Mittwoch, 14. Januar 2026

Flugschrift Feuer und Flamme der khomeinistischen Despotie

 

Es war eine der ersten Sequenzen, die nach Beginn des Shutdowns durchdrangen. Man empfand Freude und Erleichterung zugleich nach Stunden der Ungewissheit. Wo man gegossenes Blei und Tod erwartete, waren einzig Abertausende in Freude zu sehen. Frauen schwenkten, wie während der Proteste nach dem misogynen Mord an Jina Amini, ihren Schal über kleine Feuer. Und einige junge Männer tanzten einen kurdischen Halparke. Tage später las ich bei dem Journalisten Saman Rasoulpour, dass wenige Minuten nach diesen Momenten der Freude jene in Teheran-Punak tanzenden Männer ermordet wurden. Einer von ihnen war Siavash Shirzad aus dem kurdischen Bukan. Seine Leiche wurde in das forensische Zentrum nach Kahrizak, südlich von Teheran, gebracht. Der Familie, die aus Bukan anreiste, wurde eine hohe Gebühr abverlangt, so genanntes »Munitionsgeld«, nur um die schwarze Leichenhülle von Siavash sehen zu dürfen. Eine von tausenden schwarzen Leichenhüllen in Kahrizak. Sie sind nummeriert. Siavash ist die 12647. Da das kurdische Bukan eine Tradition im Widerstand hat, wurde die Familie gezwungen, Siavash in einer ruralen Gemeinde zu beerdigen. Bei Unnachgiebigkeit wurde ihr als Konsequenz angedroht, dass Siavash in einem anonymen Grab verscharrt werde.

 Ein Bodycount von mehr als 12.000 Ermordeten innerhalb weniger Tage erscheint einem als so dystopisch-surreal, dass man noch am Wahrheitsgehalt zu zweifeln geneigt ist. Selbst in den dunkelsten Phasen der syrischen Katastrophe war der Bodycount auch nur halb so hoch. Währenddessen identifizieren Organisationen wie Hengaw bei andauerndem Shutdown mehr und mehr der Ermordeten und geben den Toten in den schwarzen Leichenhüllen einen Namen. Wie Siavash.

 Als innerhalb weniger Tage im November 2019 unter einem Shutdown der virtuellen Kommunikationssphäre Hunderte Protestierende im Iran ermordet wurden, harrten die Europäer geduldig aus, bis das Regime den Triumph über die »feindliche Verschwörung« ausgerufen hatte. Nach den Massakern warteten Auswärtiges Amt und Europäische Union mit der notorischen Phrase auf: das »Recht auf friedlichen Protest« müsse gewahrt sein – gewahrt blieb wahrlich nur die Pietät der Schlächter. Die Tage zuvor brannten im Iran die Filialen jener Finanzinstitute, die mit der Wächterarmee der Islamischen Revolution assoziiert sind, und auch so manches theologische Seminar der tugendterroristischen Geistlichkeit. In den Slogans sprachen sich die Protestierenden entschieden gegen das Regime als falsches Ganze und seine aggressive Krisenexorzierung aus.

 Zu Beginn des Jahres 2020, nach der Tötung eines der Strategen dieser Krisenexorzierung, Qasem Soleimani, war das deutsche Interesse an dem Iran wieder ein anderes. Sie spekulierten auf jenen Iran, der identisch ist mit den eigenen Projektionen: zutiefst gekränkt, vereint im Hass auf die imperiale Arroganz, zu beschwichtigen nur durch kritischen Dialog. Der Spiegel reproduzierte die Lüge von der Einheit mit einem stundenlangen Livestream von der Märtyrerprozession. Das ARTE Journal verhöhnte jene, die der Blasphemie gegenüber Soleimani verdächtigt und verhaftet wurden: »Selten waren die Iraner so vereint wie in diesen Tagen.« Was auf das europäische Publikum wie ein Gewusel und spontaner Prozess der Anteilnahme zu wirken vermochte, war in Wahrheit eine gewaltige Anstrengung des Regimes, Stabilität zu simulieren, wo Implosion droht, und die US-Amerikaner zu überzeugen, was die Europäer verinnerlicht haben: die Aussichtslosigkeit eines Regimechange. Während eine Charaktermaske wie Rolf Mützenich noch von der »Einigkeit« der Iraner im Verlangen nach Rache raunte, brachen wenige Tage nach der Märtyrerprozession in Teheran, Mashhad und anderswo im Iran erneut Massenproteste aus. Die penetrante Märtyrerdekoration mit dem Antlitz des getöteten »Volkshelden« wurde heruntergerissen, in den Protestslogans wurde Soleimani als Bluthund von Ali Khamenei charakterisiert und die Wächterarmee der Islamischen Revolution, deren Generalmajor er war, eine iranische Variante des staatenlosen Islamischen Staates gerufen.

 Der »Volksheld« deutscher Projektionen, dem man noch »Kultstatus« nachsagte, als er von Iranern als »Qasem Kotlet« verhöhnt wurde, zerfällt in diesen Tagen endgültig zu Staub. Seine Statuen werden zertrümmert, die penetrante Märtyrerdekoration mit seinem Antlitz verbrannt, in Kerman, wo Soleimani begraben ist, wie anderswo im Iran auch, das baldige Ende des Regimes herbeigerufen. Während der Novemberproteste 2019 hatte in der Tagesschau die Korrespondentin Karin Senz empfohlen, an die Iraner zu denken und innerlich Anteil zu nehmen, aber schweigend auszuharren. Europa, so Senz, müsse sich vorrangig darauf konzentrieren, das JCPOA-Vertragswerk wieder zur Geltung zu bringen. Dafür bedürfe es »große(r) Diplomaten« – europäischer natürlich. So debil einem ihre Worte erschienen, sprach Senz den Wesenskern deutscher Politik gegenüber der khomeinistischen Despotie aus. 

 Der schändlichen Blamage jener deutschen Unternehmung, das khomeinistische Regime zum »Stabilisierungsfaktor in der Region« zu machen, ist sich das Auswärtige Amt inzwischen bewusst. Auch wäre heute keiner der deutschen Korrespondenten jüngerer Generation noch so schamlos, von dem »Potenzial« zu raunen, »Reformen im Parlament zu diskutieren«, wie Jörg Brase angesichts der Proteste infolge des misogynen Mordes an Mahsa Amini. Doch das Echo jenes Aufrufes zum quietistischen Ausharren hallt nach wie vor nach. In den Tagesthemen sprach der gefragteste unter den deutschen Orientalisten, Daniel Gerlach, davon, dass die US-amerikanischen Zusicherungen, angesichts drohender Massaker nicht auszuharren, dem Regime jene »Argumente« darbringt, um die Proteste »wirklich« wie eine militante Insurrektion zu kontern.

 Nach dem Bloody Aban im Jahr 2019 hätte jeder wissen müssen, dass jede weitere Erhebung mit dem Potenzial, das Regime existenziell zu bedrohen, Abertausende Tote unter den Revolutionären einfordern wird. Wer angesichts dieser düsteren Aussicht weiterhin nicht gewillt ist, vor dem Regime zu kapitulieren, kann nicht anders, als jene Szenarien durchzudenken, bei denen die Todesindustrie des Regimes durch Sabotage und militärische Präzision drastisch geschwächt wird. Da in Europa ein Bruch mit dem quietistischen Ausharren als Worst-Case-Szenario denunziert wird, bleibt den iranischen Revolutionären nunmehr nichts Weiteres, als auf einen konkreten Beistand durch die US-Amerikaner zu hoffen, deren Präsident Donald Trump sich nach der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« noch damit brüstete, Ali Khamenei vor einem »hässlichen und schmählichen Tod« bewahrt zu haben, indem er Israel an seiner längst fälligen Tötung gehindert habe. Einen Regimechange assoziierte er in jenen Tagen, wie sonst nahezu jede europäische Charaktermaske, mit dem Aufwirbeln von Staub: »Nein. Wenn es einen gäbe, gäbe es ihn, aber nein, ich will ihn nicht.« Seine jüngsten Äußerungen stärken indes die Zuversicht, dass – wenn nicht Israel – jene Fürsprecher eines freien Irans in der Grand Old Party Trump überzeugt haben, dass die mit Massakern erzwungene Perpetuierung der Krisenexistenz des khomeinistischen Regimes eine strategische Katastrophe wäre.

 Um das Regime zu Fall zu bringen, ist es nach wie vor nicht zu spät. Zu spät ist es aber für tausende Revolutionäre, die in den vergangenen Tagen ermordet wurden. Wie im November 2019 sind auch heute wieder die Revolutionäre konfrontiert mit Legionären der Shiʿat Ali aus dem Irak und anderswoher. Sie bewegen sich, als Pilger getarnt, zwischen dem Irak und dem Iran. In vielen Provinzen vom zentraliranischen Qom nach Hamadan, über Kermanshah, Ilam und Lorestan bis ins südiranische Fars wurden die Proteste noch vor dem Shutdown am 8. Januar mit gegossenem Blei gekontert, aber nicht zum Schweigen gebracht. Amirhesam Khodayarifard etwa wurde am 31. Dezember in Kuhdasht, Provinz Lorestan, ermordet. Das Regime bedrängte die Familie, Amirhesam als Märtyrer der Basij-Miliz zu beerdigen. Doch die Familie widersprach vehement.

 

 Den Sequenzen nach, die entweder noch vor dem Shutdown oder mit Starlink-Terminals zu uns durchdrangen, waren in Teheran, Mashhad und anderswo am 8. und 9. Januar Abertausende auf den Straßen. Beeindruckend vor allem Mashhad in der nordöstlichen Provinz Razavi Khorasan, wohin das Regime Milliardensummen in das Pilgerbusiness investiert hat, um es zum »spirituellen Zentrum« der Shia zu machen. Mashhad war das Reich von Ebrahim Raisi und seines Schwiegervaters Ayatollah Ahmad Alamolhoda, einem berüchtigten misogynen Ayatollah. In Mashhad wurde Ali Khamenei geboren. Und Mashhad war auch die Kulisse des Prostituiertenmörders Saeed Hanaei. Zwischen dem 8. und dem 9. Januar waren hier Abertausende Revolutionäre auf der Straße. Wie anderswo auch brannte auch in Mashhad eine der vielen Hawzat, jene Mullah-Seminare, in denen die theologischen Kader des Islamischen Staates im Sinne von Ruhollah Khomeini ausgebildet werden. In Qom, der theologischen Kapitale im Iran, hallten antiklerikale Slogans durch die Straßen, während Protestierende schwarze Turbane schwenkten, um Ali Khamenei verächtlich zu machen.

 Iranweit brannten Institutionen des Regimes. In Mashhad und Isfahan die Sendezentren des Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB), jener totalitären Inquisition, die Generationen an Kritikern der khomeinistischen Despotie vorgeführt, kompromittiert und gedemütigt hat. Unzählige Zentren zur tugendterroristischen Agitation und Rekrutierung der berüchtigten Basij-Miliz brannten in den vergangenen Tagen, wie etwa die al-Rasool-Moschee im Teheraner Norden. Im südiranischen Bushehr indes wurden mehrere Revolutionäre vor der Qoran-Moschee, die die Regimeschergen zu ihrer operativen Basis machten, ermordet. Durch das zentraliranische Khomeyn, wo Ruhollah Khomeini geboren wurde, hallte der Ruf nach einer Restauration der Pahlavi-Monarchie. Schwere Konfrontationen auch in der südwestlichen Provinz Khuzestan, Zentrum der iranischen Petroleumindustrie, und in einem Gürtel an Provinzen von Ilam, Kermanshah und Lorestan bis nach Hamadan, Markazi und Qazvin. Keine einzige Provinz, die zwischen dem 7. und 9. Januar nicht von der revolutionären Erhebung erfasst wurde. In Abdanan, Sarableh und Lumar in der kurdischen Provinz Ilam wurden die Regimeschergen noch vor dem 8. Januar, zumindest temporär, hinausgedrängt. 

 Die Revolutionäre rufen nicht etwa »Tod der Inflation«, auch wenn die drastische Entwertung des Rial und die Eskalation der ökonomischen Krise unbestritten Trigger für die Wucht der revolutionären Erhebung sind. Sie rufen nach einem Ende des ganzen Regimes und seiner Katastrophenpolitik aggressiver Krisenexorzierung, die sich in aller Konsequenz gegen das eigene Leben wendet. Der Streik des Teheraner Bazars, mit dem es begann, war vielmehr das revolutionäres Momentum und nicht der Kern dessen, was sich Bahn brach. Der Bazar war 1979 noch ein entscheidender Faktor bei der khomeinistischen Übernahme des Irans. Noch während der Pahlavi-Monarchie rekrutierte sich die terroristische Keimzelle der Islamischen Republik, die Fadâʾiân-e Eslâm, aus den unteren Rängen der ökonomischen Hierarchie der traditionellen Bazare in Teheran, Mashhad und Qom. Viele Bazari-Familien waren traditionell eng verbunden mit der Geistlichkeit. Sie waren es auch, die den Charter jener Air France Boeing 747-100 finanzierten, die Ruhollah Khomeini am 1. Februar 1979 von Paris nach Teheran brachte. Vor allem während die klientelistischen Privatisierungen in der Ära von Mahmud Ahmadinejad (2005–2013), in der die »Prinzen« der Wächterarmee ihre ökonomische Dominanz drastisch erweiterten, schwächte die traditionelle Geltung der Bazari in der nationalen Ökonomie. Ihr endgültiger Bruch mit dem Regime war das Fanal für die revolutionäre Erhebung.  

 Das Europa des unerschütterlichen Ausharrens hadert indes mit den Qualitäten der iranischen Opposition. Augenscheinlich hat es wenig zu ihrer Reputation beigetragen, dass nahezu alle relevanten Fraktionen der iranischen Opposition – von den Fürsprechern Reza Pahlavis über die kurdischen Parteien bis zu Persönlichkeiten wie Ali Javanmardi – für eine Fundamentalopposition zur katastrophischen Krisenexorzierung des Regimes plädieren. Auch viele Kritiker der Pahlavi-Monarchie geben heute Shapour Bakhtiar Recht, dem Ende des Jahres 1978 als Geste des Entgegenkommens gegenüber der Opposition von Mohammad Reza Pahlavi das Amt des Premierministers angeboten wurde. Bakhtiar, der in jüngeren Jahren die spanische Republik gegen die franquistische Reaktion militant verteidigt und danach mit der französischen Résistance fraternisiert hatte, entgegnete dem Monarchen: »Ihr Vater hat meinen Vater umgebracht. Sie haben mich inhaftiert. Ich sollte keinerlei persönliche Loyalität Ihrer Dynastie gegenüber haben.« Doch in diesen Tagen, so Bakhtiar weiter, sei es Priorität, die Übernahme des Irans durch »diese Barbaren« zu verhindern. Die anderen Persönlichkeiten der Nationalen Front, der auch Bakhtiar bis dahin angehörte, waren sich dagegen längst darin einig, dass die Führung von Ruhollah Khomeini übernommen werden solle. Wenig später war Bakhtiar gezwungen worden, aus dem Iran zu flüchten. Am 6. August 1991 werden ihm im französischen Exil von Regimeschergen Kehle und Handgelenke durchtrennt.

 Die khomeinistische Despotie muss fallen!


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