Dienstag, 29. Juli 2025

Flugschrift: Suwayda und die nächste Phase der syrischen Katastrophe

 

Al-Mukhtariya ist eine kleine rurale Gemeinde nordöstlich von Latakia. Die Alawiten, die hier leben, sind mit keinem Clan assoziiert, der unter dem mafiotischen Akkumulationsregime der Hizb al-Baʿth auch nur irgendwie profitiert hätte. In al-Mukhtariya sicherte traditionell die Kultivierung von Orangenbäumen und Weinrebenblättern den Menschen eine karge Existenz. Bestraft wurden sie einzig dafür, dass sie als Nusairiyun als Häretiker gelten, und dafür, dass ihre Gemeinde aus dem Schatten jenes M4-Highways herausragt, der von der Groß-Idlib-Region nach Latakia führt und auf dem in den Märztagen dieses Jahres Kolonnen an Militanten in die Küstenregion vordrangen. 148 Menschen wurden am 7. März in al-Mukhtariya bestialisch ermordet. Die Männer wurden gezwungen, durch den Staub zu kriechen und das Gekläffe von Hunden zu imitieren, bevor sie einer nach dem anderen hingerichtet wurden.

 Das bestialische Massaker war nur eines von mehreren in jenen Tagen. Viele der Ermordeten wurden zuvor gefragt: »Bist du Alawit?« Wer verneinte, wurde mit religiösen Fragen konfrontiert. Wer die Antworten nicht wusste, wurde ebenso hingerichtet. Doch die europäischen und US-amerikanischen MENA-Analysten waren in jenen Tagen peinlichst bemüht, in dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa den eigentlichen Geschädigten der Katastrophe auszumachen. Syrische Oppositionelle dagegen dokumentierten detailliert die Orchestrierung einer Abstrafungskampagne, die einer genozidalen Woge glich. Verifiziert ist dabei auch die operative Präsenz von Hassan Abu Qasra am 7. März im ruralen al-Mukhtariya. Hassan Abu Qasra erhielt zu Beginn des Jahres die Verantwortung über die Petroleumdistribution der Regimearmee. Er ist der Cousin von Generalmajor Murhaf Abu Qasra, der in der militärischen Kommandohierarchie auf den Präsidenten folgt und als Protegé von al-Sharaa gilt.

 Hassan Abu Qasra ist nicht nur eine zentrale Figur in der Energielogistik des Regimes. Er ist vielmehr noch ein umtriebiger Propagandist genozidaler Drohungen, die er in den Märztagen unverhohlen äußerte: »Die Hunde wollen beim Sahur Fleisch fressen«, höhnte er am Vorabend des Massakers von al-Mukhtariya. Mit der Sahur-Speise ertüchtigten sich die Gläubigen während des Ramadans für das Tagesfasten, das mit der Morgendämmerung beginnt. Das Massaker in al-Mukhtariya, auch das ist verifiziert, erfolgte in den Morgenstunden. In den folgenden Tagen beschwingte sich Hasan Abu Qasra daran, dass »die Frauen der Rafida (jene, die den Islam der Ahl as-Sunnah verneinen) zu Witwen« gemacht wurden, und verhöhnte Alawitinnen als »Mut’ah-Huren«. Die Mutah-Ehe ist ein eigenartiges juristisches Konstrukt in der Shia, um eine Vergnügungsehe religiös zu legitimieren. Sie ist populär bei der Hezbollah, aber nahezu unbekannt bei den Alawiten.

 Die physische Präsenz von Hassan Abu Qasra in al-Mukhtariya, seine unverhohlenen Drohungen und seine triumphale Verhöhnung der Ermordeten korrelieren mit den über Telegram kommunizierten Operationsbefehlen der Militanten und ihrem Vorstoß an die Küste. Doch die europäischen und US-amerikanischen Meinungsproduzenten beschworen nur noch fatalistischer, dass einzig Ahmed al-Sharaa und seine Männer die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson bringen können. So manch einer spekulierte auf eine syrische Night of the Long Knives, in der sich das Regime von den Quälgeistern puristanischer Militanz erlöst. Doch was vielmehr folgte, war die US-amerikanische Akzeptanz für die Inklusion der Muhajirun, die für den Jihad nach Syrien emigriert sind, in die Regimearmee. Unter ihnen Veteranen des Kaukasus Emirats und uigurische Adepten der al-Qaida.

»I would say there is an understanding, with transparency«, Thomas Barrack, Gesandter Donald Trumps für Syrien, zur Integration der »Einwanderer« in die Regimearmee

 Während alawitische Familien weiterhin um ihr Leben fürchten müssen, wird so mancher Bluthund des Ancien Régime rehabilitiert. So etwa Fadi Saqr, Kommandeur einer berüchtigten Regimemiliz, der sich inzwischen in einer von al-Sharaa einberufenen Kommission zur Wahrung des Bürgerfriedens engagiert. Die anti-alawitischen Massaker bleiben ungesühnt, während ihre Protagonisten mit hohen militärischen Rängen dekoriert werden: Sayf Bulad alias Sayf Abu Bakr etwa wurde wenige Tage nach den Massakern zum Brigadegeneral der 76. Division der Regimearmee ernannt. Er gilt mit seinem Kumpan Mohammed al-Jassem alias Abu Amsha, Kommandeur der 25. Division, als eine der zentralen Figuren der anti-alawitischen Abstrafungskampagne. Sayf Abu Bakr und Abu Amsha wurden bereits 2023 als Protagonisten eines lukrativen Entführungsbusiness in der okkupierten Region Efrîn vom US-amerikanischen Finanzministerium sanktioniert. Beide sind engsten vertraut mit Devlet Bahçeli, dem Rudelführer der türkischen Grauen Wölfe, und rekrutieren als jung-dynamische Entrepreneure unter den Warlords für das armenische Bergkarabach, Libyen und den Niger.

 Auf der Brüsseler Ministertagung am 17. März sprach Asaad al-Shaybani, Karrierist in der al-Nusra Front und nunmehr syrischer Minister für auswärtige Affären, vom Ancien Régime als einer 54 Jahre währenden Diktatur einer Minderheit. Keiner der Anwesenden widersprach seiner Identifizierung der dynastischen Staatsbestie mit den Alawiten. In Wahrheit drangen durch den Coup d’État der al-Baʿth-Partei zunächst vor allem Sunniten aus der ruralen Peripherie in die Institutionen des Staates vor. Farouk al-Sharaa, der Cousin des heutigen Präsidenten, etwa war einer der hochrangigsten Beamten der al-Baʿth-Partei und zwischen 1984 und 2006 Minister für auswärtige Affären. War es auch eine Kamarilla alawitischer Karrieristen im Militär, wie es Hafiz al-Asad einer war, die die Rivalität in der al-Baʿth-Partei 1970 für sich entscheiden konnte, zwang das dynastische Regime die Alawiten zur Selbstleugnung. Alawitische Regimekritiker wurden gnadenlos verfolgt, während mancher Sheikh und Stamm der Ahl as-Sunnah weiterhin mit dem Regime kollaborierte. Als das khomeinistische Regime Irans seine strategische Sichel von Proxymilizen auf Syrien ausweitete, waren darin vor allem korrumpierte Stammesautoritäten aus Ostsyrien involviert. Und während die religiösen Investitionen des khomeinistischen Regimes in den alawitischen Gemeinden keine Rendite einbrachten, konvertierten unter den Stämmen im ostsyrischen Deir ez-Zor viele junge Männer zur Shi'at Ali.

 Die tradierte Verachtung der Alawiten ähnelt dem Hass auf alle anderen Abtrünnigen an einen totalitären Islam. Ibn Taymiyya, der als einer der geistigen Architekten der Salafiyya gilt, und seine Fatwa über die Alawiten als schändlichere Ungläubige als Christen und Juden wurde zu Beginn der syrischen Katastrophe unter anderem von Yusuf al-Qaradawi, dem Universalmufti von Al Jazeera, ausführlich referenziert. Als Al Jazeera im Jahr 2015 den Emir der al-Nusra Front, Mohammad Abu al-Julani, dem Publikum präsentierte, sprach der heutige Präsident davon, dass Alawiten »unsere Brüder« seien, wenn sie nur ihren Unglauben bereuen und sich selbst verleugnen: »Wenn sie ihre Irrlehren abschwören, die sie aus dem Islam geführt haben, werden sie unsere Brüder sein« – andernfalls hätten sie sich vom Islam abgewandt und würden als Abtrünnige gelten. Al-Julani beharrte im brüderlichen Gespräch mit dem ägyptischen Journalisten Ahmed Mansour auf der Identität zwischen dynastischem Regime und den von ihm als »Nusairier« verächtlich gemachten Alawiten – ganz so wie sein Weggefährte Asaad al-Shaybani.

 

Proteste im kurdischen Qamişlo angesichts der anti-alawitischen Massaker, 11. März 2025 (Fotografie: Delil Souleiman)

 Zwischen Tod und Reue mussten sich zuvor auch die Drusen im befreiten Idlib entscheiden. Als die al-Nusra Front Ende 2014 Fraktionen der Freien Syrischen Armee schwer konfrontierte und in der Folge in die drusischen Gemeinden im bergigen Norden von Idlib, dem Jabal al-Summaq, vordrang, zwang man die Drusen zu einer schriftlichen Erklärung, dass sie ihrem Irrglauben abschwören und jene, die weiterhin darauf beharren, als »Götzenanbeter« verleugnen. Die drusischen Gemeinden mussten sich zudem verpflichten, Heiligenschreine zu zertrümmern, der Jugend einen puritanischen Islam zu lehren und die für Frauen geltenden strengen Kleidungsvorschriften zu befolgen. In den Schulen der drusischen Gemeinden wurden nunmehr die Schriften von Mohammad Ibn Abd al-Wahhab und Ibn Taymiyya sowie Lektüren wie »Der Hijab und die Zierde: Zwischen Wahrheit und Täuschung«, eine Publikation aus dem katarischen Ministerium für Islamfragen, gelehrt.

 In den folgenden Jahren waren die drusischen Gemeinden im nördlichen Idlib mit einer starken Zuwanderung von vor allem uigurischen Militanten konfrontiert. In der Region lebten von Jahr zu Jahr weniger zwangsislamisierte Drusen. Im Jahr 2021 übernahm das uigurische Bataillon al-Ghuraba al-Turkestan, integriert in die Hayʼat Tahrir al-Sham, die drusische Gemeinde Qalb Lawzah, von der al-Nusra Front in Qalb al-Islam umbenannt, als sein Lehen. Während der Etablierungsphase des Bataillons im Jahr 2017 referenzierte es in seiner Public-Relations-Kampagne nahezu alle Koryphäen der al-Qaida.

 Im südsyrischen Suwayda scheiterte der Islamische Staat im Jahr 2018 mit einer genozidalen Kampagne am entschlossenen Widerstand der Drusen. Doch weit mehr als hundert Drusen wurden am 25. Juli 2018 in dem halbautonomen Gouvernement durch die suizidalen Kamikazes des Islamischen Staates ermordet, weitere Frauen und Kinder wurden zu Geiseln genommen. Nach dem Gerücht von Leichenschändungen an Muslimen durch drusische Milizen eskalierten in der Folge auch in Idlib die Aufrufe zum Mord an den verbliebenen Drusen, die erneut zur schriftlichen Selbstverleugnung gezwungen waren.

 Die Drusen in Suwayda beschuldigten 2018 das Damaszener Regime, auf einen Vorstoß des Islamischen Staates nach Suwayda spekuliert zu haben, um in der Folge seine Autorität in der südsyrischen Grenzregion zu restaurieren. Zuvor hatte das Regime die Militanten eben jener genozidalen Schwadronen, die nach Suwayda durchbrachen, aus der Yarmouk-Enklave des Islamischen Staates im Damaszener Süden evakuiert. Für viele Drusen brachten spätestens jene Tage die Gewissheit, einzig der eigenen Militanz vertrauen zu können.

 Angesichts der andauernden Morde an Alawiten und der Straflosigkeit, auf die die Schlächter kalkulieren können, war es nur die Frage nach dem »Wann«, dass nunmehr auch die Aggression gegen die Drusen wieder eskaliert. Am 28. April dieses Jahres brachen zunächst in Jaramana, dann in weiteren drusischen Gemeinden in der Damaszener Peripherie schwere Konfrontationen mit Milizen des Regimes aus. Es bedurfte zum Hassausbruch einzig des Gerüchts, dass ein drusischer Gelehrter sich blasphemisch über den Propheten Mohammed geäußert habe. Auch an den Universitäten in Homs und anderswo mussten Drusen um ihr Leben fürchten. Wie zuvor bei den anti-alawitischen Massakern sprachen die Multiplikatoren unverhohlen über die Intention. So etwa Mohammad Jamal, ein embedded journalist der Hayʼat Tahrir al-Sham, der mit Regimemilizen nach Jaramana eindrang. Angesichts des Hissens der Flagge mit der Shahada in jener Damaszener Gemeinde, wo vor allem Drusen und assyrische Christen ausharren, drohte Jamal: »Entweder erlangt die Religion ihren Ruhm wieder oder unser Blut wird fließen.« In Europa indes beschwor man weiterhin, dass der syrische Präsident Ahmed al-Sharaa im eigenen Interesse nicht anders könne, als sich um Deeskalation zu bemühen. Bei manch einem der MENA-Analysten, wie etwa Charles Lister, äußert sich die ideologische Mimikry darin, dass die drusischen Kritiker des Regimes unverhohlen als Proxys Israels denunziert werden.

 Der Frontreisende Mohammad Jamal beschwört angesichts des Aufrufs an die Stämme Syriens zum Marsch auf Suwayda, dass das »Blut der Märtyrer nicht vergebens« und Suwayda alsbald wieder islamisch sein werde. Mit martialischen Drohungen trat in diesen Tagen auch Hassan Abu Qasra wieder auf. »Wir werden brüderlich Seite an Seite leben«, so der dystopische Schwur, »wenn die Narren, Agenten, Verräter und alle, die glauben, sie seien größer als die Heimat, vernichtet sind«. Der Marsch der Stämme aus teils weit entfernten Gouvernements wie Raqqa und Deir ez-Zor ist für Abu Qasra »eine historische Lektion in Ritterlichkeit und Würde«. Hassobjekt ist vor allem Hikmat al-Hijri, eine der geistlichen Autoritäten der Drusen. Al-Hijri wird von den syrischen Sykophanten und dem türkischen Minister für auswärtige Affären, Hakan Fidan, als »Agent Israels« und perfider Intrigant gegen die nationale Herrlichkeit denunziert. Charles Lister, einer der umtriebigen Katar-finanzierten MENA-Analysten dieser Tage, suggeriert eine Nähe des Geistlichen zum Captagonbusiness. Der omnipräsente Wanderprediger Abdullah al-Muhaysini, der als Frontreisender der syrischen Katastrophe den suizidalen Kindstod pries, raunt indes davon, dass die kriminellen »al-Hijri-Milizen« im verschwörerischen Bund mit Israel »Hirten und Schafzüchter« abschlachten. Ihr penetranter Opfermythos ist projizierter Vernichtungswahn.

 Was hat Hikmat al-Hijri verbrochen, dass er in diesen Tagen zur Ausgeburt des Hochverrats wurde? Der Geistliche befürwortet nicht einen Drusenstaat oder etwa eine Einverleibung Südsyriens durch Israel. Al-Hijri provoziert einzig dadurch, dass er auf konstitutionelle Garantien für eine dezentralisierte und säkulare Republik beharrt. Anders als Berufslügner wie Charles Lister spricht er aus, dass auch nach mehr als einem halben Jahr der Transformationsprozess der bleiernen Diktatur in ein ziviles Gemeinwesen stagniert. Vielmehr noch: Ganz wie unter dem dynastischen Regime perpetuiert die Hayʼat Tahrir al-Sham eine zentrale Strategie von Hafiz al-Assad: die Identität der Armee mit der de-facto-Staatspartei. Zugleich ist die Armee ein Konglomerat von Kadern der militanten Salafiyya und berüchtigter Warlords. 

Solidaritätsmarsch mit Suwayda in Qamişlo, 17. Juli 2025 (Fotografie: Delil Souleiman)

 In der Verfassungserklärung, zunächst gültig für eine halbe Dekade, wird nirgends von Demokratisierung gesprochen. Es wird vielmehr eine präsidiale Staatsform legitimiert, in der alle Autorität in der Person von Ahmet al-Sharaa konzentriert ist. Sie ähnelt darin jener Konstitution aus dem Jahr 1973, mit der Hafiz al-Assad alle Entscheidungsmacht zugestanden wurde. Al-Sharaa ernennt die Minister. In allen zentralen Ministerien sind Veteranen der al-Nusra Front in Amt und Würden: Minister für auswärtige Affären ist Asaad al-Shaybani, der noch 2021 im katarischen Doha mit hohen Beamten der Europäischen Union über die Damaszener Ambitionen der Hayʼat Tahrir al-Sham gesprochen haben soll. Mit der von ihm dekretierten Etablierung eines Generalsekretariats für politische Affären hat al-Shaybani seine Autorität weit über sein eigenes Ministerium ausgeweitet. Das Triumvirat wird komplementiert durch Anas Khattab, den Minister für innere Affären, der zuvor die Staatssicherheit der Hayʼat Tahrir al-Sham in Idlib etabliert hat. Die ministeriale Reorganisation der Armee erfolgt unter der Ägide von Murhaf Abu Qasra. Justizminister ist mit Mazhar al-Wais ein weiterer Veteran der al-Nusra Front. In einer seiner Schriften macht der Shariahgelehrte das entscheidende Berufskriterium für einen Richter in seiner Freiheit aus: »… denn ein Sklave hat keine Autorität über sich selbst, wie kann er also Autorität über andere haben?« Frauen können folglich genauso wenig Richter werden wie jene, die den Treueschwur auf Allah und den Propheten nicht gesprochen haben, denn diese dürfen keine Autorität über Muslime haben.

 Eine Volksversammlung wurde nach wie vor nicht einberufen – und wenn es so weit sein sollte, werden 70 der Mandate von al-Sharaa selbst und die weiteren 140 von den bezirklichen Kollegien einer von ihm benannten Hohen Kommission erteilt. Al-Sharaa ernennt auch die Richter jener höchsten Institution, die über die Verfassungstreue wacht, sowie die Shariahgelehrten der Fatwa-Kommission, neben Justizminister Mazhar al-Wais etwa Abd al-Rahim Atoun, einer der Vordenker der Hayʼat Tahrir al-Sham. Oppositionsparteien existieren in dem Transformationsprozess nicht, Kritik wird als Blasphemie verstanden.

 Erstaunen sollte das alles nicht: Als der junge Al-Sharaa unter dem Nom de guerre Abu Mohammed al-Julani Ende des Jahres 2011 mit seinen Männern nach Syrien eindrang, geschah dies, nachdem sich in Syrien aus Deserteuren der Regimearmee die Freie Syrische Armee und in den befreiten Territorien zivile Räte etabliert hatten. Die al-Nusra Front denunzierte solche Bemühungen demokratischer Selbstermächtigung vehement als »Blasphemie« und Ausgeburten »polytheistischen Unglaubens«. Al-Sharaa und seine Männer haben den dynastischen Staat nicht revolutionär zerschlagen. Sie haben sich vielmehr, eben wie bei einem Coup d’État, die Institutionen des Ancien Régime einverleibt. Doch das alles kann nicht verschleiern, dass das Regime nur in einem Teil von Syrien überhaupt territoriale Geltung erlangt hat. Die demokratischen Föderalisten in Nordostsyrien behaupten weiterhin circa 25 Prozent des syrischen Territoriums – und es wären noch mehr, hätte die türkische Staatsfront in den Jahren zuvor nicht Efrîn, Girê Sipî und Serê Kaniyê okkupiert. Und auch Suwayda ist noch nicht gefallen.

 Kein anderes Regime war nach einem Coup d’État mit einem solchen diplomatischen Eifer konfrontiert wie Syrien – daran konnte auch der »Handschlag-Eklat« nichts ändern. Einzig darin gründet die Legitimation des Regimes von Ahmed al-Sharaa, der als Emir der al-Nusra Front die bürgerliche Demokratie als »Blasphemie« ächtete und dessen Männer aufrichtige Revolutionäre wie Raed Fares ermordeten. Die hastige Anerkennung durch US-Amerikaner und Europäer ist ein Totschlagargument gegenüber innersyrischer Regimekritik.

 Wenige Tage vor der Eskalation in Suwayda hatte Donald Trumps Point Man in Damaskus und Ankara, Thomas Barrack, auf ein Ende der Bemühungen um ein dezentralisiertes Syrien gedrängt, das nicht nur für Drusen eine Lebensversicherung wäre. Barrack schmeichelte dabei dem Regime, dass es »unglaublich enthusiastisch« darin sei, divergierende »Interessen anzugleichen«. Charles Lister, Katars Point Man unter den MENA-Analysten, indes beschuldigt die demokratischen Föderalisten, dass sie die »größte Barriere« für die Stabilisierung Syriens seien (Al Majalla, 11.07.2025).

»Federalism doesn't work … there is only one road, that road is to Damascus«, Thomas Barrack, 09.07.2025

 Das jüngst Geschehene in Suwayda ähnelte zunächst einer bekannten Szenerie. Das Regime eskaliert und inszeniert sich zugleich als Souverän, der als einziger die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson bringen kann. Unter den Aggressoren in Suwayda sind auch die Männer von Farhan al-Marsoumi. Der Sheikh des al-Marasima-Clans aus dem ostsyrischen Deir ez-Zor war jahrelang eine der zentralen Figuren im Narkobusiness mit der Hezbollah und in den Infiltrationsbemühungen des khomeinistischen Regimes. So rekrutierte er etwa junge Männer für das 47. Regiment, eine Schattenmiliz der Pasdaran. Heute scheint er hohen strategischen Wert für das Salafiyya-Upgrade des al-Baʿth-Regimes zu haben und empfängt Jamal al-Sharaa, einen der Brüder des Präsidenten, als seinen persönlichen Gast. Verifiziert ist auch die Präsenz der 82. Division im Gouvernement Suwayda während der jüngsten Massaker. Diese Einheit der Regimearmee ist nahezu identisch mit der Ansar al-Tawhid, eine Restauration der berüchtigten Jund al-Aqsa. Während die Propaganda Ahmed al-Sharaa als frommen Sohn der Stämme porträtiert, kursieren die ewiggleichen Snuffs von der Front. Die Militanten brüllen einen verzweifelt gestikulierenden Mann an: »Bist du Druse?« Seine Antwort »Ich bin Syrer, Bruder« genügt ihnen nicht: »Bist du ein Druse oder Muslim?« Noch bevor er zu Ende gesprochen hat, »Druse, Bruder, Druse«, durchdringt unter dem triumphalen Gebrüll »Allahu Akbar« eine Salve gegossenes Blei seinen Körper. Unter Injurien wie »Drusenschweine« werden Hunderte ermordet. Für die bestialischen Hinrichtungen in der Charité von Suwayda werden die Militanten der Ansar al-Tawhid beschuldigt.

 Thomas Barrack, der als Investor sein Business vor allem mit dem Emirat Katar gemacht hat, bevor er zu Trumps Point Man für Syrien geworden ist, spricht über seine Überzeugung, dass man mit al-Sharaa dieselben Interessen teile. Wie in Idlib wolle man ein »inklusives und effektives« Gemeinwesen eines »moderaten Islams«. Dabei war das von Barrack gepriesene Staatssurrogat in Idlib von Beginn an mit Protesten konfrontiert, die in der ersten Hälfte des Jahres 2024 bedrohlich wurden. Die Hayʼat Tahrir al-Sham wurde dafür kritisiert, das repressive Regime nachzuahmen. Unverhohlen wurde die Strafverfolgung von al-Sharaa gefordert. Effektiv war die Hayʼat Tahrir al-Sham einzig in ihrer Etablierung als Kartellpartei und in einer mafiotischen Vereinnahmung der Ökonomie von Idlib. Organisationsferne Konkurrenten wurden mit horrenden Strafzöllen vom Markt gedrängt, Exklusivlizenzen einzig den eigenen Kadern gewährt, Schmuggel mit gegossenem Blei vergolten, indessen höchstprofitabel Produkte aus dem verhassten Iran eingeführt und Preise diktiert. Eine in der Folge eskalierende Inflation war einer der Gründe für die Proteste im Jahr 2024. Die Profiteure unter den ranghohen Kadern der Hayʼat Tahrir al-Sham, wie die Brüder Hudhayfah und Qutayba Badawi, werden von Kritikern »die Prinzen« genannt. Die syrische Ökonomie, weit über Idlib hinaus, wird in diesen Tagen vom Bruder des Präsidenten, Hazem al-Sharaa, und einer Schattenkommission restrukturiert. Syrer, die unter der mafiotischen Raubökonomie des dynastischen Regimes profitiert haben, erkaufen sich Immunität gegenüber drohender Strafverfolgung und die Aussicht auf weiteres Business. Die Kommission soll mit dieser Erpressung Vermögenswerte von über 1,6 Milliarden US-amerikanischen Dollar erworben haben. Neben Hazem al-Sharaa nennt eine Recherche von Reuters Mustafa Qadid, einer der Prinzen von Idlib, und Ibrahim Sukkarieh, der als Finanzier der al-Nusra Front in Australien sanktioniert wurde, als die zentralen Figuren der Schattenkommission.

 Bevor das alles geschah, was den Kairos auf den Vorstoß nach Damaskus hervorbrachte – die Lähmung der Hezbollah, die Lethargie der russischen und khomeinistischen Despotie, die Leichenstarre des dynastischen Regimes infolge von Desertation und grassierender Korruption –, verharrte die Hayʼat Tahrir al-Sham in Idlib angesichts von Fraktionsfehden und ausdauernden Protesten in Instabilität. Ihre Popularität schwand selbst in der konservativen Bastion Idlib dahin und al-Julani wurde mehr gefürchtet als idealisiert. Auch die Güte des Islams von Idlib ist eine Phantasmagorie. Die Hayʼat Tahrir al-Sham hat in Idlib die Befolgung der Bekleidungsvorschriften rigoroser erzwungen als zunächst die Taliban nach der Restauration ihres Emirats im Jahr 2021. Frauen wurden mit Disziplinarhaft bedroht und wurden zur Unterschrift unter einer Verpflichtungserklärung gezwungen, wenn die Belehrungspatrouillen der Hisbah etwa eine »zu helle« Farbe der Körperverschleierung rügten. Ibrahim Shasho, ein Shariahgelehrter der Hayʼat Tahrir al-Sham und nunmehr Dekan der Fakultät für Shariah an der Universität Aleppo, empfiehlt Schwarz als die »anständigste« Farbe für die Ganzkörperverhüllung. Nachdem im April dieses Jahres die Feministin Hiba Ezzideen al-Hajii die Entführungen alawitischer Frauen nach Idlib zur Sprache brachte, begannen die Sykophanten des Regimes mit einer Verleumdungskampagne. Der Gouverneur von Idlib, Mohammad Abdul Rahman, bat persönlich den Prosekutor von Idlib, die renitente Frau anzuklagen. Sie habe sich schuldig gemacht, den Hijab herabzuwürdigen, da sie zuvor erklärt habe, dass der obligatorische Hijab in einem von ihr mitinitiierten und inzwischen verplombten Frauenzentrum in Idlib, wo Frauen unter sich bleiben, unnötig sei.

 Die Würdigung des 7. Oktober 2023 und seiner genozidalen Protagonisten ist in Idlib monumental verewigt. Verwaist sind indes die alawitischen Gemeinden von Jisr ash-Shughur im Gouvernement Idlib, die vor allem Zitrusfrucht- und Olivenhaine kultivierten – verdrängt von hunderten Militanten der Islamischen Partei Turkestans und ihrer Familien. Eine ähnliche Szenerie in den drusischen Gemeinden des Jabal al-Summaq: Von den zuvor 32.000 Drusen leben noch weniger als 1500 im nördlichen Idlib. Mehrere Tausend Hektar Agrarfläche wurden von der Hayʼat Tahrir al-Sham konfisziert. Idlib ist bis heute ein dystopischer Moloch und zugleich ein Ideal islamofaschistischer Agitatoren. Als jüngst in Sarmada im Gouvernement Idlib ein Konzertsaal unter dem Gebrüll »Allahu Akbar« demoliert worden war, kommentierte der umtriebige Regimepropagandist Abdullah al-Muhaysini: »Idlib, das Minarett der Führung, parfümiert mit dem Blut der Märtyrer.« Der Wanderprediger, der Woche für Woche in den Moscheen Syriens agitiert, rekrutierte in jenen Jahren, als die al-Nusra Front in der Idlib-Region territoriale Geltung erlangte, Halbwüchsige, denen er grinsend paradiesische Belohnungen aus schwarzäugigen Jungfrauen versprach, für die suizidalen Kamikaze.

Freitag, 11. Juli 2025

Flugschrift zum längst fälligen Todesstoß der Islamic Republic of Inquisition

 

Das Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB) führte im Jahr 1981 den Idealtypus der gottesfürchtigen Mutter vor: Im schwarzen Chador gehüllt, sitzt eine Frau ihrem von schweren Torturen gekrümmten Sohn gegenüber. Der junge Mann, dem als »gottlosem Marxisten« die Hinrichtung droht, hält weinend ihre Hände, während sie in das Mikrofon spricht, dass er nicht länger ihr Sohn sei, wenn er sich der »Feindseligkeit gegenüber Allah« schuldig gemacht habe. Die Khomeinisten hatten der Mutter zuvor zugesichert, dass ihr Sohn Mahmud nicht hingerichtet werde, wenn sie an der Propagandainszenierung teilhabe und ihren Sohn zur Buße auffordere. Entgegen dem Versprechen richtete das Regime Mahmud Tariqoleslami wenig später am 8. August 1981 im Kashefi Garten von Isfahan doch hin – derselben Kulisse, vor der er verzweifelt die Hände seiner Mutter hielt. Ruhollah Khomeini pries den inszenierten Bund zwischen Mutter und Henker: »Ich will mehr solche Mütter sehen, die ihre Kinder aushändigen, ohne eine Träne zu verlieren. Das ist wahrer Islam.« Der Ayatollah umriss das Ideal der islamischen Familie, als er forderte, dass bei »konterrevolutionären Intrigen« Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern und Geschwister zu denunzieren hätten. Ali Khamenei erblickte in der makabren Inszenierung eines der schönsten Epen des Islams.  

 Nach wie vor institutionalisiert das Islamic Republic of Iran Broadcasting das Sendungsbewusstsein einer totalitären Inquisition, die jene Kritiker der khomeinistischen Despotie, die mit der Todesstrafe konfrontiert sind, vorführt und als »Feinde Allahs« und »Agenten Israels« denunziert. So etwa Ahmadreza Jalali. Der schwedisch-iranische Katastrophenmediziner war im Jahr 2016 als Gast iranischer Universitäten in den Iran gereist, wo er wenig später verhaftet wurde. Ein Teheraner Inquisitionsgericht sprach ihn der Verschwörung gegen »Allahs Ordnung« und der »Spionage für Israel« schuldig. In diesen Tagen wird die Ausführung seiner Todesstrafe befürchtet. Auch Mohammad Faramarzi, Mohsen Mazloum, Pejman Fatehi und Vafa Azarbar wurden unter schweren Martern zu Selbstbezichtigungen gezwungen und von der telegenen Propaganda des Regimes kompromittiert. Das Regime leugnete zunächst gegenüber ihren Familien, von dem Verbleib der Männer zu wissen, bevor Islamic Republic of Inquisition Broadcasting mit einer Denunziationskampagne begann, in der die Männer, die mit der Partî Komełey Kurdistanî Êran assoziiert waren, der »Kollaboration für Israel« beschuldigt wurden. Am 29. Januar vergangenen Jahres wurden sie mit dem Morgengebet hingerichtet. Ihre Leichen verscharrte das Regime schleunigst unter Staub.

 Der Vorsitzende der föderalistischen Komełey-Partei, Abdullah Mohtadi, sprach angesichts des Massakers am 7. Oktober 2023 Israel sein »Beileid und Mitgefühl« aus und forderte eindringlich, die Beschwichtigung gegenüber der khomeinistischen Despotie zu beenden. Als am 16. Juni die gläserne Fassade dieser Institution der khomeinistischen Inquisition in Teheran von einer Detonation erschüttert wurde, war dies ein kleines bisschen Genugtuung für die Hinterbliebenen der Hingerichteten. Wie etwa bei Joana Taimasi, der Lebensgefährtin von Mohsen Mazloum. Von Überlebenden der khomeinistischen Marterhöhlen weiß man, dass das Islamic Republic of Inquisition Broadcasting an den Vernehmungen der Inhaftierten direkt beteiligt ist. Nazila Maroofian etwa sprach darüber, dass sie nach ihrer ersten Inhaftierung von Evin in ein IRIB-Studio gebracht wurde, wo sie zu der perfiden Selbstbeschuldigung gezwungen wurde, dass Israel sie angeworben und korrumpiert hätte. Die junge Journalistin Maroofian war am 30. Oktober 2022 verhaftet worden, nachdem sie wenige Tage zuvor ein Gespräch mit dem Vater der ermordeten Mahsa Amini geführt hatte. Die Regimekritikerin Sepideh Qolyan identifizierte als ihre Vernehmungsbeamtin Ameneh-Sadat Zabihpour, prominente Anchorwoman im Islamic Republic of Inquisition Broadcasting. Nach tagelangen Strapazen habe Qolyan ihr das Selbstbeschuldigungsskript bei »halbem Bewusstsein« aus der Hand genommen und es verlesen. Ruhollah Zam wurde von Ali Rezvani, einem weiteren berüchtigten Vernehmungsjournalisten, im Islamic Republic of Inquisition Broadcasting vorgeführt. Rezvani verhöhnte den nach Tagen gnadenloser Torturen sichtlich desorientierten Zam. Am 12. Dezember 2020 wurde der abtrünnige »Sohn eines Mullahs«, den das Regime von Baghdad nach Teheran entführt hatte, hingerichtet.

 Das höchste Organ nationaler Sicherheitsinteressen im Iran erklärte jüngst, dass Äußerungen, die als Fürsprache Israels wahrgenommen werden können, als »Feindseligkeit gegenüber Allah« und »Korruption auf Erden« angeklagt werden, was die Todesstrafe zur Folge hätte. Unter den strafwürdigen Äußerungen werden auch solche verstanden, die die Existenz des »zionistischen Regimes« legitimieren. Gholam-Hossein Mohseni-Eje'i, der höchste Richter dieses Inquisitionsregimes, ordnete gegenüber den Staatsprosekutoren an, die Strafverfolgung von »Kollaborateuren Israels« mit Entschlossenheit zu forcieren. Dem Bluthund Mohseni-Eje'i unterstand zuvor das berüchtigte Ministerium der Staatssicherheit MOIS.  Es ist bekannt, dass die Teheraner Revolutionsgerichte viele ihrer Schuldsprüche auf direktes Verlangen des MOIS-Ministeriums fällen. So war es Mohseni-Eje'i persönlich, der die Todesstrafe für Farzad Kamangar verlangte. Weniger als 5 Minuten dauerte der Gerichtsprozess gegen den jungen Mann aus dem kurdischen Kamyaran. Der Todesrichter sprach einzig den von Mohseni-Eje'i geforderten Schuldspruch.

 Hunderte Iraner wurden in diesen Tagen als »Kollaborateure Israels« verhaftet. Als Kompromat gelten unter anderem Starlink-Terminals, mit denen die kommunikative Isolation durchbrochen wird. Aber es genügt auch eine Äußerung auf Telegram oder anderswo, der ein Potenzial zur »Destabilisierung der Ordnung« zugesprochen wird. Jüngst richtete das Regime Mohammad-Amin Mahdavi Shayesteh hin, der zuvor der »Spionage für Israel« und der »Beleidigung islamischer Heiligkeiten« schuldig gesprochen worden war. Aus der Repression spricht nicht allein der totalitäre Charakter der khomeinistischen Staatsbestie. In der Verfolgungsangst vor einer Infiltration durch Agenten und Kollaborateure des Feindes äußert sich vor allem das Paradoxon, dass die Verweigerung, als Brüllvieh antizionistisch verhetzt zu werden, nirgendwo anders so evident ist wie in jenem Staat, dessen Raison d'être die Annihilation Israels ist.

 Aufmärsche in der khomeinistischen Despotie, wie der 1979 institutionalisierte al-Quds-Marsch, folgen einer strengen Orchestrierung. Entgegen allen logistischen und agitatorischen Anstrengungen, Einheit vorzutäuschen, ähneln die Anrottungen des antizionistischen Brüllviehs in Teheran oder anderswo im Iran seit Jahren einer trostlosen wie verachteten Begegnung der noch verbliebenen Greise der khomeinistischen Konterrevolution. Als etwa die Propaganda des Regimes vom antiisraelischen Massenaufmarsch am 11. November 2023 in London begeistert als der beeindruckendsten antiisraelischen Demonstration »mit mehr als einer Million Menschen« sprach, spöttelten Iraner, dass in Teheran selbst, der Kapitale der »Achse des Widerstandes«, nicht mehr als einige wenige Tausend Regimebüttel zu solchen Aufmärschen kommen würden. Anders als in der US-amerikanischen und europäischen Kulturindustrie von Glastonbury bis zum Grand Prix Eurovision gilt die Parteinahme für die Vernichtungsdrohung gegenüber Israel bei einem Großteil der Iraner nicht als fashionable. Sie wird von ihnen als das verstanden, was sie ist: eine aggressiv-projektive Krisenexorzierung, die sich in aller Konsequenz gegen ihr eigenes Leben wendet.

 Die Kluft zwischen dem Regime und jenen, die es zu Geiseln hat, ist nicht über Nacht aufgebrochen. Noch im Jahr 2009, als der Glaube an Veränderungen durch eine Demokratiebewegung innerhalb der existierenden Staatsform noch nicht gänzlich erloschen war, wurden auf den Massenprotesten Slogans gerufen, die sich entschieden gegen die antizionistische Achse der Schande aussprachen. Auf dem al-Quds-Marsch am 18. September jenes Jahres konterten in Teheran und anderswo Hunderttausende Iraner das aus den Chassis dröhnende »Tod Israel« mit Slogans wie »Tod den chinesischen und russischen Kumpanen des Regimes« oder »Chávez, Putin, Nasrallah, ihr seid die Feinde des Irans«. Populäre Slogans, die sich gegen die antiisraelische Krisenexorzierung wenden, zeugen auf jedem weiteren Protest davon, dass das Regime ideologisch gnadenlos gescheitert ist. Der ranghohe Mullah Mohammad Abolghassem Doulabi bedauerte unlängst, dass im Iran um die 50 000 Moscheen verwaist sind. Aus dem Desinteresse am Niederknien spricht das Paradoxon einer vom Islam entfremdeten Nation in einem scheiternden Staat, der auf den Doktrinen eines apokalyptischen Islams gründet. War eine Mehrheit innerhalb der Opposition Ende der 1970er – gegen die eigenen Interessen – bereit, unter dem drohenden Gebrüll »Allahu Akbar« zu marschieren, schleudert die heutige Jugend im Iran den Mullahs Slogans wie »Wir hassen deine Religion, verflucht sei deine Moral« entgegen. Während Mahsa Amini und andere Frauen für eine entschleierte Haarsträhne ermordet wurden, weigern sich heute mehr und mehr Frauen, dem Verschleierungszwang zu gehorchen, und riskieren tagtäglich die Konfrontation mit der Gasht-e eršād, jener Hisbah »islamischer Belehrung«, die mit Identitätserkennungstechnologie und Razzien über die Einhaltung der strengen Bekleidungsvorschriften wacht. In den vergangenen Tagen der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« soll das Regime, so wird es aus dem Iran kolportiert, die Repression gegenüber unverschleierten Frauen noch forciert haben. 

 


 Es ist indes ein Faszinosum, mit welcher Penetranz die Friedens- und Konfliktforscher, die Sachverständigen des Völkerrechts und andere Ideologen Europas, das 1945 durch einen militärisch erzwungenen Regimechange befreit wurde und in der Folge wie kein anderer Kontinent prosperierte, die Illegitimität und das Chaos beschwören, mit dem sie das prospektive Ende der khomeinistischen Despotie assoziieren, jenes Regimes, das in seiner ideologischen Verfasstheit dem Vernichtungsstaat der Deutschen wie kein anderes ähnelt. Der Unterschied, auf dem zu beharren wäre, ist nicht nur, dass es dem khomeinistischen Regime an der militärisch-industriellen Potenz zur Massenvernichtung mangelt. Das Gros der Iraner ist der khomeinistischen Despotie längst noch vor ihrem Ende abtrünnig geworden, anders als die nazifizierten Deutschen ihrem Volksstaat vor dem 8. Mai 1945. Angesichts dessen scheint es wie ein innerer Zwang nicht weniger Deutscher zu sein, die Iraner mit der Ordnung der khomeinistischen Despotie zu versöhnen. Angesichts der Tötung von Qasem Soleimani, des Kommandeurs der al-Quds-Brigaden und berüchtigten Schattengenerals der syrischen Katastrophe, am 3. Januar 2020 raunte etwa Rolf Mützenich von der „Einigkeit“ der Iraner im Verlangen nach Rache. Wenige Tage später, nach der kollateralen Tötung von 176 Flugpassagieren durch eine Surface-to-air Missile der Wächterarmee, brachen in Teheran und anderswo im Iran Massenproteste aus. Die omnipräsenten Märtyrerbanner mit dem Antlitz des getöteten »Volkshelden« (so etwa Stefan Kornelius ehrfürchtig in der Süddeutschen Zeitung) wurden heruntergerissen und verbrannt. In den Protestslogans wurde Soleimani als Mörder und Bluthund von Ali Khamenei gerufen. Nachdem der Protest gegen den misogynen Mord an Mahsa Amini mit einer solchen Wucht nahezu alle Provinzen und selbst die rurale Peripherie erfasst hatte, raunte der ZDF-Korrespondent Jörg Brase, dass es »Potenzial geben« könnte, »Reformen im Parlament zu diskutieren«. Als über Tage Slogans wie »Tod der Islamischen Republik« gerufen und in Qom, der heiligen Kapitale der Geistlichkeit, Brandflaschen gegen das theologische Seminar geschleudert wurden, meinte Brase eines zu wissen: »Viele wollen Reformen.«

 In diesen Tagen bemüht sich Friederike Böge in der FAZ (16.06.2025), das strategische Denken der khomeinistischen Despotie zu durchdringen, indem sie sich staunend einer Rezension von Iran's Grand Strategy widmet. Darin ergründet Vali Nasr die »grand resistance strategy« des Regimes in dem nationalen Trauma jener Märtyrerschlacht zwischen Iran und Irak in den 1980er Jahren. Die Istanbul-Korrespondentin der FAZ paraphrasiert den Fellow der Brookings Institution: Die »iranischen Revolutionäre« hätten in jenen Jahren nahezu allein dem militärischen Koloss Irak gegenübergestanden, ihre Unterlegenheit hätten sie verzweifelt durch »ideologischen Eifer, Opferkult und Guerillataktiken« auszugleichen bemüht. Vali Nasr und mit ihm seine deutsche Rezensentin stilisieren die Khomeinisten zu Überlebenden einer US-amerikanischen Intrige, die »im Bunde mit dem Irak« das Scheitern des sich konstituierenden Regimes verfolgt hätte.

 In Wahrheit war das khomeinistische Regime so allein nicht. Israel erkannte in jenen Jahren im Irak den bedrohlichsten Feind der israelisch-ägyptischen Friedensbemühungen. Die vom Kreml protegierte Hizb al-Baʿth hatte ihre Republik der Angst mit einem antijüdischen Mord konstituiert. Infolge des Coup d’État der al-Baʿth wurden am 27. Januar 1969 mehrere der »Spionage für Israel« beschuldigte irakische Juden, als Spektakel für die Massen inszeniert, hingerichtet. Radio Baghdad protokollierte: »Wir haben über Spione gerichtet, aber die Juden haben Jesus gekreuzigt.« Am 7. Juni 1981 erschütterten Detonationen den Leichtwasserreaktor Tammuz südöstlich von Baghdad. Israel destruierte mit der »Operation Babylon« die nukleare Potenzierung der panarabistischen Hybris des irakischen Regimes, die Israel und Iran gleichwie bedrohte. Ein Jahr zuvor war der khomeinistische Iran selbst noch kläglich daran gescheitert.

 Die Parität an der irakisch-iranischen Front war auch im Interesse Israels. Am 28. September 1983 sprach Ariel Sharon in Paris in aller Offenheit darüber, dass Israel mit US-amerikanischer Duldung die Arsenale des khomeinistischen Irans nachrüste. Doch während sich das irakische Regime zum Jahresende 1980 über die Stagnation an der Front keine Illusionen machte und sich für die Etablierung einer neutralen Zone zwischen den Feindstaaten aussprach, beschworen die Khomeinisten eine Verewigung der Märtyrerbataille als Allahs Schickung. Hashemi Rafsanjani etwa sprach darüber, dass mit der territorialen Einverleibung des Iraks ihnen die ganze Region »wie reife Trauben in den Schoß« fallen würde. In Wahrheit produzierten die Rastlosigkeit der Standgerichte und die Drohung mit der Entgrenzung der khomeinistischen Konterrevolution jene permanente Krise, in der das Regime einzig die Souveränität zu zentralisieren vermochte.

 Friederike Böge möchte indes mit Vali Nasr in der khomeinistischen Despotie ein ebenso gebranntes wie missverstandenes Kind erkennen. Nasr spricht von »Signale(n) der Versöhnung« durch Ali Khamenei, der nach mehreren Enttäuschungen nunmehr »den Schluss gezogen« hat, dass die US-Amerikaner diese einzig »als Schwäche« verstanden würden. Im Jahr 2018 habe sich Khamenei, selbstkritisch wie er ist, „für seine Naivität gescholten“. Vali Nasr ist im Vergleich zu deutschen Regimeapologeten wie Michael Lüders, der in diesen Tagen noch vereinzelte Szenen im ZDF bekommt, keine gescheiterte Existenz. Er berät seit Jahren die Democratic Party und publiziert in den renommierten Politjournalen Foreign Affairs, Foreign Policy und The Atlantic. In einer Denkschrift für Foreign Policy vom September 2021 forderten Vali Nasr und Hossein Mousavian, die Bemühungen um eine Restauration des JCPOA-Abkommens von Streitfragen zu regionalen Sicherheitsinteressen strikt zu trennen – also ganz so, wie es das Regime von den P5+1-Vertragsstaaten verlangte. Hossein Mousavian, Co-Autor der Denkschrift, stand in den 1990er Jahren der Repräsentanz des khomeinistischen Regimes in der Godesberger Allee in Bonn vor, die vielmehr einer Residentur glich, von der aus die iranische Diaspora in Europa penibel überwacht und Mordkommandos instruiert wurden. Mousavian trat in jenen Jahren vehement für die Legitimität des Todesfluchs gegen Salman Rushdie ein. Heute lehrt er an der renommierten Princeton University.

Interessanter als der Regimescherge Hossein Mousavian ist die Familienbiografie von Vali Nasr, der über seinen Vater gut vertraut ist mit Persönlichkeiten aus dem Establishment des khomeinistischen Regimes. In der Person seines Vaters Hossein Nasr schimmert der Nexus durch zwischen Krise der Moderne, europäischer Gegenaufklärung und islamischem Erwachen. Hossein Nasr war in der Pahlavi-Monarchie eine zentrale Figur der kaiserlichen Universitätspolitik. Im Jahr 1972 etwa wurde Nasr durch ein Dekret von Mohammad Reza Pahlavi zum Präsidenten der Teheraner Aryamehr Universität ernannt. Später sollte Nasr seinen Dienst für den kaiserlichen Staat mit dem Bemühen um eine islamische Monarchie, in der Geistliche wie Ruhollah Khomeini mit dem Thron hätten versöhnt sein können, legitimieren. Hossein Nasr befand sich noch vor 1979 im engen Austausch mit Morteza Motahhari, der Khomeini während seines irakischen Exils vertrat.

 Seit den späten 1940er Jahren war die Partei der Volksmassen, die sozialistische Hezb-e Tudeh, die gleichwie unter den Intellektuellen populärste als auch mitgliederstärkste Partei Irans. Ihre Tages- und Wochenpublikationen übertrafen in der Stückzahl die halbamtliche Tageszeitung Ettelâ'ât bei weitem. Im Jahr 1951 beschwor die Teheraner Universitätsbehörde eine gespenstische Szenerie: Infolge der hohen Popularität der Partei unter den Gymnasiallehrern seien 75 Prozent der Universitätsabsolventen des ersten Semesters »kommunistisch« indoktriniert. Angesichts solcher Popularität nationaldemokratischer und antimonarchistischer Bestrebungen war die Pahlavi-Monarchie panisch bemüht, ihre Autorität in der schwammigen Untiefe kultureller Authentizität zu legitimieren. Sie verfolgte dabei eine Kampagne, um als materialistisch verschriene Staatsideen als die ärgste Bedrohung für die nationale Identität zu denunzieren. Und so bekamen frömmelnde Ideologen wie Hossein Nasr oder Ahmad Fardid die Möglichkeit, im Dienst der monarchistischen Staatspropaganda aufzutreten und dort gleichwie Martin Heideggers Jargon der Eigentlichkeit als auch die mahdistische Heilserwartung der Geistlichkeit als Antidoten gegen die rationalistische Verachtung heiliger Weihen zu bewerben. Fardid, Philosophieprofessor an der Teheraner Universität, riet seinen Schülern, Deutsch zu lernen, um aus den materialistischen Irrwegen herauszufinden und sich den verschlungenen Denkwegen von Martin Heidegger zu widmen. Der Liturge deutscher Innerlichkeit aus dem baden-württembergischen Todtnauberg wurde unter den Reaktionären Irans immens populär.

 Hossein Nasr war ein Adept des französischen Esoterikers René Guénon und berief sich zudem auf den konservativen Revolutionär Oswald Spengler und einen weiteren Franzosen namens Henry Corbin. Der Theologe war nicht nur der erste, der die Schriften von Martin Heidegger ins Französische übertrug. Er soll den deutschen »Patriarchen des Jargons« (T. Adorno) auch unter den Intellektuellen Irans bekannt gemacht haben. Seit 1945 lehrte Corbin hin und wieder an der Teheraner Universität, die ihm 1958 die Ehrendoktorwürde verlieh. Auf Einladung von Nasr reiste er nahezu jedes Jahr in den Iran. Heideggers »Theodizee des Todes« (Adorno), die Sinnfindung der Existenz in der Konfrontation mit dem Nichts, vermochte Corbin indes nicht zu überzeugen. Und so fand Corbin vor Heideggers Philosophie des Todes zur eschatologischen Gnosis der Shia.

 Nach Ahmad Fardid war ein intellektueller Debattenzirkel in Teheran der 1970er Jahre benannt: Fardidiyeh. Dieser wöchentliche Austausch von Teheraner Philosophen geriet alsdann zur wöchentlichen Séance, in der Fardid die bleiernen Ausführungen Heideggers über Sein und Seinsvergessenheit als Keime einer eschatologischen Verheißung beschwor. In einem 1966 geführten, aber auf dessen Verlangen hin nach seinem Tode 1976 publizierten Gespräch mit dem Spiegel hatte Heidegger ein Ende der Philosophie und den Ruin der Moderne verkündet. Die »einzige Möglichkeit«, die noch angesichts des drohenden Endes verblieben sei, wäre es, im Denken eine Bereitwilligkeit frommer Erwartung zu erwecken »für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang«. Heideggers düstere Aussicht, dass Errettung nur noch durch einen Gott erfolgen kann, machte sein iranischer Adept zur kaum noch verhohlenen Heilserwartung durch einen islamischen Souverän. Den Eifer der Erwartung zu entbrennen, widmeten sich Ahmad Fardid, Hossein Nasr und andere wiedererwachte Intellektuelle in jenen Vorjahren der khomeinistischen Konterrevolution ebenso mit Hingabe wie Erfolg. Nach dem Ende der Monarchie behauptete Fardid, dass er nach seinen jahrelangen intensiven Bemühungen, Heidegger zu durchdringen, behaupten kann, dass dessen Denkweg derjenige der Islamischen Republik sei.

 Michel Foucaults Bann durch eine »politische Spiritualität«, die dieser in der revolutionären Shia zu erkennen vermochte, soll übrigens vor allem durch die Lektüre von Louis Massignon und Henry Corbin vorgeprägt sein und durch Ali Shariati seine Absolution erhalten haben. In seinen Pariser Universitätstagen assistierte Shariati, ein weiterer Vordenker der Katastrophe von 1979, dem ordinierten Geistlichen Louis Massignon. Der an den Pariser Grand établissements lehrende Orientalist Massignon war auf seinen Forschungsreisen mit einer solchen Wucht »muslimischer Spiritualität« konfrontiert, dass er die agnostische Glaubenslosigkeit seiner Jugend bereute und ein frommer Katholik wurde. Eine Nahtoderfahrung mit schweren Psychosyndromen deutete Massignon selbst als Reaktion seines Verstandes »auf die ›erzwungene‹ Konversion seiner Seele« infolge der unverhofften Gottesbegegnung im Orient. Massignon wurde zu einem unbeirrten Fürsprecher eines spiritualistischen Bundes zwischen Islam und Christenheit. Im Dunstkreis von Massignon traf Shariati auch auf Henry Corbin. Die beiden Schüler von Massignon waren bemüht um eine Restauration von »Ursprünglichkeit« und identitärer »Authentizität« in einer seelenlos empfundenen Moderne. Doch während Shariati auf die Staatsfrage drängte, verfolgte Corbin eine Verinnerlichung quietistischer Frömmigkeit.

 Noch mehr Eindruck auf Ali Shariati, der an der Sorbonne promovierte und dessen Ehefrau Pouran in den 1960er Jahren wie selbstverständlich unverschleiert blieb, schien indes Alexis Carrel gemacht zu haben. Der Franzose gilt als Pionier der Gefäßchirurgie, der unter anderem am Rockefeller-Institut forschte. Mit dem britischen Chemiker Henry Drysdale Dakin etablierte Carrel ein Antiseptikum aus verdünntem Natriumhypochlorit, das während der Flandernschlachten in den Feldlazaretten die gewaltige Masse an chirurgischen Amputationen verringern sollte. Es waren aber weniger seine medizintechnischen Verdienste, die Shariati an Carrel faszinierten, als die Gegebenheit, dass eine solche Koryphäe des technischen Progresses die Fahne des Glaubens hochhielt. »Beten ist wie Atmen«, führt Shariati den Mediziner an, der das Ende von Imperien im »Mangel an starkem Glauben« ausgemacht habe. In seiner Schrift L'Homme, cet inconnu sprach Carrel unverhohlen von der fatalen Fertilität der classes laborieuses und der drohenden Degeneration der Rasse. Im Vorwort der US-amerikanischen Edition von 1939 spricht Carrel anerkennend über die Bereitwilligkeit der deutschen und italienischen Jugend, sich für den faschistischen Wandel zu opfern.

 Eine Passage in der Schrift L'Homme, cet inconnu soll auch zu einer der entscheidenden Inspirationen für den Vordenker der Muslimbrüder, Sayyid Qutb, geworden sein. Dort skizziert Carrel, wie Männer des Wandels in konsequenter Abgeschiedenheit und unbeirrter Disziplin jene Gegenverschwörung heraufprovozieren, die die dekadente Moderne herauszufordern vermag. Der Ägypter Qutb, Stratege einer ebenso konspirativen wie asketischen Keimzelle des militanten Islams, paraphrasierte Carrel in seinen Kampfschriften und berief sich auch namentlich auf den Franzosen. Ali Khamenei übertrug später die Schriften von Sayyid Qutb ins Persische. Die Hauptschrift von Sayyid Qutb wurde in den Vortagen der Konterrevolution von 1979 als ideologisches Handbuch an die Parteigänger Khomeinis verteilt. Beeindruckt davon, wie eine solche Autorität der modernen Medizin gegen die Moderne agitierte, überschrieb Ali Shariati indes Carrels Schrift La Prière (Das Gebet) ins Persische und ergänzte sie mit eigenen Gedanken. Gegen das Denken Carrels in Rassen grenzte sich Shariati ab. Der Islam, so Shariati, sei die erste Denkschule, die die Volksmasse als entscheidenden und bewussten Faktor sozialen Wandels anerkenne, »nicht die Reinblütigen«, wie es Carrel in seiner rassistischen Überheblichkeit behauptet habe.

 Das Wesen dieses wahren Islams, so Shariati folgend, sei das Martyrium, und der Märtyrer sei derjenige, der mit seinem Opfertod zur revolutionären Wahrheit führe. So würdigte Shariati in seiner Schrift über die für Muslime verpflichtende Hajj nach Mekka diese als rituelles Einexerzieren des Opferdenkens. Das khomeinistische Regime machte den Ritus der Selbstaufopferung zur Todesindustrie und diese zur militärischen Erfolgsstrategie an der iranisch-irakischen Front.

 Waren es die europäischen Identitären und Integralisten, die intellektuellen Parteigänger der faschistischen Krisenexorzierung, wie Martin Heidegger, Ernst Jünger, Oswald Spengler und Alexis Carrel, die der iranischen Katastrophe von 1979 Impulse gaben, verkündeten in den späten 1970er Jahren vor allem die Progressiven Europas in aller Schadensfreude das Scheitern der iranischen Modernisierung. Die »islamisch inspirierte Volksrevolution« (Charlotte Wiedemann) sollte 1979 nicht wenige Intellektuelle Europas begeistern. Serge July etwa rühmte in der Libération (12.–13. Februar 1979) die Moscheen der Khomeinisten als »Gegenmacht par excellence« zum »schwerfälligen Staatsapparat« der iranischen Monarchie. Der Mitbegründer der französischen Tageszeitung brach in den Februartagen 1979 in den Iran auf, wo er in der Teheraner Qoba-Moschee auf den Ayatollah Mohammad Mofatteh traf. Mullah Mofatteh, dessen Sohn später Imam der Hamburger Moschee an der Schönen Aussicht werden sollte, erzählte dem Journalisten, dass die Moscheen im Iran noch wenige Jahre zuvor nahezu menschenleer gewesen waren. Am 4. September 1978 durfte Mullah Mofatteh – mit amtlicher Genehmigung der beschwichtigenden Monarchie – das Eid al-Fitr Gebet außerhalb der Moschee auf den Hügeln von Qeytarieh im Norden Teherans sprechen. Nachdem Mofatteh das Gebet beendet hatte, schwor er die Anwesenden auf die absolute Autorität von Khomeini ein. In den folgenden Tagen brachen in Teheran Proteste aus, bei denen die Parteigänger Khomeinis nunmehr dessen Führung in einem islamischen Staat unverhohlen einforderten. Als am 8. September in Teheran die Konfrontationen mit der Armee eskalierten, sprach Khomeini im Exil von einem »zionistischen Massaker«. Auch der französische Philosoph Michel Foucault phantasierte von mehreren Tausend Ermordeten. In Wahrheit war es der Tod von 64 Antimonarchisten und 30 Armisten, den der 17. Shahrivar eingefordert hatte. Die Khomeinisten hatten die Straßenproteste zur Staffage einer von ihnen inszenierten Eskalation gemacht. Der kaiserliche General Gholam Ali Oveissi, der nach der Revolution in seinem Pariser Exil ermordet werden sollte, sprach von Agent Provocateurs, die mit gegossenem Blei die tödliche Konfrontation begonnen hätten.

 Nach 46 Jahren Islamischer Staat sind viele Moscheen Irans wieder verwaist und die moralische Autorität der Geistlichkeit endgültig gebrochen. Das Geraune vom drohenden Chaos, wenn die despotische Attrappe einer Islamischen Republik fällt, täuscht darüber, dass in einem totalitären Regime eine sanfte Transformation durch eine Demokratiebewegung nahezu unmöglich ist. Als etwa am 16. November 2019 Massenproteste gegen die drohende Verelendung ausbrachen und theologische Seminare und weitere Insignien des Regimes in Flammen standen, ermordete die Armee der Wächter der Islamischen Revolution innerhalb weniger Tage um die 1500 Oppositionelle. Dem Geistlichen Haj Ali Akbari zufolge hätten sich die Protestierenden der »Feindseligkeit gegenüber Allah« schuldig gemacht. Im Islamic Republic of Inquisition Broadcasting führte der Koraninterpret Abolfazl Bahrampour aus, dass der Tod für eine solche »Infanterie des Feindes«, die Protestierenden, »quälend« sein müsse, etwa durch die Amputation von Händen und Füßen und die Verbannung auf ein halbversunkenes Wrack im Meer.

 Während des Bloody Aban im Jahr 2019, als das Regime unter dem Shutdown der virtuellen Kommunikationssphäre die revolutionäre Erhebung mit gegossenem Blei zum Verstummen brachte, empfahl in der Tagesschau Karin Senz, dass die Iraner unter sich zu bleiben hätten; man sollte an sie denken und innerlich Anteil nehmen, aber schweigend ausharren. Europa, so die ARD-Korrespondentin, müsse sich vorrangig darauf konzentrieren, das JCPOA-Vertragswerk wieder zur Geltung zu bringen. Dafür bedürfe es »große(r) Diplomaten« – europäischer natürlich. Wo es den Massenprotesten gegen den misogynen Mord an Mahsa Amini im Jahr 2022 gelang, sich zu organisieren, wie im kurdischen Mahabad und im belutschischen Zahedan, konterte das Regime mit einer militarisierten Gnadenlosigkeit, die in ihrer Grobheit unweigerlich Assoziationen mit Syrien heraufprovozierte. Jeder weitere Massenprotest, der für das Regime ähnlich bedrohlich werden würde wie »Rising Lion«, würde Abertausende Tote unter den Revolutionären einfordern – darüber kann man sich spätestens seit November 2019 nicht mehr täuschen. Die Tötung von zentralen Figuren der khomeinistischen Repressionsmaschinerie und die Destruktion ihrer Kommandozentralen sind im Interesse aller Oppositionellen. Und doch ist es ein schmaler Grat zwischen konkretem Beistand und tragischem Verlust von Leben. Die desaströse Unternehmung Israels, einen Ausbruch aus dem Zendân-e-Evin zu provozieren, scheiterte nicht nur kläglich. Sie hatte unter anderem den Tod von Inhaftierten, einer Fürsorgerin und ihrem Kleinkind zur Folge. Die Inhaftierten, unter ihnen der vom Tod bedrohte Ahmadreza Jalali, wurden in andere Marterhöhlen des Regimes, wie Ghezel Hesar und das als »Höllenloch« bekannte Qarchak, überführt. Ihre Familien sind mit einer bleiernen Ungewissheit über Leben und Tod ihrer Nächsten konfrontiert.

 Während der Massenproteste infolge des Mordes an Mahsa Amini sprach Mostafa Rostami, Repräsentant von Ali Khamenei an den Universitäten, unverhohlen davon, dass Meinungsumfragen zufolge 83 Prozent der Iraner mit den Protesten, die das Regime als »hybrid warfare« imperialistischer Interessen denunzierte, prinzipiell sympathisieren, auch ohne an jenen teilzuhaben. Solche Evaluationen werden von der Staatssicherheit periodisch durchgeführt. Alireza Arafi, Dekan des Qom-Seminars, mahnte die tagtäglichen Anfeindungen gegenüber Mullahs an und drohte zugleich: »Wer nach den Turbanen der Geistlichen greift, sollte wissen, dass der Turban zu seinem Leichentuch wird.« Die paranoide Fahndung nach »Kollaborateuren Israels« ist die Konfession eines Regimes, dessen Säulen seines Staatsbaus nach und nach zertrümmert werden: 1. Der drastische Schwund ideologischer Domination ist seit spätestens 2009 nicht mehr zu leugnen. 2. Die entgrenzte Präpotenz des Regimes schwand mit der Tötung von Hassan Nasrallah, der Lähmung der Hezbollah und der Leichenstarre des syrischen al-Baʿth-Regimes gnadenlos dahin. 3. Das militärische Drohpotenzial des Regimes wurde durch die israelische Militärkampagne »Rising Lion« immens abgeschwächt.

 Was dem Regime bleibt, ist die Entfesselung gnadenloser Violenz gegen »Spione«, »Kollaborateure« und andere Staatsfeinde. Massenverhaftungen und Hinrichtungen wurden in den vergangenen Tagen vor allem in Kurdistan intensiviert. Jüngst wurde etwa Rezgâr Beigzadeh Babamiri aus dem kurdischen Bukan der »Feindseligkeit gegen Allah« und der »Verschwörung zum Mord« an Ali Khamenei schuldig gesprochen, nachdem er infolge der Proteste gegen die Ermordung von Mahsa Amini verhaftet worden war. Seine Tochter Zhino spricht von schweren Torturen und Scheinhinrichtungen ihres Vaters in Isolationshaft. Das notorische Islamic Republic of Inquisition Broadcasting führte vor wenigen Tagen mehrere afghanische Männer vor, die der Rekrutierung durch den Mossad beschuldigt werden. In der Folge eskalierten die Repressalien gegenüber afghanischen Migranten. Man erinnere sich, dass das khomeinistische Regime noch vor Jahren Tausende afghanische Geflüchtete für die Fronten der syrischen Katastrophe rekrutiert hatte. Viele der jungen Männer, manche von ihnen noch mit Bartflaum, verloren ihr Leben für das gebrochene Versprechen auf eine Legalisierung ihrer Existenz.

 Und was dem Regime zudem noch bleibt, ist eine nach wie vor erfolgversprechende Geiseldiplomatie. So wurden vor wenigen Tagen die beiden französischen Geiseln Jacques Paris und Cécile Kohler der ewig gleichen »Spionage für Israel« und »Verschwörung gegen die Ordnung« angeklagt. Den beiden droht demnach die Todesstrafe. Dabei mahnte Emmanuel Macron noch, dass es »der größte Fehler« wäre, mit einer Militärkampagne einen Regimechange zu erzwingen: »denn dann würde Chaos herrschen«. Beschwichtigung zähmt diese Staatsbestie nicht.

 Nachdem Donald Trump mit #MIGA (»Make Iran Great Again«) zuvor noch einen launischen Hashtag-Trend initiiert hatte, brüstet er sich nunmehr, dass er Ali Khamenei vor einem »hässlichen und schmählichen Tod« bewahrt habe, indem er Israel an seiner längst fälligen Tötung gehindert habe. Einen Regimechange assoziiert er, wie nahezu jede europäische Charaktermaske, mit dem Aufwirbeln von Staub: »Nein. Wenn es einen gäbe, gäbe es ihn, aber nein, ich will ihn nicht.« Das Ende der 12-tägigen militärischen Konfrontation rief Trump nach einer simulierten Vergeltung des Regimes gegen die US-amerikanische Air Base Al-Udeid in Katar aus – noch vor dem finalen Massaker der khomeinistischen Despotie im israelischen Be'er-Sheva. Wie in Syrien werden weder US-Amerikaner noch Europäer die Beharrlichkeit aufbringen, die die Befreiung des Iran von der khomeinistischen Despotie erfordert. Die Diagnose, dass die iranische Opposition mit sich selbst und ihrer Vergangenheit ringe, fraktioniert und unorganisiert sei, hat somit auch etwas Projektives. Denn mit sich selbst ringend, von Infantilität und autistischem Selbstbezug durchdrungen, von Müdigkeit und Selbsthass gequält, ist vor allem die bürgerliche Zivilisation.

 Darüber, dass eine militärische Konfrontation die zwingende Konsequenz eines totalitaristischen Regimes ist, dessen entgrenzte Gewaltarchitektur durch den Willen zur Vernichtung Israels ideologisch verstrebt ist, täuschen sich nur die Wenigsten innerhalb der iranischen Opposition. Äußerungen exilierter Feministinnen wie Masih Alinejad, Kosar Eftekhari und Mersedeh Shahinkar – Kosar und Mersedeh verloren während der Proteste gegen den misogynen Mord an Mahsa Amini im Jahr 2022 einseitig ihr Augenlicht – sind unmissverständlich: der antimilitaristische Imperativ zur Stunde wäre der längst hinfällige Todesstoß für die khomeinistische Despotie. Auch die Parteien aus Rojhilatê Kurdistanê haben das khomeinistische Regime als den genuinen Aggressor benannt. Abdullah Mohtadi, Generalsekretär der Komeleya Partei, spricht von den Iranern als »Geiseln eines leeren Traums« des Regimes von dessen nuklearer Potenzierung. In den ersten Tagen von »Rising Lion« überwog die Freude über den Tod der ranghöchsten Kommandeure der verhassten Wächterarmee. Sardar Pashaei, exilierter Medailleur im Greco-Ringen und Weggefährte des am 12. September 2020 hingerichteten Navid Afkari, war nur einer von vielen, der unverhohlen über die Zuversicht sprach, dass »einer nach dem anderen« dieser Schlächter getötet werde.

 Die Freude wurde nach wenigen Tagen mehr und mehr von Zerrissenheit verdrängt. Unter dem Shutdown der virtuellen Kommunikationssphäre und der panischen Fahndung nach »Kollaborateuren«, der operativen Intensität von »Rising Lion« innerhalb des urbanen Konglomerats Teheran-Karaj und dem absoluten Unwillen des Regimes, die in Teheran Ausharrenden vorzuwarnen, kollidierten die Erwartung auf ein Ende des Regimes mit der Angst um das eigene Leben und das der Nächsten und einer bleiernen Isolation, wie es unter anderem von der exilierten Literatin Atefe Asadi eindringlich beschrieben wurde. Während das israelische Militär zu temporären und territorial begrenzten Evakuierungen aufrief, schwatzte Donald Trump am 16. Juni daher, jeder sollte aus Teheran augenblicklich aufbrechen. Am selben Tag wurde in der französischen Tageszeitung Le Monde eine Erklärung von Narges Mohammadi und weiteren Persönlichkeiten aus der Opposition wie den Cineasten Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof publiziert, in der ein Ende der militärischen Konfrontation gefordert wird. Aber auch hier wird die nukleare Potenzierung des Regimes als diametral zu den Interessen der Iraner kritisiert. Soran Mansournia, dessen Bruder Borhan während der Novemberproteste 2019 ermordet wurde, spricht von der bedrückenden Atmosphäre der Machtlosigkeit und plädiert in dieser Situation für Strategien zur Wiedererlangung von Aktionsfähigkeit.

 Andere Oppositionelle wie Bardia Mousavi beharren weiterhin darauf, dass ein totalitäres Regime mit einer solch monströsen Repressionsmaschinerie wie die khomeinistische Despotie einzig durch militärische Gegengewalt entscheidend erschüttert werden könne. »Die Wirklichkeit entspricht nicht unseren Träumen«, mahnt Soroush Lashkary alias Hichkas, Pionier des iranischen Raps. Ein Ende des Regimes ohne militärische Intervention würde noch viel mehr Tote und Verstümmelte einfordern. »Täuschen Sie sich nicht«, so Lashkary. »Sie denken womöglich, sie hätten ein hohes moralisches Ansehen, wenn sie ›No to War‹ sagen.«

 Anders als es deutsche Ideologen seit Jahren beschwören, ist eine Fraternisierung mit dem Regime über seinen ideologischen Nukleus hinaus nicht nur ausgeblieben. Das Regime scheint sich darüber hinaus des Ruins seines ideologischen Fundaments einzubekennen, in dem es peinlichst bemüht ist, seiner Propaganda mit unislamischer und nationalistischer Rhetorik noch ein wenig Popularität einzuhauchen. So wurde mit Arash Kamangir eine Heldenfigur der zoroastrischen Mythologie zum zentralen Propagandamotiv des Regimes. Wie auf einer Fassade am Teheraner Vanak Square spannt Arash seinen Bogen, während seine Pfeile zu ballistischen Raketen werden. Als Ali Khamenei jüngst nach längerer Abwesenheit an einem Ashura-Ritus in der Teheraner Hosseinieh von Ruhollah Khomeini teilnahm, soll er den Maddah, der die Eulogie hielt, gebeten haben: »Herr Karimi, singen Sie ›Iran, Iran‹!« In dem schwulstigen Hymnus des exilierten Lyrikers Touraj Negahban wird die Heimat, ganz ohne islamische Metaphern, (originär von Mohammad Nouri) besungen: »Unter deinen Füßen, jenes Herz, das nicht für dich zittert ... O Iran, fern vom Schoß der leeren Hände anderer, des Bösen.«

 Fars News Agency, ein propagandistisches Spinnengewebe aus den Lügen und Drohungen der Wächterarmee, fordert indes Massenhinrichtungen von den »Kollaborateuren« des Feindes und beruft sich dabei unverhohlen auf das Todesdekret von Ruhollah Khomeini aus dem Jahr 1988. »Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität«, so Khomeini nahezu synchron zum Ende der Märtyrerschlacht gegen den Irak. »Zögern« hieße, »das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.« Tausende wurden im Jahr 1988 in den khomeinistischen Marterhöhlen hingerichtet, manche von ihnen waren noch in den frühen 1980er Jahren bei der Verteilung von Flugschriften und Zeitungen sozialistischer Parteien wie der Rāh-e Kārgar, Peykār oder Komeleya verhaftet worden. Fars News nennt die Hinrichtungsmaschinerie von 1988 ein »strahlendes Kapitel« im Existenzkampf der Islamischen Republik. 

 »Wenn wir Kobanî befreit haben, ist es als Nächstes der Iran«, versprach lächelnd eine der Frauen, die das nordsyrische Kobanî im September 2014 davor bewahren konnte, an das genozidale Kalifat des Islamischen Staates zu fallen. Im Jahr 2022 hallte der Ruf »Frau, Leben, Freiheit«, der in den Jahren zuvor in Nordsyrien zu Popularität kam, durch die Straßen Irans. Heute schmeichelt Donald Trump jenem Mann, der Ende des Jahres 2011 auf Geheiß des Generalkommandos der al-Qaida und Abu Bakr al-Baghdadi persönlich aus dem Irak nach Syrien aufbrach, um den Islamischen Staat über die im Sykes–Picot-Agreement dekretierten Grenzen zu potenzieren. Der heutige Präsident Syriens und »Tough guy« Ahmed al-Sharaa führte die Befehle von al-Baghdadi, dem späteren Kalifen, aus – bis es zum Schisma zwischen letzterem und al-Qaida kam. Während Trump nunmehr die Karriere bei al-Qaida als biografischen Skills werthält, drängt sein Syrien-Gesandter Thomas Barrack – ein Investor, der sein Business in jüngerer Vergangenheit vor allem mit dem Emirat Katar gemacht hat – auf ein Ende der föderalistischen Bemühungen, dass Syrien kein Salafiyya-Upgrade der al-Baʿth-Diktatur wird. Es bleibt angesichts einer sich perpetuierenden Krise der bürgerlichen Zivilisation und eines dramatischen Mangels an strategischer Integrität nicht viel mehr übrig, als schleunigst eigene Strategien zur Wiedererlangung von Aktionsfähigkeit zu skizzieren.