Dienstag, 13. Oktober 2015

Die kritische Unternehmung, die alltäglichen Katastrophen in Syrien, der Türkei und Europa in Konstellation zu bringen 2ter Teil


Während das Reizgas, die Kämpfe und Panik an der ungarisch-serbischen Grenze die syrischen Geflüchteten damit konfrontierten, dass es ihr Stigma sein muss, Ghouta überlebt zu haben, schraubten die Deutschen an ihrer Asylgesetzgebung, die alsbald die Mehrheit der Durchgekommenen mit einem systematischen Aushungern bedroht: Wer irgendwo anders in das System „Dublin III“ hineingezwungen wurde, wird von allem ausgesperrt, was bis dahin seine physische Existenz garantierte. Das einzige, was ihm noch gewährt wird, wäre das Ticket dahin, wo er der Registrierung nicht entkommen konnte*, also nach Ungarn, wo das nationalkonservative Fidesz-Regime mit jenen konkurriert, die auf den Mordbefehl bei illegalem Grenzübertritt drängen, oder in andere Staaten fürs Grobe. Das perfide Kalkül ist es, den entscheidenden Prellbock wider wilder Migration außerhalb Europas zu installieren. In türkischen, von den Europäern finanzierten Screeningszentren sollen die noch im Transit ausharrenden Geflüchteten aus der syrischen oder irakischen Hölle aufgestaut werden, wo nur den wenigsten von ihnen die Gnade des Exils zu kommen wird. Wo im türkischen Südosten das Militärregime sich wieder erhebt, inklusive den Methoden vergangener Tage: die Abriegelung ganzer Distrikte, tägliche Inhaftnahmen von Oppositionellen, extra-legale Hinrichtungen und erzwungenes Verschwinden, das Schänden von Toten und Niederwalzen von Gräbern als Drohung an die Lebenden, wollen einige Europäer dieses Regime der türkischen Muslimbrüder als das verabsolutieren, wonach der europäische Abschiebeapparat und die türkische Propaganda zugleich verlangen: zu einem Souverän, dessen väterliche Liebe keiner zu fürchten habe - außer diejenigen, die den Vater nicht ehren.

Ahmet Davutoğlu konterte jüngst vor den „Vereinten Nationen“ diesem perfiden Kalkül der Europäer mit einem noch perfideren Kalkül: In einer endloser Prärie aus Containern in Nordsyrien, zwischen Azaz und Cerablus, könnten demnach bis zu eine Million Menschen aufgestaut werden. Damit würden die im türkischen Transit ausharrenden syrischen Exilanten zur Vorrichtung gemacht werden, um eine Anbindung von Efrîn, dem westlichsten Kanton Syrisch-Kurdistans, an die beiden östlichen, Kobanê und Hesîçe, zu verunmöglichen. Die Kontrolle über jene zerrissene Region würden, sobald diese militärisch gesichert ist, Kollaborateure aus der syrischen Menschenschlacht übernehmen – zu einigen kommen wir noch flüchtig.

Als im Juni die YPG, die De-Facto-Armee Syrisch-Kurdistans, die türkisch-syrische Grenzstadt Girê Spî (arabisch: Tel Abyad) einnahm, und in der Folge das westlich gelegene Kobanê mit dem östlichen Serê Kaniyê vereinte, empörte sich das Regime der türkischen Muslimbrüder, die „terroristische“ YPG zwinge bei ihrem militärischen Vorstoß systematisch verbrüderte Turkmenen und Araber in die Flucht. Einige der schlagkräftigsten islamistischen Milizen - unter ihnen die mit al-Qaida verschwägerte Ahrar al-Sham, die saudisch inspirierte Jaysh al-Islam sowie die aus dem ideologischen Milieu der Muslimbrüder kommenden und mit Qatar assoziierten Faylaq al-Sham und Jaysh al-Mujahedeen - erhoben in einem Brandbrief dieselbe Beschuldigung. Die YPG widersprach den Gerüchten wie auch die arabischen Alliierten von der Burkan al-Furat und die vor den Kämpfen Geflüchteten. Droht in den kommenden Tagen mit der Einnahme von Cerablus durch die YPG das noch einzig verbliebene Nadelöhr der islamistischen Genozideure von Daʿesh gestopft zu werden, kursieren wieder dieselben Gerüchte. Vorgebracht werden sie von einer panturanistischen Organisation exilierter syrischer Turkmenen mit Sitz in Istanbul und eigenem militärischen Flügel in der syrischen Hölle. Ihr Repräsentant Abdurrahman Mustafa begrüßte den Vorschlag von Ahmet Davutoğlu, in der Region um Azaz und Cerablus Flüchtende zu konzentrieren, ausdrücklich als Prellbock wider der „terroristischen“ YPG. Beschwören diese turkmenischen Nationalisten noch die Einheit Syriens, ist ihre Ideologie ein Abgleich des völkischen und islamistischen Ideologieamalgam der Grauen Wölfe. Ihr Batı Türkmeneli („Östliches Turkmenistan“) greift von Idlib über Halab und Rakka nach al-Hasakah, die Namen der Brigaden und Bataillone ihres militärischen Flügels bezeugen die neuosmanische Regression. Benannt sind sie nach Sultan Murad, Abdülhamit Han, Fatih Sultan Mehmed und Yıldırım Bayezid. Mit Burak Mişinci schloss sich ihnen ein Grauer Wolf aus Istanbul an, in seinen Abschiedsworten beschwor er den Wunsch, in Syrien Aleviten und Armenier zu enthaupten. Zu seiner Märtyrerbeerdigung in Maltepe im anatolischen Istanbul kamen auch Parteifunktionäre der MHP; das Banner, unter dem sich die Trauernden einfanden, trug die Drohung: „Auch wenn unser Blut fließt, der Sieg gehört dem Islam“. Wie in der türkischen Verschwörungsindustrie, in der systematisch die phantasierten und realen Feinde des Vaterlands aus dem Islam exkommuniziert, also zu 'Krypto-Juden' oder 'camouflierten Christen' transformiert werden, wird in diesem panturanistischen Milieu die PKK als getarnte Nachfolgeorganisation der armenischen Rachebrigade Asala denunziert.

Die Region um Azaz und Cerablus, wo nach Ahmet Davutoğlu ein Teil der syrischen Flüchtenden konzentriert werden soll, entspricht der Pufferzone, die das türkische Regime der Muslimbrüder gegenüber den US-Amerikanern und Europäern einfordert. Die noch zu anrüchige Jabhat al-Nusra, die offizielle Filiale von al-Qaida in der syrische Hölle, übertrug inzwischen die Kontrolle einiger ihrer Territorien an die Sultan Murad Brigade, die in den Koalitionen „Fatah Halab“ und „Ansar al-Sharia“ mit al-Nusra, Ahrar al-Sham, Jaysh al-Islam, Faylaq al-Sham sowie weiteren islamistischen Brigaden kooperiert. Vereint drohen sie im Moment den YPG-kontrollierten Distrikt Sheikh Maqsood im nördlichen Halab auszuhungern. In einer Fatwa identifiziert die Fatah Halab die YPG als Kuffar, als „Ungläubige“.

Neben den Turkmenen-Brigaden sind Ahrar al-Sham, Jaysh al-Islam und Faylaq al-Sham die zentralen Kooperationspartner des Regimes der türkischen Muslimbrüder. Jaysh al-Islam und Jaysh al-Mujahedeen haben der Türkei ihre konkrete Solidarität wider der „Ungläubigen“ der PKK ausgesprochen, Ahrar al-Sham schloss sich der Forderung nach einer Pufferzone an, die YPG und Daʿesh aussperren soll. Die Ideologie dieser Nationaljihadisten integriert sich in den nicht nur kolportierten Schlafruf „Christen nach Beirut, Alawiten ins Grab“. Zahran Alloush, Kommandant der Jaysh al-Islam, propagierte noch zu Ramadan 2013 die Reinigung Syriens von den „Rafida“, „den Ablehnenden“ wie die Angehörigen der Shiah verächtlich genannt werden, von „Nusairiern“, die von der Assad-Despotie in Geiselhaft gehaltene religiöse Minorität der Alawiten, sowie von „Feueranbetern“, den Zoroastriern. Die religiöse Minorität der Alawiten, so Alloush, sei ungläubiger als Juden und Christen, was ihn nicht davon abhält, Konkurrenten innerhalb des Islams als Juden zu enttarnen. Inzwischen hat Alloush seine Rhetorik ein wenig abgeschwächt - auch die Jaysh al-Islam kalkuliert im Schatten von Daʿesh auf eine Funktion bei der 'Stabilisierung' Syriens.

Nicht, dass das Regime Bashar al-Assads und die khomeinistische Despotie Iran, die Syrien als ihre „35ste Provinz, eine strategische Provinz“ (so der wortmächtige Mullah Mehdi Taeb) markiert hat, eine andere Opposition zugelassen hätten. Im sektiererischen Furor sind die Mujahedeen der Shiah – Hezbollah, Qods-Pasdaran, Asa'ib Ahl al-Haq, Kata'ib Sayyid al-Shuhada, Ansar Allah -, die der klerikalfaschistische Iran in die syrische Hölle abkommandiert hat, der salafistischen Konkurrenz kaum unterlegen, im Hass auf die Juden und die 'Kuffar' und in der Akkumulation des Todes sowieso nicht. Wo diese schiitische Daʿesh uneingeschränkt herrscht, in weiten Teilen Baghdads oder Tehran, verfolgen sie unnachgiebig alle, die als lebende 'Beleidigung des Islam' identifiziert werden: vermeintliche Homosexuelle, unverschleierte Frauen, junge Liebespärchen. Es liegt in ihrer Strategie, den konfessionellen Konflikt systematisch zu eskalieren. Der khomeinistische Iran verfolgt mit dieser Eskalation, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der durch eine aggressive Missionierung bis nach Syrien gestreckt wird, zu installieren. Daʿesh fungiert dem Iran hierbei als sunnitischer Komplementär. Der Iran führt indessen direkte Gespräche mit dem Feind über das Abstecken Syriens nach Konfessionen und strategischem Interesse. In der Türkei trafen sich Iraner mit Ahrar al-Sham, um zu einem Ausgleich zu kommen bei dem beidseitigen Aushungern der von Ahrar al-Sham und Jabhat al-Nusra gehaltenen strategisch sensiblen Ruine Zabadani und den in Idlib liegenden schiitischen Exklaven al-Fuaa und Kafariya. Eine Verständigung scheiterte, so Ahrar al-Sham, an dem Assad-Regime.

Einen Tag bevor Ahmet Davutoğlu vor den „Vereinten Nationen“ ausführte, dass das flüchtige Leben doch noch eine Funktion haben kann, sprach der türkische Ministerpräsident im ehrwürdigen Waldorf Astoria vor Gästen aus der türkischen Diaspora Amerikas. Davutoğlu forderte diese auf, den Kampf zu führen gegen die „armenische, griechische und jüdische Lobby“, die sich gegen das türkische Vaterland verschworen hätten. Im hundertsten Jahr nach dem Genozid an den anatolischen Christen hat Daʿish nicht nur aus Mosul, wohin einst die Todesmärsche führten, die letzten Christen und Eziden ausgestoßen, im hundertsten Jahr nach dem Genozid an den anatolischen Christen, in dessen Schatten auch den Eziden in Diyarbakır und Batman, in Urfa und Mardin nichts anderes bevorstand als Schlachtung oder Flucht, wurde nicht nur Şengal, dessen Gebirge vielen Eziden und assyrischen Christen das Überleben versprach, zum Grab gemacht. In dem hundertsten Jahr wurden nicht nur die assyerisch-christlichen Überlebenden dieses Genozids im Khabur Tal im nordöstlichen Syrien zu Geißeln. In diesem hundertsten Jahr vergeht auch kein Tag, wo in der Türkei nicht zwanghaft die empirische Uneinigkeit auf die Toten und Überlebenden projiziert wird, wo systematisch die Paranoia, die Ermordeten und Verleugneten könnten aus ihren Gräbern aufstehen und als pseudokonvertierte Christen und Juden Rache nehmen und den Spalt ins imaginierte Vaterland schlagen, gekitzelt wird.

Noch der nationalistische Furor als ideologisches Echo der Konterguerilla kommt nur ganz zu sich selbst, wo er die dem Vater Treulosen unter den Kurden, die Verräter an der propagierten türkisch-kurdischen Brüderlichkeit, als getarnte Armenier oder Pseudokonvertiten markiert. Während in diesen Tagen die Militärpolizei durch das zerschossene Cizre patrouilliert und durch das Chassis dröhnt: „Ihr seid alle Armenier, ihr seid armenische Bastarde" ist der Schlachtruf der islamisierten Nationalisten im einstigen Istanbuler Christenviertel Şişli, wo am 19. Januar 2007 Hrant Dink ermordet worden ist, „Wir verwandeln Şişli in ein armenisches Gräberfeld“.

Özcan Alper begibt sich als Regisseur in die vergangenen Tage der Türkei, die nicht enden wollen. Seine jüngste cineastische Kritik an dieser andauernden Katastrophe, „Memories of the Wind“ (Rüzgarın Hatıralar), beginnt im Jahr 1942 in Istanbul. Seine Hauptfigur Aram, ein armenischer Kommunist und Publizist, ist einer der wenigen Überlebenden der Massaker und Deportationen in den Jahren 1915 bis 1923, die in den Folgejahren einer Zwangstürkisierung ohne Hoffnung auf Assimilierung unterworfen waren. Sie galten, wie die Juden, höchstens als Kanun Türkü, „gesetzliche Türken“, mit dem ihnen eingebrannten Stigma, keine Muslime von Geburt zu sein. In Folge von Kampagnen wie Vatandaş Türkçe konuş („Landsmann, sprich türkisch“) hetzte und prügelte das nationalistische Brüllvieh Menschen mit untürkischem Zungenschlag und drang ins jüdische Charité Istanbuls ein, um die hebräische Inschrift herauszuschlagen. Vor allem das kosmopolitische Pera, das heutige Beyoğlu, sowie Izmir, die „Stadt der Ungläubigen“ (gavur şehri), provozierten mit ihren Kirchen und Synagogen.

Dieses nationalistische Milieu, brachte alsdann auch Faszination für die nationalsozialistische Erweckung der Deutschen hervor.** Cevat Rıfat Atilhan, der 1964 den Vorsitz des Kongresses Islamischer Staaten übernahm, reiste Ende 1933 auf Einladung Julius Streichers nach München, schrieb selbst für den „Stürmer“ und gründete mit Milli İnkılap („Nationale Revolution“) eine eigene türkische Variante dieser pornofaschistischen Gazette des Judenhasses. Die antisemitische Hasskampagne der Milli İnkılap 1934 traf sich mit den Plänen des Türkisierungsregimes Mustafa Kemals. Ein Deportationsgesetz vom 10. Juni 1934 markierte verschiedene Zonen für verschiedene Strategien der Menschenverschiebung. Ende Juni 1934 wurde in Folge dessen und flankiert durch eine Boykottkampagne und weitere systematische Drangsalierungen den Juden aufgezwungen, aus dem türkischen Thrakien zu flüchten. Manche zogen bis nach Barcelona, andere harrten vorerst in Istanbul aus. Mörderisch traf das Deportationsgesetz die alevitische Region Dersim, wo die Türkisierung in 50 kg schweren Bomben anflog.

Die Atmosphäre im einst kosmopolitischen Istanbul, in dem der Publizist Aram lebt, ist bedrückend. Im Mai 1941, während des deutschen Vormarsches auf dem Balkan, wurden über Nacht christliche und jüdische Männer zwischen 25 und 45 Jahren nach Zentralanatolien deportiert, wo sie in Steinbrüche oder zum Ausheben von Gräben gezwungen wurden. Der Aufruf zum Dienst am Volk sprach ausschließlich von gayri müslimleri, „Nicht-Muslimen“. Auf die Zwangsrekrutierung folgte am 12. November 1942 die Varlık Vergisi, eine Extrabesteuerung mit völlig unterschiedlichen Berechnungsschlüsseln für Muslime, Christen, Juden und Konvertiten. Eine Hasskampagne karikierte in diesen Tagen Juden als „Schieber“ und „Täuscher“, wo es doch die wuchernde Militarisierung und staatlichen Zwangsaufkäufe waren, die eine horrende Inflation heraufbeschwörten. In Istanbul mussten 90 Prozent der Steuerschuld von Christen und Juden aufgebracht werden, die systematisch in den ökonomischen Ruin gezwungen wurden. Es waren ausschließlich die Namen der jüdischen und christlichen Steuerpflichtigen, die öffentlich angeschlagen wurden. Wer nicht zahlen konnte, wurde ins östliche Aşkale deportiert, wo mit Steineschleppen oder Schneeschaufeln die Schuld beglichen werden konnte.

Arams Steuerschuld übertrifft den Wert seiner Druckpressen. Nachdem das nationalistische Brüllvieh ihn und seine Genossen überfiel, drängt ein Freund Aram, Istanbul zu verlassen. In Şavşat, an der türkisch-georgischen Grenze liegend, wird er von Mikail und seiner jüngeren aber nicht weniger mysteriösen Frau Meryem in einer im Wald eingegrabenen Berghütte untergebracht. Mikail warnt vor der Flucht in die Sowjetunion. Auch dort wäre er ein Fremder, ein der Spionage Verdächtigter. Regisseur Özcan Alper erinnert im Gespräch an Zabel Yesayan, eine armenische Überlebende des Genozids und Kommunistin aus Istanbul, die 1937 im sowjetischen Exil „separatistischer Tendenzen“ beschuldigt und 1943 in Sibirien ermordet wird. Nachdem zur Abschreckung einige Ackermänner als russische „Spione“ verhaftet werden, ist auch das Dorf im Tal von Paranoia und Angst beherrscht. Das Ausharren Arams im dichten Wald, die zermürbenden Regenfälle, das ständige Donnern ohne Aufbrechen der dunkel durchzogenen Wolken erzeugen eine physische und psychische Bedrückung als hätten Natur und Politik sich gegen den Flüchtenden verschworen. Walter Benjamin, den Özcan Alper wie Adorno, Zweig und andere Exilanten in Rüzgarın Hatıralar zitiert, hat im Exil der Starre sein Leben beendet. Flucht ohne Entkommen.

Im Gespräch erzählt Özcan Alper von der Struma, ein rumänischer Passagierdampfer, der am 15. Dezember 1941 mit 769 jüdischen Flüchtenden im Bosporus liegen bleibt. Eine defekte Maschine blockiert jedes Manövrieren. 70 Tage liegt die Struma vor Istanbul, am Rumpf bannt die verzweifelte Bitte nach Exil. Die nationalistische Journaille dagegen spricht von gewissenlosen Schleusern und kalkuliertem Schiffbruch. Am 25. Februar 1942 - die Briten weigerten sich, Einreisezertifikate für Palästina auszustellen - wird die Struma aus dem Bosporus abgeschleppt. Die Türkei überlässt sie dem Meer. Nachdem ein verirrter Torpedo sie traf, sinkt die Struma, ein einziger der jüdischen Flüchtenden überlebt.

Die Katastrophe nimmt keine Ende, sie akkumuliert andauernd Tod und Elend. Mit food porn auf Facebook oder Twitter feiern Graue und Grüne Wölfe den Tod in Ankara. 106 Menschen rissen die Detonationswellen mit in den Tod, unzählige andere, die unten den Verstümmelten ihre Freunde und Genossen erkannten, die vergebens auf die Brustkörbe der Leblosen eindrückten oder dürftig Blutungen stillten, werden von diesem Tod ihr ganzes Leben verfolgt werden. Die Polizei feierte indessen den Tod mit Reizgas. Einen Tag vor dem Massaker in Ankara ließ sich in Rize ein anderer Schwerkrimineller feiern, den alleinig seine Verstrickung in die organisierte Kriminalität des Souveräns vor lebenslänglicher Haft bewahrt hat. Dieser Sedat Peker, ein Grauer Wolf, rief zur Treue gegenüber der AK Parti auf und machte mit der einen Hand den Wolfsgruß und mit der anderen den Gruß der Muslimbrüder, die vier gespreizten Finger. „Wenn Armee und Polizei müde werden“, so Peker, „werden wir auf der Straße sein. Dann wird Blut in Strömen fließen.“ Diese Amalgamierung von nationalistischer und islamistischer Ideologie schielt nicht auf einige mehr Prozente am Urnengrab, sie droht allen anderen mit dem Grab, die aus dieser halluzinierten Einheit ausscheren. Die von Peker beschworene Einheit zwischen Muslimbrüdern und Grauen Wölfen existiert nicht in irgendeinem positiven Sinne, AKP und MHP sind sich als Konkurrenten Feinde, die Einheit wird allein konkret in der Verfolgung der Anderen: den antinationalistischen Inkarnationen der „armenischen, griechischen und jüdischen Lobby“. Nach Diyarbakır am 5. Juni und Suruç am 20. Juli mit 37 Ermordeten war es am 10. Oktober in Ankara das schwerste Massaker innerhalb weniger eines halben Jahres, das die Opposition traf. Seit dem Massaker in Ankara kommt es in allen größeren türkischen Städten zu Boykottaktionen und Protestmärschen. Ihre Rufe sind „Faşizme karşı omuz omuza" („Schulter an Schulter gegen den Faschismus“) und „Katil devlet“ („Mörder Staat“). Lassen wir sie nicht allein.

Beerdigung von Berna Koç in Izmir, einer der Ermordeten von Ankara


*  Aktualisierung hier
** Die Karriere des deutschen „Unternehmens Barbarossa“ zur finalen Annihilation der 'jüdisch-kommunistischen Verschwörung' und anschließenden Germanisierung des ausgehungerten und verbrannten Ostens Europas provozierte auch wieder den panturanistischen Wahn in der Türkei. Durch die türkische Repräsentanz in Berlin eingeführt, schlug Nuri Paşa, Bruder des Armenierschlächters Enver Paşa, den Deutschen vor, turkstämmige Muslime unter den internierten Rotarmisten zu rekrutieren. Teile dieser Turkistanischen Legion, mit 16 Bataillone integriert in die 162. Infanterie-Division, harrte noch im Mai 1945 in Berlin aus als die Türkei längst mit den Deutschen gebrochen hatte. Während hinter der Front die Vernichtung der europäischen Juden, Roma und Sinti mit der perfidesten Akribie ausgeführt worden ist, tummelten sich in Berlin deutsche Orientalisten und Turanisten mit einer Schwäche für 'erwachende Völker' sowie deren Pseudorepräsentanten wie das „Nationalturkestanische Einheitskomitee“. Auf Direktive des Blutsäufers Heinrich Himmler wurde der Qur'an nach Andeutungen durchsucht, die dazu hätten dienen können, den Muslimen Adolf Hitler als Nachfolgeprophet Mohammeds nahezubringen. Nach Ernst Kaltenbrunner, dem Vorgesetzten Adolf Eichmanns, traf dies auf die im Qur'an vorhergesagte „Wiederkehr des Lichtes des Propheten“ zu. Am 6. Dezember 1943 gestand Himmler nüchtern ein, dass „der Führer weder als Prophet noch als Mahdi“ gelten könne, viel mehr ähnle er den „im Koran vorhergesagte(n) wiedergekehrte(n) Isa“, also Jesus, der „wie der Ritter Georg, den am Ende der Welt erscheinenden Riesen und Judenkönig Dadjdjal besiegt“ (Dajjal: „Täuscher", eine Figur in der islamischen Eschatologie, die vor dem „Tag der Auferstehung“ erscheine). Von deutschen Orientalisten eingewiesene Frontimame wurden den muslimischen Bataillonen zugeteilt. Eine solche war unter dem Kommando von Harun al-Rashid, einem konvertierten Österreicher, an der Zerschlagung des jüdischen Aufstandes im Ghetto von Warszawa beteiligt. Harun al-Rashid wurde nach 1945 Esoterikautor über Wünschelruten und die Schädlichkeit von Erdstrahlen für Pflanzen. 

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