Sonntag, 13. September 2015

Flugschrift zur faschistischen Mobilmachung in der Türkei


Abdurrahim Boynukalın ist der Prototyp des frommen Karrieristen. Der nunmehr 28jährige Vorsitzende der AK Parti Jugend absolvierte die ehrwürdige City Universität in London, verfügt über einen Master in Medienkommunikation sowie über ein gepflegtes Äußeres auf Instagram, Facebook und Twitter, wo er bei Allah um Beistand für die syrische al-Qaida, die Jabhat al-Nusra, bittet. Abdurrahim Boynukalın war es, der das Brüllvieh orchestrierte, das jüngst die Redaktion der kemalistisch-laizistischen „Hürriyet“ demolierte. Sie seien nicht gekommen als „Individuen aus der AK Parti“, so Abdurrahim Boynukalın bevor das Glas zersprang, sie seien gekommen als „Brüder all unserer Märtyrer, unserer Brüder aus der Ummah, in Syrien, dem Irak und Myanmar“. Sie drohen all ihren Kritikern nicht allein damit, dass ihnen der türkische Repressionsapparat eigen ist, sie drohen allen als 'Ungläubige' markierten Kritikern, an ihnen Rache zu nehmen für die 'Märtyrer der Ummah' .

Einige andere fromme Karrieristen, die ihren Erfolg an das Regime der AK Parti knüpfen, sind die „Anatolischen Löwen“ (Anadolu Aslanları İşadamları Derneği - ASKON), eine Interessenvertretung muslimischer Industrieller. In absoluter Loyalität äußern sie sich auch über Politik. Und sich dem Wahn hingebend vereinigen sie nahezu alle kursierenden Verschwörungsgerüchte. Während der Erhebung im Jahr 2013 gegen die Despotie der AK Parti inserierten sie eine Solidaritätsadresse an ihren Atatürk Tayyip Erdoğan. Der Protest könne nur eine Verschwörung sein, da er doch in jenem Moment aufkomme, wo der “Tyrann Israel” sich die Nase reibe, wo die Türkei unter der AK Parti bald den letzten Zins abzahle und sie den “unterdrückten Völkern” den Pfad vorgetrampelt habe. Nicht anders in diesen Tagen: Die PKK ist ihnen ein terroristisches Instrument der Imperialisten, eine perfide Strategie, um Chaos zu säen und Unterwürfigkeit zu ernten.

Im Wahn von der Spaltung konkurrieren islamisierte Nationalisten wie die Grauen Wölfe und nationalisierte Islamisten wie die Muslimbrüder der AK Parti. Dieser Wahn gründet wie die türkische Nation selbst im Genozid an den anatolischen Christen und in einer Tradition an Pogromen und Verfolgungen von allen weiteren nicht-muslimischen und nicht-türkischen Minoritäten. Die Paranoia, die Ermordeten und Verleugneten könnten aus ihren Gräbern aufstehen und als pseudokonvertierte Christen und Juden, als 'zionistische Konspiration' oder 'armenische Diaspora' Rache nehmen und den Keil ins imaginierte Vaterland treiben, ist das Bindeglied zwischen diesen faschistischen Ideologen. Die verdrängte und projizierte Schuld schlägt um in präventive Aggression.

Der Verschwörungswahn ist die geistige Abrichtung auf das Pogrom. Systematisch suchten in den vergangenen Tagen Grüne und Graue Wölfe die Parteibüros der säkularen und antinationalistischen Halkların Demokratik Partisi (HDP) auf, nachdem das absurde Gerücht kolportiert worden ist, der Co-Vorsitzende der Oppositionspartei, Selahattin Demirtaş, sei der Dunkelmann hinter den Soldatenmorden. Unter dem Gebrüll „Allahu Akbar“ und „Märtyrer sterben nicht, das Vaterland ist nicht zu teilen“ („Şehitler Ölmez Vatan Bölünmez“) gingen Provinzbüros in Brand auf, selbst in der Ankaraer Parteizentrale brannte es, den Bedrängten gelang mit Fortuna die Flucht. Anderswo wurden Restaurants, die dem Verdacht nach „kurdisch“ sind, demoliert, Passagiere auf der Fahrt in den Südosten im Steinhagel eingegraben, Kurden verprügelt und gezwungen, die türkische Flagge oder Statuen Atatürks zu küssen. Die Szenerie glich sich in Istanbul, Ankara, Bursa, Izmir, Antalya, Konya, Malatya, Kayseri und nahezu allen weiteren türkischen Provinzen. Während die Militärpolizei durch das zerschossene Cizre patrouilliert und durch das Chassis dröhnt: "Ihr seid alle Armenier, ihr seid armenische Bastarde" (Hepiniz Ermenisiniz, Ermeni Piçisiniz), ist der Schlachtruf der islamisierten Nationalisten im einstigen Istanbuler Christenviertel Şişli, wo am 19. Januar 2007 Hrant Dink ermordet worden ist, „Wir verwandeln Şişli in ein armenisches Gräberfeld“. Ergänzt wird diese Mordphantasie durch den Unterschied, den Graue Wölfe selbst zwischen sich und dem Regime der AK Parti machen: "Wir wollen keine Militäroperation, wir wollen ein Massaker" (Operasyon değil, katliam istiyoruz).

„Chaos oder Stabilität“, droht das Regime der AK Parti und beschwört, falls sich doch gegen sie entschieden wird, den Tod. Taner Yildiz, Muslimbrüder in Ministerwürden, sinnt es danach, „als Märtyrer für Vaterland, Religion und Nation zu sterben“ - überlässt diese Ehre aber natürlich anderen. Der nationalistische Furor eskaliert indessen auch in der türkischen Diaspora. Ein kurdischer Flüchtling, der syrischen Hölle aus Assads barrel bombs und jihadistischem Halsabschneiderkommando entkommen, wurde in Hannover an der Halsschlagader getroffen, nachdem ein Rudel an Grauen Wölfen über ihn herfiel. Er überlebte nur knapp. Auch anderswo kommt es zu Übergriffen.

Wie auch bei den nur durch groben Zufall nicht tödlich endenden Aggressionen von Freunden des genozidalen Jihads gegenüber Eziden und anderen im vergangenen Jahr in Herford, Solingen und anderswo, droht wieder, dass auch in diesen Tagen die Bluttaten geschehen ohne dass Ideologiekritiker islamistischer und nationalistischer Barbarei konsequent Partei ergreifen. Es droht erneut, dass sie den Schlächtern die Entscheidung über Leben und Tod all jener überlassen, die dem Gebrüll nach Unterwerfung, nach absoluter Einheit unter der blutgetränkten Flagge mit Halbmond, also der nationalistischen und islamistischen Hetze nicht folgen. Nach Syrien droht auch die Türkei in den Höllenschlund aus Repression und Racketisierung abzurutschen. Und wieder schweigen wir als kosmopolitische Kommunisten.

Lassen wir die Verfolgten nicht allein. Tod der Barbarei.


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