Montag, 12. September 2016

Die Demokratie der Märtyrer Teil II


Die Erweiterung der syrischen Katastrophe um den türkischen Südosten begann spätestens in Suruç, dem türkischen Grenzstädtchen gegenüber Kobanê. Hier riss am 20. Juli 2015 eine suizidale Bestie jene mit in den Tod, die die Menschen hinter der Grenze nicht den Ruinen oder dem türkisch-griechischen Toten Meer überlassen wollten. Nach dem Massaker an den jungen Oppositionellen beschworen die türkischen Muslimbrüder, dass kein Unterschied zwischen Daʿish, so das arabische Akronym des „Islamischen Staates“, und den Ermordeten existiert. In Ankara, wo der suizidale Tod als nächstes zuschlug, schoss die Polizei Reizgasgranaten in die Überlebenden. Die Toten, Freunde der oppositionellen Halkların Demokratik Partisi, waren längst als Abtrünnige des Vaterlandes ausgemacht, die Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen stand. Zwischen den Massakern in Suruç und Ankara folgte eine Lynchkampagne in nahezu allen türkischen Provinzen. Unter nationalistischem Gebrüll gingen Provinzbüros der Halkların Demokratik Partisi in Brand auf.

Im Jahr danach: Die Beerdigung von Kumru İlter und Ahmet Toraman, beide Tote des jüngsten suizidalen Massakers im türkischen Gaziantep in der Nacht zum 21. August, wird attackiert unter dem Gebrüll „Allahu ekber“. Die Provokateure – manche von ihnen tragen das Emblem jener von der AK Parti gehaltenen Kommune in Gaziantep, in der das Massaker trotz allen konkreten Vorwarnungen geschehen konnte – wollen den Trauernden die türkische Flagge aufzwingen. Doch die Hinterbliebenen drängen die Aggressoren ab, sie rufen ihnen entgegen: „Kurdistan wird das Grab des IS sein“ und „Mörder IS, Mittäter AKP“. Nach dem suizidalen Massaker in Gaziantep beschwört die türkische Staatsfront, inzwischen erweitert um die laizistischen Nationalisten Mustafa Kemals, die Identität von Daʿish, FETÖ und den Abtrünnigen jenseits der türkischen Grenze, in Syrisch-Kurdistan. Wenig später marschiert türkisches Militär in Syrien ein, verbrüdert mit jihadistischen Warlords, die unverhohlen drohen, Kobanê als ihr „Ayn al-Islam“ einzunehmen – also ganz so wie Daʿish in Abgrenzung zum arabisierten Namen der Stadt „Ayn al-Arab“, wie sie noch unter Bashar al-Assad hieß.

Der Einmarsch nach Cerablus ist einem der standhaften Beschützer der Demokratie der Märtyrer aufgetragen, der am Abend des 15. Juli, als einige Militärs sich gegen die Muslimbrüder erhoben, die standrechtliche Hinrichtung eines abtrünnigen Generals anordnete. Während der Hexenjagd „Ergenekon“ in den Jahren zwischen 2008 und 2011 gegen die als Intriganten einer Parallelstruktur im Staat denunzierten Traditionsnationalisten wurde Zekai Aksakallı, der in diesen Tagen im Schulterschluss mit den Bärtigen Cerablus einnahm, noch verhaftet, nach der Verfeindung zwischen Fethullah Gülen und Recep Tayyip Erdoğan schließlich wieder amnestiert. Wie andere stramme Nationalisten schwor General Aksakallı dem Regime die Treue und führte in diesen Tage die Armee, die einst als Garant des laizistischen Charakters der Republik fungierte, nach Syrien. Während das Auswärtige Amt in der deutschen Tradition der Beschwichtigung von der türkischen Sorge „über die Präsenz von IS“ entlang der türkisch-syrischen Grenze faselt, präsentiert die mit den syrischen Muslimbrüdern affiliierte Faylaq al-Sham, eine der islamistischen Koalitionäre der türkischen Militärs, die Beute: jene Säkularen, die noch kürzlich Manbij von Daʿish befreit haben.

Nicht, dass es zuvor Hoffnung gegeben hätte in ein Militär, das unter „Frieden im Land“ alles andere als ein Ende der Staatsfront im Südosten versteht, wo es mit einer Parallelstruktur aus Grauen und Grünen Wölfen wie den berüchtigten Esedullah, den „Löwen Allahs“, aus Cizre, Nusaybin und Sur-Diyarbakır eine einzige Ruine gemacht hat und wo auf den zerschossenen Fassade die Morddrohung prangt: „Es gibt nur einen Gott und seine Armee ist die türkische“. In Ägypten traf das Militär während der Entmachtung der Muslimbrüder um Muhammed Mursi noch auf die salafistische al-Nour Partei als Kollaborateurin. In der Türkei dagegen sind die religionsfaschistischen Rackets geeint im Hass auf ein Militär, das der Islamisierung viel zu lange Grenzen aufzwang – und diese ab dem Jahr 1980 selbst aber nach eigenem Ermessen ausweitete.

Was das Europa der Kumpanei und Beschwichtigung zunächst für einen „Sieg der Stabilität und der demokratischen Institutionen“ hielt, ist in aller Konsequenz die Verdichtung einer noch viel bedrohlicheren Staatsfront: die Tilgung der letzten etwaigen Abtrünnigen in Militär und Justiz und die freie Assoziation der Freiheitsfeinde. Dabei war und ist die antilaizistische Kontrarevolution alles andere als eine geeinte Bewegung. Ende der 1970er Jahre radikalisierte sich das Milieu der Millî Görüş, die ein tausendjähriges Millet, die Nation geboren aus einem Glauben, beschwor. Inspiriert von der „Islamischen Revolution“ im Iran, wurde ihre Strategie der stillen Infiltration des Staatsapparats unter Umgehung einer frontalen Konfrontation von einigen als Verrat am Islam abgetan. Im türkischen Osten gründete sich unter sunnitischen Bewunderern des Imams Khomeini die Hizbullah, die unkeusche Frauen mit Säure verätzte und Abtrünnige zu Hunderten ermordete. Sie diente sich dem Staat als Konterguerilla an, der sie gnadenlos zerschlug, als sie darüber hinausging. Der Sohn ihres Mitbegründers Hacı Bayancuk avancierte später zum Emir des „Islamischen Staates“ in der Türkei.

Von der militanten Jugend der Millî Görüş, zu der auch der junge Recep Tayyip Erdoğan gehörte, spaltete sich zu Beginn der 1980er Jahre die „Front der Vorkämpfer für den Islamischen Großen Osten“, İBDA-C, ab. Sie beansprucht für sich – neben al-Qaida –, die Massaker vor den Synagogen Istanbuls im Jahr 2003 verbracht zu haben. Auch sie zerschlug der noch nicht islamisierte Staatsapparat. Die İBDA-C beruft sich wie Recep Tayyip auf den Vordenker des „Großen Islamischen Ostens“, Necip Fazıl Kısakürek. Ihr Gründervater Salih Mirzabeyoğlu – das Regime der AK Parti entließ ihn aus lebenslänglicher Haft – widmete ihm die zweibändige Schrift Kavgam - Necip Fazıl, „Mein Kampf – Necip Fazıl“.

Eine der Fronten des „Islamischen Großen Ostens“ ist die syrische Hölle. Militante der Müslüman Anadolu Gençliği, der legalen Nachfolgeorganisation der İBDA-C, ergänzen die Reihen der Brigaden, in denen sich panislamische mit panturkistischer Ideologie vereint. Auch Grüne Wölfe aus der „Partei der Großen Einheit“ kommen im bergigen Norden von Latakia ihren turkmenischen Brüdern bei. In der Türkei drohten beide unlängst, den Istanbul Pride der „Perversen“ zu verhindern, wenn der Staat nicht diese Ehrlosigkeit untersage. Der Staat folgte der Drohung und hetzte diejenigen, die nicht dem Verbot nachkamen.

Die berüchtigste unter den panturkistischen Brigaden in Syrien trägt stolz den Namen jenes Sultans, dem die Verehrung aller türkischen Neo-Osmanen gilt: Abdülhamit, mit dem sich der islamistische Opfermythos in seiner türkischen Variante begründet. Im Jahr 1908 zerschlugen jungtürkische Militärs eine Erhebung gegen das konstitutionelle Regime und zwangen Abdülhamit, dem die Revoltierenden als absolutem Herrscher die Treue schworen, ins Exilarrest. Die osmanische Topçu-Kaserne, von der die sultanstreuen Soldaten für Şeriat und Şah aufbrachen, überstand diese Tage nur schwer beschädigt. Sie wird schließlich im Jahr 1940 ganz abgerissen. Die Türkische Republik gewährt auf einer Teilfläche den Menschen ein wenig Muße inmitten des Betons: den Gezi Park.

Wie die AK Parti die größeren und kleineren Rackets der türkisch-islamischen Synthese mehr und mehr verüberflüssigt, indem sie ihr Milieu in sich aufnimmt und folglich auch Neid und Verdächtigungen unter den Unterlegenen in der Konkurrenz provoziert, rehabilitiert sie jene, die nie darüber täuschten, eine Islamische Republik terroristisch zu erzwingen. Gegen das Militär als Wiedergänger der Feinde des Sultans Abdülhamit sind sie sich alle eins. Im türkischen Osten führte die Hür Dava Partisi, die legale Nachfolgeorganisation der Hizbullah, die Solidaritätsmärsche mit den Muslimbrüdern an. Ihr folgten die Saadet Partisi, die für sich beansprucht, die Lehre der Millî Görüş am reinsten bewahrt zu haben, sowie die İHH, der „humanitäre Flügel“ des syrischen Jihads, die sich zuvor noch erboste über die jüngste Moderarität Erdoğans gegenüber Israel. Auf dem Taksim Meydanı, einst Symbol der Überlegenheit der Laizisten, marschierten die Gläubigen des İsmail Ağa Cemaat auf, ein fundamentalistisches Tarikat, das aus dem Mahalle Çarşamba, woraus ihre Hörigen anderntags nicht herauskommen, ein kleines Talibanistan in Istanbul gemacht hat. Militante der İBDA-C, die ungehindert zwischen Istanbul und Idlib reisen, posierten - noch nicht ganz in Battalionsstärke - vor Panzergefährten. Und alles andere als zufällig beschwor Recep Tayyip in den Tagen demokratischer Spontanität, die osmanische Topçu-Kaserne am Taksim Meydanı zu rekonstruieren.

Bei allen Unterschieden, wo es entscheidend ist, nähert sich die türkische Katastrophenpolitik – auch in den geopolitischen Konstellationen – der iranischen Katastrophe mehr und mehr an. In der Demokratie der Märtyrer, die die Muslimbrüder begründen, ist das türkische Militär vom Garanten des formal-laizistischen Charakters der Republik heruntergebracht auf eine bloße Funktion, es wird mehr und mehr ausgehöhlt durch einen militarisierten Polizeiapparat, der zugleich als ideologische Agentur fungiert, sowie durch eine wirkliche Parallelstruktur aus nationalchauvinistischen Männerrotten wie den Osmanlı Ocakları, der türkischen Variante der berüchtigten Basij im khomeinistischen Iran. Ein enger Vertrauter und persönlicher Berater Erdoğans, der pensionierte General Adnan Tanrıverdi, scharrt heute in seinem Unternehmen „Sadat International Defense Consulting“ Soldaten um sich, bei denen Ende der 1990er Jahre noch auf den Verdacht, den laizistischen Charakter der Republik zu beargwöhnen, konsequent die Exkommunikation aus der türkischen Armee folgte. Seine Unternehmensphilosophie bestehe nach Eigenaussage darin, den islamischen Staaten – unter türkischer Führung, versteht sich – darin behilflich zu sein, die Abhängigkeit von den „imperialistischen Kreuzfahrern“ zu beenden. Zuständig für politische Analyse ist bei Sadat ein Herr Abdurrahman Dilipak, Agitator der fundamentalistischen Gazete Yeni Akit. „Sadat“ ist die Pluralform von Seyyid, dem Ehrentitel für diejenigen, die als Nachkommen Mohammeds und seines Enkels Husain gelten. Im Südosten ist Sadat, dem Aktienrecht unterliegend, in die Konterguerilla integriert, ihr wird auch militärisches Training von Kadern der Hizbullah und Militanten aus der syrischen Hölle nachgesagt. Die Oppositionelle Sebahat Tuncel von der Halkların Demokratik Partisi berichtete, dass im Distrikt Lice ihr Personal einzig allein durch einen Offizier der offiziellen Armee an der extra-legalen Hinrichtung von „Kollaborateuren der Kreuzfahrer“ abgehalten wurde - aber auch einzig nur aus dem Grund, da der Offizier bereits zuvor die Verhaftung der Verdächtigten an den nächst höheren Rang gemeldet hatte.

Nicht, dass es noch Hoffnung gegeben hätte in ein anachronistisches Regime in der Tradition Mustafa Kemals, das mit der Erweckungsbewegung der türkisch-islamischen Synthese eines teilt: dass das konstitutive Moment der türkischen Nation der Genozid an den Anderen ist - und dessen Leugnung einhergeht mit Selbstviktimisierung, pathischer Projektion und Paranoia. Dass die Muslimbrüder nicht die Traditionslaizisten der Intrige beschuldigen, vielmehr ein rivalisierendes antilaizistisches Tarikat, spricht dafür, dass sie die Racketisierung des islamisierten Staatsapparats mehr fürchten als die „Soldaten Mustafa Kemals“. Nicht ganz ohne Grund. Fethullah Gülen, der exilierte Imam aus dem ostanatolischen Erzurum, entkroch als Agitator und Imam demselben Milieu der türkisch-islamischen Synthese wie seine heutigen Denunzianten. Wie die Vordenker der Millî Görüş verfolgte er eine schleichende Infiltration des Staats. Der sanfte Coups des Militärs gegen den Muslimbruder Necmettin Erbakan und die Kriminalisierung seiner Parteien – es langte noch ein demonstrativer Korso des Militärs durch Sincan, wo zuvor Parteigänger Erbakans eine Islamische Republik gefordert hatten, sowie eine noch nicht islamisierte Justiz – bedrohte auch Fethullah Gülen, der sich im März 1999 sein Exil antrat. Anders als Gülen verließ Erbakans Schüler Recep Tayyip sein Vaterland nicht, auch wenn er im Jahr 1998 selbst noch vor Gericht stand – für Worte, die heute in jeder seiner staatsmännischen Ansprachen vorkommen können: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“. Als zwingende Konsequenz der zermürbenden Konflikte mit den Militärs gründete Recep Tayyip mit Weggefährten wie Abdullah Gül und Bülent Arınç im Jahr 2001 die AK Parti als Reformpartei, mit der das Stigma der antilaizistischen Provokationen und frontalen Konfrontationen mit dem Traditionslaizisten verdeckt werden sollte.

Über die AK Parti gelangten auch weitere Hörige des exilierten Imams Fethullah in den Staatsapparat, vor allem in Justiz und Polizei, von wo aus sie eine Hexenjagd gegen Traditionslaizisten und pensionierte Generäle als vermeintliche Intriganten einer Parallelstruktur im Staat begannen. Nach der Verfeindung zwischen Recep Tayyip und den Getreuen des exilierten Imams und dem Hinausdrängen letzterer aus den Apparaten entließ die Justiz die verdächtigten Verschwörer nach für nach; manch einer von ihnen schwor danach dem Regime die Treue, wie etwa Doğu Perinçek von der laizistisch-ultranationalistischen Vaterlandspartei. Zugleich denunzierte Recep Tayyip nun seine verbliebenen traditionslaizistischen Kritiker aus dem Establishment als Intriganten einer Parallelstruktur, als Mitverschwörer des exilierten Imams, wie etwa die mächtige Dogan Media Group. Heute ist die zu ihr gehörige Hürriyet in die Staatsfront integriert, über CNN Türk rief Recep Tayyip am Abend des 15. Juli zur demokratischen Spontanität auf, während ihren Korrespondenten in Istanbul und Ankara drohte, von der Straßenrotte gelyncht zu werden.

Wer mit wem sich gegen wen verschwört, ist aber auch nicht entscheidend. Wesentlich an der türkischen Katastrophe sind die Mechanismen, in denen die nationale Einheit reproduziert wird und die Traditionslaizisten die Opposition verraten. Die ehrwürdige Cumhuriyet Halk Partisi, die in den westtürkischen Provinzen entlang der Ägäis mit der Großstadt İzmir den Religiösen noch überlegen ist, desavouiert sich selbst als Opposition. Was vom Meeting der Cumhuriyet Halk Partisi am Taksim Meydanı am 24. Juli, das in Anzahl der Siegestrunkenen jenes der Muslimbrüder noch übertraf, und ihrer Teilnahme an dem faschistischen Spektakel der Staatsfront auf dem Yenikapı Meydanı bleibt, ist die geteilte Mystifizierung des 15. Juli als demokratische Erhebung der Volksmassen. Die historischen Partei Mustafa Kemals erinnert ein wenig an jene iranischen Säkularen, die aus der „Islamischen Revolution“ zwanghaft eine Volkssouveränität herausschälten, als die Verfolgung aller Verschiedenheit längst auch sie bedrohte. Der zentrale Ruf ihrer Parteigänger, „Die Türkei ist laizistisch und bleibt laizistisch“, wird so zur Täuschung darüber, dass die Türkei einzig noch in Residuen laizistisch ist und auch diese akut bedroht sind. Die demokratische Spontanität, auf Befehl des Führers hin und kommuniziert durch die Moscheen, ist nicht zu abstrahieren von der gnadenlosen Rache, die auf sie folgte. Die Traditionslaizisten müssten es eigentlich wissen: In den Folgetagen des 15. Juli wurde ihr jüdischer Parteigenosse Cemil Candaş in Istanbul-Şişli ermordet, der Mörder ist weiterhin flüchtig. Die İBDA-C, so ganz nebenbei, hatte im Jahr 1994 nach der Ermordung der Archäologin Yasemin Cebenoyanin explizit angedroht, weitere jüdische Intellektuelle zu ermorden.

Der Faszination von Menschenmassen kann sich auch der ein oder andere deutsche Korrespondent in der Türkei nicht gänzlich entziehen. Und täuscht sich und andere über den Charakter der demokratischen Spontanität. Die Devrimci İşçi Partisi, weniger eine Partei mehr ein Intellektuellenzirkel in Tradition Lew Trozkis, dagegen benennt die Anrottungen auf den Straßen zutreffend als Schulterschluss zwischen militarisiertem Polizeiapparat und ideologischen Squadristen, die vielmehr den italienischen Schwarzhemden ähneln. Die Drohung mit der Rotte integriert nunmehr alle, denen das Phantasma vom ungeteilten Vaterland über den eigenen Verstand geht. So brachte der traditionslaizistisch-ultranationalistische Boulevard Sözcü jüngst das Gerücht zu zirkulieren, dass abtrünnige Generäle und Offiziere zur PKK desertiert seien. Die zuvor noch als oppositionell geltende Gazette schmeichelt auch der jüngsten Männerliaison zwischen Recep Tayyip Erdoğan und Vladimir Putin und enttarnt Europäer und US-Amerikaner hinter den Abtrünnigen im Südosten.

Die Katastrophenpolitik liegt also nicht darin, dass Recep Tayyip die „Volkssouveränität“ als wesentliche demokratische Institution zerschlüge und sich als absoluter Monarch erhöbe. Die Katastrophe liegt in der spezifischen Reproduktion des Nationalen, die durch die zunehmende Jihadisierung des türkischen Wahns noch weiter eskaliert. „Sie sind Juden geworden. Sie sind Armenier geworden. Sie sind Plünderer geworden. Sie waren nie Kinder des Vaterlandes“, war eine der favorisierten Denunziationen der Staatsloyalen während der Proteste um den Gezi Park. Auch heute enttarnt die paramilitärische Männerrotte Osmanlı Ocakları, die ideologische Präsidentengarde, Fethullah Gülen als „Armenier“, während ihm anderswo eine „jüdische Mutter“ und ein „armenischer Vater“ nachgesagt werden.

Die Aufmärsche ritualisieren das Aufgehen des einzelnen Leibes in der Nation, die Identifikation mit der Kollektivbestie. Was demonstriert wird, ist Hörigkeit und Verachtung für das Leben. Die Gesänge, „Sage es und wir töten, sage es und wir sterben“, mit denen das Brüllvieh seinen Übervater in der Revolutionsnacht empfing, sprechen für einen fundamentaleren militaristischen Coup: die Kasernierung der Mündigkeit und den Märtyrertod als Funktion des islamisierten Citoyens – oder eben, wie Recep Tayyip sagte, die „Gläubigen als unsere Soldaten“. Die „Partei der Großen Einheit“, ein paramilitärischer Rudel Grüner Wölfe, fordert unterdessen auf großflächigen Plakatwänden die Hinrichtung der „verräterischen Hunde“, während Kadir Topbaş, der Molochschulze Istanbuls, die hinzurichtenden Abtrünnigen auf einem „Gräberfeld der Vaterlandsverräter" zu beerdigen vorhat: „Die, die vorbeigehen, sollen sie verfluchen. Jeder, der dort hingeht, soll sie verfluchen“. In den Strafphantasien kommt der faschistische Souverän ganz zu sich. „Wir werden sie so brutal bestrafen, dass sie flehen werden: 'Lasst uns sterben, damit wir erlöst werden.' Wir werden sie zwingen, uns anzuflehen“, füttert Nihat Zeybekçi, Muslimbruder in Ministerwürden, die vergeltungshungrige Rotte an.

Es dauert nunmehr ein ganzes Jahr an: das Schänden von Leichen, das demonstrative Hissen der türkischen Flagge auf Ruinen, die Selbstporträts Siegestrunkener vor zertrümmertem Mobiliar, die Unterwerfungsaufforderungen an den Fassaden. Die Militäraktionen im Südosten werden durchgeführt als Reconquista, als Demütigung und Rache. Ideologie und Militanz der Grauen Wölfe, die über die Konterguerilla eine reale Parallelstruktur im Staat ausmachen, sind wirkmächtiger als je zuvor und doch schrumpft ihre Mutterpartei, die Milliyetçi Hareket Partisi, dahin. Der Muslimbruder Recep Tayyip hat sich als der authentischere Rudelführer im Staatsracket behauptet als der uncharismatische Parteifunktionär Devlet Bahçeli, der bei dem Istanbuler Spektakel für „ Demokratie und Märtyrer“ wenigstens noch als Adjutant des „Oberkommandierenden“ Recep Tayyip auftreten und der Einheitsideologie das Element „Blut und Boden“ hinzufügen durfte: „Die Erde wird erst durch das Blut der Märtyrer zum Vaterland“. Die Grauen Wölfe haben ihren eigenen Opfermythos gegenüber den höheren Militärs. Das Regime des Generals Kenan Evren ging im Jahr 1980 gegen sie ähnlich gnadenlos vor wie gegen ihre kommunistischen Todfeinde. Die militanten Antikommunisten fühlten sie um den Ruhm für ihren Dienst am Staat betrogen.

Die Muslimbrüder wollten vom ersten Tag an den Staat erobern, darüber konnte auch der europäische Fetisch von der Stabilität nicht täuschen. Nicht aber, dass es so kommen musste und auch nicht, dass es unabänderlich wäre. Doch die jungen Freundinnen und Freunde, die sich Moralprediger vom Leib halten, die tagtäglich gegen das Abschnüren des eigenen Atems ankämpfen, sind wahrlich – und dass vom ersten Tag an – allein gelassen. Diyarbakır, Suruç, Ankara – der „Islamische Staat“ massakrierte Hunderte aus der säkularen Opposition und doch blieb einzig bei einem Räuspern. Noch unverhohlener trat diese Empathielosigkeit zu Tage, als eine Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen jene südöstlichen Distrikte, in denen in der jüngeren Vergangenheit der Zugriff der Nationalen und Frömmler wenn auch nicht gebrochen aber doch abgeschwächt werden konnte, der syrischen Hölle eingemeindete. Es dauert nunmehr ein ganzes Jahr an, dass Hunderte von staatskritischen Menschen, unter denen sich so einer mancher für die Soziale Ökologie eines Murray Bookchin oder die revolutionäre Liberalität eines Oskar Wilde interessiert wie sich die Jugend in Dinslaken-Lohberg oder Frankfurt-Sossenheim für al-Qaida Merchandising, zum Schweigen gebracht werden. Zehra Doğan, Vildan Atmaca, Şermin Soydan, Hurşit Külter sind Namen nur einiger - zwangsexiliert, inhaftiert, „verschwunden“. Spätestens da begann der eigentliche Verrat. Im Diyarbakır, wo es im Zentrum noch ein Leichtes ist, die jüdische Philosophin Ágnes Heller oder die Literatur der Kritischen Theorie auf Türkisch zu bekommen, werden es wieder die Hizbullah und andere Feinde des Denkens sein, die sich dieser Atmosphäre der Angst und Verfolgung annehmen.

Das Unglück, sich in einer Masse von Konkurrenten vorzufinden, überträgt die Demokratie der Märtyrer, in nationalen Wahn. In der Identifikation mit dem Reis-i Cumhur, dem Führer Tayyip Recep, eignen sich jene, die nichts haben, die grobe Gewalt der Masse an. Das zentrale Instrument der Muslimbrüder ist das Kitzeln der narzisstischen Kränkung, dass Größenwahn und Wirklichkeit sich nicht decken, zur nationalen Psychose. Als ein Produkt aus der Konkursmasse der osmanischen Rumpfmonarchie konnte die Türkische Republik nie konsequent mit den Mythen und Gerüchten brechen, die um das erzwungene Ende ihrer imperialen Geltung rankten. Die Paranoia von der Teilung des Vaterlandes ist das konstitutive Moment türkischer Ideologie und sie entspricht dem Zwang zur nationalen Homogenität in Ansehung der Krisenhaftigkeit der eigenen Staatlichkeit.

Das Ausagieren am Objekt, das Erniedrigen und Bestrafen der Volksverräter, bleibt dabei, mit Ausnahmen wie den Lynchmorden an abtrünnigen Soldaten, verstaatlicht. Dafür, dass dies alles andere als garantiert ist, stehen die Tage demokratischer Spontanität: In Istanbul marschierte das Brüllvieh in das alevitische Gazi Mahallesi, wo es auf Barrikaden und eine entschlossene Jugend traf. Im ostanatolischen Malatya erhielt die Lynchrotte, aufgehetzt in der Moschee, den Marschbefehl, sich in das alevitische Paşaköşkü Mahallesi aufzumachen, auch hier hielt man die Verfolger auf Distanz. Bedrängt werden die Aleviten noch von ganz anderen. Nach der Serie suizidaler Massaker des „Islamischen Staates“ im vergangenen Jahr gegen Oppositionelle und den hinausgezögerten Zugriffen des Staatsapparats auf dessen Schläferzellen wurden auf dem Laptop eines seiner Logistiker, Yunus Durmaz, die Namen und Adressen jener gefunden, die Daʻish in der Türkei zur Annihilation ausersehen hat: allen anderen voran die alevitischen Gemeinden im hinteren Anatolien, also dort, wo auch der Nebenmann mit Pogrom droht – sowie explizit Vermählungsfeiern kurdischer Familien in Gaziantep.

Die „Strategie des Islamischen Staates“ nun darin auszumachen, die Türkei zu spalten, ignoriert das Offensichtlichste: die Massaker in Diyarbakır, Suruç und Ankara betrafen nicht nur ausschließlich Oppositionelle, die suizidalen Bestien reisten auch zuvor ungehindert von den Staatsapparaten nach Syrien ein und aus und etablierten in der anatolischen Provinz eigene Rekrutierungsbüros. Die Familien der Mörder rannten gegen die Ignoranz des Staates an, sie denunzierten in aller Konsequenz ihre abtrünnigen Söhne bei der Polizei, doch der Staat schien nicht daran interessiert zu sein, das jihadistische Moloch zu stopfen.

Noch in den ersten Tagen der Revolte gegen die Despotie Bashar al-Assads ist die Furcht vor einer kurdischen Eigenstaatlichkeit ein entscheidender Faktor türkischer Syrien-Politik. So zögerten die türkischen Muslimbrüder zunächst auch, sich gegen Bashar al-Assad zu wenden: Schien doch der Zugriff des Regimes auf Syrisch-Kurdistan am schwächsten und drohte in einem instabilen Syrien ein ähnliches Szenario wie im Nordirak. Doch der Ausblick, dass mit dem Ende Bashar al-Assads ein weiterer Staat in die neo-osmanische Einflusssphäre integriert werden könnte, drängte die türkischen Muslimbrüder schließlich noch zur entschlossenen Parteinahme. Durch die Türkei fließt bis heute die logistische und materielle Ader syrischer Nationaljihadisten sowie al-Qaidas und ihrer ideologischen Derivate. Flankiert vom türkischen Souverän hat eine Parallelstruktur außerparlamentarischer Muslimbrüder, wie die berüchtigte İHH, einen militärisch-“humanistischen“ Komplex begründet, inklusive Benefizabende, auf denen die Traditionslinie vom Mentor Osamas Abdullah Azzam über das spirituelle Haupt der Hamas Ahmed Yasin bis hin zum kaukasischen Emir Dokka Umarov gezogen wird. Es ist ein Milieu, in dem auch panturkistische Großmachtphantasien keimen und so beschriften in Aleppo Brigaden Grauer Wölfe ihre Artilleriegeschosse mit den Namen nationaler Idole: wie Muhsin Yazıcıoğlu etwa, Gründer der „Partei der Großen Einheit“ und Hauptinitiator des antialevitischen Pogroms von Maraş.

In diesen Tagen, an denen sich die türkischen Muslimbrüder mit Russen und Iranern auf das Gröbste verständigen, könnte man denken, dass die offene Flanke für den sunnitischen Jihad gegen die „Majus“ und „Rafida“ - womit Iraner und syrische Alawiten als verborgene Zoroastrier und Ablehner der reinen Tradition, der ahl as-sunna, denunziert werden – abgeschwächt wird. Doch alles andere als das: Die syrischen Taliban der Ahrar al-Sham, die Halsabschneider der Harakat Nour al-Din al-Zenki und andere Offshoots des Todes können weiterhin auf ihr türkisches Peshawar entlang der Grenze vertrauen. Ganz so wie ihre schiitischen Komplementäre auf den Iran, der mit den Qods-Pasdaran und der Hezbollah direkten Zugriff auf die Kommandohöhe des Regimes Bashar al-Assads hat. Morden und Aushungern in Aleppo und anderswo halten an – denn worauf es in Syrien am wenigstens ankommt, ist das Leben eines Syrers oder einer Syrerin.

Beide, die Türkei und der Iran, beschwören einmütig die territoriale Integrität Syriens und adressieren dies als Drohung an jene, die dem obskurantistisch-religionsfaschistischen Irrsinn durchbrechen und einer Säkularität ohne panarabisch verbrämter Konfessionalisierung gerecht werden. Wie ansonsten nur die Europäer sprechen die türkischen Muslimbrüder inzwischen über den Iran als zentralen Stabilitätsfaktor in Syrien und dem Irak (neben den Russen und ihnen selbst natürlich), während das Schlachten in Aleppo und anderswo kein Ende nimmt. Agitierte Recep Tayyip zuvor noch die ihm Hörigen als „Generation, die Damaskus und Jerusalem erobern wird“ und „Nachkommen Selahaddin Eyyubi“, dem dies im zwölften Jahrhundert gelang, und gilt Bashar al-Assad jedem Muslimbrüder weiterhin als „Şeytan“, wird selbst noch diesem eine Funktion in einem befriedeten Syrien zugestanden. Und während der türkische Nachrichtendienst MİT in Nordsyrien als logistische Guerilla für den sunnitischen Jihad fungiert – und mit der Liwa Sultan Murad seine eigene Brigade hat –, reist dessen Führung nach Damaskus zur Sondierung beidseitiger Interessen. Auf das Kompliment an den Iran hin, einer türkischen Staatsvisite in die klerikale Despotie und den Gesten der Beschwichtigung gegenüber dem Regime Bashar al-Assad folgte dessen Aggression gegen das multiethnische al-Hasakah im nordöstlichen Syrisch-Kurdistan, wo bis zu ihrer erzwungenen Kapitulation noch Residuen des Regimes ausharrten. Dabei ist eine direkte Absprache wenig realistisch. Das Regime der Hizb al-Ba‘ath, selbst ideologisch ausgehöhlt durch die Iranisierung der ihm loyalen Militanten, hat in al-Hasakah beständig dann militärische Konfrontationen provoziert, wenn der „Islamische Staat“ im Nordosten territorial einzubrechen drohte. Die Existenz von Daʿish ist nach wie vor das Kalkül des Regimes, einerseits Syrisch-Kurdistan in seiner Zersprengtheit zu halten und andererseits sich selbst als Stabilitätsfaktor gegenüber US-Amerikanern und Europäern anzuempfehlen. Es mag aber auch nur der vorherrschende Chauvinismus des Arabisierungsregimes der Hizb al-Ba‘ath, der Partei der nationalen Wiedergeburt, sein, der zu Provokationen gegenüber der selbstbewusst gewordenen Minorität drängt.

Der nationalchauvinistische Boulevard in der Türkei produziert indessen wie verrückt Verschwörungsgerüchte über „einen Plan: Kurdischer Staat“ als Vorstufe zu einem „Großisrael“. Synchron zur türkisch-iranischen Kumpanei gegen die einzige säkulare Hoffnung für Syrien integrieren sich in der Türkei die traditionellen Nationalisten in die Staatsfront. „Es gibt keinen Unterschied zwischen IŞİD, FETÖ und PKK. Sie wollen die Muezzine zum Schweigen bringen, unsere Fahne senken, unser Vaterland teilen und unser Volk spalten“, heißt es bei Recep Tayyip. „FETÖ“, der „Islamische Staat“, die Abtrünnigen im Südosten sind alles Instrumente einer einzigen perfiden Verschwörung gegen die Türkei, heißt es ganz ähnlich bei Sözcü oder der „religionskritischen“ Aydınlık, den Agitatoren unter den Soldaten Mustafa Kemals.

Am 24. August marschierte schließlich türkisches Militär und loyale syrische Mujahidin in das Grenzstädtchen Cerablus ein, das Daʿish zuvor noch jahrelang als logistisches Nadelöhr in das türkische Peshawar, dem nahen Gaziantep, diente. Wer sich noch an die ungestört grinsenden Genozideure erinnert kann, die vor türkischer Beflaggung am Grenzübergang Cerablus – Karkamış feixten, ahnte da bereits, dass die türkische Entschlossenheit, das Grenzstädtchen einzunehmen, jemand ganz anderem gilt als Daʿish. Eine direkte Konfrontation blieb in Cerablus folglich auch aus. Daʿish konzentriert seine Übergebliebenen inzwischen an der Front zum geteilten Feind, südlich von al-Hasakah attackiert sie die Hêzên Sûriya Demokratîk, eine US-amerikanisch flankierte Militärkoalition um die Yekîneyên Parastina Gel, der de-Facto-Armee Syrisch-Kurdistans, der assyrischen-christlichen Mawtbo Fulhoyo Suryoyo und der multiethnischen Jaysh al-Thuwar von der „Freien Syrischen Armee“. In der Geisterstadt Cerablus schwirren indes jene Mujahidin aus, die anderswo längst aufgerieben sind oder sich der Übermacht der syrischen al-Qaida und ihrer Derivate andienen: Die mit den syrischen Muslimbrüdern assoziierte Faylaq al-Sham; die „salafistisch-quietistische“ Bewegung Nour al-Din al-Zenki, die jüngst ein Feindeskind die Kehle durchschnitt; die Jabhat al-Shamiya, eine Militärkoalition unter Führung der syrischen Taliban von Ahrar al-Sham; die panturkistische MİT-Brigade Sultan Murad sowie nationaljihadistische Affiliate der in sich zersprengten „Freien Syrischen Armee“ wie Liwa Muntasir Billah und Jaysh al-Nasr. Wie im türkischen Südosten kursieren die ersten Selbstporträts Grauer und Grüner Wölfe mit gespreizten Fingern – oder von türkischen Militärs im Schulterschluss mit Bärtigen. Es sind nahezu dieselben Akteure, die seit Längerem die kurdische Enklave Şêxmeqsûd im nördlichen Aleppo unter dem ewig gleichen Gebrüll „Allahu Ekber“ terrorisieren – einzig die syrische al-Qaida fehlt.

Der türkische Ministerpräsident von Führers Gnaden, Binali Yıldırım, sprach dann als erster unverhohlen aus, wem der Einmarsch nach Cerablus schlussendlich gilt. Es war die Befreiung von Manbij durch die Yekîneyên Parastina Gel, der den türkischen Einmarsch erzwungen habe. Unvergessen die Freude der Befreiten, die das Ende der Despotie mit dem Gröbsten feierten, dem Verbrennen des Niqab, den der „Islamische Staat“ zwangsverordnete, oder einer Bartrasur. Für die Türkei aber rückte mit einem befreiten Manbij die Bedrohung näher. Favorisiere die Türkei auch ein Syrien ohne Bashar al-Assad, so Binali Yıldırım, müsse sie doch akzeptieren, dass er ein russischer Protegé sei und eine Befriedigung Syriens sei abhängig von einer Verständigung mit Russen und Iranern – andernfalls träten „terroristische Organisationen“ wie eben jene Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans hervor. Ein Kommandant der Jabhat al-Shamiya spricht indessen die Stoßrichtung des türkischen Einmarsches aus: die Eroberung von al-Bab, um dort den Abtrünnigen vorzukommen. In der Konsequenz ist die Teilnahme der mächtigsten Nationaljihadisten des nördlichen Syriens – mit Ausnahme der syrischen al-Qaida – an dem türkischen Militäreinmarsch auch eine indirekte Entscheidung für das Regime Bashar al-Assads. Nach dem Vormarsch der Regimeloyalisten in der Provinz Aleppo zu Beginn des Jahres, reorganisierten sie sich in Azaz, unweit zur türkischen Grenze. Sie kamen ihren Glaubensbrüdern nicht in der Schlacht um Aleppo bei, viel mehr instruierte sie der türkische MİT in der Einnahme von Cerablus und der militärischen Absicherung des Korridors Cerablus – al-Rai – Azaz.

Der frühere Oberbehilfshaber des türkischen Militärs İlker Başbuğ – auch ihn verfolgte die Justiz im Jahr 2012 als einen der Ergenekon-Verschwörer, nach vorzeitigem Haftende versöhnte er sich mit den Muslimbrüdern – fordert in der traditionslaizistischen Hürriyet dazu auf, bis nach Manbij und al-Bab vorzustoßen. Einzig so könne eine Quasi-Staatlichkeit in Syrisch-Kurdistan verunmöglicht werden. Başbuğ spekuliert auf eine Absprache zwischen Ankara und Moskau: Aleppo gegen Cerablus – Manbij - al-Bab – Azaz. Denn für Bashar al-Assad und Vladimir Putin sei die Grenzregion von geringerer Relevanz.

Jahrelang eskalierten die Türkei und ihre alliierten Monarchien am Arabischen Golf einerseits, der khomeinistische Iran und das Regime der Hizb al-Ba‘ath andererseits die ohnehin angereizte Konfessionalisierung Syriens; jahrelang übernahmen türkische und katarische Muslimbrüder die Organisierung der militanten Opposition als Jihadisierung derselbigen und gewährt die Türkei – ja, nach wie vor – der syrischen al-Qaida und ihrer ideologischen Derivate ein logistisches Refugium. Dass der türkische Ministerpräsident die syrische Katastrophe mit hunderttausenden Geschlachteten und unter Trümmern Begrabenen in jenen sieht, die ihre militante Organisierung als Frauenbefreiung und Selbstverteidigung zivilisatorischer Residuen verstehen, mag da äußerst konsequent sein.

Dabei gilt auch einigen Freunden der „syrischen Revolution“ die Partiya Yekitîya Demokrat (PYD) und ihr militärischer Flügel, die Yekîneyên Parastina Gel, als anrüchig; auch wenn es weniger die realen Begebenheiten in Syrien zu sein scheinen, in denen ihr Unbehagen gründet, als eigene Befindlichkeiten. So redet man doch vor allem von sich selbst – oder konkreter: von jenen, mit denen man nichts gemein haben möchte. Der „Rojava Revolution“ scheinen sie entweder nachzutragen, die falschen Freunde zu haben, oder aber selbst doch irgendwie ein Relikt sozialistischer Modernisierungsideologie zu sein, die in Nicaragua und anderswo so brutal gescheitert ist. Die „Freie Syrische Armee“ dagegen interessiert kaum jemanden aus jenem ideologischen Klüngel, gegenüber dem man Distinktion gewinnt, aber eben darin auf ihm bezogen bleibt. Sie eignet sich also für die eigene Mythenbildung* um eine von allen verratende „demokratische Opposition“, die unter den Militanten in Nordsyrien doch längst nicht mehr existiert. Jaysh al-Tahrir, Hamza Division, Jaysh al-Nasr – die „quietistischen“ Mujahidin der „Freien Syrischen Armee“, die man als das ganz Andere zu al-Qaida und Daʿish ausgemacht hat, sind Teil der türkischen Aggression. Das Gerücht über den Dolchstoß verschleiert die eigentliche Katastrophe: die Säkularen Syriens sind nicht nur vom ersten Tag mit den aggressivsten Feinden von Aufklärung und Mündigkeit alleingelassen, es wird auch regungslos zugesehen, wie die Türkei und der Iran, die Stabilitätsgaranten vor dem Herren, noch die letzte Hoffnung zugrunde richten.

Einen knappen Monat nach dem Massaker an den Satirikern von Charlie Hebdo reiste eine Delegation aus Syrisch-Kurdistan - unter ihnen die Kommandeurin der Yekîneyên Parastina Jin in Kobanê, Nesrin Abdullah, sowie die Co-Vorsitzende der Partiya Yekitîya Demokrat, Asya Abdullah – nach Paris. Eingehakt mit den Überlebenden von Charlie Hebdo traten sie auf die Straße, wo am 7. Januar 2015 der „Islamische Staat“ gnadenlos zuschlug, und schworen, die Toten des Massakers zu rächen. Die Delegation gedachte auch vor dem jüdischen Kaschrus-Markt Hyper Cacher den Ermordeten. Mit begrenztem Erfolg hatten die Angereisten zuvor selbst konkrete Solidarität eingefordert und daran erinnert, dass sie die universalen Werte der einen Gattung Menschheit und nicht allein sich gegen die Genozideure von Daʿish verteidigen. Als am 16. Juni 2015 die Yekîneyên Parastina Gel und ihre arabischen Alliierten das Grenzstädtchen Tel Abyad von Daʿish befreiten, kursierten als erstes die Bilder von Frauen, die ihren Gesichtsschleier verbrannten, einige rissen sich auch jeglichen Schleier vom Haupt. Die Türkei drohte indessen mit Artillerie. In Manbij wiederholten sich die Bilder – und die Drohungen. Wer Jahr für Jahr angesichts der Bilder protestierender Frauen am 8. März 1979 in Teheran in Nostalgie schwelgt, wird, so droht es, in einigen Jahren wieder hinreichend Bildmaterial haben. Solidarität mit der Yekîneyên Parastina Gel heißt nicht, aus dem Gröbsten eine Heilsideologie zu machen und zu ignorieren, dass auch dieser Organisation die Tendenz, dass ein Abstraktes – das Nationale – zum Selbstzweck wird, nicht völlig fremd ist. Es ist die Verteidigung einer Hoffnung, die etwa darin Ausdruck findet, wie Befreiung gefeiert wird.

Eine Kämpferin der YPJ zerstört im befreiten al-Hawl ein Plakat, auf dem die Ganzkörperverschleierung angeordnet wird. 

* Viele der Gerüchte, die PYD hätte die syrische Opposition verraten, sind Teil der Propaganda jener arabischen Nationalchauvinisten und völkischen Panturanisten, denen die Verdächtigten nie als anderes galten als Abtrünnige des Vaterlandes und Ungläubige; den einen sind sie eine getarnte Haganah, den anderen die Nachfolger der armenischen Rachebrigade ASALA. Wenn das Regime der Hizb al-Ba‘ath und eine Mehrheit innerhalb der Opposition etwas teilen, dann die Mystifizierung Syriens als erhabene arabische Nation. Eines der Gerüchte besagt, dass die Yekîneyên Parastina Gel systematisch Araber und Turkmenen aus den von Daʿish befreiten Territorien hinausdrängt. Selbst das der traditionellen Opposition verpflichtete Syrian Observatory for Human Rights widersprach entschieden den von der Türkei und ihren verbrüderten Militanten erhobenen Verdächtigungen. Temporäre Aussperrungen von Arabern oder Turkmenen aus ihren Dörfern, so SOHR, gründen in der militärischen Absicherung der befreiten Territorien, wo noch Sprengfallen lauern oder die Bedrohung andauert, dass suizidale Kommandos von Daʿish wieder einsickern könnten. Nach der mit der „Freien Syrischen Armee“ affiliierten Brigade Thuwar al-Raqqa entscheiden sich auch Familien gegen einen Verbleib, da Angehörige noch loyal zu Daʿish stehen. Natürlich existieren auch antiarabische Ressentiments, genährt durch das Arabisierungsregime der Hizb al-Ba‘ath, doch von einer Systematik zu sprechen, ist allein in der Erinnerung daran, dass tagtäglich Araber etwa aus Aleppo ins kurdische Afrin flüchten, absurd.

Streift das Gerücht der Kollaboration durchaus einen historischen Fakt - dem jahrelangen vom Regime instrumentalisierten und im Jahr 1998 beendeten Exil Abdullah Öcalans in Syrien -, ignoriert es nicht nur die Repression, die auf die spätere Gründung der illegalen Partiya Yekitîya Demokrat folgte. Die Gerüchte akkumulieren viel mehr alle nationalen Ressentiments gegenüber den Verfolgten des Arabisierungsregimes der Hizb al-Ba‘ath: die PYD als skrupellose Profiteurin der „syrischen Revolution“. Als hätte sie nicht allen Grund, einer Opposition zu mißtrauen, die nicht nur in Abhängigkeit zur Türkei steht, darüber hinaus in weiten Teilen auch nicht mit der nationalchauvinistischen Ideologie des Regimes gebrochen hat. Und als wäre die – ohnehin brüchige – militärische Passivität gegenüber Bashar al-Assad nicht der Grund, dass in Qamishlo oder al-Hasakah noch nicht Straße für Straße geschlachtet worden sind.

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