Mittwoch, 28. November 2012

Wider die khomeinistische Despotie




Es schien als hätte sich die pathische Indolenz der Gattung Mensch den Iranern eingebrannt wie die Stigmen der Torturen aus Evin und anderswo, da nahm die repressiv erzwungene Todesstille im Iran am 3. Oktober abrupt ein Ende. „Nein zu Syrien (zum Assad-Regime), nein zum Libanon (zur Hezbollah), unser Leben für den Iran“, riefen die Menschen, die zu tausenden auf die Straßen Teherans zogen. Es blieb bei diesem einen Tag, dann nahm die Repression die Straße wieder an sich. Zwei Wochen später marschierten die Sepah-e Pasdaran-e Enghelab-e Eslami, die khomeinistischen Blutsäufer, zu einem dreitägigen Manöver in Teheran auf. Mohsen Kazemeini, Kommandeur des Mohammad Rasool-Allah Korps, glaubend demonstrierten abschließend 180 Divisionen der Pasdaran auf dem Teheraner Palestine Square. Sie schnauben von Israel – und drohen darin jedem Dissidenten im Iran. 

Der Ruf „Nein zum Assad-Regime, nein zur Hezbollah, unser Leben für den Iran“ ist eine ungeduldige Reminiszenz an den 18. September 2009, jenem Tag, an dem die Iraner zu hunderttausenden ihre Vermassung zum antiisraelischen Brüllvieh konterten: Aus den Chassis dröhnte, auf allen größeren Straßen Teherans, ein penetrantes „Tod Israel“. Das Ende des Monats Ramazan näherte sich und wie jedes Jahr wurden die khomeinistischen Klientel, die invaliden Märtyrer und die von Prämien Korrumpierten, herangefahren zum „Tag der Mobilisierung der Muslime“ (Khomeini im Jahr 1979). In seiner Ansprache beschwor Mahmud Ahmadinejad, es sei nicht nur der Tag, an dem die iranische Nation sich vereine, viel mehr sei es der Tag, an dem alle Nationen sich vereinen, auch die nicht-muslimischen, gegen die eine Anti-Nation Israel. „Tod Israel“ dröhnte es – und dem khomeinistischen Brüllvieh schlug es entgegen: „Tod den russischen und chinesischen Kollaborateuren des Regimes“. Hatte noch Khomeini infolge des ersten al-Quds-Marsches im Jahr 1979 die Hezbollah als jene islamische Assoziation der Mostaz'afin, der muslimischen Unterdrückten, ausgerufen, schallte nun ein  „Weder Ghazzah noch der Libanon, unser Leben für den Iran“ durch die Straßen Teherans, Isfahans und anderswo. Das hatten sich die Reformkhomeinisten Mehdi Karroubi, Mir-Hossein Mousavi und Mohammad Khatami anders gedacht. Ihr Kalkül war es, dass Ali Khamenei alsbald einsehe, dass eine „Mobilisierung der Muslime“ ohne sie nicht zu haben sei und so riefen sie auf, im oppositionellen grün für ein Ende Israels mitzumarschieren. Doch die Erhebenden entzogen sich ihrem repressiven Zugriff. Es hat sich ihnen eingebrannt, dass die terroristisch erzwungene Homogenität nach innen und der antiisraelische Furor nach außen sich komplementieren, dass das eine im anderen eskaliert. Es scheint, als dass sie die Malignität der pathischen Projektion auf Israel ahnen.   

Nur zu kärglich war dagegen der frühherbstliche regimeinszenierte Furor um die Schmähung Mohammads. Es sah nie aus als hätten sich noch viele andere Menschen als die Kleriker aus der nächstgelegenen theologischen Fakultät eingefunden. An den Universitäten huschten zwischen klerikalem Agitator und ausgedünntem stipendiatischem Brüllvieh jene vorbei, die noch wenige Jahre zuvor gegen den religiösen Furor angeschrieen haben - und die es wieder tun würden, wäre es ihnen nicht eingebrannt, wie die Stigmen der Torturen aus der Universität Evin und anderswo, alleingelassen zu werden. Das khomeinistische Brüllvieh reduziert sich auf die schwindenden Klientel und Profiteure der Apparate und so ist es nur noch eine ungesühnte Verhöhnung jener, die erpresst sind zu schweigen, dass Fars und Mehr News Agency Fotografien über die Mohammad-Rage präsentieren, die nur noch Porträts der wenigen Loyalisten ähneln aber mit „Millionen von Iranern“ beschriftet sind.

Die Reaktion deutscher Antiimperialisten auf die säkularistische Erhebung gegen die khomeinistische Despotie ist konträr zu der auf den religiösen Furor. Waren sie im Jahr 2009 bedacht, die bis zu drei Millionen Menschen allein in Teheran zu einem korrumpierten Racket „sponsored by CIA, George Soros and friends“ (1) zu erniedrigen, ist es ihnen nun nichts als Demagogie, auszusprechen, dass wider den logistischen Apparat des Regimes nicht mehr als einige wenige tausend Iraner sich zu einer der inszenierten Empörungen einfanden. Solche Herabwürdigung des khomeinistischen Mobilisierungspotenzials ist ihnen eine Schmähung des Souveräns (2). War ihnen noch der religiöse Furor um verbranntes Papier im afghanischen Bagrám ein demokratisches Erwachen (3), so ist ihnen das Moment, wo es hätte anders kommen können, eine „asoziale Revolution“: „die konterrevolutionäre Revanche an der Islamischen Revolution als Emanzipationsprozeß der Volksklassen“ (4). Es ist der zynische Kommentar auf die kapitalisierte Sozietät als Bestialität und ihrer postmodernen Verdunkelung.

Beschädigte Modernisierung und Islamisches Erwachen

Anders als etwa die ägyptische oder tunesische Despotie des al-Mukhabarat, die die Rekrutierung der Depravierten an die islamische Konkurrenz abtrat, akkumulierte die khomeinistische Despotie ihr Selbstbewusstsein aus der katastrophalen Mobilisierung der Mostaz'afin. Der khomeinistische Erweckungsislam transformierte das Unglück, sich als vereinzelt Einzelner in einer Masse von Entwurzelten vorzufinden, in die grobe Gewalt der Masse.

Mit dem Beginn der 1960er lancierte das Pahlavi-Regime eine Agrarreform. Sie versprach, die unter dem Diktat der Fronherren dahinlebenden kleinbäuerlichen Produzenten zu Herren ihrer eigenen  Parzelle zu erheben. Das allein empörte einen jeden Kleriker. Garantierte doch der feudale Zwang die klerikale Autorität. Seyyed Ahmad Khansari etwa verlas, dass die Konfiskation von Boden eine Sünde sei. Jedes Gebet sowie jede rituelle Waschung, die auf einem solchen Boden vorgenommen werden, seien wider Gott.

Die Pahlavische Agrarreform zerschlug das feudale im Interesse eines agroindustriellen Produktionsverhältnisses, sie fungierte als Integrationsform der iranischen Ackerscholle in den universalen wie totalitären Markt des Kapitals. Das Diktat der Fronherren war liquidiert – die kleinbäuerliche Existenz aber darbte weiter. Die eigene Parzelle schrumpfte auf wenige Hektar Boden während die Kompensationen in Geldform an den Staat - ihrem Befreier – sie erdrückten. Hatten noch die Feudalherren, so despotisch sie auch waren, die Saatfrucht, das Zugvieh und ähnliches den ihnen Hörigen überlassen (manche von ihnen auch Investitionskredite gewährt und die Vermarktung des Mehrproduktes übernommen), so war nun die vom Fronzwang befreite parzellenbäuerliche Existenz beherrscht vom Zwang, dem selbst nachzukommen um in der Konkurrenz zu überleben. An eine Mechanisierung der Produktion war dabei nicht zu denken, ihre beschämende Kreditmoral war ihnen eingebrannt wie ein Stigma. Allein die Parzelle garantierte also keine Reproduktion und so wurden aus den Minifundisten Flüchtige nach einer kapitalproduktiven Funktion irgendwo anders. Sie stoßen zu jener Masse an bodenlosen bäuerlichen Existenzen hinzu, die weder Halb- noch Unterpächter und von der Agrarreform sowieso ausgeschlossen waren. Sie allein potenzierten sich zu Beginn der 1960er, noch vor der Agrarreform, auf 40 bis 60 Prozent der ländlichen Population. Alles in allem äußerte sich die Befreiung der kleinbäuerlichen Existenz als ihre Liquidation im Interesse einer Industrialisierung der Agrarproduktion.

Die Binnenmigration eskalierte in jenen Jahren, etwa aus den südöstlichen Provinzen Sistan und Baluchestan in die nördlichen wie Gilan und Gorgan. Die noch zwischen Dorf und Stadt lavierenden Flüchtigen hofften von der industrialisierten Agrarproduktion absorbiert zu werden, doch die Modernisierung, von der sie selbst ausgesperrt waren, potenzierte nur ihre Fungibilität. So staute sich das flüchtige Leben auf. Vor allem Teheran schwoll Jahr zu Jahr auf weitere Slums an, so dass noch zwischen Gräbern die Davongezogenen hausten. Die khomeinistische Karitas las jene Flüchtigen auf, die in die Städte drängten und dort noch fataler mit ihrer Funktionslosigkeit vor dem Kapital konfrontiert waren. Nicht, dass diese Karitas ihren Hunger stillte, warb sie mit heiligen Versen und einem Vertragsverhältnis, zu dem ein jeder kam, der absolute Loyalität versprach: das des klerikalen Agitators mit seinem Brüllvieh. Es war eine regressive Reminiszenz ans feudale Klientelverhältnis; der Zwang, sich der Autorität zu fügen, wurde nun zur Inbrunst, sich für Khomeini und den Imam zu opfern. Sie, die Mostaz'afin, waren als Subjekte in die Konkurrenz entlassen, ohne dass jemand an das ihnen überantwortete variable Kapital, die Ware Arbeitskraft, ein redliches Interesse nahm. Sie waren nichts als weitere hungrige Behälter fungibler Arbeitskraft, denen die Integration in den universalen wie totalitären Markt des Kapitals als Objekte angetan worden ist. Ohne darin eine Funktion einzunehmen waren sie unter dem Zwang der Verwertung des Wertes subsumiert. Ihr Totengesang „Weder westlich noch östlich – islamisch“ (5) wurde nunmehr zum regressiven Konter auf die beschädigte Modernisierung des Pahlavi-Regimes.

In dem Gebrüll „Tod Amerika“ wie „Tod Israel“ eigneten sich jene, die zuvor nichts hatten, die Stärke der Masse an. In der Masse erfuhren sie Funktionalität für die Masse, außerhalb blieben sie hungrige Existenzen. Die Identifizierung mit allen anderen in der Masse, mit den nächsten Konkurrenten, funktionierte noch in den frühsten Momenten der konformistischen Revolte nie anders als durch die Entzweiung der Gattung: in Gläubige und Ungläubige, durch die Projektion auf etwas der Masse Äußerliches. Bereits am 3. Juni 1963, während Ashura in Qom, assoziierte Khomeini den Despoten Reza Pahlavi mit Yazid, dem Mörder des Imams Hussein, um dann auf den wahren Konspirator gegen die islamische Souveränität zu sprechen kommen: „Israel ist dagegen, dass im Iran die Gesetze des Korans gelten.“ Doch die Exorzierung der Krise war nur simuliert, anders als die nazifizierten Deutschen konnte der khomeinistische Iran nicht die Fungibilität der Subjekte stunden, indem er sie als Vehikel höherer Produktivität rassifizierte und verstaatlichte und alsdann die eigene Krise den anderen Nationen aufhalste. Dem khomeinistischen Iran vermisst es dazu an der industriellen Potenz. Nicht im Kahlfraß der anderen, wie bei den Deutschen, viel mehr im provozierten Tod der mit ihm total Identifizierten hob der khomeinistische Souverän die Wertlosigkeit der Mostaz'afin vor dem Kapital auf: im achtjährigen Menschengemetzel mit dem Irak.

Hierin nahm der Iran wieder eine Funktion im Universalsystem des Kapitals ein. Beide, der khomeinistische Iran wie der ba’athistische Irak, verschlungen Massen an tödlichem Material, das von den Märkten, ohne Engpässe, in die Frontgräben nachgestopft worden ist; beide, der Iran wie der Irak, fungierten als Subjekte eines „grandiosen Petro-Dollar-Recyclings“ (6). Sie kauften die tödlichen Waren gegen Dollars, um diese zu realisieren, überschwemmten sie mit ihrem Rohöl die Märkte. Das Geld blieb also im bayrischen Ottobrunn, im steirischen Liezen und wo noch für das Morden produziert worden ist, während an der Front das Eingekaufte in schwarzem Qualm und dem Gestank verbrannten Fleisches aufging. Die khomeinistische Akkumulation des Todes korrespondierte mit der dem Kapital einhausenden Krise: Nicht nur, dass die strukturelle Überakkumulation des Kapitals auch in seiner Peripherie, irgendwo zwischen Khorramshahr und Mandali, als Produktion des Todes, als Liquidation von nicht zu verwertendem Wert, auftrat. Die khomeinistische Märtyrerproduktion radikalisierte die Konfrontation der Mostaz'afin mit ihrer Funktionslosigkeit vor dem Kapital, indem sie diese mit dem Nichts konfrontierte: der Tod als Märtyrer wurde ihnen zur edelsten Geste an einen ihnen äußerlichen Zweck, zum finalen Abschied aus einem Leben, das keines war. Noch darin scheint die Totalität des Kapitals auf, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst Zweck ist. Die khomeinistische Despotie steigerte diese dem Kapital inhärente Irrationalität bis an die Schwelle einer diesseitigen Hölle. Sie eskalierte das subjektlose Subjekt zum Märtyrer, zum „Staubkorn des Vaterlandes“, das Funktionalität nur noch im suizidalen Tod für Khomeini und den Imam realisiert.

Der „Emanzipationsprozeß der Volksklassen“, den deutsche Ideologen in der Islamischen Republik sehen, war die Korrumpierung durch Prämien bei absoluter Loyalität, das Verschwindenlassen der Jugend in Milizklüften und der Tod als Märtyrer für jene, die zuvor nichts hatten. Emanzipiert wurde sich vom Leben. Die khomeinistische Karitas eskalierte in ihrer Variante der Ein-Kind-Politik, bei der das Regime tausende von Kindern als Kamikazekommandos rekrutierte. Sie wurden ihren Familien abgepresst und gezwungen, eingegrabene explosive Metallkörper zu neutralisieren. Versprochen war ihnen das Paradies, für viele von ihnen war es ein Versprechen, der Hölle zu entfliehen. Der Spiegel (02.08.1982) erzählte vom Unglück eines Halbwaisen namens Hossein. Wo er herkam wurde jede Familie gedrängt, ein Kind abzutreten. Hossein, der unter einer Lähmung litt, war am leichtesten zu vermissen. Er überlebte die Kamikaze auf die irakische Artillerie, kam also nicht ins Paradies und wurde so ein Tribut an den Irak. Heute darben in den iranischen Invalidendörfern die Menschen dahin, nur gelegentlich funktionalisiert für die Aufmärsche des Regimes. „Wollt ihr etwa dem Islam und der Nation nur dienen, damit ihr euch die Bäuche füllen könnt?“, bedachte im Jahr 1981 Khomeini die ihm Hörigen. „Ich preise jenen zwölfjährigen Helden“, so Khomeini weiter, „der sich Granaten um den Körper schnürte und sich unter ein Panzergefährt des Teufels Saddam schmiss.“ Er sprach von Hossein Fahmideh, der sich am 30. Oktober 1980 bei Chorramshahr selbst grenadierte. Nach ihm sind heute Kinderbibliotheken und ähnliches benannt. In seinem Namen drohte im Jahr 2007 ein Kommandeur der Pasdaran, Ali Fadavi, mit weiteren Kindermärtyrern: „He declined to provide any further details on the specific role of the Basiji troops in possible engagement with enemy forces in the Persian Gulf, but said that each of them can play the role of martyr Fahmideh. Hossein Fahmideh was a 13-year-old volunteer who blew up an enemy tank during a martyrdom-seeking operation in the midst of the Iraqi imposed war on Iran (1980-1988). Due to a lack of RPG rockets and the sensitive formation of enemy tanks, Fahmideh wrapped himself in a grenade belt and lied under the tank to blow it up.” (7)

Die toten Märtyrer wurden nach dem iranisch-irakischen Menschengemetzel zur Drohung an die Lebenden. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Khomeini in seinem Todesdekret des Jahres 1988, mit dem er die Hinrichtungen tausender Dissidenten anbefahl. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Alsdann scannten die Todestribunale die politische Identität der Inhaftierten: Antwortete jemand, er sei bei den Volks-Mujahedin, wurde die Befragung abrupt beendet und das Exekutionskommando übernahm. Die Volks-Mujahedin wurden in der Fatwa Khomeinis namentlich als Heuchler, die nur vorgeben, Muslime zu sein, denunziert. Wer angab, er sei mit keiner oder einer anderen oppositionellen Partei assoziiert, wurde nach seinem Glauben gefragt: Bist du ein Muslim? Fastest du? Betest du und liest im Koran? ... Wer verneinte oder auch nur eine Antwort hinauszögerte, wurde in die Gefängnishöfe abkommandiert. Allein in der elektronischen Datenbank Omid: a Memorial in Defense of Human Rights finden sich die Namen - sowie Ergänzungen zur politischen Identität - von 3.803 Menschen, die im Jahr 1988 hingerichtet worden sind. Andere sprechen von bis zu 12.000 Ermordeten.

Keine imperiale Konspiration im Iran, von der mir so einige einfielen: russische und britische, US-amerikanische und deutsche, legitimiert die Einfühlung in diese klerikalfaschistische Despotie. Darin, dass diese zum Objekt imperialer Konspirativität banalisiert wird, spricht sich die antiimperialistische Ideologie als nichts als Kälte aus, die sich nur noch einfühlen kann in den Apparat, welchen die Antiimperialisten als Volk fetischisieren. Sie viktimisiert die nationale Souveränität, die nie anderes hieß als die zweckrationale wie abstrakte und darin so irrationale Funktionalisierung der konkreten Individuen zu Material von Staat und Racket: vom Mensch zum Ding, das nur in der Identifikation mit der souveränen Gewalt autorisiert ist zu leben. Das Geraune von der imperialen Konspiration wird zum Mythos im Interesse der Despotie, zur Manipulation der Blutspuren des Souveräns. So erscheinen jene Khomeinisten, die am 4. November 1979 in die US-amerikanische Repräsentanz in Teheran eindrangen, als Rächer des von US-Amerikanern mitinitiierten Coups gegen Mohammad Mosaddegh im Jahr 1953 (8). Verschwiegen, dass es der Kleriker Seyyed Abol-Ghasem Mostafavi Kashani war, ein Märtyrer der Islamischen Republik, der sich mit den Militärs gegen Mosaddegh - namentlich mit Mohammad Fazlollah Zahedi, einem antikommunistischen Agrarpatriarchen - verschwor. Mosaddegh hatte zunächst so einiges getan, um einen Kleriker wie Kashani für sein Regime der Nationalfront zu gewinnen. Er ernannte die gottesfürchtigen Politiker Bagher Kazemi und Mehdi Bazargan zu seinen Ministern, amnestierte 28 Fedajin-e Islam, die Bluthunde Kashanis (9), und bedrängte antiklerikale Kritiker wie auch die iranischen Freunde des Klassenkampfes. Unter anderem weil Mosaddegh erwog, die Frau zum politischen Subjekt zu autorisieren, sowie sich dann doch der moskauhörigen Tudeh annäherte, distanzierte sich Kashani von ihm und konspirierte mit den Militärs um Zahedi während Kleriker wie Seyyed Ali Behbahani, einer der Vordenker der Islamischen Revolution, die promonarchistischen Demonstrationen am 18. und 19. August 1953 initiierten (10).

Nur die wenigsten imperialen Konspirationen im Iran waren nicht im Interesse der khomeinistischen Despotie. Etwa händigten die US-Amerikaner den Khomeinisten in den frühen 1980ern jene Dokumente aus Namen und Kontakten aus, die die Liquidierung von tausenden Kadern und Sympathisanten marxistisch-leninistischer Parteien in jener tödlichen Präzision zuließ, die alsdann auch durch deutsche Repressionstechnologie garantiert worden ist. Nicht zu verschweigen wäre zudem die US-amerikanische Iran-Contra-Affäre, in der ein regierungsamtliches Racket HAWK-Systeme und weiteres Tödliches dem Iran überbracht hat - mit dem Fremdzweck der Finanzierung von antikommunistischen Todesschwadronen in Nicaragua. Darin ist der Dialog, den die Souveränitätsfetischisten propagieren, absolut authentisch: in der Kumpanei mit den Mördern. 

Staatlichkeitswahn und Anti-Nation – die Ideologie der Antiimperialisten als präventive Kontrarevolution

Die Logik des Kapitals (11) heißt nirgendwo anderes als die zweckrationale wie abstrakte Funktionalisierung des empirisch Konkreten zu einem ganz anderen Zweck als dem der Stillung des Hungers und weder in Riyadh noch in Teheran treten die Menschen anders in Kontakt als durch den beidseitigen Ausschluss vom opferlosen Genuß sinnlicher Dinge. Den Menschen ist es zur zweiten Natur geworden, dass die konkreten Dinge des Lebens einen Wert haben, dass sie unter den totalitären Charakter der Ware gezwungen sind. Und so penetranter dieses sich den Menschen konfrontiert, rekurrieren sie auf Authentizität und Kultur, auf einen von der Moderne unbeirrten, naturwüchsigen Souverän. Sich abseits des Kapitals zu halluzinieren und Kapital und Krise im Anderen zu personifizieren, ist die Selbsterhaltung der kriselnden Subjekte als Ideologen. Nicht wenige säkulare Antiimperialisten in Iran und in Europa sowieso faszinierte die khomeinistische Mobilisierung der Mostaz'afin und für einen tödlichen Augenblick ersahen sie darin, dass die vor dem Kapital Funktionslosen in die Moscheen flüchteten, ein authentisches Moment nationaler Selbstfindung. Sie, die säkularen Antiimperialisten, haben es gewusst oder hätten es wissen müssen. Und noch die Gräuel in dem Evin des Pahlavi-Regimes hätte die böse Vorahnung nicht verdrängen dürfen, dass sie nur die Vorhölle sind zu den Gräueln in einer Islamischen Republik. Die Khomeinisten liquidierten die beschädigte Modernisierung des Pahlavi-Regimes und verscharrten sie wie die Kritiker ihrer Despotie auf den Totenäckern eines islamisierten Irans. Die khomeinistische Despotie gehorcht - wie denn auch anders - den Imperativen kapitalistischer Reproduktion und vereinnahmt die moderne Technologie zum Zweck der Repression, doch ihr primärer Drang ist nicht mehr der nach Anschluss an die Konkurrenz: sie verfolgt eine regressiv versöhnte Umma, die im Tod für den Imam das Unglück in der Konkurrenz austreibt.

Riefen die historischen Antiimperialisten wie die des Viet Minh noch auf, die ungleichzeitige Existenz der kapitalisierten Gattung, das heißt: die Konzentration der Produktion auf die imperialen Zentren und die Rearchaisierung der Peripherie, zu korrigieren, paraphieren die Antiimperialisten von heute in ihrem Denken die Liquidation der Modernisierung wie die religiösfaschistische Verwahrung der dem Kapital Überdrüssigen. Ja, die Modernisierungsdiktatur wendete die koloniale Gewalt nach innen: sie zerschlug die Subsistenzproduktion, so dass ein jeder sich nur noch erhalte durch die Formen durch die hindurch das Kapital sich realisiert, sie erzwang die Anwandlung des Menschen an die Maschinerie und dressierte ihn als Rädchen. Ja, auch hier traten die konkreten Individuen nur als fleischliche Inkarnationen einer abstrakten Arbeit auf, die - als akkumulierte Quanten ausgenutzter Arbeitskraft - nichts anderes sein kann als die Substanz von Wert, Geld, Kapital. Die staatkapitalistische Modernisierung, bei den Russen wie Chinesen, potenzierte also nicht die Erhebung gegen den Zwang, sich zu sich selbst als Arbeitskraftcontainer zu verhalten, sie intensivierte viel mehr diese sinnentleerte Form des Produzierens. Dennoch hieß die Modernisierung zum Besseren hin auch die revolutionäre Liquidierung archaischer Formen der Reproduktion: als da wäre die Kriminalisierung der Klitorisverstümmelung in dem Burkina Faso eines Thomas Isidore Noël Sankara oder die Alphabetisierung der fast zu hundert Prozent analphabetischen Frauen in Afghanistan. Auch im Interesse anderer fungierten die USA als militanter Souverän und trieben in Korea und Vietnam, in Nicaragua und El Salvador mit Napalm und Konterguerilla dieses kommunistische Gespenst der Modernisierung aus.

Modernisierung – sie ist den Antiimperialisten von heute nur noch eine Sentimentalität. Ausgetrieben ist ihnen der Gedanke, die Ungleichzeitigkeit der kapitalisierten Gattung zu korrigieren. Zusammengeschrumpft ist ihre Ideologie auf den Souveränitätsfetisch, den Staatlichkeitswahn, der im antizionistischen Furor zu eskalieren droht. Nicht, dass es dazu die Agitation eines Khomeinis oder Ahmadinejads bedürfe: In der UDSSR wurden Kosmopoliten und Zionisten als ein mit sich identisches Gegenprinzip zur eigenen Staatlichkeit verfolgt. Die Paranoia, der jüdische Kosmopolit sei der Prophet der eigenen Krise, entsprach dem Zwang zur nationalen Homogenität in Ansehung des drohenden Bankrotts. Mit der im Januar 1949 lancierten Denunziationskampagne gegen den „Wurzellosen Kosmopolit“, die exklusiv jüdische Genossen aufsuchte, wurden alle anderen eingeschworen, die Internationale nicht anders zu denken als die bloße Summe souverän gehüteter Menschenherden. Die europäischen Antiimperialisten, diese Antiquare von Staatsideologien, sind nur das eine, das andere sind jene arabischen Militärregime, deren Modernisierung den antiisraelischen Furor nur noch mehr ausreizte. Die Existenz Israels wurde in der arabischen Ideologie funktionalisiert, das falsche Alibi dafür zu sein, die Modernisierung nicht zu bewältigen. Solange Israel, dieses „Geschwür“ im arabischen Volkskörper, existiere, drohe auch das nationale Unglück in der Konkurrenz.

Die europäischen Antiimperialisten taten das ihrige: sie schnaubten noch mit jedem Despoten und Kommunistenmörder, mit Hafez al-Assad und Gamal Abdel Nasser sowieso, gegen Israel – und drohten darin auch jedem Dissidenten der nationalen Formierung. An Israel verfolgen sie bis heute, wovon sich das Subjekt zu erlösen sehnt: von der „Raserei der Abstraktion“, wie es etwa in der jungen Welt in Berufung auf einen obskuren Antijudaisten heißt (12). Sie müssen die Ahnung austreiben, dass das Selbstbestimmungsrecht der Völker doch nur das stählerne Kommando zur Anwandlung der konkreten Menschen an die Funktionen von Kapital und Staat ist, dass dieses sich wie jedes andere abstrakte Recht nur durch die Gewalt eines Souveräns konkretisieren kann. Wie in der Personalisierung des real Abstrakten in den Juden das Subjekt wieder abstrahieren kann von den phänomenalen Dingen als Waren als wäre ihm nichts natürlicher im Leben, wird im antiisraelischen Furor verdunkelt, dass jeder Staat künstlich ist, das Produkt eines Grande Terreur. Die notorische Charakterisierung Israels als Retorten-Staat oder ähnliches kritisiert nicht den Charakter eines jeden Staates als repressiv, so auch Israel, und die nationale Formation der Menschen als strukturell nationalistische und rassistische Staatssubjekte, so auch die Israelis (13), sie ächtet den Staat der Juden als mit der Natur nicht-identisches Unding, als Anti-Staat und Anti-Nation: „Der Staat Israel, die Palästinenser können das aus leidvoller Erfahrung bestätigen, ist ein reales Gebilde. Und dennoch ist die Künstlichkeit seiner Existenz evident. Er ist ein Staat aus der Retorte.“ (14) Wo nicht auf Autochthonität, also auf Blut und Boden rekurriert werden könne, rast die zionistische Ideologie, so die verschrobene Staatskritik der Antizionisten, die den Mangel an Naturhaftigkeit denunziert. Dass Israel „weniger aus sich selbst“ entkeimte, als sich viel mehr kraft eines militanten Überlebenswillens von zuvor kosmopolitisch vereinzelt lebenden Juden behaupten konnte, provoziert jene, denen der Staat ein naturwüchsiges Gehäuse der Autochthonen ist. Indem der Antizionist definiert, was Israel ist – „ein Nationalstaat ohne Nation“, denn die Juden hätten keine „spezifisch jüdische Identität“, um eine Nation zu sein –, definiert er den wahren Staat: als souveräne Inkarnation nationaler Identitäten. Hierin spricht sich die antizionistische Ideologie aus als Naturalisierung des Gewaltverhältnisses Staat. Denn es ist nicht eine nationale Identität, die die Nation konstituiert. Es ist die Identifizierung der Menschen als Objekte durch eine sich zentralisierende und zum Staat konspirierende Gewalt, die ihnen Identität einprügelt. Nationale Identität ist nicht positiv zu definieren: nur als Zwang, der den Menschen angetan wird und als Ideologie, die sich angetan wird. Es sind dieselben Kategorien antiimperialistischer Ideologie, in denen sich auch der rassistische und antisemitische Furor deutscher Nationalsozialisten reproduziert: Autochthonität, Volk, Nation, Souveränität, Staat, Anti-Nation (15).

Dass das Verhältnis zu den unter der Gewalt der Rackets stöhnenden Menschen ein instrumentelles ist, äußert sich am perfidesten in Ghazzah. Die Hamas sowie der Islamische Djihad graben ihre Artillerie zwischen den Behausungen jener ein, deren Tode sie propagandistisch zu verwerten wissen. Sie oktroyieren allen anderen einen Djihad auf, der nichts anders verheißt als den Tod der Mikroben und Bakterien, welche ihnen die Juden sind, und die religiösterroristische Verwahrung der Eigenen. Dass sie die Leichen jener hingerichteten Kollaborateure Israels triumphierend durch die staubigen Straßen schleifen, ist eine Drohung an alle anderen, nicht aus der Geiselhaft auszureißen. Den Antiimperialisten ist es keine menschliche Katastrophe, dass in Ghazzah die Revolution gegen die Rackets ausbleibt und den Menschen der irrationale Djihad im Interesse der khomeinistischen Despotie (16) und somit auch die blutigen Konsequenzen überantwortet werden. Die Hamas ist den Antiimperialisten demokratisch legitimiert, die Hezbollah nicht weniger als die neue sozialdemokratische Internationale, die Geiselhaft aller anderen ein „heroischer Widerstand“ (17).

Viele Worte über den Iran vernimmt man von deutschen Antiimperialisten nicht. Wenn doch, raunt es, wie aus der Kasseler Germaniastraße, von „dem völkerrechtlichen Prinzip der Selbstbestimmung und der Souveränität der Staaten“ und verrät so, dass die antiimperialistischen Denkformen von der Kollektivbestie Staat überwältigt sind. Woanders liest man: souverän seien das „iranische und syrische Volk“. Der antiimperialistische Jargon von den Völkern impliziert, dass die in Völkern annullierten Individuen eines bis in den Tod gemein haben, das im Souverän authentisch zu sich findet: die Autochthonität, die kapitalproduktive Funktion oder beides wie bei den Deutschen. Das Geraune von der nationalen Souveränität und dem Volk mit kaltem Blick auf den Iran ist so perfide, weil beides unter der Gewalt des khomeinistischen Souveräns heißt, jede Differenz zu verfolgen.

Die antiimperialistische Ideologie reproduziert die fetischistische Entzweiung der kapitalen Totalität in konkret und abstrakt, in naturwüchsige Produktion und parasitäre Zirkulation. Die Gewalt des Souveräns wird geschieden in eine, die dem fetischistischen Bewusstsein als künstliche erscheint, als imperialistische und die nationale Souveränität bedrängende, und in eine authentische, wo Iraner über Iraner oder Deutsche über Deutsche herrschen. Wie sich nun diese Souveränität äußert, ist ihnen gleich. Die Destabilisierung der Region, eine nachträgliche Legitimierung der Drohung, die Straße von Hormuz zu blockieren, das Ende einer Kooperationspolitik, das sind die Momente, die diesem ideologischen Kleinhirn des Auswärtigen Amtes umtreiben. Kein Wort über die Steinigung von dem Sexualkodex Abtrünnigen, den Mord an Homosexuellen, den Zwang unter dem Hijab, das Darben von so vielen.

Die Totalität des Kapitals, die Sozietät der Ware, die sich den Subjekten doppelt reflektiert: konkreter Gebrauchswert und abstrakter Wert, der im Geld wieder konkretisiert wird, beseelt fetischistisch die Denkformen der Insassen dieser irrationalen Sozietät. Der Ideologe entzweit, was nur als Totalität zu begreifen wäre, er muss das Abstrakte konkretisieren und sodann personifizieren. Die individuelle physische Reproduktion der Subjekte fällt auch in Teheran oder Qom nach wie vor mit der Verwertung des Wertes in eins, auch im Iran konfrontiert letztere die Subjekte mit ihrem genetischen Defekt: der absoluten Fungibilität im Anblick des Konkurrenten. Doch ist es hier der khomeinistische Souverän der die Aufspaltung des Kapitalverhältnisses und die Projektion des bedrohlich Abstrakten auf die Juden in eigener Regie übernimmt. Es ist ein Moment revolutionärer Hoffnung, dass die khomeinistische Variante des Occupy Wall Street Movement die trefflichste Karikatur auf sich selbst blieb, die für alles andere als die 99 Prozent der Iraner spricht. Dass die Krise etwas Äußerliches ist, ist im Iran kein Konsens. 

Eine Kritik der Gewalt des Souveräns, die des imperialen wie national beschränkten, ist mit dem antiimperialistischen Kategorienapparat nicht zu haben. Dass Staat Gewalt heißt, ist den Antiimperialisten Rufmord; das Diktat über die Eigenen ist ihnen legitim, das von Imperialisten über andere aber eine Eskapade wider die Natur. Natürlich ist es nicht so, dass alles, was der antiimperialistische Ideologe über die USA ausspricht, eine Projektion ist. Als militantes Organ des Wertgesetzes – eine Funktion, die sie mit der Zwangspazifisierung der Deutschen einnahmen – kollidiert ihr Interesse immer wieder mit dem nationaler Souveräne. Zu anderen Jahren versprach die Militanz des Viet Minh und anderer noch, die ungleichzeitige Existenz der kapitalisierten Gattung zu korrigieren, in der Logik des Kapitals und dem Fetisch von der politischen Souveränität gehorchend, so dass das Moment der Kontrarevolution in jedem dieser Projekte ausharrte. Heute ist die antiimperialistische Ideologie nur noch das Ticket, sich abseits von Krise und Kapital zu halluzinieren und mit oder gegen den realen nationalen Souverän an der nationalen Formierung teilzuhaben. In Istanbul etwa hausiert die Türkiye Komünist Partisi mit Aufrufen wie: „Frömmelnder, Geldbesessener, Amerikanist. Du bist nicht die Türkei!“ (Yobazsın, paracısın, Amerikancısın. SEN TÜRKİYE DEĞİLSİN!). Bebildert sind sie mit einer islamischen Gebetskette, die mit dem Symbol des Dollars endet. Noch in der säkularen Konfrontation mit dem Regime der türkischen Muslimbrüder rekurrieren sie auf die nationale Projektion nach außen. Darin, dass die antiimperialistische Ideologie jeden Konflikt nach außen verschiebt, ist sie so malignen, mit ihr ist auf keine revolutionäre Erhebung zu hoffen, nur auf die nationale Versöhnung des Unversöhnlichen.

In den USA wird die abstrakte Totalität des Kapitals konkretisiert, nicht nur weil sich ihre Blutspuren als militantes Organ des Wertgesetzes über die eigenen Grenzen hinweg ziehen. Wäre es die Akkumulation von Tod und menschlichem Leid durch die Gewalt des Souveräns, die die rhetorische Militanz der Antiimperialisten provoziert, sie hätten sich zu keinem Moment zu Komplizen der khomeinistischen Despotie im Iran, des Al-Ba’ath-Regimes im Irak oder der Hezbollah, also zu einigen der bestialischsten Blutsäufer gemacht. Der nationalen Konstitution der USA vermisst es an Autochthonität, an der Verwurzelung in Blut und Boden, an dem Schein, ein Staat des ganzen Volkes und keine kapitalisierte Sozietät zu sein. Im anti-US-amerikanischen Ressentiment modifiziert sich sodann der Hass auf die Juden, deren erzwungene kosmopolitische Mobilität, als Wurzellosigkeit denunziert, mit der „Magie des Geldes“ (Marx) identifiziert wird. Dass das Geld das „reale Gemeinwesen“ (Marx) der kapitalisierten Gattung ist, wird abgespalten und allein in den USA personifiziert. Dagegen sind in der äußersten antisemitischen Konsequenz des antiimperialistischen Denkens die USA nur ein weiteres Objekt jüdischer Konspiration. Etwa in dem Dialog zwischen der khomeinistischen Despotie und dem White Civil Rights-Veteranen David Ernest Duke. Dieser verdächtigt „die jüdische Suprematie“, die Immigration von Nicht-Europäern zu forcieren: “In summary, massive non-White immigration has been one of the most effective weapons of organized Jewry in its cultural and ethnic war against the European American.” Nah an diesem Niveau laviert eine jede antiimperialistische Kumpanei mit der Islamischen Republik: die Verständigung, wer die reale Anti-Nation sei. 

Wie das Kapital scheidet zwischen phänomenalem und funktionalem Menschen, indem es ihn als Rohmaterial der Verwertung identifiziert, so auch zwischen wahrem und falschem Bedürfnis: das heißt, um ein Bedürfnis zu befriedigen, muss dieses die Wertform annehmen, denn eine andere Form, als die, durch die hindurch das Kapital sich reproduziert, existiert nicht – auch nicht in Riyadh oder Teheran. Nationale Souveränität heißt selbst zwischen wahrem und falschem Bedürfnis zu scheiden, also auszusprechen, nach welchen Kriterien das mit dem Souverän identifizierte Menschenmaterial sich zu reproduzieren hat, ohne die Formen zu verlassen, durch die das Kapital sich realisiert – noch ein Ali Khamenei gebraucht das Geld, möge er sich danach auch die Hände wundscheuern. Im Iran heißt der Souverän Velayat-e Faqih, das heißt das durch den obersten religiösen Rechtsgelehrten Ali Khamenei repräsentierte absolute Kommando in Absenz des okkulten Imams. Der Souverän im Iran ist ein klerikalterroristischer und militaristischer Zwangsapparat, der dann doch immer wieder in miteinander konkurrierende Rackets, also Teilsouveräne, zerfällt, die sich nur noch im Hass auf Israel und die individuelle und hier vor allem sexuelle Differenz synthetisieren. Wo den zwangsislamisierten Menschen sich das Moment auftut, sich der khomeinistischen Erpressung zur Homogenität zu entziehen, im Exil oder in den noch nicht ausgeräucherten Refugien beschädigter Intimität, zögern sie nicht, es zu tun. Den Khomeinisten ist es bewusst, dass auch unter klerikaler Souveränität die empirischen Menschen alles andere sind als eine dem entschwundenen Imam würdige al-Umma al-islamiya, sodann intensivieren sie die Repression gegen jede Differenz und geißeln als enthemmte Aggression, was sich gegen den Zwang zur Homogenität erhebt. So konstatiert Mehr News, dass Kleriker mehr und mehr physisch bedroht werden, wie in Shahmirzad, in der nördlichen Provinz Semnan liegend, wo eine Frau die Repression zu kontern wagte:

“I politely [told] her to cover herself up,” said Hojatoleslam Ali Beheshti, an Iranian cleric in the city of Shamirzad in Semnan Province, describing a recent encounter with a woman he believed was improperly veiled. “She responded to me by saying: 'You [should] close your eyes.’ The cleric, who spoke to the semi-official Mehr news agency, said he repeated his warning to the “bad hijab” woman, which is a way of describing women who do not fully observe the Islamic dress code that became compulsory following the 1979 revolution. “Not only didn’t she cover herself up, but she also insulted me. I asked her not to insult me anymore, but she started shouting and threatening me”, Beheshti said. “She pushed me and I fell to the ground on my back. From that point on, I don’t know what happened. I was just feeling the kicks of the woman who was beating me up and insulting me.”

In diesem Sinne: für die antiklerikale Revolution

(1) R. Göbel, in: junge Welt (jW), 02.07.2009.
(2) K. Mellenthin, in: jW, 27.09.2012.
(3) K. Mellenthin, in: jW, 25.02.2012.
(4) W. Pirker, in: jW, 20.06.2009.
(5) In Protest gegen die ihnen drohende Zwangshijabisierung riefen am 8. März 1979 tausende von Frauen in Teheran „Weder westlich noch östlich – Freiheit ist universal“. Der Versuch, die khomeinistische Regression zu kontern, endete in Repression und dem Schweigen der anderen.  
(6) H. Brandscheidt, in: konkret texte, S. 219.
(7) Fars News, 29.10.2007.
(8) Für Bahman Nirumand, ein in das Islamische Erwachen sich hineinfühlender säkularer Intellektueller, war der Coup gegen Mosaddegh „eine nationale Demütigung, die ein ganzes Volk spürte“, die aber mit dem 4. November 1979 gerächt worden sei. S. Taz, 08.12.2009.
(9) Die Fedajin-e Islam terrorisierten und ermordeten seit den 1940er „korrupte Individuen“ - wie am 11. März 1946 den Apostaten Ahmad Kasravi, einem Kritiker der Obskurität im schiitischen Islam. An ihnen hätte jedem vor dem Jahr 1979 gewahr werden können, was eine Islamische Republik zu heißen hätte.
(10) Der Klerus war es auch, der in seiner frommen Furcht vor einer Republik das Ende der Monarchie aufschob und die Dynastie der Pahlavi erzwang. Noch als Ministerpräsident brachte Reza Khan im Jahr 1924 die Idee einer Iranischen Republik in das Majalis ein - inspiriert von der Türkischen Republik eines Mustafa Kemals. Alsdann organisierte der Kleriker Seyyed Hassan Modarres, dessen Antlitz später auf die islamische 100 Rial-Banknote gepresst worden ist, im Majalis den Boykott einer Abstimmung über eine Republik. Überdies agitierten Kleriker ihr Betvieh, die Straße zu terrorisieren. Reza Khan kapitulierte, verriet die Idee einer Republik und rekurrierte von nun an auf die Autorität seiner Dynastie.
(11) Das Kapital ist weder ein Prozent noch eine Konspiration, es ist eine abstrakte wie totalitäre Form der Synthesis, ein Zwangsverhältnis, das sich im Geld objektiviert, einer Realabstraktion, in der doch die Sozialität eines jeden menschlichen Exemplars aus der kapitalisierten Gattung liegt, es ist ein autistisches Selbstverhältnis, in dem die Selbsterhaltung des Subjektes mit der Selbstverwertung des Wertes identisch ist.
(12) So in der Rezension von Israel Shamirs Blumen aus Galiäa, jW, 27.06.2005.
(13) Die Juden waren gezwungen, in Reaktion auf die antisemitische Aggression, die wie die Krise der kapitalisierten Sozietät einhaust, Staat und Nation sich anzueignen, um in diesem falschen Ganzen aus Staaten und Nationen zu existieren – mit allen Konsequenzen. Da es die Formen von Staat und Nation sind, die dieses Asyl der antisemitisch Gehetzten garantieren, sind es die falschen, aber in einem Moment, in dem die soziale Revolution gestundet ist, die einzigen Formen, der antisemitischen Aggression militant zu entgegnen.
(14) W. Pirker, in jW, 24.04.02.
(15) Gegen die USA und Israel, diesem Staat gewordenen „Völkerhaß“, so der Nationaldemokrat Jürgen Gansel, gebühre den Muslimen die „Solidarität von Nationalisten“. Die Hamas garantiere folglich den „palästinensischen Selbstbehauptungswillen“. Auch die Deutsche Stimme (02.05.2011) prustet von einem „arabischen nationalen Sozialismus“, einer Front der Souveränisten gegen die Anti-Nation Israel.
(16) The Palestinian resistance movement of the Islamic Jihad has hailed Iran for its military and financial support for the Palestinian people that helped them defeat the Israeli regime during its eight-day war on the besieged Gaza Strip. The movement said on Thursday that, with the help of Iranian technology on producing Fajr (Dawn) 5 missiles, Israel’s communication systems were targeted. In: Press TV, 22.11.2012. Oder: Commander of the Islamic Revolution Guards Corps (IRGC) Major General Mohammad-Ali Jafari says Iran has provided the Palestinian resistance movement, Hamas, with only the technology to produce Fajr 5 (Dawn) missiles. In: Press TV, 21.11.2012.
(17) Der AIK aus Wien zufolge sei die Hezbollah nicht revolutionär, aber wenigstens „sozialdemokratisch“ (11.08.2006), ihr Interesse sei die „Souveränität des Volkes“, ihre politische Programmatik eine Schablone für jede weitere „Vereinigung des Volkswiderstands“ (AIK, 16.12.2009). Zum heroischen Widerstand in Ghazzah lese man nur die jüngsten Aufrufe der Vierten Internationalen oder der RCIT.

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