Sonntag, 26. Oktober 2014

Über den „Islamischen Staat“ - die aktuellste Inkarnation des Todes


Allein die Namen deutscher Jihadisten, die nach Syrien oder in den Irak auswandern, sind Höllengeburten der Multitude deutscher Ideologie: Abu Osama al-Almani etwa, „Vater von Osama, der Deutsche“, rief sich jener als Philip geborene Suizidbomber, der unweit von Mosul mindestens 20 Menschen, überwiegend Peshmerga, mit in den Tod riss. Jüngst ermordete ein weiterer al-Almani mit einer Suizidattacke 26 Menschen in der irakischen Provinz Diyala, wieder waren die Ermordeten vor allem Peshmerga. Doch nicht nur, dass den Selbstverteidigungsbrigaden viel zu lange noch das Gröbste verweigert worden ist, womit sie dieser suizidalen Hölle hätten entkommen können, findet sich auch nirgends eine antifaschistische Organisation, die in konkreter Solidarität mit den Menschen in Şengal, Kobanê und anderswo diese grünen Faschisten vor ihrer Auswanderung nachspürt und angreift, um abzuwenden, dass ein weiterer al-Almani im Irak oder in Syrien mehr Menschen in wenigen Sekunden ermordet als der NSU in mehreren Jahren.

Manch einer mag sich in diesen Wahn einfühlen als eine Überreaktion auf „Islamophobie“ oder „rassistische Diskriminierung“. Nicht nur, dass dabei ignoriert wird, dass die größten Auswandererströme nach Syrien und Irak von dort erfolgen, wo der organisierte Islam eine staatstragende Funktion hat und ihm weitgehend die soziale Kontrolle über Communities und Banlieues übertragen worden ist. Es wird dabei konsequent abgesehen von der sozialen Totalität der Ökonomie. Dessen innerster Kern ist die Abstraktion der Individuen zu Subjekten kapitalistischer Akkumulation. Mit allen anderen gleich, also lebendes Äquivalent zu den Nächsten zu sein, heißt durch alle anderen verüberflüssigt zu werden. Im Angesichts des Wertes werden sie dauernd mit ihrer fundamentalen Minderwertigkeit konfrontiert. Die Agitatoren Allahs sind so auch nicht gezwungen, unter Geflüchteten zu rekrutieren, nicht dort, wo die von Markt und Konkurrenz Ausgeschlossenen ausharren, im Plastikdschungel von Calais etwa oder entlang des Todesstreifens von Melilla, nicht also dort, wo reale Diskriminierung sich tödlich äußert. Sie finden ihre Rekruten, die Inkarnationen des Todes, unter Pizzabäckern und anderen subjektlosen Subjekten. In der Konversion zum nazifizierten Islam wird die Überflüssigkeit der Individuen nicht gestundet, sie wird im Hass auf alles Individuelle glorifiziert. Die jihadistische Märtyrerproduktion radikalisiert die Konfrontation der islamisierten Subjekte mit ihrer Funktionslosigkeit vor dem Kapital, indem sie diese mit dem totalen Nichts konfrontiert: der Tod als Märtyrer wird ihnen zur edelsten Geste an einen ihnen äußerlichen Zweck. Noch darin scheint die Totalität des Kapitals auf, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst Zweck ist und vor allem darin sind sich die jihadistische Variante des Islam und die nationalsozialistische Variante der deutschen Ideologie so nah. Sie steigern die dem Kapital inhärente Irrationalität bis an die Schwelle einer diesseitigen Hölle, sie eskalieren das subjektlose Subjekt zum Märtyrer, das Funktionalität nur noch im suizidalen Tod für Allah und den Imam realisiert: „Wir lieben den Tod wie ihr das Leben.“

Natürlich: ohne die Zwieschlächtigkeit in den Interessen des türkischen Regimes der Muslimbrüder, des Assad-Regimes, des khomeinistischen Irans und der klerikalen Despotien am arabischen Golf sowie des Lavierens der US-Amerikaner und Europäer wäre es nie zu dem exorbitanten Landgewinn des „Islamischen Staates“ gekommen. Die Pseudofront zwischen diesen Mimen wäre wahrlich als Verschwörung zu charakterisieren, würde dadurch nicht verdunkelt werden, dass der „Islamische Staat“ weniger das Produkt anderer Interessen ist als das eines Racketisierungsprozess, dem viel mehr mit den Kategorien Krise und Ideologie nachzugehen wäre. Die in schwarz gehüllten Halsabschneider sind die authentischen Liquidatoren einer absolut ruinösen Modernisierung in den arabischen Staaten, viel mehr: einer Modernisierungsattrappe, dessen Einknicken auch nur durch die Repression der politischen Polizei so lange hinausgezögert werden konnte. Was sich an dem „Islamischen Staat“ exemplifiziert, ist die Entgrenzung eines konfessionellen Bandenwesens, welches zuvor noch national integriert war. Die Alawitisierung des syrischen Regimes oder die Sunnitisierung des irakischen Baʿth-Regimes unter Saddam Hussein gehorchte dem objektiven Zwang, sich eine absolut loyale Basis als Staatsmaterial zu halten. Wurde der Staatsapparat auch konfessionalisiert, war die herrschende Clique doch gezwungen, darüber den Schleier eines überkonfessionellen syrischen oder irakischen Nationalismus zu legen.

Die Brut Saddams

Die innerislamische Entzweiung von Shiah („Partei Alis“) und ahl as-sunna („Volk der Tradition“) und die Terrorisierung von allen realen und halluzinierten „Feinden der arabischen Nation“ im Irak, die unter dem Schleier des Baʿth-Staates „des ganzen Volkes“ ausgereizt worden sind, haben das Terrain geebnet für Daʿesh (so das arabische Akronym für den „Islamischen Staat“). Zunächst als „al-Qaida im Irak“, dessen aktuellste Inkarnation Daʿesh ist, organisierten die Jihadisten die Rache der sunnitischen Stämme für die Verdrängung aus den Funktionen des zerschlagenen Baʿth-Apparates. Über Syrien wanderten tausende Jihadisten ein, überwiegend aus anderen arabischen Staatsruinen. Die geschlagenen Loyalisten Saddam Husseins betrieben Mimikry und drangen mit ihrem militärischen Know-how bis in die Kommandostrukturen der Daʿesh vor. Unterdessen schnürte sich, toleriert von den US-Amerikanern, der Zugriff des khomeinistischen Irans auf die irakische Shiah weiter zu. Schiitische Todesschwadronen infiltrierten Polizei und Paramilitärs und terrorisieren seither die verbliebenen Sunniten in den schiitischen Viertels Baghdads und anderswo.

Nicht nur, dass Daʿesh ranghohe Baʿth-Militärs in ihren Reihen zählt, die Jihadisten wahren auch die Tradition der baʿthistischen Terrorisierung der realen und halluzinierten „Abtrünnigen“ der arabisch-islamischen Nation. Wie Daʿesh den Yeziden die Entscheidung aufzwang, Konversion zum Islam, Tod oder die Flucht ins schroffe Gebirge, sprach das Baʿth-Regime in den dunklen Tagen der Militäroperation „al-Anfal (1986-89), inspiriert von der Koransure: „Die Beute“ , ein letztes Ultimatum an die „Abtrünnigen“ aus: Entweder fügen sie sich der irakischen Nation, mit der Konsequenz einer Zwangskasernierung unter dem strengen Regiment des baʿthistischen Militärs, oder sie würden aus der irakischen Nation herausfallen und als Deserteure gelten. Desertion aber wurde im Irak Saddams, wie auch woanders, mit dem Tod geahndet. Der Tod durchs Gas war integriert in die „al-Anfal-Kampagne“, in der das Baʿth-Regime Arabisierung und Pazifizierung des abtrünnigen Hinterlandes im nördlichen Irak, das abwechselnd als „israelische Enklave“ oder „5. Kolonne der Perser“ denunziert wurde, kombinierte. Seit den 1970ern waren die Yeziden einer gnadenlosen Arabisierung unterworfen, ihre Dörfer wurden verbrannt und ihr Boden an loyale muslimische Araber übereignet. Auch nach den jüngsten jihadistischen Attacken auf die irakischen Yeziden in Şengal wurde die Kollaboration sunnitischer Stämme, die die Attacken der Daʿesh flankierten, mit einem Anteil an der „Beute“ entgolten. “Wir versklaven, verkaufen und teilen yezidische Frauen und Kinder unter uns auf“, heißt es in Dabiq”, einem Fanzine des „Islamischen Staates“. Anders als Christen und Juden, die Tod und Versklavung durch die erpresste Zahlung der Jizya entfliehen können, seien Yeziden “absolute Ungläubige” und fielen somit als ”Beute” an die Jihadisten. Weit über 3000 Yeziden wurden seit den Attacken auf Şengal, wo ein Großteil der irakischen Yeziden leben, verschleppt. Diese Sklavenökonomie ist eine weitere perfide Form der genozidal verfolgten Ausrottung der als “Teufelsanbeter” denunzierten Yeziden. Aktuell forciert Daʿesh seine Attacken auf Şengal, bis zu zehntausend Menschen sind im Gebirge von jeder Fluchtroute abgeschnitten. Wenn die Geflüchteten nicht durch die Hände der Jihadisten sterben, droht ihnen Dehydration und Hunger mit dem Tod.

Die syrische Katastrophe

Das syrische Assad-Regime präsentierte den Jihadisten alsbald eine weitere Expansionsfläche. Noch ganz zu Beginn der Revolte amnestierte Assad hunderte von ihnen mit dem Kalkül, diese würden die Opposition mehr schädigen als es selbst bedrohen und natürlich um das Alibi geliefert zu bekommen für das gnadenloses Vorgehen gegen jede Opposition. Die berüchtigten Fassbomben, mit denen das Assad-Regime anderswo kaum mehr hinterließ als Ruinen und Leichengestank, sparten die Frontverläufe der Daʿesh zunächst systematisch aus. Wo es zu Konfrontationen kommt, nehmen diese Alibicharakter an – so blutig sie auch sein mögen, etwa die Hinrichtungsorgien an Soldaten Assads. Daʿesh konzentriert sich zunächst darauf, die militantesten Gegner des Regimes in Grabenkämpfe zu zwingen und das letzte säkulare Refugium Syriens einzunehmen, wo der Irrsinn noch nicht über alles triumphiert hat: Syrisch-Kurdistan alias Rojava. Wie es scheint ist das Kalkül des Assad-Regimes weitgehend aufgegangen: In stiller Verständigung mit den Jihadisten der Daʿesh wurde die Opposition in allen ihren Varianten aufgerieben, während heute, wo die US-Amerikaner gegen Daʿesh vorgehen, das Regime sich unwidersprochen als Stabilitätsgarant präsentieren kann. Indessen ist es in Halab/Aleppo dieselbe Prozedur: Assad sät, d.h. bombardiert und hungert aus, und Daʿesh erntet. „Aleppo existiert nicht mehr“, so ein Geflüchteter aus der Millionenruine.

Der Protektor des syrischen Assad-Regimes ist zugleich die schiitische Variante der Daʿesh und herrscht seit 1979 im Iran über mehr als 75 Millionen Menschen. Dieser Islamische Staat rekrutiert tausende Jihadisten für Assad & Shiah, verfolgt einen schleichenden aber systematischen Genozid an der religiösen Minorität der Bahá'í, propagiert wie Daʿesh den Mord an den Juden und verdächtigt Kurdistan, ein Hort von Unglauben und Verrat zu sein. Wie Daʿesh richtet er gnadenlos über reale und imaginierte Abtrünnige. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Ayatollah Khomeini, der Übervater dieser Despotie, in seinem Todesdekret des Jahres 1988, mit dem er die Hinrichtungen tausender Dissidenten anbefahl. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Es ist diese schiitische Variante der Daʿesh, die sich nun als Garant von Stabilität empfiehlt - eine Stabilität, die sich nur als Grabessruhe äußern kann. Sipan Hemo, Kommandeur der Selbstverteidigungsbrigaden in Syrisch-Kurdistan: Yekîneyên Parastina Gel (YPG), charakterisiert die Interessen der khomeinistischen Despotie als Strategie einer weiteren Eskalation des konfessionellen Konflikts. Sie verfolge mit ihr, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der sich vom Iran über den Irak bis zum Südlibanon erstreckt, zu installieren. Daʿesh fungiert der khomeinistischen Despotie als Komplementär. Es scheint in ihrem Interesse zu sein, dass es die Irrsten unter den Irren sind, die nun den Hass der irakischen Sunniten auf das schiitische Maliki-Regime in Baghdad orchestrieren. Exemplifiziert die syrische Katastrophe doch wie Daʿesh noch die ideologisch engsten Verwandten, etwa Ahrar al-Sham oder Jabhat al-Nusra, in Fehden aufreibt und jede Opposition sprengt. 

Daʿesh als türkische Kontrabande

Daʿesh ist kein Produkt anderer als die, die im irakischen Mosul die Bleiben christlicher Assyrer in Androhung eines Pogroms oder zur Erhebung der Jizya markieren, dieser Jihad ist kein Produkt anderer als die, die in Şengal Yeziden massakrieren und versklaven. Dass Daʿesh ein authentisches Eigenprodukt grüner Faschisten ist, heißt aber nicht, dass diese keine Gönner hätten und ihr Vormarsch nicht von diesen abhängig ist. Noch in den 1980ern hat der türkische „derin devlet“, die verborgenen Strukturen des tiefen Staates, Islamisten als Kontraguerilla organisiert. Diese Hizbullahî Kurdî war zunächst eine Bewegung von Bewunderern Ayatollahs Khomeini und der „Islamischen Revolution“ im Iran, vor allem auch kurdischstämmige Graue Wölfe aus Elazığ und Diyarbakır etwa, die in den Knästen der Militärjunta vom 12. September 1980 frömmlerisch wurden, schlossen sich ihr an. In den 1990ern zählte ihr militantester Flügel 20.000 Killer in seinen Reihen, tausende zählen die von ihm Ermordeten: etwa Angehörige der Juristenvereinigung İnsan Hakları Derneği (İHD), die politisch Inhaftierte, Gefolterte und Hinterbliebene von Verschwundenen verteidigt, und kritische Autoren von Özgür Gündem und Gerçek. Ganz ähnlich wie heute das Erdoğan-Regime sagte im Jahr 1993 der Gouverneur für die südöstlichen Provinzen im Ausnahmezustand, Ünal Erkan, dass sie, so lange die PKK existiere, solche Organisationen wie die Hizbullahî Kurdî nicht zerschlagen werden (im Gespräch mit Milliyet, 7.02.1993). Heute sagt Erdoğan: "Wir dulden keine Terroristen an unser Grenze“ und meint damit nicht Daʿesh, viel mehr die säkularen Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas. Nachdem im Jahr 2000 der türkische Staatsapparat die Hizbullahî Kurdî dann doch zerschlug – sie hatte ihren Dienst getan und entwickelte ein bedrohliches Eigenleben – und nicht wenige Angehörige dieser Todesschwadrone sich im deutschen Exil reorganisierten, amnestierte Erdoğan im Jahr 2011 die letzten inhaftierten Hizbullahis. Mit anderen gründeten sie die legale Partei Hür Dava Partisi. Aussagen des oppositionellen Parlamentariers Demir Çelik zufolge hätten sich zudem 2000 Angehörige der Hizbullahî Kurdî in Syrien und dem Irak der Daʿesh angeschlossen.

Es sind vorrangig islamistische NGOs, die sich der direkten logistischen und propagandistischen Flankierung des syrischen Jihads annehmen, dieselben NGOs, die vom Erdoğan-Regime noch jeden Auftrag zum antiisraelischen Krawall zugeteilt bekommen: Yardım Vakfım alias İHH etwa, die in Europa und der Türkei hunderte Jihadisten rekrutiert. Mindestens ein Veteran der antiisraelischen Märtyrer-Flottille der İHH ist in Syrien im Kampf für die mit al-Qaida assoziierte Jabhat al-Nusra gestorben. In Gaziantep, unweit der türkisch-syrischen Grenze, verfügt İmkan-Der, eine weitere islamistische NGO, über eine eigene Charité für verwundete Jihadisten von Ahrar al-Sham, einem weiteren al-Qaida-Sidekick in Syrien. Das Erdoğan-Regime dagegen unterlässt alles, was die Jihadisten in die Enge treiben könnte. Während diese sich im türkisch-syrischen Grenzgebiet ungezwungen von einer Seite zur anderen bewegen als wäre ihr postnationales Kalifat noch dieser Tage Realität, werden weiterhin Hirten und andere Grenzgänger von türkischem Militär bedroht, ermordet und verstümmelt; während türkische Panzergrenadierbataillone auf den an Kobanê angrenzenden Hügeln selbst auf den Beschuss türkischen Bodens durch Daʿesh nicht reagieren, werden Solidaritätsaktionen für die Geflüchteten aus Kobanê massiv von Militärpolizei attackiert. Im Süden und Osten der Türkei morden unterdessen dieselben Bluthunde, die seit den 1970ern noch jede Opposition mit Pogrom und Meuchelmord überzog. In Gaziantep ist es ein militanter Rudel von Grauen Wölfen, der sich in stiller Verständigung mit der Polizei auf mörderische Kurdenhatz begibt. Und in Diyarbakır sind es eben jene Hizbollahis, die erneut eng in die Repressionsstrukturen des türkischen Staates eingebunden werden, d.h. Oppositionelle hetzen und ermorden, verschleppen und foltern ohne eigene Konsequenzen.

Monatelang forderten die Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas das Mindeste ein, womit sie den massiven Attacken von Ahrar al-Sham, Jabhat al-Nusra und Daʿesh entgegnen können: „We need Europe and the United States to support us with technology. Detectors and explosive deactivators are needed to fight IS“. Es wurde ihnen viel zu lange konsequent verweigert. Monatelang forderten sie Europäer und US-Amerikaner als ihre „natürlichen Verbündeten“ auf, Luftbombardements gegen Daʿesh zu intensivieren und vor allem auf die Frontverschiebungen Richtung Kobanê zu reagieren. Es kam lange nur zu kosmetischen Eingriffen - bis zu dem Moment als die Enklave Kobanê zu 30 oder 40 Prozent von Daʿesh eingenommen war und zumindest die US-Amerikaner mit forcierten Luftbombardements und einer Luftbrücke den Aufgeriebenen beikamen. Erdoğan beschuldigt nun die US-Amerikaner, mit den Munitionstransporten für die in Kobanê ausharrenden Brigadisten der YPG „Terroristen“ zu unterstützen. Wenn irgendetwas ein System hat, dann dass jede konkrete Solidarität bis aufs Äußerste hinausgezögert wird. So empfand auch der drittgrößte Exporteur von Mordswaren, Deutschland, eine Aufrüstung der Peshmerga als Reaktion auf die Attacken der Daʿesh auf Şengal zunächst als „falsche Antwort“ und drängte die Bedrohten, sich wieder den Intrigen und Winkelzügen des schiitischen und Iran-hörigen Maliki-Regimes in Baghdad zu unterwerfen, bevor damit begonnen wurde, den Peshmerga Militärschrott zu liefern.

Die Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas bedanken sich noch für jeden Flug der United States Air Force auf Positionen der Islamisten in der nüchternen Gewissheit, dass einerseits das US-amerikanische Militär seine Schlagkraft gegen Daʿesh gedrosselt hält, anderseits der anti-US-amerikanische Verschwörungswahn die ideologische Flanke eines jeden regionalen Regimes – von Khomeini über Assad bis Erdoğan - ist, das Daʿesh direkt instrumentalisiert. In unzähligen Kommentaren analysieren Kommandeure der YPG die regionalen Konstellationen: Sie sprechen von der Verlogenheit Assads und des khomeinistischen Irans und der türkischen Flanke der Daʿesh. Vieles von dem wird im europäischen Solidaritätsmilieu konsequent ignoriert. Auch in diesem herrscht die Borniertheit vor, in der die regionalen Regime höchstens als Agenten Dritter fungieren. Von der nationalen Spezifik, der Verrohung durch islamische und nationale Ideologien und der konkreten Gewalt des Souveräns wird abgesehen, wo einzig das Interesse als perfide Verschwörung denunziert wird. In der Konsequenz ist die antiimperialistische Ideologie die aktuellste Form eurozentristischen und rassistischen Denkens: der Figur „des Orientalen“ wird ihr Opferstatus eingebrannt, dieser sei affektiv und leicht zu instrumentalisieren, Ratio und Interesse wird allein – und im denunziatorischen Sinne - „dem Westen“ zugesprochen. Es sind die Brigadisten der YPG, die die Hoffnung an die eine Gattung Mensch und die Universalität von Emanzipation und Säkularität verteidigen und allein aus diesem Grund den US-Amerikanern – auch wenn diese sie viel zu lange allein ließen – weniger Verachtung entgegenbringen als den Despoten des Mittleren Ostens selbst.

Es irrt, wer sich der US-amerikanischen und europäischen Geopolitik einzig mit den Kategorien „Interesse“ und „Zweckrationalität“ nähert. Geopolitik im Mittleren Osten heißt vor allem Einfühlung in die Grabesruhe. Nicht nur, dass mit ihrer engen Einbindung in die „Internationale Allianz“ jene Despotie rehabilitiert wurde, die seit Anbeginn ihrer Existenz eine Variante des Islam nach innen konserviert und nach außen voranbringt, die dem „Islamischen Staat“ am ähnlichsten ist: Saudi-Arabien. Nicht nur, dass noch jene Shariah Firma, welche von Libyen über Ägypten bis nach Syrien Jihadisten, wie die Jabhat al-Nusra, finanziert, in die Koalition einbezogen ist: Katar. Wird nun darüber hinaus auch noch von Kerry bis Ischinger die schiitische Variante von Daʿesh, die khomeinistische Despotie im Iran, als wesentlicher Stabilitätsgarant des Mittleren Ostens gehandelt.

Die pathische Indolenz gegenüber den Opfern jener Despotien schlägt entlang der europäischen Grenzen in unverschämte Aggression um. Hunderttausende sind aus anderen Teilen Syriens und Iraks nach Kurdistan geflüchtet. Sie sind untergekommen in feuchten Rohbauten oder unter Planen, die bei den starken Regenfällen der vergangenen Tage davongespült werden. Unterdessen wird in Europa die Jagdsaison ausgerufen und strömen in einer koordinierten Aktion 20.000 Polizisten aus, um „Illegale“ aufzugreifen. Die größte Betroffenengruppe sind Geflüchtete aus der syrischen Hölle. An den Hochtechnologiezäunen von Melilla werden Menschen gesteinigt und in den sterilen, von der EU-Kommission finanzierten griechischen Internierungszentren noch die letzten Nerven aufgezehrt. Jene, die „durchgekommen“ und nun in einer deutschen Flüchtlingskaserne auszuharren gezwungen sind, müssen erfahren, dass die ideologischen Brüder von al-Almani sie auch hier bedrohen. Yezidische und christliche Geflüchtete wurden in den vergangenen Monaten wieder und wieder Opfer islamistischer Aggressionen. Doch als wäre der genozidale Terror der Jihadisten sowie der traditionelle muslimische Hass auf die „Teufelsanbeter“ eine Frage subjektiven Empfindens und nicht einer objektiven Katastrophe, bezweifelt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Generalbedrohung von Yeziden im Irak und anderswo. Noch sie werden in der Angst gelassen, dass ein Abschiebekommando sie irgendwann aus den Schlaf reißen könnte.

Solidarität mit den Säkularen des Mittleren Ostens

Die Hoffnung harrt im Moment in Kurdistan aus. Nicht dass dort die Zentralisation von Souveränität völlig unblutige Formen angenommen hat, so wurde hier doch eine Entwicklung eingeschlagen, die konträr liegt zum islamischen Rollback in der Türkei und der Grabesruhe im Mittleren Osten. In den von den Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans beherrschten Territorien werden Menschen in Absehung ihrer Blutsenge vor der jihadistischen Aggression des IS verteidigt. Tausende Christen flohen aus Halab, Raqqa und anderswoher nach Rojava. Der Syriac Military Council (MFS) christlicher Assyrer ist mit der YPG assoziiert und verteidigt, Seite an Seite, den östlich von Kobanê gelegenen Kanton Jazira, in dem auch viele yezidische Geflüchtete ausharren. Neben assyrischen Christen organisieren sich tausende junge Frauen in den Selbstverteidigungseinheiten, Yekîneyên Parastina Jin (YPJ). Mag es unter dem Antlitz Abdullah Öcaclans auch etwas zwieschlächtiges und ideologisches anhaften, das Versprechen, das sich die Rekrutinnen der YPJ geben, „Jin Jiyan Azadî” (Frau – Leben - Freiheit), ist angesichts der Frauenverachtung und Todesbeschwörung der Jihadisten, “Wir lieben den Tod wie ihr das Leben” , jener militante Konter auf die islamistische Aggression, der keinen Zweifel daran lässt, was es vorrangig zu verteidigen gilt: nicht die Scholle, nicht die inzestiöse Blutsenge, allem anderen voran die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Unsere Hoffnung ist es, dass sie ihre Verbündeten etwa in jenen finden, die im Jahr 2009 zu hunderttausenden gegen die schiitische Variante der Daʿesh revoltiert haben – und doch allein geblieben sind. In den vergangenen Tagen protestierten zumindest in Iranisch-Kurdistan, etwa in Sardasht, Marivan und Kermanshah, tausende Menschen gegen die Terrorisierung der Yeziden und die Bedrohung von Kobanê durch den IS. Peshmerga der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (PDK-I) rückten nach Şengal vor, um den Yeziden beizustehen. Nur zu viele Jahre zwang die Repression die Menschen im Iran zu schweigen – heute protestieren in Isfahan und Teheran wieder hunderte Menschen gegen sich häufende Säuereattacken auf junge Frauen. Sie schreien: „Tod den religiösen Fanatikern“.

Politisch Inhaftierte im Iran in Solidarität mit Kobanê (v.r.n.l.): Afshin Hirtian (inhaftiert für seinen Kampf gegen Kinderausbeutung), Vahid Asghari (Blogger, bedroht mit der Todesstrafe), Behnam Ebrahimzadeh (kämpfte an der proletarischen Front) and Khaled Khardani (Oppositioneller aus Ahwaz/Khuzestan, dem arabischen Iran).

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