Al-Mukhtariya ist eine kleine rurale Gemeinde nordöstlich von Latakia. Die Alawiten, die hier leben, sind mit keinem Clan assoziiert, der unter dem mafiotischen Akkumulationsregime der Hizb al-Baʿth auch nur irgendwie profitiert hätte. In al-Mukhtariya sicherte traditionell die Kultivierung von Orangenbäumen und Weinrebenblättern den Menschen eine karge Existenz. Bestraft wurden sie einzig dafür, dass sie als Nusairiyun als Häretiker gelten, und dafür, dass ihre Gemeinde aus dem Schatten jenes M4-Highways herausragt, der von der Groß-Idlib-Region nach Latakia führt und auf dem in den Märztagen dieses Jahres Kolonnen an Militanten in die Küstenregion vordrangen. 148 Menschen wurden am 7. März in al-Mukhtariya bestialisch ermordet. Die Männer wurden gezwungen, durch den Staub zu kriechen und das Gekläffe von Hunden zu imitieren, bevor sie einer nach dem anderen hingerichtet wurden.
Das bestialische Massaker war nur eines von mehreren in jenen Tagen. Viele der Ermordeten wurden zuvor gefragt: »Bist du Alawit?« Wer verneinte, wurde mit religiösen Fragen konfrontiert. Wer die Antworten nicht wusste, wurde ebenso hingerichtet. Doch die europäischen und US-amerikanischen MENA-Analysten waren in jenen Tagen peinlichst bemüht, in dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa den eigentlichen Geschädigten der Katastrophe auszumachen. Syrische Oppositionelle dagegen dokumentierten detailliert die Orchestrierung einer Abstrafungskampagne, die einer genozidalen Woge glich. Verifiziert ist dabei auch die operative Präsenz von Hassan Abu Qasra am 7. März im ruralen al-Mukhtariya. Hassan Abu Qasra erhielt zu Beginn des Jahres die Verantwortung über die Petroleumdistribution der Regimearmee. Er ist der Cousin von Generalmajor Murhaf Abu Qasra, der in der militärischen Kommandohierarchie auf den Präsidenten folgt und als Protegé von al-Sharaa gilt.
Hassan Abu Qasra ist nicht nur eine zentrale Figur in der Energielogistik des Regimes. Er ist vielmehr noch ein umtriebiger Propagandist genozidaler Drohungen, die er in den Märztagen unverhohlen äußerte: »Die Hunde wollen beim Sahur Fleisch fressen«, höhnte er am Vorabend des Massakers von al-Mukhtariya. Mit der Sahur-Speise ertüchtigten sich die Gläubigen während des Ramadans für das Tagesfasten, das mit der Morgendämmerung beginnt. Das Massaker in al-Mukhtariya, auch das ist verifiziert, erfolgte in den Morgenstunden. In den folgenden Tagen beschwingte sich Hasan Abu Qasra daran, dass »die Frauen der Rafida (jene, die den Islam der Ahl as-Sunnah verneinen) zu Witwen« gemacht wurden, und verhöhnte Alawitinnen als »Mut’ah-Huren«. Die Mut’ah-Ehe ist ein eigenartiges juristisches Konstrukt in der Shia, um eine Vergnügungsehe religiös zu legitimieren. Sie ist populär bei der Hezbollah, aber nahezu unbekannt bei den Alawiten.
Die physische Präsenz von Hassan Abu Qasra in al-Mukhtariya, seine unverhohlenen Drohungen und seine triumphale Verhöhnung der Ermordeten korrelieren mit den über Telegram kommunizierten Operationsbefehlen der Militanten und ihrem Vorstoß an die Küste. Doch die europäischen und US-amerikanischen Meinungsproduzenten beschworen nur noch fatalistischer, dass einzig Ahmed al-Sharaa und seine Männer die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson bringen können. So manch einer spekulierte auf eine syrische Night of the Long Knives, in der sich das Regime von den Quälgeistern puristanischer Militanz erlöst. Doch was vielmehr folgte, war die US-amerikanische Akzeptanz für die Inklusion der Muhajirun, die für den Jihad nach Syrien emigriert sind, in die Regimearmee. Unter ihnen Veteranen des Kaukasus Emirats und uigurische Adepten der al-Qaida.
»I would say there is an understanding, with transparency«, Thomas Barrack, Gesandter Donald Trumps für Syrien, zur Integration der »Einwanderer« in die Regimearmee
Während alawitische Familien weiterhin um ihr Leben fürchten müssen, wird so mancher Bluthund des Ancien Régime rehabilitiert. So etwa Fadi Saqr, Kommandeur einer berüchtigten Regimemiliz, der sich inzwischen in einer von al-Sharaa einberufenen Kommission zur Wahrung des Bürgerfriedens engagiert. Die anti-alawitischen Massaker bleiben ungesühnt, während ihre Protagonisten mit hohen militärischen Rängen dekoriert werden: Sayf Bulad alias Sayf Abu Bakr etwa wurde wenige Tage nach den Massakern zum Brigadegeneral der 76. Division der Regimearmee ernannt. Er gilt mit seinem Kumpan Mohammed al-Jassem alias Abu Amsha, Kommandeur der 25. Division, als eine der zentralen Figuren der anti-alawitischen Abstrafungskampagne. Sayf Abu Bakr und Abu Amsha wurden bereits 2023 als Protagonisten eines lukrativen Entführungsbusiness in der okkupierten Region Efrîn vom US-amerikanischen Finanzministerium sanktioniert. Beide sind engsten vertraut mit Devlet Bahçeli, dem Rudelführer der türkischen Grauen Wölfe, und rekrutieren als jung-dynamische Entrepreneure unter den Warlords für das armenische Bergkarabach, Libyen und den Niger.
Auf der Brüsseler Ministertagung am 17. März sprach Asaad al-Shaybani, Karrierist in der al-Nusra Front und nunmehr syrischer Minister für auswärtige Affären, vom Ancien Régime als einer 54 Jahre währenden Diktatur einer Minderheit. Keiner der Anwesenden widersprach seiner Identifizierung der dynastischen Staatsbestie mit den Alawiten. In Wahrheit drangen durch den Coup d’État der al-Baʿth-Partei zunächst vor allem Sunniten aus der ruralen Peripherie in die Institutionen des Staates vor. Farouk al-Sharaa, der Cousin des heutigen Präsidenten, etwa war einer der hochrangigsten Beamten der al-Baʿth-Partei und zwischen 1984 und 2006 Minister für auswärtige Affären. War es auch eine Kamarilla alawitischer Karrieristen im Militär, wie es Hafiz al-Asad einer war, die die Rivalität in der al-Baʿth-Partei 1970 für sich entscheiden konnte, zwang das dynastische Regime die Alawiten zur Selbstleugnung. Alawitische Regimekritiker wurden gnadenlos verfolgt, während mancher Sheikh und Stamm der Ahl as-Sunnah weiterhin mit dem Regime kollaborierte. Als das khomeinistische Regime Irans seine strategische Sichel von Proxymilizen auf Syrien ausweitete, waren darin vor allem korrumpierte Stammesautoritäten aus Ostsyrien involviert. Und während die religiösen Investitionen des khomeinistischen Regimes in den alawitischen Gemeinden keine Rendite einbrachten, konvertierten unter den Stämmen im ostsyrischen Deir ez-Zor viele junge Männer zur Shi'at Ali.
Die tradierte Verachtung der Alawiten ähnelt dem Hass auf alle anderen Abtrünnigen an einen totalitären Islam. Ibn Taymiyya, der als einer der geistigen Architekten der Salafiyya gilt, und seine Fatwa über die Alawiten als schändlichere Ungläubige als Christen und Juden wurde zu Beginn der syrischen Katastrophe unter anderem von Yusuf al-Qaradawi, dem Universalmufti von Al Jazeera, ausführlich referenziert. Als Al Jazeera im Jahr 2015 den Emir der al-Nusra Front, Mohammad Abu al-Julani, dem Publikum präsentierte, sprach der heutige Präsident davon, dass Alawiten »unsere Brüder« seien, wenn sie nur ihren Unglauben bereuen und sich selbst verleugnen: »Wenn sie ihre Irrlehren abschwören, die sie aus dem Islam geführt haben, werden sie unsere Brüder sein« – andernfalls hätten sie sich vom Islam abgewandt und würden als Abtrünnige gelten. Al-Julani beharrte im brüderlichen Gespräch mit dem ägyptischen Journalisten Ahmed Mansour auf der Identität zwischen dynastischem Regime und den von ihm als »Nusairier« verächtlich gemachten Alawiten – ganz so wie sein Weggefährte Asaad al-Shaybani.
Proteste im kurdischen Qamişlo angesichts der anti-alawitischen Massaker, 11. März 2025 (Fotografie: Delil Souleiman)
Zwischen Tod und Reue mussten sich zuvor auch die Drusen im befreiten Idlib entscheiden. Als die al-Nusra Front Ende 2014 Fraktionen der Freien Syrischen Armee schwer konfrontierte und in der Folge in die drusischen Gemeinden im bergigen Norden von Idlib, dem Jabal al-Summaq, vordrang, zwang man die Drusen zu einer schriftlichen Erklärung, dass sie ihrem Irrglauben abschwören und jene, die weiterhin darauf beharren, als »Götzenanbeter« verleugnen. Die drusischen Gemeinden mussten sich zudem verpflichten, Heiligenschreine zu zertrümmern, der Jugend einen puritanischen Islam zu lehren und die für Frauen geltenden strengen Kleidungsvorschriften zu befolgen. In den Schulen der drusischen Gemeinden wurden nunmehr die Schriften von Mohammad Ibn Abd al-Wahhab und Ibn Taymiyya sowie Lektüren wie »Der Hijab und die Zierde: Zwischen Wahrheit und Täuschung«, eine Publikation aus dem katarischen Ministerium für Islamfragen, gelehrt.
In den folgenden Jahren waren die drusischen Gemeinden im nördlichen Idlib mit einer starken Zuwanderung von vor allem uigurischen Militanten konfrontiert. In der Region lebten von Jahr zu Jahr weniger zwangsislamisierte Drusen. Im Jahr 2021 übernahm das uigurische Bataillon al-Ghuraba al-Turkestan, integriert in die Hayʼat Tahrir al-Sham, die drusische Gemeinde Qalb Lawzah, von der al-Nusra Front in Qalb al-Islam umbenannt, als sein Lehen. Während der Etablierungsphase des Bataillons im Jahr 2017 referenzierte es in seiner Public-Relations-Kampagne nahezu alle Koryphäen der al-Qaida.
Im südsyrischen Suwayda scheiterte der Islamische Staat im Jahr 2018 mit einer genozidalen Kampagne am entschlossenen Widerstand der Drusen. Doch weit mehr als hundert Drusen wurden am 25. Juli 2018 in dem halbautonomen Gouvernement durch die suizidalen Kamikazes des Islamischen Staates ermordet, weitere Frauen und Kinder wurden zu Geiseln genommen. Nach dem Gerücht von Leichenschändungen an Muslimen durch drusische Milizen eskalierten in der Folge auch in Idlib die Aufrufe zum Mord an den verbliebenen Drusen, die erneut zur schriftlichen Selbstverleugnung gezwungen waren.
Die Drusen in Suwayda beschuldigten 2018 das Damaszener Regime, auf einen Vorstoß des Islamischen Staates nach Suwayda spekuliert zu haben, um in der Folge seine Autorität in der südsyrischen Grenzregion zu restaurieren. Zuvor hatte das Regime die Militanten eben jener genozidalen Schwadronen, die nach Suwayda durchbrachen, aus der Yarmouk-Enklave des Islamischen Staates im Damaszener Süden evakuiert. Für viele Drusen brachten spätestens jene Tage die Gewissheit, einzig der eigenen Militanz vertrauen zu können.
Angesichts der andauernden Morde an Alawiten und der Straflosigkeit, auf die die Schlächter kalkulieren können, war es nur die Frage nach dem »Wann«, dass nunmehr auch die Aggression gegen die Drusen wieder eskaliert. Am 28. April dieses Jahres brachen zunächst in Jaramana, dann in weiteren drusischen Gemeinden in der Damaszener Peripherie schwere Konfrontationen mit Milizen des Regimes aus. Es bedurfte zum Hassausbruch einzig des Gerüchts, dass ein drusischer Gelehrter sich blasphemisch über den Propheten Mohammed geäußert habe. Auch an den Universitäten in Homs und anderswo mussten Drusen um ihr Leben fürchten. Wie zuvor bei den anti-alawitischen Massakern sprachen die Multiplikatoren unverhohlen über die Intention. So etwa Mohammad Jamal, ein embedded journalist der Hayʼat Tahrir al-Sham, der mit Regimemilizen nach Jaramana eindrang. Angesichts des Hissens der Flagge mit der Shahada in jener Damaszener Gemeinde, wo vor allem Drusen und assyrische Christen ausharren, drohte Jamal: »Entweder erlangt die Religion ihren Ruhm wieder oder unser Blut wird fließen.« In Europa indes beschwor man weiterhin, dass der syrische Präsident Ahmed al-Sharaa im eigenen Interesse nicht anders könne, als sich um Deeskalation zu bemühen. Bei manch einem der MENA-Analysten, wie etwa Charles Lister, äußert sich die ideologische Mimikry darin, dass die drusischen Kritiker des Regimes unverhohlen als Proxys Israels denunziert werden.
Der Frontreisende Mohammad Jamal beschwört angesichts des Aufrufs an die Stämme Syriens zum Marsch auf Suwayda, dass das »Blut der Märtyrer nicht vergebens« und Suwayda alsbald wieder islamisch sein werde. Mit martialischen Drohungen trat in diesen Tagen auch Hassan Abu Qasra wieder auf. »Wir werden brüderlich Seite an Seite leben«, so der dystopische Schwur, »wenn die Narren, Agenten, Verräter und alle, die glauben, sie seien größer als die Heimat, vernichtet sind«. Der Marsch der Stämme aus teils weit entfernten Gouvernements wie Raqqa und Deir ez-Zor ist für Abu Qasra »eine historische Lektion in Ritterlichkeit und Würde«. Hassobjekt ist vor allem Hikmat al-Hijri, eine der geistlichen Autoritäten der Drusen. Al-Hijri wird von den syrischen Sykophanten und dem türkischen Minister für auswärtige Affären, Hakan Fidan, als »Agent Israels« und perfider Intrigant gegen die nationale Herrlichkeit denunziert. Charles Lister, einer der umtriebigen Katar-finanzierten MENA-Analysten dieser Tage, suggeriert eine Nähe des Geistlichen zum Captagonbusiness. Der omnipräsente Wanderprediger Abdullah al-Muhaysini, der als Frontreisender der syrischen Katastrophe den suizidalen Kindstod pries, raunt indes davon, dass die kriminellen »al-Hijri-Milizen« im verschwörerischen Bund mit Israel »Hirten und Schafzüchter« abschlachten. Ihr penetranter Opfermythos ist projizierter Vernichtungswahn.
Was hat Hikmat al-Hijri verbrochen, dass er in diesen Tagen zur Ausgeburt des Hochverrats wurde? Der Geistliche befürwortet nicht einen Drusenstaat oder etwa eine Einverleibung Südsyriens durch Israel. Al-Hijri provoziert einzig dadurch, dass er auf konstitutionelle Garantien für eine dezentralisierte und säkulare Republik beharrt. Anders als Berufslügner wie Charles Lister spricht er aus, dass auch nach mehr als einem halben Jahr der Transformationsprozess der bleiernen Diktatur in ein ziviles Gemeinwesen stagniert. Vielmehr noch: Ganz wie unter dem dynastischen Regime perpetuiert die Hayʼat Tahrir al-Sham eine zentrale Strategie von Hafiz al-Assad: die Identität der Armee mit der de-facto-Staatspartei. Zugleich ist die Armee ein Konglomerat von Kadern der militanten Salafiyya und berüchtigter Warlords.
Solidaritätsmarsch mit Suwayda in Qamişlo, 17. Juli 2025 (Fotografie: Delil Souleiman)
In der Verfassungserklärung, zunächst gültig für eine halbe Dekade, wird nirgends von Demokratisierung gesprochen. Es wird vielmehr eine präsidiale Staatsform legitimiert, in der alle Autorität in der Person von Ahmet al-Sharaa konzentriert ist. Sie ähnelt darin jener Konstitution aus dem Jahr 1973, mit der Hafiz al-Assad alle Entscheidungsmacht zugestanden wurde. Al-Sharaa ernennt die Minister. In allen zentralen Ministerien sind Veteranen der al-Nusra Front in Amt und Würden: Minister für auswärtige Affären ist Asaad al-Shaybani, der noch 2021 im katarischen Doha mit hohen Beamten der Europäischen Union über die Damaszener Ambitionen der Hayʼat Tahrir al-Sham gesprochen haben soll. Mit der von ihm dekretierten Etablierung eines Generalsekretariats für politische Affären hat al-Shaybani seine Autorität weit über sein eigenes Ministerium ausgeweitet. Das Triumvirat wird komplementiert durch Anas Khattab, den Minister für innere Affären, der zuvor die Staatssicherheit der Hayʼat Tahrir al-Sham in Idlib etabliert hat. Die ministeriale Reorganisation der Armee erfolgt unter der Ägide von Murhaf Abu Qasra. Justizminister ist mit Mazhar al-Wais ein weiterer Veteran der al-Nusra Front. In einer seiner Schriften macht der Shariahgelehrte das entscheidende Berufskriterium für einen Richter in seiner Freiheit aus: »… denn ein Sklave hat keine Autorität über sich selbst, wie kann er also Autorität über andere haben?« Frauen können folglich genauso wenig Richter werden wie jene, die den Treueschwur auf Allah und den Propheten nicht gesprochen haben, denn diese dürfen keine Autorität über Muslime haben.
Eine Volksversammlung wurde nach wie vor nicht einberufen – und wenn es so weit sein sollte, werden 70 der Mandate von al-Sharaa selbst und die weiteren 140 von den bezirklichen Kollegien einer von ihm benannten Hohen Kommission erteilt. Al-Sharaa ernennt auch die Richter jener höchsten Institution, die über die Verfassungstreue wacht, sowie die Shariahgelehrten der Fatwa-Kommission, neben Justizminister Mazhar al-Wais etwa Abd al-Rahim Atoun, einer der Vordenker der Hayʼat Tahrir al-Sham. Oppositionsparteien existieren in dem Transformationsprozess nicht, Kritik wird als Blasphemie verstanden.
Erstaunen sollte das alles nicht: Als der junge Al-Sharaa unter dem Nom de guerre Abu Mohammed al-Julani Ende des Jahres 2011 mit seinen Männern nach Syrien eindrang, geschah dies, nachdem sich in Syrien aus Deserteuren der Regimearmee die Freie Syrische Armee und in den befreiten Territorien zivile Räte etabliert hatten. Die al-Nusra Front denunzierte solche Bemühungen demokratischer Selbstermächtigung vehement als »Blasphemie« und Ausgeburten »polytheistischen Unglaubens«. Al-Sharaa und seine Männer haben den dynastischen Staat nicht revolutionär zerschlagen. Sie haben sich vielmehr, eben wie bei einem Coup d’État, die Institutionen des Ancien Régime einverleibt. Doch das alles kann nicht verschleiern, dass das Regime nur in einem Teil von Syrien überhaupt territoriale Geltung erlangt hat. Die demokratischen Föderalisten in Nordostsyrien behaupten weiterhin circa 25 Prozent des syrischen Territoriums – und es wären noch mehr, hätte die türkische Staatsfront in den Jahren zuvor nicht Efrîn, Girê Sipî und Serê Kaniyê okkupiert. Und auch Suwayda ist noch nicht gefallen.
Kein anderes Regime war nach einem Coup d’État mit einem solchen diplomatischen Eifer konfrontiert wie Syrien – daran konnte auch der »Handschlag-Eklat« nichts ändern. Einzig darin gründet die Legitimation des Regimes von Ahmed al-Sharaa, der als Emir der al-Nusra Front die bürgerliche Demokratie als »Blasphemie« ächtete und dessen Männer aufrichtige Revolutionäre wie Raed Fares ermordeten. Die hastige Anerkennung durch US-Amerikaner und Europäer ist ein Totschlagargument gegenüber innersyrischer Regimekritik.
Wenige Tage vor der Eskalation in Suwayda hatte Donald Trumps Point Man in Damaskus und Ankara, Thomas Barrack, auf ein Ende der Bemühungen um ein dezentralisiertes Syrien gedrängt, das nicht nur für Drusen eine Lebensversicherung wäre. Barrack schmeichelte dabei dem Regime, dass es »unglaublich enthusiastisch« darin sei, divergierende »Interessen anzugleichen«. Charles Lister, Katars Point Man unter den MENA-Analysten, indes beschuldigt die demokratischen Föderalisten, dass sie die »größte Barriere« für die Stabilisierung Syriens seien (Al Majalla, 11.07.2025).
»Federalism doesn't work … there is only one road, that road is to Damascus«, Thomas Barrack, 09.07.2025
Das jüngst Geschehene in Suwayda ähnelte zunächst einer bekannten Szenerie. Das Regime eskaliert und inszeniert sich zugleich als Souverän, der als einziger die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson bringen kann. Unter den Aggressoren in Suwayda sind auch die Männer von Farhan al-Marsoumi. Der Sheikh des al-Marasima-Clans aus dem ostsyrischen Deir ez-Zor war jahrelang eine der zentralen Figuren im Narkobusiness mit der Hezbollah und in den Infiltrationsbemühungen des khomeinistischen Regimes. So rekrutierte er etwa junge Männer für das 47. Regiment, eine Schattenmiliz der Pasdaran. Heute scheint er hohen strategischen Wert für das Salafiyya-Upgrade des al-Baʿth-Regimes zu haben und empfängt Jamal al-Sharaa, einen der Brüder des Präsidenten, als seinen persönlichen Gast. Verifiziert ist auch die Präsenz der 82. Division im Gouvernement Suwayda während der jüngsten Massaker. Diese Einheit der Regimearmee ist nahezu identisch mit der Ansar al-Tawhid, eine Restauration der berüchtigten Jund al-Aqsa. Während die Propaganda Ahmed al-Sharaa als frommen Sohn der Stämme porträtiert, kursieren die ewiggleichen Snuffs von der Front. Die Militanten brüllen einen verzweifelt gestikulierenden Mann an: »Bist du Druse?« Seine Antwort »Ich bin Syrer, Bruder« genügt ihnen nicht: »Bist du ein Druse oder Muslim?« Noch bevor er zu Ende gesprochen hat, »Druse, Bruder, Druse«, durchdringt unter dem triumphalen Gebrüll »Allahu Akbar« eine Salve gegossenes Blei seinen Körper. Unter Injurien wie »Drusenschweine« werden Hunderte ermordet. Für die bestialischen Hinrichtungen in der Charité von Suwayda werden die Militanten der Ansar al-Tawhid beschuldigt.
Thomas Barrack, der als Investor sein Business vor allem mit dem Emirat Katar gemacht hat, bevor er zu Trumps Point Man für Syrien geworden ist, spricht über seine Überzeugung, dass man mit al-Sharaa dieselben Interessen teile. Wie in Idlib wolle man ein »inklusives und effektives« Gemeinwesen eines »moderaten Islams«. Dabei war das von Barrack gepriesene Staatssurrogat in Idlib von Beginn an mit Protesten konfrontiert, die in der ersten Hälfte des Jahres 2024 bedrohlich wurden. Die Hayʼat Tahrir al-Sham wurde dafür kritisiert, das repressive Regime nachzuahmen. Unverhohlen wurde die Strafverfolgung von al-Sharaa gefordert. Effektiv war die Hayʼat Tahrir al-Sham einzig in ihrer Etablierung als Kartellpartei und in einer mafiotischen Vereinnahmung der Ökonomie von Idlib. Organisationsferne Konkurrenten wurden mit horrenden Strafzöllen vom Markt gedrängt, Exklusivlizenzen einzig den eigenen Kadern gewährt, Schmuggel mit gegossenem Blei vergolten, indessen höchstprofitabel Produkte aus dem verhassten Iran eingeführt und Preise diktiert. Eine in der Folge eskalierende Inflation war einer der Gründe für die Proteste im Jahr 2024. Die Profiteure unter den ranghohen Kadern der Hayʼat Tahrir al-Sham, wie die Brüder Hudhayfah und Qutayba Badawi, werden von Kritikern »die Prinzen« genannt. Die syrische Ökonomie, weit über Idlib hinaus, wird in diesen Tagen vom Bruder des Präsidenten, Hazem al-Sharaa, und einer Schattenkommission restrukturiert. Syrer, die unter der mafiotischen Raubökonomie des dynastischen Regimes profitiert haben, erkaufen sich Immunität gegenüber drohender Strafverfolgung und die Aussicht auf weiteres Business. Die Kommission soll mit dieser Erpressung Vermögenswerte von über 1,6 Milliarden US-amerikanischen Dollar erworben haben. Neben Hazem al-Sharaa nennt eine Recherche von Reuters Mustafa Qadid, einer der Prinzen von Idlib, und Ibrahim Sukkarieh, der als Finanzier der al-Nusra Front in Australien sanktioniert wurde, als die zentralen Figuren der Schattenkommission.
Bevor das alles geschah, was den Kairos auf den Vorstoß nach Damaskus hervorbrachte – die Lähmung der Hezbollah, die Lethargie der russischen und khomeinistischen Despotie, die Leichenstarre des dynastischen Regimes infolge von Desertation und grassierender Korruption –, verharrte die Hayʼat Tahrir al-Sham in Idlib angesichts von Fraktionsfehden und ausdauernden Protesten in Instabilität. Ihre Popularität schwand selbst in der konservativen Bastion Idlib dahin und al-Julani wurde mehr gefürchtet als idealisiert. Auch die Güte des Islams von Idlib ist eine Phantasmagorie. Die Hayʼat Tahrir al-Sham hat in Idlib die Befolgung der Bekleidungsvorschriften rigoroser erzwungen als zunächst die Taliban nach der Restauration ihres Emirats im Jahr 2021. Frauen wurden mit Disziplinarhaft bedroht und wurden zur Unterschrift unter einer Verpflichtungserklärung gezwungen, wenn die Belehrungspatrouillen der Hisbah etwa eine »zu helle« Farbe der Körperverschleierung rügten. Ibrahim Shasho, ein Shariahgelehrter der Hayʼat Tahrir al-Sham und nunmehr Dekan der Fakultät für Shariah an der Universität Aleppo, empfiehlt Schwarz als die »anständigste« Farbe für die Ganzkörperverhüllung. Nachdem im April dieses Jahres die Feministin Hiba Ezzideen al-Hajii die Entführungen alawitischer Frauen nach Idlib zur Sprache brachte, begannen die Sykophanten des Regimes mit einer Verleumdungskampagne. Der Gouverneur von Idlib, Mohammad Abdul Rahman, bat persönlich den Prosekutor von Idlib, die renitente Frau anzuklagen. Sie habe sich schuldig gemacht, den Hijab herabzuwürdigen, da sie zuvor erklärt habe, dass der obligatorische Hijab in einem von ihr mitinitiierten und inzwischen verplombten Frauenzentrum in Idlib, wo Frauen unter sich bleiben, unnötig sei.
Die Würdigung des 7. Oktober 2023 und seiner genozidalen Protagonisten ist in Idlib monumental verewigt. Verwaist sind indes die alawitischen Gemeinden von Jisr ash-Shughur im Gouvernement Idlib, die vor allem Zitrusfrucht- und Olivenhaine kultivierten – verdrängt von hunderten Militanten der Islamischen Partei Turkestans und ihrer Familien. Eine ähnliche Szenerie in den drusischen Gemeinden des Jabal al-Summaq: Von den zuvor 32.000 Drusen leben noch weniger als 1500 im nördlichen Idlib. Mehrere Tausend Hektar Agrarfläche wurden von der Hayʼat Tahrir al-Sham konfisziert. Idlib ist bis heute ein dystopischer Moloch und zugleich ein Ideal islamofaschistischer Agitatoren. Als jüngst in Sarmada im Gouvernement Idlib ein Konzertsaal unter dem Gebrüll »Allahu Akbar« demoliert worden war, kommentierte der umtriebige Regimepropagandist Abdullah al-Muhaysini: »Idlib, das Minarett der Führung, parfümiert mit dem Blut der Märtyrer.« Der Wanderprediger, der Woche für Woche in den Moscheen Syriens agitiert, rekrutierte in jenen Jahren, als die al-Nusra Front in der Idlib-Region territoriale Geltung erlangte, Halbwüchsige, denen er grinsend paradiesische Belohnungen aus schwarzäugigen Jungfrauen versprach, für die suizidalen Kamikaze.