetäuschte Aufknacken nationalistischer Dogmen die Entmachtung der laizistischen Traditionalisten in Militär und den Apparaten. Und während die Repression gegen die organisierte Opposition anhielt – die Barış ve Demokrasi Partisi gibt 7.748 Verhaftungen zwischen April 2009 und Oktober 2011 an -, vertrauten einige dem Friedensversprechen Erdoğans, mit dem er gegen die Traditionalisten polemisierte. Abdullah Öcalan näherte sich der Rhetorik der Muslimbrüder an, als er bei seiner Newroz Ansprache im März 2013 vor einem tausendjährigen Leben „unter der Flagge des Islam“ und nach dem „Gesetz von Brüderlichkeit und Solidarität“ sprach. Das Anschmiegen Öcalans an die neo-osmanische Propaganda traf zugleich auf entschiedene Kritik. Vor allem Aleviten protestierten vehement angesichts der tausendjährigen Verfolgung religiöser Minoritäten: ... die Deportationen der Kızılbaş unter Sultan Bayezid II.; die Massaker an den Êzidî unter Süleyman I.; die vom selben Sultan angefragte Fatwa des Großmufti Ebu Suud, nach der es religiöse Pflicht sei, Aleviten zu töten; die antiarmenischen Massaker unter Abdülhamid II., einem Idol Erdoğans. Während der Revolte der säkularen Jugend im selben Jahr blieb es im Südosten weitgehend still, viele fürchteten, dass auf das Regime der Muslimbrüder wieder ein Regime von Gnaden des Militärs folgen könnte. Bei Sırrı Sakık von der Barış ve Demokrasi Partisi schlug die nicht unbegründete Skepsis in die Identifikation mit dem Aggressor um, er forderte die Zerschlagung der Proteste als Keim einer Verschwörung nationalistischer Kontras, während viele seiner Istanbuler Genossen an diesen teilnahmen. Doch so wenig wie Nationalisten die Revolte vereinnahmen konnten, so wenig war der Südosten durch neo-osmanische Nostalgie zu befriedigen. Als in Lice in der Provinz Diyarbakır ein junger Mann bei antimilitaristischen Protesten sein Leben verlor, solidarisierten sich die Revoltierenden in Istanbul unter dem Banner „Taksim, Lice, Schulter an Schulter“ (Taksim Lice omuz omuza). Im selben Jahr etablierte sich die Halkların Demokratik Partisi als Dachorganisation beider Bewegungen; sie versteht sich ausdrücklich auch als Organisationskern für Betroffene tugendterroristischer Verfolgung wie Homo- und Transsexuelle.

Blieb vom Glücksversprechen der von Mustafa Kemal etablierten Modernisierungsdiktatur, "Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke", vor allem der Zwang zur Türkisierung, während die feudale Blutsurenge weiterhin über den Einzelnen herrscht und das ökonomische Elend anhält, verspricht die Despotie der Muslimbrüder Gleichheit im Millet der Gläubigen. Doch die Gleichheit kann nicht anders als negativ realisiert werden. Die Muslimbrüder denken den Staat als Familie und ihren Atatürk, Tayyip Recep Erdoğan, als strengen Vater, wo doch die patriarchalische Familie nur als Staat gedacht werden kann und die Muslimbrüder die Zwänge der Blutsurenge zur Tugend erheben. Die Gleichheit im Millet wird schließlich konkret in der Ungleichheit der Anderen: der Ungläubigen und Abtrünnigen. Während der feierlichen Einweihung des Selahaddin Eyyubi Havalimanı in Yüksekova begründete Ahmet Davutoğlu die Entscheidung, den Flughafen in der südöstlichsten Provinz Hakkari nach dem kurdischstämmigen Sultan, der im Jahr 1187 Jerusalem einnahm, zu benennen: „Ja, das ist unser Führer. Ja, das ist das Symbol unserer Einigkeit. Alle, die behaupten, Jerusalem ist die heilige Stadt der Juden, sollen sich dafür schämen.“ Der Judenhass, kombiniert mit antiarmenischer Paranoia, ist der ideologische Kitt auch der Muslimbrüder und verhält sich komplementär zum eigenen imperialen Wahn.

Doch allein durch den Begriff des Wahns erschließt sich die Ideologie der Muslimbrüder nicht. Sie gewinnen ihr Brüllvieh nicht oder wenigstens nicht allein aus der Prekarisierung ihres Klientels; viel mehr verschränken sie moralische Erbauung und islamistische Verhetzung mit der Aussicht auf ökonomische Karriere. Sie haben ein Ideal von der Ökonomie als Ameisenkollektiv und von der Gewalt des Souveräns als väterliche Erziehung zu Disziplin und Frömmigkeit im Gebet wie in der Fabrik. Erdoğan befindet sich dabei in Tradition des Begründers der Erweckungsbewegung Milli Görüş, Necmettin Erbakan, der sich in einem gleichnamigen Traktat aus dem Jahr 1975 fragte, wie denn das türkische Vaterland, als Nabel des gewaltigen Osmanlı İmparatorluğu, so verkümmern konnte. Erbakan fand die Antwort einerseits in der Entfremdung vom Islam und andererseits in der perfiden Nachahmung arabischer Techniken der Naturbeherrschung durch das Millet der Ungläubigen. Seine zentrale Forderung war folglich „Wieder eine große Türkei“: Industrialisierung und moralische Überformung der Ökonomie durch einen türkisierten Islam. Die Identifikation mit der Despotie der Muslimbrüder erfolgt nicht allein über die Zugehörigkeit zu dem Millet der Gläubigen, sie ist verschränkt mit dem Versprechen, das zugleich eine Erpressung ist, in absoluter Loyalität und im Gottesdienst am Kapital doch noch zu Prestige und zu mehr als Brotkrümel zu kommen.

Sie hätten Yüksekova hunderte Kilometer Asphalt geschenkt, so Erdoğan bei der Einweihung des Selahaddin Eyyubi Havalimanı. Gebracht hat es ihnen dort nichts. Davutoğlu und Erdogan sprachen vor einem Jubelvieh aus tausenden Staatsbediensteten, während unweit der Inszenierung Kanister an Reizgas geleert wurden. Nahezu 94 Prozent vereint die Halkların Demokratik Partisi in Yüksekova auf sich. Was die Despotie der Muslimbrüder in diesen Tagen in den abgeriegelten Distrikten des Südostens verfolgt, ist nicht der staatsloyale Kurde, der buckelt und sich über das Urnengrab beugt. Sie verfolgt jene, die Misstrauen provozieren, anderes mit ihrem Leben vorzuhaben, als „die Generation von 1071“ (Erdoğan im Bezug auf das mystifizierte Jahr, in dem die muslimischen Selçuklular den Byzantinern ein erstes militärisches Debakel beibrachten) zu sein, oder als Nachkommen von Selahaddin Eyyubi Jerusalem und Damaskus einzunehmen. Die Muslimbrüder kommen über die Religion zu denselben Konsequenzen für die Abgefallenen des Vaterlandes. Wie nur der eine Gott existiert, so haben auch nur ein Staat, eine Flagge, eine Partei zu existieren. Das Gerücht, das die Muslimbrüder zur Propaganda machen, fingiert Oppositionelle zu Ungläubigen, „Fremden unter uns“ oder, wie Erdoğan jüngst über die abgefallenen Intellektuellen sagte, zu „Relikten der Mandatsmächte“.

Star, ein boulevardeskes Organ des Regimes, denunziert die militante Jugend im Südosten als „Kreuzfahrer“ und beruft sich auf die Kollaborateure der Konterguerilla unter den Autochthonen. Während in Sur, dem historischen Diyarbakır, die Konterguerilla eine Straße nach der anderen schlachtet, ruft im Star die politische Vertretung der Dorfschützer, die Assoziation anatolischer Dorfschützer und Familien der Märtyrer (Anadolu Köy Korucuları ve Şehit Aileleri Konfederasyon), zur Einheit und Solidarität gegen „die Gottlosen“ der PKK mit „ihrer Mentalität von Kreuzfahrern“ auf. Die Dorfschützer sind eine quasi-staatliche Institution der Konterguerilla, gegründet im Jahr 1985 unter Turgut Özal nach einem historischen Vorbild im Südosten: den Hamidiye Regimentern. Mit diesen sicherte sich der Blutsultan Abdülhamid II. ab 1891 die Loyalität der Aşirets, der kurdischen Stammesverbände, indem er ihre Raubökonomie und Bandenkonkurrenz in den Staatsauftrag der Niederhaltung armenischer Aufstände integrierte. Bei der Serie an Massakern an Armeniern unter Abdülhamid II. (1894–1896) wüteten die Hamidiye Regimenter vor allem in den heutigen Provinzen Erzurum, Bitlis, Diyarbakır und Şanlıurfa.

Die heutigen Hamidiye, die Institution der Dorfschützer, funktionieren nach ähnlichen Mechanismen. Unter Absolution des Souveräns, das Staats-Racket, konnten sie eine Ökonomie aus Zwangsenteignung von Landflächen, räuberischer Erpressung und Schmuggel von Opiaten installieren. Mit vom Staat ausgehändigten Knarren werden Morde an einigen der verbliebenen assyrischen Christen und Êzidî zur Abschreckung aller begangen, Stammesfehden ausgetragen und Abtrünnige hingerichtet. Auch aus Dorfschützern rekrutieren sich die subunternehmerischen Todesschwadronen des Staates wie die berüchtigten Hançer Timleri, benannt nach einem osmanischen Krummdolch. In der Dorfschützerprovinz Bingöl vereint die AK Parti Erdoğans nahezu 65 Prozent auf sich; ganze Distrikte hängen am finanziellen Tropf des Dorfschützersystems.

Während in den militärisch abgeriegelten Distrikten Cizre, Silopi und Sur die Leichen Getöteter tagelang gehortet werden, weil die ständige Drohung durchs Schrapnell Beerdigungen verunmöglicht, trugen Erdoğan und Davutoğlu jüngst einen der Ihrigen zu Grab. Der an einem Herzinfarkt verstorbene Hasan Karakaya gehörte zur Kortege Erdoğans bei dessen Staatsbesuch in Saudi-Arabien. Ohne zu zögern brach Erdoğan den Besuch ab und eskortierte den Toten nach Istanbul. Während der Beerdigung am 31. Dezember hob Erdoğan Erde aus, las aus dem Qurʼan und trug mit Davutoğlu und anderen den Sarg. Einiges an Prominenz verneigte sich vor dem Toten: die AK Parti und Minister aller Ressorts kondolierten, der Staatsfunk TRT und Redakteure regimeloyaler Gazetten wie Takvim, Yeni Şafak oder Star, die Albayrak Holding verwandt und verschwägert mit der Familie Erdoğan, aber auch Mahmut Ustaosmanoğlu von dem İsmail Ağa Cemaat, das aus dem Istanbuler Mahalle Çarşamba ein gefühltes Talibanistan gemacht hat, Bülent Yıldırım von der İHH, einer Fundraising-Organisation der syrischen al-Qaida, sowie Salih Mirzabeyoğlu, Gründervater der zerschlagenen İBDA-C, die in Berufung auf Necip Fazıl Kısakürek, einem Idol Erdoğans, einen „Islamischen Großen Osten“ terroristisch erzwingen wollte. Hasan Karakaya war augenscheinlich einer der Intellektuellen, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Als jemand, dem die Shoah als „zionistisches Geschwätz“ galt, war er bis zu seinem Tod verantwortlicher Redakteur der Yeni Akit und ihrer Vorgängerin Anadolu’da Vakit. Dieses Organ der Milli Görüş, das Adolf Hitler und Osama Bin Laden als Männer mit „Weitblick“ preist, kennt wie Erdoğan die Namen und Adressen seiner Feinde: Mit einer neun-kalibrigen Glock und unter dem Gebrüll „Allahu Ekber“ wurde am 17. Mai 2006 der traditionslaizistische Richter Mustafa Yücel Özbilgin kaltblütig ermordet. Im Konflikt um den Bann des Türbans an türkischen Universitäten hatte die Gazette zuvor Namen und Fotografien laizistischer Richter veröffentlicht; der Mörder rief bei seiner Überwältigung „Wir sind Enkel der Osmanen, Soldaten Allahs“ (Osmanlı’nın torunlarıyız, Allah’ın askerleriyiz).

In Silopi, das bis zum 19. Januar vollständig abgeriegelt war, beschallte die militarisierte Polizei die Eingeschlossenen mit dem Mehter Marşı, den Marsch der osmanischen Yeñiçeri Ocaġı, der einstigen Leibgarde der Sultane. Nach Explosionen erfolgte ein drohendes „Allahu Ekber“. Die Despotie der Muslimbrüder absorbiert mit ihrer Eskalationsstrategie im Südosten die ideologischen Milieus aller, die sich eins sind im Hass auf die Abtrünnigen des Vaterlandes. Die Nation konstituiert sich als Millet der Verfolger. Jüngst erklärte Doğu Perinçek, türkisches Idol Jürgen Elsässers, Genozidleugner und ein Relikt laizistischer Nationalisten (Ulusalcılık) mit den starren Prinzipien: Schuldumkehr - pathische Projektion - Paranoia, die Einheit mit den „religiös Konservativen“ Erdoğans zur „patriotischen Front“. Die zerschossenen Fassaden in den abgeriegelten Distrikten tragen die Schlachtrufe dieser Staatsfront: Ermeni Piçleri, „Armenische Bastarde“, ist jene Reviermarkierung, die alle Rackets der Konterguerilla, Graue wie Grüne Wölfe, vereint.

„Leben nicht der Tod“ (Ölüm Değil Yaşam), „Frau - Leben - Freiheit“ (Jin Jiyan Azadî), Proteste in Diyarbakır ©Tolga Sezgin/NarPhotos

Im Südosten herrscht kein Kampf der Völker, es ist ein Kampf gegen eine Despotie, die, wo sie zu sich kommt, keine Abtrünnigen, keine Dissidenz mehr duldet. Während Protestierende in Diyarbakır und anderswo - „Leben nicht der Tod“ , „Frau - Leben – Freiheit“ - rufen, dauert die Serie politischer Morde an. In der Nacht vom 04. auf den 05. Januar wurden in Silopi die Kommunalpolitikerinnen Sevê Demir, Pakize Nayır und Fatma Uyar hingerichtet. Selma Irmak, Abgeordnete der Halkların Demokratik Partisi, weiß um die internationale Konstellation der Morde: „Wir werden nicht vor der Ideologie von Daʿish kapitulieren … weder vor dem Staat noch vor Daʿish ... Das Massaker von Paris wiederholte sich in Silopi.“ Während es noch nahezu hundert Kilometer entlang der türkisch-syrischen Grenze sind, einschließlich ihrer logistischen Ader Cerablus, die Daʿish, so das arabische Akronym des „Islamischen Staates“, weiterhin ungehindert kontrolliert, wird das östlich vom Euphrat liegende und von der De-Facto Armee Syrisch-Kurdistans gehaltene Tel Abyad von türkischer Artillerie terrorisiert und der westlichste Kanton Syrisch-Kurdistans, Efrîn, von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham bedrängt. Der Säkularist Can Dündar ist inhaftiert, weil er in der republikanischen Gazette Cumhuriyet der türkischen Flanke dieser syrischen al-Qaida nachging.

Aus der demokratischen Legitimierung der Despotie der Muslimbrüder ist nicht zu folgern, es gebe in der Türkei keine entschiedene Opposition, keinen Widerstand mehr. An türkischen Universitäten häufen sich die Konfrontationen, wenn Fundraising-Organisationen für die syrische al-Qaida und ihre Offshoots Werbestände aufmachen. Vor allem die staatsnahe, aus dem Milieu der Muslimbrüder kommende İHH, die dem deutschen Professor Dr. Norman Paech vor einigen Jahren noch das unvergessliche Gefühl auf einem Basar zu sein beschert hat, gerät in die Kritik im Handgemenge. Wie am Jahrestag der Ermordung von Hrant Dink: die Kritiker der Despotie sind nie verstummt, aller höchstens (und das aus naheliegenden Gründen) desillusioniert, doch sie werden (und das ist gesichert) gänzlich alleingelassen. Gälte es doch einzig das Geringste und Banalste auf sich zu nehmen: Solidarität zu üben.

„Dem Faschismus zum Trotz, du bist mein Bruder Hrant“ (Faşizme inat kardeşimsin Hrant), Gedenken an den am 19. Januar 2007 ermordeten armenischen Publizisten Hrant Dink in Istanbul ©Tolga Sezgin/NarPhotos

Wo die türkische Kollaboration mit der syrischen al-Qaida zur Repatriierung Geflüchteter noch zu wenige davon abhält, nach Europa zu gelangen, wollen einige Europäer die Despotie der Muslimbrüder als das verabsolutieren, wonach der europäische Abschiebeapparat und die türkische Propaganda zugleich verlangen: zu einem Souverän, dessen väterliche Liebe keiner zu fürchten habe, außer diejenigen, die den Vater nicht ehren. Zugleich kriminalisiert der griechische Staat im Interesse aller noch jene, die den unterkühlten, dehydrierten, beinahe ertrunkenen Geflüchteten beikommen. Die vorgebrachte Empörung über die Forderung nach dem Schießbefehl ist die pseudohumanistische Camouflage einer ganz konkret mörderischen Dezimierungspolitik, die von allen vorangetrieben wird, während im Südosten der Türkei die nächste Katastrophe Trümmer auf Trümmer häuft.  

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Die Ära der Esedullah - Anmerkungen zur Faschisierung der Türkei


Wie jede andere Gang hat die türkische Konterguerilla die zerschossenen Fassaden im tagelang abgeriegelten Silvan in der südöstlichen Provinz Diyarbakır markiert: „Wenn du ein Türke bist, sei stolz, wenn nicht gehorche“, „Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke“ oder „Die Türkische Republik ist hier, wo sind die Bastarde“. Neben der Reviermarkierung des Wolfsrudels im Staatsdienst hinterlässt vor allem die Gang Esedullah, „Allahs Löwen“, ihren Namen an durchlöcherten Fassaden zuvor abgeriegelter Distrikte. In İdil in der Provinz Şırnak ergeht sich die maskierte Konterguerilla im Gebrüll „Allahu ekber“ und in Sur, dem historischen Diyarbakır, seien unter den Paramilitärs, so die Eingeschlossenen, auffällig viele bärtige Männer. Die beidseitige Drohung mit nationalisiertem Islam und islamisiertem Nationalismus spricht auch aus Erdoğan, wenn er zu den Häretikern im Südosten sagt: „Wir akzeptieren keine weitere Flagge als die unsere. Was eine Flagge ausmacht, ist das damit vergossene Blut, wenn es ein Land gibt, wofür zu sterben ist, dann ist es das Vaterland. Unsere Flagge symbolisiert das Blut der Märtyrer, der Mond die Unabhängigkeit und der Stern die Märtyrer." Die Konterguerilla ist Ausdruck der voranschreitenden Racketisierung, die Einheit ausschließlich negativ realisiert: in der Verfolgung der Abgefallenen.

Ahmet Davutoğlu, Ministerpräsident von Erdoğans Gnaden, drohte im südöstlichen Van, dass auf die Verweigerung einer demokratischen Legitimierung der Despotie seiner Muslimbrüder eine Wiederkehr der schwarzen Ära der „beyaz toros“ folgen werde. Mit den weißen Renaults verschleppten und ermordeten Todesschwadronen in den 1990ern unzählige „Bastarde“, die weder stolz waren, Türken zu sein, noch gehorchten. Die demokratische Legitimierung wurde den Muslimbrüdern nicht verweigert. Ihre perfide Strategie „Chaos oder Stabilität“ ging auf. Sie provozierten den Tod im Südosten und das Pogrom im nationalistischen Stammland, wo sie das Milieu der Grauen Wölfe absorbierten. Keine Provinz, in der sie nicht Prozente dazugewannen, auch nicht im Südosten und das nachdem sie die Dämonen vergangen zu schienender Tage erzwungen haben, inklusive täglicher Inhaftnahmen von Oppositionellen, der Abriegelung ganzer Distrikte, extra-legaler Hinrichtungen und erzwungenem Verschwinden, dem Schänden von Toten und Niederwalzen von Gräbern als Drohung an die Lebenden sowie - das kannte die schwarze Ära der „beyaz toros“ noch nicht, aber die der „Esedullah“ – suizidalen Massakern in Suruç und Ankara mit 137 Toten. Es ist die Identifikation mit dem Aggressor, die Verschmelzung von Angst und Lust, Teil eines mörderischen Apparates zu sein, auf der die demokratische Legitimierung der Muslimbrüder fundiert. Die AK Parti Erdoğans profitiert mehr als alle anderen von der systematischen Paranoia, die konstitutiv ist für die nationale Identität. Jede Kritik, jeden Protest denunziert sie als perfide Intrige von außen. Während der Revolte im Jahr 2013 konterte das Regime und sein Brüllvieh, der Protest könne nur eine Verschwörung sein, da er doch in jenem Moment aufkomme, wo die Türkei bald den letzten Zins abgezahlt und sie den “unterdrückten Völkern” den Pfad vorgetrampelt habe. Nicht anders in diesen Tagen: Die PKK ist ihnen ein terroristisches Instrument der Imperialisten, eine Strategie, um Chaos zu säen und Unterwürfigkeit zu ernten.

Protest nach dem Massaker in Ankara: „Wir kennen den Mörder“ (Ufuk Koşar/NarPhotos)

Wie die Militärdiktatur vom 12. September 1980 die Hörigen mit der Angst vor einem Andauern der Pogrome und politischen Morde aus den vorangegangenen Jahren erzog, so disziplinieren die Muslimbrüder mit der Drohung, dass ohne erzwungene Stabilität die ökonomische Karriere ein abruptes Ende findet. Die Asphaltierung des Hinterlandes entspricht der Ermächtigung, das Hinterland anderswo – in den Distrikten der Abgefallenen - niederzuwalzen. Und noch als über den Asphalt gezogene Leiche ist einem im Südosten der Verdacht eingebrannt, das Vaterland zu bedrohen. Was an den Muslimbrüdern Angstschauer provoziert aber auch fasziniert, ist die Gewalt, die Gräben zu schütten und mit ihnen jede Dissidenz.

Auf den Staatszweck verpflichtet entspricht ihre Ideologie dem Zwang zur nationalen Homogenität in Ansehung der Krisenhaftigkeit der eigenen Staatlichkeit. Ihr Feind war nie der Staat Atatürks, es war die Säkularisierung, die sie als atheistische Entartung und Einfallsschleuse kommunistischer Subversion im Dienst jüdischer Konspirativität denunzierten. Wider Marx kursierten unter Grauen und Grünen Wölfen in den turbulenten Jahren vor der Grabesruhe der Militärdiktatur des 12. Septembers 1980 vor allem die Schriften eines Necip Fazıl Kısakürek, der selbst eine laizistische Jugend genoss und die renommierte Pariser Universität Sorbonne absolvierte, bevor er seine religiöse Erweckung erlebte. Seine Schrift „Judentum-Freimaurerei-Wendehalsigkeit“ (Yahudilik-Masonluk-Dönmelik) und andere aus diesem Erweckungsmilieu entsprechen der türkischen Variante der „Protokolle“, sie gleichen dem Judenhass eines Theodor Fritschs oder Erich Ludendorffs (1). Den inneren Feind markierte Necip Fazıl in seiner Schrift „Die irrigen Abweichungen vom rechten Pfad“ (Doğru Yolun Sapık Kolları) aus dem Jahr 1978 in der religiösen Minorität der Aleviten, die er empfahl wie Unkraut herauszureißen. Das Jahr 1978 war das Jahr antialevistischer Pogrome, Rudelführer der Pogromisten waren Graue Wölfe. Sie identifizierten Aleviten mit kommunistischer Agitation und Dolchstoß. Necip Fazıl ist nach Erdoğan einer der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts, ein Idol seiner eigenen und aller folgenden Generationen. Eine weitere Schrift aus dem Jahr 1969, „Die religiösen Unterdrückten der vergangenen Epoche“ (Son Devrin Din Mazlumlari), hätte, so Erdoğan, sein Leben geändert. Necip Fazıl skizziert darin den jungtürkischen Coup gegen den Blutsultan Abdülhamid II. – sein Hamidiye Regime ermordete in den Jahren 1894–1896 über hunderttausend vor allem armenische Christen - als Intrige von Juden und Freimaurern.

Die Grauen Wölfe spüren dem Gerücht aggressiv nach, das der republikanischen Idee nachhängt: dass diese die Nation von Blut und Boden abstrahiere und somit empfänglich mache für kosmopolitische und individualistische Keime. So terrorisierten sie in den 1970ern selbst noch Staatsbedienstete, die mit zu viel Haut provozierten. Anders als bei den Grauen Wölfen ist das historische Substrat der Muslimbrüder nicht die Türkisierung als zentrales Moment des Modernisierungsregimes. Es ist vielmehr die beschädigte Modernisierung selbst, die sie als Erweckungsbewegung provozierte.

Der Modernisierungsauftrag des osmanischen Rumpfstaates bestand als erstes darin, aus den empirischen Menschen eine Nation zu konstituieren. Das Türkisierungsregime entschied die zentrale Frage, woraus diese zu machen ist, im Genozid. Im Jahr der Republikgründung 1923 wurde schließlich aller „verwaiste“ Besitz der ermordeten und geflüchteten Armenier konfisziert. Dieser vorletzte Schritt des Genozids – der letzte, die Schuldprojektion auf die Ermordeten, dauert an - war zugleich das Gründungsmoment der türkischen Bourgeoisie mit laizistischen Familiendynastien wie Koç und Sabancı. Doch jenes Establishment profitierte nicht nur von der ökonomischen 'Islamisierung', es eignete sich auch mehr und mehr die Kultur der ermordeten Ungläubigen an. Necmettin Erbakan, Gründer der Erweckungsbewegung „Milli Görüş“ und politischer Ziehvater Erdoğans, war getrieben vom Hass auf dieses Establishment der Abgefallenen; ein Hass, der rationalisiert werden konnte durch die reale Konzentration der Industrie und Kreditmaschinerie auf einige wenige westtürkische Monopolisten. Er propagierte den stillen Marsch durch die Institutionen, die Übernahme der Industriekammern im Interesse einer initialen Akkumulation eines grünen Kapitals im stehengebliebenen Anatolien. Seine Schriften waren durchzogen von einer schweren narzisstischen Kränkung, dass das türkische Vaterland, als Nabel des gewaltigen Osmanlı İmparatorluğu, herabgewürdigt werden konnte zur blutleeren wie gottlosen laizistischen Republik. Seine Großmachtphantasie war bei ihm wie selbstverständlich mit deutscher Ideologie durchtränkt. Die Krise ist Erbakan zufolge, der 1953 an einer deutschen Technischen Universität promovierte und bis zu seinem Tod der technischen Detailverliebtheit der Deutschen und ihrer „Ernsthaftigkeit und Organisiertheit“ schmeichelte, dem Kapital nur künstlich eingepflanzt. Es sei der Zins, der sie in die Produktion hineintrüge und als Nadelöhr kommunistischer Subversion fungiere. Sein zentraler Ruf - „Wieder eine große Türkei“ - sollte folglich durch religiöse Erbauung der entfremdeten Muslime und einer forcierten Industrialisierung realisiert werden.

Beide Kontrabewegungen, Graue wie Grüne Wölfe, brüteten noch in ihren ersten Tagen imperialistische Gegenstrategien wider die universalistische Drohung mit der Moderne aus. Dass die Flagge mit dem einen Halbmond die einzige ist, die Erdoğan legitim ist, ist gelogen. Die ideologische Kaderschmiede Erdoğans: die Osmanlı Ocakları, die nicht nur namentlich von dem faschistischen Idealistenrudel der Grauen Wölfe, Ülkü Ocakları, inspiriert ist, tritt unter einer anderen Flagge als der republikanischen auf: Auf dem Grün des Islam prangt für jeden Kontinent, auf dem die osmanischen Imperialisten zu anderen Tagen Territorien beherrschte, ein Halbmond. In dem Intro jeder größeren Ansprache grüßt Erdoğan „seine Brüder“ in Sarajevo, Kosovo, Ramallah und anderen Gegenden, auf die der Schatten vergangener osmanischer Größe schielt. Die Grauen Wölfe dagegen adressierten ihre Identifikation entlang völkischer Kriterien, ihr Osmanlı İmparatorluğu steht als Büyük Türkistan, als ein „Großturkistan“, wieder auf. Das antiimperialistische Gejaule der Wölfe, der zwanghafte Reflex, jede innere Uneinigkeit als Kabale von außen zu exorzieren, verrät: sie projizieren ihr aggressives Inneres auf ein Äußeres.

Anders die Muslimbrüder, die als Panislamisten Türken und Kurden bei territorialer Integrität des einen Vaterlandes unter dem Banner des Islam einigen wollen. Staatsbedienstete erzogen Generationen an Kindern, die vor ihren Lehrern anderes sprachen als Türkisch, mit Prügel und dem Schwur: "Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke", unter den Muslimbrüdern dagegen bringen die Staatsimame den Qur'an in Kurmancî unter die Frommen. Was das Regime der Muslimbrüder in diesen Tagen in den abgeriegelten Distrikten des Südostens verfolgt, ist nicht der staatsloyale Kurde, der betet und buckelt und sich über das Urnengrab beugt. Die ersten Distrikte und Provinzen, die Erbakans Milli Selamet Partisi 1973 und 1977 an sich nahmen, lagen im Südosten. Noch heute halten die Muslimbrüder Provinzen wie Bingöl, Elazığ und Şanlıurfa, wo die feudale Organisiertheit in Aşirets eng verwebt ist mit dem Repressionsapparat, das Dorfschützersystem Koruculuk Sistemi ist Teil der Konterguerilla sowie der organisierten Kriminalität. Das Regime der Muslimbrüder verfolgt jene, die Misstrauen provozieren, für anderes als für „die Generation von 1071“ einzustehen (2). Es kommt über die Religion zu denselben Konsequenzen für die Abgefallenen des Vaterlandes. Wie nur der eine Gott existiert, so haben auch nur ein Staat, eine Flagge, eine Partei zu existieren. „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“, so die berüchtigte Aussage Erdoğans, für die er sich im Jahr 1998 noch vor Gericht zu verantworten hatte, aus der in diesen Tagen, wo Militär und Justiz auf eine Funktion heruntergebracht sind, viel mehr das Aufgehen islamistischer Ideologie im Staat, dieser verwundeten Kollektivbestie, spricht. Das Gerücht, das die Muslimbrüder zur Propaganda machen, fingiert Oppositionelle zu Ungläubigen, Feinden Gottes und „Fremden unter uns“ (Erdoğan). So empört sich Erdoğan vor seinem Brüllvieh im Südosten, dass die Opposition sage: 'Jerusalem den Juden', also die Ummah verrate, und Zarathustras Philosophie als wahre Religion propagiere. Indessen schreitet die Nazifizierung der Propaganda voran: Jüngst wurde vom seriösen „Kanal A“ der Einmarsch türkischer Militärs in die irakische Provinz Mosul mit dem Gerücht flankiert, dass einige 'neutralisierte' Kader der PYD Davidsterne trugen.

Euphorisiert durch die Erfolge der ideologischen Brüder in Tunesien und Ägypten brach das türkische Regime Ende des Jahres 2011 radikal mit Bashar al-Assad, nachdem es zuvor noch befürchtet hatte, dass eine Schwächung Assads einer Stärkung der PYD gleichkäme. Vor allem mit Qatar beschleunigte es die Militarisierung und Islamisierung der Opposition. Neben der AK Parti selbst sind es NGOs aus dem ideologischen Milieu der Muslimbrüder wie die berüchtigte İHH, die aus den Grenzprovinzen Hatay, Kilis und Gaziantep ein türkisches Peshawar machten. In der Grenzprovinz Idlib ist es die Jaysh al-Fatah, eine Militärallianz von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, die auf eine logistische Flanke der türkischen Muslimbrüder vertrauen kann. Ihre jüngste Affäre ist das Ahrar al-Sham Offshoot Jaysh al-Sham, das von sich behauptet, sich ausschließlich aus Syrern zu rekrutieren. Dies ist inzwischen das wesentliche Kriterium dafür, wer Potenzial zum Stabilitätsfaktor hat und wer nicht.

Doch ein regime change hin zu einem sunnitischen Satellitenstaat bleibt aus und die Aussicht Erdoğans, in Damaskus zu beten, schwindet. Weder das Regime Bashar al-Assads noch die islamisierte Opposition können die syrische Katastrophe für sich entscheiden. Wo es nicht der explodierende Stahlschrott mit Todesgrüßen Assads oder Putins ist, ist es die Rivalität um die Beute oder die Methoden einer Ökonomie der Geiselhaft, die Syrien weitflächig mehr und mehr von Menschen entleeren. Wo es Bashar al-Assad an Rekruten fehlt, sind es Mujahedeen der Shiah aus dem Irak, dem Libanon und anderswo sowie afghanische Zwangsrekruten, mit denen die khomeinistische Despotie Iran sich seinen Satelliten, ein Rumpfstaat Typ „Südlibanon“, erzwingt.

Während Erdoğans neo-osmanische Expansion in Syrien strauchelt, hat sich entlang der türkisch-syrischen Grenze ein säkulares Syrisch-Kurdistans behauptet, das augenblicklich der Despotie der Muslimbrüder die gröbste Provokation ist. Ahmet Davutoğlu droht der YPG, der de-Facto-Armee Syrisch-Kurdistans, ausdrücklich vor einem Überqueren des Euphrat und der Einnahme von Cerablus, der einzig verbliebenen Grenzstadt unter Kontrolle von Daʿish. Damit diese Drohung auch ankommt, wird das östlich vom Euphrat liegende Tel Abyad wieder und wieder von türkischer Artillerie gekitzelt. Dass die US-Amerikaner darüber rätseln wie sie Daʿish ohne die YPG aus Cerablus herausdrängen können, um das türkische Regime nicht zu reizen, sagt nahezu alles über die tödliche Farce der aus mehr als 40 Staaten bestehenden Koalition gegen den einen Pseudostaat Daʿish. Es sind noch nahezu hundert Kilometer entlang der türkisch-syrischen Grenze, die Daʿish weiterhin unbelästigt kontrolliert, ihre logistische Ader und das Nadelöhr für ihre Todesschwadrone. Eine solche ermordete am 30. Oktober Ibrahim Abd al-Qader und seinen Freund Fares Hamadi in Urfa. Der Ermordete war Mitbegründer von „Raqqa is Being Slaughtered Silently“, der letzten verbliebenen Opposition in Raqqa. Wenn in diesen Tagen der europäischen und US-amerikanischen Politik eine Kontinuität zu konstatieren wäre, dann ihre Einfühlung in die Interessen derer, die am perfidesten töten, und allein aufgrund ihrer Eignung als Totengräber als Stabilitätsgaranten identifiziert werden. Nichts anderes heißt es, wenn etwa in Teheran die Munich Security Conference, das deutsche Luxuslabel in der internationalen Diplomatie, unter der Causa die „Bewältigung regionaler Krisen“ konferiert, wo doch der khomeinistische Iran Syrien als seine „35ste Provinz, eine strategische Provinz“ (Mehdi Taeb) okkupiert (3). Während die europäische Politik der klerikalen Despotie Iran als „Stabilitätsgaranten“ schmeichelt, sperrt sie Geflüchtete vor diesem Regime systematisch aus. Einige hundert blieb die griechisch-mazedonische Grenze tagelang versperrt – bis die griechische Polizei sie nach Athen verschleppte, von wo aus ihnen die Abschiebung droht.

Während neue Militärallianzen präsentiert werden – allein die exklusiv islamische Koalition unter Führung Saudi-Arabiens umfasst 34 Staaten -, ist Daʿish nach wie vor die Alibifunktion, um das Wesentliche zu unterlassen. Dem westlichsten Kanton Syrisch-Kurdistan, Efrîn, droht ähnliches wie Kobanê. Die syrisch-türkische Grenze ist hier abgeriegelt, zu passieren ist sie im nächst gelegenen Azaz, das zur Hälfte von der Jabhat al-Nusra kontrolliert wird. Der syrische Branch von al-Qaida bedrängt mit Ahrar al-Sham Efrîn wie auch das von der YPG gehaltene Sheikh Maqsood im nördlichen Halab. In einer Fatwa identifiziert die Fatah Halab, eine lokale Militärkoalition, die YPG als Kuffar, als „Ungläubige“. Es sind im Moment einzig die Kantone Syrisch-Kurdistans, in dem der konfessionelle Irrsinn – parteiübergreifend - durchbrochen wird, wo auf das Dröhnen der Artillerie nicht ein verrohtes „Allahu Akbar“ folgt. Es mag diesem Europa kulturrelativistischer Projektionen befremdlich sein, wenn sich Frauen unter dem Kampfruf „Jin, Jiyan, Azadî“, „Frau, Leben, Freiheit“, militant verschwören. Dem Regime der Muslimbrüder ist es eine einzige Provokation, auch weil die militante Jugend im eigenen Südosten mit „Autonomie“ droht. Nicht zufällig liegt der Fokus der türkischen Konterguerilla vor allem auf die Distrikte nah an Syrisch-Kurdistan: Nusaybin, Dargeçit, Silopi und Cizre sowie – dahinter liegend - Diyarbakır und Silvan. In Folge der intensivierten Militäroperationen wurden in einigen dieser Distrikte die Autonomie ausgerufen. Und auch in Okmeydanı, einem alevitisch geprägten Mahalle Istanbuls keine fünf Kilometer von Taksim, werden die Straßen von der militanten Jugend, Yurtsever Devrimci Gençlik Hareketi (YDG-H), kontrolliert, die Polizei beschränkt sich hier noch darauf, Kanister an Reizgas in der Dunkelheit zu entleeren. In Cizre, Silopi und anderswo im Südosten hebt die YDG-H systematisch Gräben aus, um es der Konterguerilla zu verunmöglichen, in den engen, verschachtelten Gassen voranzukommen. Doch wo diese ausgesperrt ist, zerstört sie aus der Distanz Strommasten, Trafostationen und Wasserdepots. Von Hügeln aus wird die Munition geleert, ihre Sniper machen jede Bewegung auf den verwaisten Straßen zum erlebten Nahtod. Dera und Homs grüßen in jenen Tagen, wenn auch noch nicht dergleichen enthemmt, auch aus Nusaybin und Cizre. Die Verhaftungen von Kommunalpolitikern und anderen Oppositionellen dauern indessen an, jüngst wurden einige Überlebende des Massakers von Suruç verhaftet und wieder und wieder kommt es zu Toten bei Razzien auch in Istanbul, wie Dilek Doğan und Dilan Kortak.

Die europäische Flanke

Wo in diesen Tagen aus dem militarisierten Distrikten circa 200.000 Menschen geflüchtet sind, ist es das Kalkül der Europäer, den entscheidenden Prellbock wider wilder Migration außerhalb Europas zu installieren: In türkischen, von den Europäern finanzierten Screeningszentren sollen die noch im Transit ausharrenden Geflüchteten aus der syrischen oder irakischen Hölle aufgestaut werden, wo nur einigen von ihnen die Gnade des Exils zu kommen wird. Einige wenige Stunden nachdem sich das Regime mit den Europäern über den Wert dieser Funktion geeinigt haben – allein den Deutschen ist sie 500 Millionen € wert -, wurden die ersten 1.300 Flüchtenden verhaftet. Eine Chance auf Screening ihrer „Asylrelevanz“ haben sie nicht, was ihnen bevorsteht ist die Abschiebung nach Syrien, in den Irak oder Iran. Mit Push-backs direkt an der türkisch-syrischen Grenze und Abschiebungen in jene syrischen Territorien, die von Ahrar al-Sham und Jabhat al-Nusra kontrolliert werden, werden al-Qaida und ihre Offshoots zu verlängerten Funktionsträgern der europäisch-türkischen Dezimierungspolitik, die ab dem 8. Januar 2016 mit der Visapflicht für Syrer institutionalisiert wird. Mit der Gewissheit, dass der drohende Tod sie hinhält oder sie in letzter Konsequenz physisch dezimiert, zwingt die europäisch-türkische Kollaboration die Geflüchteten auf die noch riskanteren Routen. Beinahe gleicht dies einem perfiden europäischen Kalkül, sich zwischen dem Tod in Halab oder im namenlosen Meer, zwischen Schrapnell oder Überfahrt in einer Nussschale zu entscheiden. Nicht aber, dass in Folge dessen weniger flüchten werden. Um den türkischen Patrouillen entlang der türkisch-griechischen Meerengen zu entkommen, entscheiden sich mehr und mehr Flüchtende für die Überfahrt nach Anbruch der Dunkelheit und riskieren bedrohliche Umwege.

Diejenigen, die überleben – noch sind es 50 auf jeden Toten -, treffen auf ein Europa, das der Türkei der Muslimbrüder so unähnlich nicht ist. Im Jahr 1997 traf sich Necmettin Erbakan - einige Wochen nach dem sanften Coup des Militärs - in seiner Sommerresistenz in Altınoluk an der türkischen Ägäis mit Jean-Marie Le Pen. Details der Unterredung wurden nicht veröffentlicht, einzig, dass sich beide über eine engere Kooperation verständigt hätten. Der Franzose Le Pen erklärte, dass ihn das Erstarken des Islam in der Türkei erfreue und darin auch ein Gewinn für das Nationale liege (4). Nach Erbakans Niederlagen gegen das Militär manövrierten ihn seine Ziehsöhne Erdoğan und Gül ins Abseits, er verstarb im Jahr 2011. Der exzentrische Übervater der französischen Front National, Jean-Marie Le Pen, wurde von seiner leiblichen Tochter Marine innerhalb der Partei isoliert. Doch das ideologische Milieu der beiden ist dasselbe geblieben. Das höchste ist diesem der Staat als Familie, die Gewalt des Souveräns als väterliches Patriarchat, Zwang als Kultur. Konsequent ist da die Feinderklärung von Jean-Marie Le Pen an die Kosmopoliten von Charlie Hebdo nach dem Massaker vom 7. Januar 2015, die Satiriker hätten einen „anarchistisch-trotzkistischen Geist, der die politische Moral zersetzt“. Kaum wahrgenommen wurde, weil der kalte, kulturrelativistische Blick dem totalitären Anspruch der Despotie auf geschlossene Einheit gleicht, dass in Ankara von jungen Militanten eine Solidaritätsdemonstration für die Toten des Massakers vom 7. Januar abgehalten wurde. Als sich in ihrer Nähe islamistische Freunde des Todes aufstellten, wurden diese augenblicklich in die Flucht geschlagen.

Einer von Erdoğans Freunden in Europa ist Viktor Orbán, Ungarns starker Mann, der sich selbst „ein Verehrer des Islam“ nennt und - um die christliche Identität Europas zu bewahren - Geflüchtete, die den heiligen Grenzzaun beschädigen, mit Haft droht. Orbán markiert den Hauptfeind in jenen, deren „wirren Träume“ es sind, die Nationalstaaten zu sprengen. Verfleischlicht sieht Orbán diese antinationale Intrige im jüdischen Philanthropen Georg Soros, der eine Kampagne in Budapest mitfinanziert, die Geflüchteten beikommt. Dieses Europa muss den Judenhass nicht von anderswoher importieren. Wenn ihn etwas noch potenziert, dann der gängige Klüngel, in dem die Europaorganisationen türkischer Grüner und Grauer Wölfe (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği - DİTİB, Millî Görüş, Avrupa Türk-İslam Birliği – ATİB) als zentrale Ordnungsfaktoren akzeptiert werden. Der einzige Antirassismus, der im Europa der ungesühnten Brandanschläge und des institutionalisierten Tötens an der Migrationsfront noch zu haben ist, ist nicht die Garantie auf ein menschenfreundliches Exil, er ist die Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, denen bereits die Stabilisierung Syriens und des Iraks anvertraut ist.


(1) Wo sich der kapitalisierten Gattung ihr eigener sozialer Nexus als Charakter der Waren konfrontiert, als deren Wert, wo ihr sozialer Nexus die verrückte Form von toten Dingen angenommen hat, kann auch der negative Charakter, das bedrohliche und krisenhafte Moment des Kapitals nur in der Form einer zu personifizierenden und rassifizierenden Eigenart erscheinen. Die kapitalistische Gattung, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist und innerhalb pseudo-naturgesetzlicher, fetischistischer und selbstzweckhafter Denk- und Handlungsformen blind kreist, kann nicht anders als die eigene Negativität auf ein Objekt, „dem prospektiven Opfer“ (Horkheimer/Adorno), zu projizieren und somit zu bannen. Das antisemitische Gerücht gibt der subjektlosen Logik des Geldes eine Adresse und erhebt die kapitalisierte Gattung in eine Reservearmee potenzieller Pogromisten, es ist somit als erstes auch eine Konterrevolution in Prävention. Antisemiten haben ein Ideal von der Ökonomie als Ameisenkollektiv und von der Gewalt des Souveräns als väterliche Erziehung zu Sittlichkeit und Frömmigkeit, sie sind autoritäre Charaktere. Dass dieses Ideal tagtäglich durch die Empirie karikiert wird, hat keine Kritik der Ideologie zur Folge, es wird panisch das Scheitern des Ideals an der Realität auf ein Anderes projiziert und somit exorziert: der Geburtsgrund der Verschwörungsindustrie.
(2) Im Jahr 2012 mahnte Erdoğan in einer Ansprache in Konya die Gebärfunktion der muslimischen Jugend an: „Ihr werdet heiraten. Ihr werdet die Generation von 1071 heranziehen.“ Im Jahr 1071 schlug die erste islamische Armee die christlichen Byzantiner verheerend.
(3) Hezbollah, Qods-Pasdaran, Asa'ib Ahl al-Haq, Kata'ib Sayyid al-Shuhada, Ansar Allah sind die Komplementäre zu Daʿish, Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam, nicht ihre Opposition. Wahrlich - die khomeinistische Despotie wirbt nicht in Fanzines mit Köpfungen, die Ayatollahs posieren nicht mit abgeschnittenen Köpfen als Trophäen, sie beeindrucken Außenstehende mit interkulturellem Dialog, theologischer Expertise und Investitionspotenzial. „Apostaten“ und „Ungläubige“ mordet die khomeinistische Despotie mit mehr Diskretion – das aber ist nicht der wesentliche Unterschied zu Daʿish. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die khomeinistische Despotie als das akzeptiert ist, was Daʿesh als Pseudostaat ohne Hermes-Kredite und europäischem Kulturdialog noch verweigert wird: die Akzeptanz als Stabilitätsgarant, als Komplize.
(4) Darin, wo der Feind lauere, sind sie sich sowieso eins: „Der Jude“ - ist bei Erbakan zwanghaft beides: ein Rassist von Gottes Gnaden und sich gegen die Souveränität der Völker verschwörender Kosmopolit, ein religiös Besessener und gottloser Zersetzer der Religion, ein das Volk aufwiegelnder Kommunist und die Produktion sabotierender Zinsherr Als halluzinierte Verfleischlichung des Geldes, das die materielle Repräsentanz der Abstraktion ist, muss „der Jude“ auch die fetischisierte Charakteristik des Geldes verfleischlichen: universale Geltung und teuflische Magie. Was der Antisemit auf die Juden projiziert, ist sein eigener innerster Gedanke: seine türkisierte Variante des Islam als universale Totalität. Jean-Marie Le Pen ist ein wenig pragmatischer, bei Gelegenheit droht er seinen jüdischen Kritikern mit „dem Ofen“. 

Dienstag, 13. Oktober 2015

Die kritische Unternehmung, die alltäglichen Katastrophen in Syrien, der Türkei und Europa in Konstellation zu bringen 2ter Teil


Während das Reizgas, die Kämpfe und Panik an der ungarisch-serbischen Grenze die syrischen Geflüchteten damit konfrontierten, dass es ihr Stigma sein muss, Ghouta überlebt zu haben, schraubten die Deutschen an ihrer Asylgesetzgebung, die alsbald die Mehrheit der Durchgekommenen mit einem systematischen Aushungern bedroht: Wer irgendwo anders in das System „Dublin III“ hineingezwungen wurde, wird von allem ausgesperrt, was bis dahin seine physische Existenz garantierte. Das einzige, was ihm noch gewährt wird, wäre das Ticket dahin, wo er der Registrierung nicht entkommen konnte*, also nach Ungarn, wo das nationalkonservative Fidesz-Regime mit jenen konkurriert, die auf den Mordbefehl bei illegalem Grenzübertritt drängen, oder in andere Staaten fürs Grobe. Das perfide Kalkül ist es, den entscheidenden Prellbock wider wilder Migration außerhalb Europas zu installieren. In türkischen, von den Europäern finanzierten Screeningszentren sollen die noch im Transit ausharrenden Geflüchteten aus der syrischen oder irakischen Hölle aufgestaut werden, wo nur den wenigsten von ihnen die Gnade des Exils zu kommen wird. Wo im türkischen Südosten das Militärregime sich wieder erhebt, inklusive den Methoden vergangener Tage: die Abriegelung ganzer Distrikte, tägliche Inhaftnahmen von Oppositionellen, extra-legale Hinrichtungen und erzwungenes Verschwinden, das Schänden von Toten und Niederwalzen von Gräbern als Drohung an die Lebenden, wollen einige Europäer dieses Regime der türkischen Muslimbrüder als das verabsolutieren, wonach der europäische Abschiebeapparat und die türkische Propaganda zugleich verlangen: zu einem Souverän, dessen väterliche Liebe keiner zu fürchten habe - außer diejenigen, die den Vater nicht ehren.

Ahmet Davutoğlu konterte jüngst vor den „Vereinten Nationen“ diesem perfiden Kalkül der Europäer mit einem noch perfideren Kalkül: In einer endloser Prärie aus Containern in Nordsyrien, zwischen Azaz und Cerablus, könnten demnach bis zu eine Million Menschen aufgestaut werden. Damit würden die im türkischen Transit ausharrenden syrischen Exilanten zur Vorrichtung gemacht werden, um eine Anbindung von Efrîn, dem westlichsten Kanton Syrisch-Kurdistans, an die beiden östlichen, Kobanê und Hesîçe, zu verunmöglichen. Die Kontrolle über jene zerrissene Region würden, sobald diese militärisch gesichert ist, Kollaborateure aus der syrischen Menschenschlacht übernehmen – zu einigen kommen wir noch flüchtig.

Als im Juni die YPG, die De-Facto-Armee Syrisch-Kurdistans, die türkisch-syrische Grenzstadt Girê Spî (arabisch: Tel Abyad) einnahm, und in der Folge das westlich gelegene Kobanê mit dem östlichen Serê Kaniyê vereinte, empörte sich das Regime der türkischen Muslimbrüder, die „terroristische“ YPG zwinge bei ihrem militärischen Vorstoß systematisch verbrüderte Turkmenen und Araber in die Flucht. Einige der schlagkräftigsten islamistischen Milizen - unter ihnen die mit al-Qaida verschwägerte Ahrar al-Sham, die saudisch inspirierte Jaysh al-Islam sowie die aus dem ideologischen Milieu der Muslimbrüder kommenden und mit Qatar assoziierten Faylaq al-Sham und Jaysh al-Mujahedeen - erhoben in einem Brandbrief dieselbe Beschuldigung. Die YPG widersprach den Gerüchten wie auch die arabischen Alliierten von der Burkan al-Furat und die vor den Kämpfen Geflüchteten. Droht in den kommenden Tagen mit der Einnahme von Cerablus durch die YPG das noch einzig verbliebene Nadelöhr der islamistischen Genozideure von Daʿesh gestopft zu werden, kursieren wieder dieselben Gerüchte. Vorgebracht werden sie von einer panturanistischen Organisation exilierter syrischer Turkmenen mit Sitz in Istanbul und eigenem militärischen Flügel in der syrischen Hölle. Ihr Repräsentant Abdurrahman Mustafa begrüßte den Vorschlag von Ahmet Davutoğlu, in der Region um Azaz und Cerablus Flüchtende zu konzentrieren, ausdrücklich als Prellbock wider der „terroristischen“ YPG. Beschwören diese turkmenischen Nationalisten noch die Einheit Syriens, ist ihre Ideologie ein Abgleich des völkischen und islamistischen Ideologieamalgam der Grauen Wölfe. Ihr Batı Türkmeneli („Östliches Turkmenistan“) greift von Idlib über Halab und Rakka nach al-Hasakah, die Namen der Brigaden und Bataillone ihres militärischen Flügels bezeugen die neuosmanische Regression. Benannt sind sie nach Sultan Murad, Abdülhamit Han, Fatih Sultan Mehmed und Yıldırım Bayezid. Mit Burak Mişinci schloss sich ihnen ein Grauer Wolf aus Istanbul an, in seinen Abschiedsworten beschwor er den Wunsch, in Syrien Aleviten und Armenier zu enthaupten. Zu seiner Märtyrerbeerdigung in Maltepe im anatolischen Istanbul kamen auch Parteifunktionäre der MHP; das Banner, unter dem sich die Trauernden einfanden, trug die Drohung: „Auch wenn unser Blut fließt, der Sieg gehört dem Islam“. Wie in der türkischen Verschwörungsindustrie, in der systematisch die phantasierten und realen Feinde des Vaterlands aus dem Islam exkommuniziert, also zu 'Krypto-Juden' oder 'camouflierten Christen' transformiert werden, wird in diesem panturanistischen Milieu die PKK als getarnte Nachfolgeorganisation der armenischen Rachebrigade Asala denunziert.

Die Region um Azaz und Cerablus, wo nach Ahmet Davutoğlu ein Teil der syrischen Flüchtenden konzentriert werden soll, entspricht der Pufferzone, die das türkische Regime der Muslimbrüder gegenüber den US-Amerikanern und Europäern einfordert. Die noch zu anrüchige Jabhat al-Nusra, die offizielle Filiale von al-Qaida in der syrische Hölle, übertrug inzwischen die Kontrolle einiger ihrer Territorien an die Sultan Murad Brigade, die in den Koalitionen „Fatah Halab“ und „Ansar al-Sharia“ mit al-Nusra, Ahrar al-Sham, Jaysh al-Islam, Faylaq al-Sham sowie weiteren islamistischen Brigaden kooperiert. Vereint drohen sie im Moment den YPG-kontrollierten Distrikt Sheikh Maqsood im nördlichen Halab auszuhungern. In einer Fatwa identifiziert die Fatah Halab die YPG als Kuffar, als „Ungläubige“.

Neben den Turkmenen-Brigaden sind Ahrar al-Sham, Jaysh al-Islam und Faylaq al-Sham die zentralen Kooperationspartner des Regimes der türkischen Muslimbrüder. Jaysh al-Islam und Jaysh al-Mujahedeen haben der Türkei ihre konkrete Solidarität wider der „Ungläubigen“ der PKK ausgesprochen, Ahrar al-Sham schloss sich der Forderung nach einer Pufferzone an, die YPG und Daʿesh aussperren soll. Die Ideologie dieser Nationaljihadisten integriert sich in den nicht nur kolportierten Schlafruf „Christen nach Beirut, Alawiten ins Grab“. Zahran Alloush, Kommandant der Jaysh al-Islam, propagierte noch zu Ramadan 2013 die Reinigung Syriens von den „Rafida“, „den Ablehnenden“ wie die Angehörigen der Shiah verächtlich genannt werden, von „Nusairiern“, die von der Assad-Despotie in Geiselhaft gehaltene religiöse Minorität der Alawiten, sowie von „Feueranbetern“, den Zoroastriern. Die religiöse Minorität der Alawiten, so Alloush, sei ungläubiger als Juden und Christen, was ihn nicht davon abhält, Konkurrenten innerhalb des Islams als Juden zu enttarnen. Inzwischen hat Alloush seine Rhetorik ein wenig abgeschwächt - auch die Jaysh al-Islam kalkuliert im Schatten von Daʿesh auf eine Funktion bei der 'Stabilisierung' Syriens.

Nicht, dass das Regime Bashar al-Assads und die khomeinistische Despotie Iran, die Syrien als ihre „35ste Provinz, eine strategische Provinz“ (so der wortmächtige Mullah Mehdi Taeb) markiert hat, eine andere Opposition zugelassen hätten. Im sektiererischen Furor sind die Mujahedeen der Shiah – Hezbollah, Qods-Pasdaran, Asa'ib Ahl al-Haq, Kata'ib Sayyid al-Shuhada, Ansar Allah -, die der klerikalfaschistische Iran in die syrische Hölle abkommandiert hat, der salafistischen Konkurrenz kaum unterlegen, im Hass auf die Juden und die 'Kuffar' und in der Akkumulation des Todes sowieso nicht. Wo diese schiitische Daʿesh uneingeschränkt herrscht, in weiten Teilen Baghdads oder Tehran, verfolgen sie unnachgiebig alle, die als lebende 'Beleidigung des Islam' identifiziert werden: vermeintliche Homosexuelle, unverschleierte Frauen, junge Liebespärchen. Es liegt in ihrer Strategie, den konfessionellen Konflikt systematisch zu eskalieren. Der khomeinistische Iran verfolgt mit dieser Eskalation, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der durch eine aggressive Missionierung bis nach Syrien gestreckt wird, zu installieren. Daʿesh fungiert dem Iran hierbei als sunnitischer Komplementär. Der Iran führt indessen direkte Gespräche mit dem Feind über das Abstecken Syriens nach Konfessionen und strategischem Interesse. In der Türkei trafen sich Iraner mit Ahrar al-Sham, um zu einem Ausgleich zu kommen bei dem beidseitigen Aushungern der von Ahrar al-Sham und Jabhat al-Nusra gehaltenen strategisch sensiblen Ruine Zabadani und den in Idlib liegenden schiitischen Exklaven al-Fuaa und Kafariya. Eine Verständigung scheiterte, so Ahrar al-Sham, an dem Assad-Regime.

Einen Tag bevor Ahmet Davutoğlu vor den „Vereinten Nationen“ ausführte, dass das flüchtige Leben doch noch eine Funktion haben kann, sprach der türkische Ministerpräsident im ehrwürdigen Waldorf Astoria vor Gästen aus der türkischen Diaspora Amerikas. Davutoğlu forderte diese auf, den Kampf zu führen gegen die „armenische, griechische und jüdische Lobby“, die sich gegen das türkische Vaterland verschworen hätten. Im hundertsten Jahr nach dem Genozid an den anatolischen Christen hat Daʿish nicht nur aus Mosul, wohin einst die Todesmärsche führten, die letzten Christen und Eziden ausgestoßen, im hundertsten Jahr nach dem Genozid an den anatolischen Christen, in dessen Schatten auch den Eziden in Diyarbakır und Batman, in Urfa und Mardin nichts anderes bevorstand als Schlachtung oder Flucht, wurde nicht nur Şengal, dessen Gebirge vielen Eziden und assyrischen Christen das Überleben versprach, zum Grab gemacht. In dem hundertsten Jahr wurden nicht nur die assyerisch-christlichen Überlebenden dieses Genozids im Khabur Tal im nordöstlichen Syrien zu Geißeln. In diesem hundertsten Jahr vergeht auch kein Tag, wo in der Türkei nicht zwanghaft die empirische Uneinigkeit auf die Toten und Überlebenden projiziert wird, wo systematisch die Paranoia, die Ermordeten und Verleugneten könnten aus ihren Gräbern aufstehen und als pseudokonvertierte Christen und Juden Rache nehmen und den Spalt ins imaginierte Vaterland schlagen, gekitzelt wird.

Noch der nationalistische Furor als ideologisches Echo der Konterguerilla kommt nur ganz zu sich selbst, wo er die dem Vater Treulosen unter den Kurden, die Verräter an der propagierten türkisch-kurdischen Brüderlichkeit, als getarnte Armenier oder Pseudokonvertiten markiert. Während in diesen Tagen die Militärpolizei durch das zerschossene Cizre patrouilliert und durch das Chassis dröhnt: „Ihr seid alle Armenier, ihr seid armenische Bastarde" ist der Schlachtruf der islamisierten Nationalisten im einstigen Istanbuler Christenviertel Şişli, wo am 19. Januar 2007 Hrant Dink ermordet worden ist, „Wir verwandeln Şişli in ein armenisches Gräberfeld“.

Özcan Alper begibt sich als Regisseur in die vergangenen Tage der Türkei, die nicht enden wollen. Seine jüngste cineastische Kritik an dieser andauernden Katastrophe, „Memories of the Wind“ (Rüzgarın Hatıralar), beginnt im Jahr 1942 in Istanbul. Seine Hauptfigur Aram, ein armenischer Kommunist und Publizist, ist einer der wenigen Überlebenden der Massaker und Deportationen in den Jahren 1915 bis 1923, die in den Folgejahren einer Zwangstürkisierung ohne Hoffnung auf Assimilierung unterworfen waren. Sie galten, wie die Juden, höchstens als Kanun Türkü, „gesetzliche Türken“, mit dem ihnen eingebrannten Stigma, keine Muslime von Geburt zu sein. In Folge von Kampagnen wie Vatandaş Türkçe konuş („Landsmann, sprich türkisch“) hetzte und prügelte das nationalistische Brüllvieh Menschen mit untürkischem Zungenschlag und drang ins jüdische Charité Istanbuls ein, um die hebräische Inschrift herauszuschlagen. Vor allem das kosmopolitische Pera, das heutige Beyoğlu, sowie Izmir, die „Stadt der Ungläubigen“ (gavur şehri), provozierten mit ihren Kirchen und Synagogen.

Dieses nationalistische Milieu, brachte alsdann auch Faszination für die nationalsozialistische Erweckung der Deutschen hervor.** Cevat Rıfat Atilhan, der 1964 den Vorsitz des Kongresses Islamischer Staaten übernahm, reiste Ende 1933 auf Einladung Julius Streichers nach München, schrieb selbst für den „Stürmer“ und gründete mit Milli İnkılap („Nationale Revolution“) eine eigene türkische Variante dieser pornofaschistischen Gazette des Judenhasses. Die antisemitische Hasskampagne der Milli İnkılap 1934 traf sich mit den Plänen des Türkisierungsregimes Mustafa Kemals. Ein Deportationsgesetz vom 10. Juni 1934 markierte verschiedene Zonen für verschiedene Strategien der Menschenverschiebung. Ende Juni 1934 wurde in Folge dessen und flankiert durch eine Boykottkampagne und weitere systematische Drangsalierungen den Juden aufgezwungen, aus dem türkischen Thrakien zu flüchten. Manche zogen bis nach Barcelona, andere harrten vorerst in Istanbul aus. Mörderisch traf das Deportationsgesetz die alevitische Region Dersim, wo die Türkisierung in 50 kg schweren Bomben anflog.

Die Atmosphäre im einst kosmopolitischen Istanbul, in dem der Publizist Aram lebt, ist bedrückend. Im Mai 1941, während des deutschen Vormarsches auf dem Balkan, wurden über Nacht christliche und jüdische Männer zwischen 25 und 45 Jahren nach Zentralanatolien deportiert, wo sie in Steinbrüche oder zum Ausheben von Gräben gezwungen wurden. Der Aufruf zum Dienst am Volk sprach ausschließlich von gayri müslimleri, „Nicht-Muslimen“. Auf die Zwangsrekrutierung folgte am 12. November 1942 die Varlık Vergisi, eine Extrabesteuerung mit völlig unterschiedlichen Berechnungsschlüsseln für Muslime, Christen, Juden und Konvertiten. Eine Hasskampagne karikierte in diesen Tagen Juden als „Schieber“ und „Täuscher“, wo es doch die wuchernde Militarisierung und staatlichen Zwangsaufkäufe waren, die eine horrende Inflation heraufbeschwörten. In Istanbul mussten 90 Prozent der Steuerschuld von Christen und Juden aufgebracht werden, die systematisch in den ökonomischen Ruin gezwungen wurden. Es waren ausschließlich die Namen der jüdischen und christlichen Steuerpflichtigen, die öffentlich angeschlagen wurden. Wer nicht zahlen konnte, wurde ins östliche Aşkale deportiert, wo mit Steineschleppen oder Schneeschaufeln die Schuld beglichen werden konnte.

Arams Steuerschuld übertrifft den Wert seiner Druckpressen. Nachdem das nationalistische Brüllvieh ihn und seine Genossen überfiel, drängt ein Freund Aram, Istanbul zu verlassen. In Şavşat, an der türkisch-georgischen Grenze liegend, wird er von Mikail und seiner jüngeren aber nicht weniger mysteriösen Frau Meryem in einer im Wald eingegrabenen Berghütte untergebracht. Mikail warnt vor der Flucht in die Sowjetunion. Auch dort wäre er ein Fremder, ein der Spionage Verdächtigter. Regisseur Özcan Alper erinnert im Gespräch an Zabel Yesayan, eine armenische Überlebende des Genozids und Kommunistin aus Istanbul, die 1937 im sowjetischen Exil „separatistischer Tendenzen“ beschuldigt und 1943 in Sibirien ermordet wird. Nachdem zur Abschreckung einige Ackermänner als russische „Spione“ verhaftet werden, ist auch das Dorf im Tal von Paranoia und Angst beherrscht. Das Ausharren Arams im dichten Wald, die zermürbenden Regenfälle, das ständige Donnern ohne Aufbrechen der dunkel durchzogenen Wolken erzeugen eine physische und psychische Bedrückung als hätten Natur und Politik sich gegen den Flüchtenden verschworen. Walter Benjamin, den Özcan Alper wie Adorno, Zweig und andere Exilanten in Rüzgarın Hatıralar zitiert, hat im Exil der Starre sein Leben beendet. Flucht ohne Entkommen.

Im Gespräch erzählt Özcan Alper von der Struma, ein rumänischer Passagierdampfer, der am 15. Dezember 1941 mit 769 jüdischen Flüchtenden im Bosporus liegen bleibt. Eine defekte Maschine blockiert jedes Manövrieren. 70 Tage liegt die Struma vor Istanbul, am Rumpf bannt die verzweifelte Bitte nach Exil. Die nationalistische Journaille dagegen spricht von gewissenlosen Schleusern und kalkuliertem Schiffbruch. Am 25. Februar 1942 - die Briten weigerten sich, Einreisezertifikate für Palästina auszustellen - wird die Struma aus dem Bosporus abgeschleppt. Die Türkei überlässt sie dem Meer. Nachdem ein verirrter Torpedo sie traf, sinkt die Struma, ein einziger der jüdischen Flüchtenden überlebt.

Die Katastrophe nimmt keine Ende, sie akkumuliert andauernd Tod und Elend. Mit food porn auf Facebook oder Twitter feiern Graue und Grüne Wölfe den Tod in Ankara. 106 Menschen rissen die Detonationswellen mit in den Tod, unzählige andere, die unten den Verstümmelten ihre Freunde und Genossen erkannten, die vergebens auf die Brustkörbe der Leblosen eindrückten oder dürftig Blutungen stillten, werden von diesem Tod ihr ganzes Leben verfolgt werden. Die Polizei feierte indessen den Tod mit Reizgas. Einen Tag vor dem Massaker in Ankara ließ sich in Rize ein anderer Schwerkrimineller feiern, den alleinig seine Verstrickung in die organisierte Kriminalität des Souveräns vor lebenslänglicher Haft bewahrt hat. Dieser Sedat Peker, ein Grauer Wolf, rief zur Treue gegenüber der AK Parti auf und machte mit der einen Hand den Wolfsgruß und mit der anderen den Gruß der Muslimbrüder, die vier gespreizten Finger. „Wenn Armee und Polizei müde werden“, so Peker, „werden wir auf der Straße sein. Dann wird Blut in Strömen fließen.“ Diese Amalgamierung von nationalistischer und islamistischer Ideologie schielt nicht auf einige mehr Prozente am Urnengrab, sie droht allen anderen mit dem Grab, die aus dieser halluzinierten Einheit ausscheren. Die von Peker beschworene Einheit zwischen Muslimbrüdern und Grauen Wölfen existiert nicht in irgendeinem positiven Sinne, AKP und MHP sind sich als Konkurrenten Feinde, die Einheit wird allein konkret in der Verfolgung der Anderen: den antinationalistischen Inkarnationen der „armenischen, griechischen und jüdischen Lobby“. Nach Diyarbakır am 5. Juni und Suruç am 20. Juli mit 37 Ermordeten war es am 10. Oktober in Ankara das schwerste Massaker innerhalb weniger eines halben Jahres, das die Opposition traf. Seit dem Massaker in Ankara kommt es in allen größeren türkischen Städten zu Boykottaktionen und Protestmärschen. Ihre Rufe sind „Faşizme karşı omuz omuza" („Schulter an Schulter gegen den Faschismus“) und „Katil devlet“ („Mörder Staat“). Lassen wir sie nicht allein.

Beerdigung von Berna Koç in Izmir, einer der Ermordeten von Ankara


*  Aktualisierung hier
** Die Karriere des deutschen „Unternehmens Barbarossa“ zur finalen Annihilation der 'jüdisch-kommunistischen Verschwörung' und anschließenden Germanisierung des ausgehungerten und verbrannten Ostens Europas provozierte auch wieder den panturanistischen Wahn in der Türkei. Durch die türkische Repräsentanz in Berlin eingeführt, schlug Nuri Paşa, Bruder des Armenierschlächters Enver Paşa, den Deutschen vor, turkstämmige Muslime unter den internierten Rotarmisten zu rekrutieren. Teile dieser Turkistanischen Legion, mit 16 Bataillone integriert in die 162. Infanterie-Division, harrte noch im Mai 1945 in Berlin aus als die Türkei längst mit den Deutschen gebrochen hatte. Während hinter der Front die Vernichtung der europäischen Juden, Roma und Sinti mit der perfidesten Akribie ausgeführt worden ist, tummelten sich in Berlin deutsche Orientalisten und Turanisten mit einer Schwäche für 'erwachende Völker' sowie deren Pseudorepräsentanten wie das „Nationalturkestanische Einheitskomitee“. Auf Direktive des Blutsäufers Heinrich Himmler wurde der Qur'an nach Andeutungen durchsucht, die dazu hätten dienen können, den Muslimen Adolf Hitler als Nachfolgeprophet Mohammeds nahezubringen. Nach Ernst Kaltenbrunner, dem Vorgesetzten Adolf Eichmanns, traf dies auf die im Qur'an vorhergesagte „Wiederkehr des Lichtes des Propheten“ zu. Am 6. Dezember 1943 gestand Himmler nüchtern ein, dass „der Führer weder als Prophet noch als Mahdi“ gelten könne, viel mehr ähnle er den „im Koran vorhergesagte(n) wiedergekehrte(n) Isa“, also Jesus, der „wie der Ritter Georg, den am Ende der Welt erscheinenden Riesen und Judenkönig Dadjdjal besiegt“ (Dajjal: „Täuscher", eine Figur in der islamischen Eschatologie, die vor dem „Tag der Auferstehung“ erscheine). Von deutschen Orientalisten eingewiesene Frontimame wurden den muslimischen Bataillonen zugeteilt. Eine solche war unter dem Kommando von Harun al-Rashid, einem konvertierten Österreicher, an der Zerschlagung des jüdischen Aufstandes im Ghetto von Warszawa beteiligt. Harun al-Rashid wurde nach 1945 Esoterikautor über Wünschelruten und die Schädlichkeit von Erdstrahlen für Pflanzen.