Donnerstag, 22. Januar 2026

Flugschrift zur syrischen al-Anfal-Kampagne gegen die Demokratische Föderation

 

 Als am 29. November 2024 die Hayʾat Tahrir al-Sham nach Aleppo vordrang, war es weniger die eigene militärische Durchschlagskraft als die Desertion der berüchtigten Baqir Brigade aus den Reihen des al-Baʿth-Regimes, die zum entscheidenden Durchstoß verhalf. Die Miliz des al-Baqara-Clans galt vor ihrer Fahnenflucht als so etwas wie die »syrische Hezbollah«, eine zentrale Strebe in der Milizarchitektur von Qasem Soleimani. Der Kommandeur der Baqir Brigade, Khalid al-Hassan, war engsten vertraut mit dem iranischen Schattengeneral der Armee der Wächter der Islamischen Revolution. Selbst das Insigne der Miliz war eine Replikation jener AK-47 in der aufsteigenden Hand aus den Flaggen der Wächterarmee und der libanesischen Hezbollah.

 Als das khomeinistische Regime seine strategische Sichel von Proxymilizen auf Syrien ausweitete, waren darin vor allem auch korrumpierte Stammesautoritäten der Ahl as-Sunnah aus Nord- und Ostsyrien involviert. Doch in den Vortagen des Kollapses des al-Baʿth-Regimes einigte sich die Clanmiliz mit Abu Ahmad al-Zakur, einem Veteranen der syrischen al-Qaida aus dem Clan der al-Baqara, über den Preis eines Treuebruchs. Für den Clan schien die Kollaboration mit der Wächterarmee und somit auch mit dem al-Baʿth-Regime nicht mehr lukrativ zu sein. Mit der unerwarteten Desertion kollabierte die Regimefront. Was darauf folgte, ist hinlänglich bekannt.

 Khalid al-Hassan wurde dieser Tage zu einem der entschiedenen Propagandisten einer Arabisierungskampagne gegen Sheikh Maqsud und Ashrafiyah. Mit der Aggression gegen die beiden kurdischen Gemeinden innerhalb des urbanen Aleppo begann der mehrfrontige Vormarsch auf die Demokratische Föderation.

 Im Iran wurden noch zu Beginn des Jahres die Statuen von Qasem Soleimani, einem jener Ingenieure der syrischen Katastrophe, zertrümmert, die penetrante Märtyrerdekoration mit seinem Antlitz verbrannt und das baldige Ende der entgrenzten khomeinistischen Despotie herbeigerufen. Die Sequenzen, die unter dem andauernden Shutdown der Kommunikationssphäre noch durchdrangen, bezeugen die Wucht der revolutionären Erhebung, aber auch das gegossene Blei, mit dem diese gnadenlos gekontert wurde. Die Sunday Times spricht inzwischen von etwa 16.500 Ermordeten. Ein solcher Bodycount erscheint einem als so dystopisch-surreal, dass man nach wie vor noch am Wahrheitsgehalt zu zweifeln geneigt ist. Selbst in den tödlichsten Monaten der syrischen Katastrophe war der Bodycount nicht halb so hoch wie im Iran innerhalb der 48 Stunden zwischen dem 8. und 9. Januar. Dass es mehrere Tausend Tote sind, leugnet selbst das Regime nicht mehr. Die schwarzen Leichenhüllen von Kahrizak im Teheraner Süden, die den Familien abgepresste »Munitionsgebühr«, die Drohung mit Hinrichtungen und weitere barbarische Repressalien sind für das Regime das brüchige Fundament seiner andauernden Krisenexistenz. Dass die Massaker bislang unvergolten blieben und Europäer – und es ist zu befürchten – auch US-Amerikaner gewillt zu sein scheinen, die Krise auszusitzen, ist ein absoluter Worst Case.

 Nach dieser Konterrevolution werden in diesen Tagen im nordsyrischen Gouvernement Raqqa die Statuen jener Brigadistinnen der Yekîneyên Parastina Jinê (YPJ), der Frauenverteidigungseinheiten, zertrümmert, die die territoriale Existenz des Islamischen Unstaates in Raqqa beendeten. Zertrümmert durch die Männer jenes Regimes, dessen Selbstbewusstsein vor allem auch in der hastigen Anerkennung durch US-Amerikaner und Europäer gründet.  

 Zugleich kursieren wieder jene abscheulichen Snuffs, in denen die Männer des Damaszener Regimes überwältigte Frauen demütigen und sich angesichts der gemachten Beute gegenseitig gratulieren: »Mujahid, das ist das schönste Geschenk für dich«. In einem anderen Snuff trampeln die Barbaren unter dem triumphalen Gebrüll »Allahu Akbar« auf den toten Körpern jener Brigadistinnen der YPJ, die sie zuvor hingerichtet haben. Während im südsyrischen Suwayda drusischen Männern die Oberlippenbärte abrasiert wurden, um sie zu demütigen, gelten den Männern des Damaszener Regimes nunmehr abgeschnittene weibliche Haarschöpfe als Trophäe. Der umtriebige Wanderprediger Abdullah Al-Muhaysini gratuliert unterdessen Abdul Rahman Salama zu seiner Ernennung zum Gouverneur des »befreiten« Raqqa. Der Gratulant grinste im Jahr 2016 an der innersyrischen Front in ein Kameraobjektiv und pries den nahenden Märtyrertod eines Halbwüchsigen, dem er eine paradiesische Belohnung aus schwarzäugigen Jungfrauen versprach. Heute ist er eine der schillernden Figuren des syrischen Establishments. Der Gratulierte indes war Emir der al-Nusra Front in Aleppo, bevor er einer der »Prinzen« von Ahmed al-Sharaa wurde, einer jener Profiteure unter den ranghohen Kommandeuren der Hayʼat Tahrir al-Sham bei der mafiotischen Einverleibung der Idlib-Region. Nach dem 8. Dezember 2024 zunächst Generalsekretär des Präsidialamtes musste Salama das sensible Amt an Maher al-Sharaa, einen der Brüder des Präsidenten Ahmed al-Sharaa, abtreten. Das Gouverneursamt entschädigt den Veteranen der al-Nusra Front nun für diese Degradierung.

 

Proteste im kurdischen Qamişlo angesichts der anti-alawitischen Massaker, 11. März 2025

 Die Szenerien scheinen sich wieder zu gleichen. Als im vergangenen Jahr die Stämme der Ahl as-Sunnah zum Marsch nach Suwayda aufriefen, um das südsyrische Gouvernement dem Damaszener Regime einzuverleiben und die abtrünnigen Drusen zu bestrafen, waren unter den Aggressoren auch die Männer von Farhan al-Marsoumi. Die Autorität des al-Marasima-Clans aus dem ostsyrischen Deir ez-Zor war jahrelang eine der zentralen Figuren in den Infiltrations- und Rekrutierungsbemühungen des khomeinistischen Regimes. Heute scheint er, wie Khalid al-Hassan aus dem al-Baqara-Clan, hohen strategischen Wert für das Regime von al-Sharaa zu haben.

»Federalism doesn't work … there is only one road, that road is to Damascus«, Thomas Barrack, 09.07.2025

 Manche der Stämme aus den Gouvernements Hasaka, Raqqa und Deir ez-Zor beteiligten sich jahrelang an der Militärkoalition der Demokratischen Föderation in Nord- und Ostsyrien. Mehr noch als die relative Stabilität in der Demokratischen Föderation garantierte die US-amerikanische Militärpräsenz den Kooperationswillen der Stämme. Nachdem Thomas Barrack, der höchste US-amerikanische Repräsentant in der Türkei und zugleich Gesandter Donald Trumps für Syrien, ausgesprochen hat, dass einzig das Damaszener Regime von den US-Amerikanern anerkannt wird, verflüchtigte sich auch das Interesse der Stämme an einer Kooperation mit den Demokratischen Föderalisten. Barrack, der als Investor sein Business vor allem mit dem Emirat Katar gemacht hat, bevor er zu Trumps Point Man für Syrien geworden ist, spricht über seine Überzeugung, dass man mit al-Sharaa dieselben Interessen teile. Wie in Idlib wolle man ein »inklusives und effektives« Gemeinwesen eines »moderaten Islams«. Effektiv war die Hayʼat Tahrir al-Sham einzig in der Eliminierung ihrer Konkurrenz und der mafiotischen Vereinnahmung der Ökonomie von Idlib. Organisationsferne Konkurrenten wurden mit horrenden Strafzöllen vom Markt gedrängt, Exklusivlizenzen einzig den eigenen Kadern gewährt, Schmuggel mit gegossenem Blei vergolten, indessen höchstprofitabel Produkte aus dem verhassten Iran eingeführt und Preise diktiert. Eine in der Folge eskalierende Inflation war einer der Gründe für die Proteste im Jahr 2024, bei denen unverhohlen die Strafverfolgung von Abu Muhammad al-Julani, dem Nom de Guerre des heutigen Präsidenten, gefordert wurde.

 Die Hayʼat Tahrir al-Sham hat in Idlib die Befolgung der Bekleidungsvorschriften mit Disziplinarhaft und Belehrungspatrouillen erzwungen. Die Würdigung des 7. Oktober 2023 und seiner genozidalen Protagonisten ist in Idlib monumental verewigt. Verwaist sind indes die alawitischen und drusischen Gemeinden – verdrängt von hunderten Militanten der Islamischen Partei Turkestans und ihrer Familien. Nicht nur für Thomas Barrack ist Idlib bis heute ein Ideal: Als im vergangenen Jahr im Gouvernement ein Konzertsaal unter dem Gebrüll »Allahu Akbar« demoliert worden war, rühmte der umtriebige Regimepropagandist Abdullah al-Muhaysini: »Idlib, das Minarett der Führung, parfümiert mit dem Blut der Märtyrer.«

 Thomas Barrack agiert in Syrien wie ein kongenialer Partner in Crime von Hakan Fidan, türkischer Minister für Auswärtiges und zuvor als Direktor des türkischen Aufklärungsdienstes MİT ein weiterer Ingenieur der syrischen Katastrophe. Die militärische Kooperation mit den demokratischen Föderalisten, so Barrack, sei hinfällig. Man kooperiere nunmehr mit dem Damaszener Regime gegen terroristische Bedrohungen. Während in Kobanî oder Qamişlo nie auf US-amerikanischen, israelischen oder französischen Flaggen herumgetrampelt wurde, sind es nunmehr die Veteranen der al-Nusra Front, die jahrelang den 11. September in ihren Fronthymnen besungen haben, die als Garanten von Sicherheitsinteressen wahrgenommen werden. Nach dieser US-amerikanischen Prioritätenverschiebung verlangte es nicht mehr als die tödliche Virulenz eines Gerüchts über ein Massaker an Stammesangehörigen in Hasaka, damit das brüchige Fundament der Kooperation zwischen den Stämmen und den demokratischen Föderalisten gänzlich einbricht.

 Die Demokratische Föderation war wahrlich nie ohne Schaden. Die Rekrutierung noch Jugendlicher, die ihre Jugend nie gelebt haben, eine bleierne Repression gegenüber »inneren Bedrohungen« und eine säkularisierte Verklärung des Opfertodes können dabei nicht in Abstraktion von jenen Aggressionen kritisiert werden, mit denen sie von Beginn an permanent konfrontiert war. Denn aufgezwungen wurde ihr die Militarisierung durch ihre Feinde und die aggressive Hybris türkischer Großraumpolitik. Dennoch wurden in der Demokratischen Föderation unter der permanenten Bedrohung mit Vernichtung die Kinderehe, Zwangsheirat und andere tagtägliche Barbareien der rural-islamischen Despotie gebannt. Die Nachkommen jener assyrischen und armenischen Christen, die die genozidalen Wogen zwischen 1915 und 1933 überlebt hatten, sind nicht prekär geduldet, sie haben selbstbewusst an den Institutionen des Gemeinwesens teil.

 Im Übrigen fraternisierten auch nicht wenige Töchter der arabischen Stämme mit den YPJ-Frauenverteidigungseinheiten und wurden Teil von ihnen. Teil der demokratischen Föderalisten sind nach wie vor auch Kritiker der al-Nusra Front innerhalb der Freien Syrischen Armee wie Abu Omar al-Idlibi. Im November 2015 trat al-Idlibi mit seiner Brigade der Militärkoalition der Demokratischen Föderation bei, woraufhin die al-Nusra Front ihn der todeswürdigen Apostasie beschuldigte. Er wird bis heute als Verräter an der arabischen Hybris denunziert.

 Die Aussicht, dass die Demokratische Föderation in diesen Tagen fällt, provoziert in den politischen Establishments der bürgerlichen Staaten kaum eine Regung. Friedrich Merz scheint ein wenig enttäuscht zu sein, dass er sich nunmehr noch ein wenig gedulden muss, bis er Ahmed al-Sharaa in Berlin empfangen kann. Donald Trump indes hat nach Afghanistan eine weitere Staatsruine einer Organisation anvertraut, die ihre Vergangenheit mit al-Qaida teilt. Den Taliban war es zuvor gelungen, ganz ohne das Odium der Barbarei zu verlieren, als Garanten verschiedenster Sicherheitsinteressen wahrgenommen zu werden. In Katar waren sie mit Zalmay Khalilzad, dem Gesandten Trumps, darin übereingekommen, was die Kriterien für eine Staatsübernahme Afghanistans sein werden. Das Übereinkommen forderte von den Taliban ein Ende ihrer Aggression einzig gegen das US-amerikanische Militär und das Militärpersonal seiner in Afghanistan bis dahin präsenten Partnerstaaten des Nordatlantikpakts. Die afghanische Nationalarmee war davon ausgenommen. Infolge ihrer Protegierung durch Katar und der Anerkennung der Sicherheitsinteressen jener Staaten, auf die es ankommt, erschien es nunmehr ebenso günstig wie unumgänglich, jener Organisation den ruinösen Staat auszuhändigen, die zuvor hinlänglich ihren Willen zur ausdauernden Destruktivität bezeugt hat.

»Tough guy. Strong past. Very strong past. Fighter … He’s got a real shot at holding it together.« Donald Trump über Ahmed al-Sharaa, 14.05.2025

 Karriere bei al-Qaida scheint inzwischen als biografisches Skill gewertet zu werden. Im Jahr 2011 wurde al-Sharaa von Abu Bakr al-Baghdadi noch damit betraut, die genozidale Bestie des Islamischen Staates über die im Sykes-Picot-Agreement dekretierten Grenzen zu potenzieren. In aller Konspiration drang al-Sharaa mit seinen Männern nach Syrien ein. Die al-Nusra Front denunzierte jede Bemühung um demokratische Selbstermächtigung als »Blasphemie« und Ausgeburt »polytheistischen Unglaubens« und zerrieb die Fraktionen der Freien Syrischen Armee. Heute scheint er als der »Tough guy« zu gelten, der die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson bringen vermag und zugleich den türkischen und katarischen Interessen entspricht.

 Am 29. Januar 2025 hatte das militärische Operationskommando, eine Anrottung von Warlords, Ahmed al-Sharaa für eine unbefristete Transformationsphase zum Präsidenten Syriens ernannt. Unter den Anwesenden waren die berüchtigtsten unter den Warlords. Unter ihnen auch die Kommandeure der MİT-Proxys: Sayf Abu Bakr, Abu Amsha und Abu Hatem Shaqra, die vom US-amerikanischen Finanzministerium sanktioniert sind. Während die syrische Nationalarmee einzig eine Kulisse ist für rivalisierende Warlords, hat sich unter dem Clan der al-Sharaa eine Schattenstruktur etabliert, gegenüber der die ausgehöhlten Institutionen einzig noch die Funktion einer Fassade haben. Als Generalsekretär des Präsidialamtes ist Maher al-Sharaa eine zentrale Figur der Exekutive. Die syrische Ökonomie wird in diesen Tagen von einem weiteren Bruder des Präsidenten, Hazem al-Sharaa, restrukturiert. Syrer, die unter der mafiotischen Raubökonomie des dynastischen Regimes profitiert haben, erkaufen sich Immunität gegenüber drohender Strafverfolgung und die Aussicht auf weiteres Business. Die Kommission von Hazem al-Sharaa soll mit dieser Erpressung Vermögenswerte von über 1,6 Milliarden US-amerikanischen Dollar erworben haben. Neben Hazem al-Sharaa nennt eine Recherche von Reuters Ibrahim Sukkarieh alias Abu Maryam al-Australi, der als Finanzier der al-Nusra Front in Australien sanktioniert wurde, als eine weitere zentrale Figur der Kommission.

 Noch von Verrat zu sprechen, wäre verfehlt. Im Iran, in diesen Tagen in Syrien und auch anderswo haben die bürgerlichen Staaten hinlänglich demonstriert, dass sie keine seriösen Bundesgenossen gegen die Barbarei sind. Während die US-Amerikaner in Syrien vor allem die divergierenden türkischen, katarischen und israelischen Interessen moderieren, scheint in Europa inzwischen selbst die folgenlose moralische Entrüstung über die Barbarei obsolet zu sein. Jahrelang war man gänzlich desinteressiert an einer Repatriierung jener Europäer, die in den Islamischen Staat ausgewandert sind, zum Zweck der Strafverfolgung. Die Forderungen der demokratischen Föderalisten nach Ad-hoc-Strafgerichten in Syrien und einer Institutionalisierung ausdauernder Re-Education der Kinder des Kalifats wurden desgleichen konsequent ignoriert. In der Dystopie al-Hawl, wo das Kalifat als ein Miniatur-Emirat überdauert, werden nunmehr die Internierten – unter ihnen auch noch mehrere deutsche Bräute des Kalifats – von den Männern des Damaszener Regimes mit dem ewiggleichen Gebrüll »Allahu Akbar« begrüßt. In Raqqa, in dem in der ersten halben Dekade nach dem Hinausdrängen des Islamischen Staates die großartige Leila Mustafa dem Zivilrat vorsaß, werden dieser Tage schwarze Ganzkörperschleier verteilt. Anderswo werden die Gräber jener geschändet, mit deren Leben dem Islamischen Staat Meter für Meter abgerungen wurde. Mohammad Abu al-Khair Shukri, Damaszener Minister für islamische Stiftungen, dekretierte indes den Imamen syrischer Moscheen, für den triumphalen Durchmarsch zu beten. Er empfahl explizit einen Vers der Sure al-Anfal, »die Beute«, jener Sure, nach der auch Saddam Hussein seine genozidale Kampagne gegen die abtrünnigen Kurden benannt hatte.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Flugschrift Feuer und Flamme der khomeinistischen Despotie

 

Es war eine der ersten Sequenzen, die nach Beginn des Shutdowns durchdrangen. Man empfand Freude und Erleichterung zugleich nach Stunden der Ungewissheit. Wo man gegossenes Blei und Tod erwartete, waren einzig Abertausende in Freude zu sehen. Frauen schwenkten, wie während der Proteste nach dem misogynen Mord an Jina Amini, ihren Schal über kleine Feuer. Und einige junge Männer tanzten einen kurdischen Halparke. Tage später las ich bei dem Journalisten Saman Rasoulpour, dass wenige Minuten nach diesen Momenten der Freude jene in Teheran-Punak tanzenden Männer ermordet wurden. Einer von ihnen war Siavash Shirzad aus dem kurdischen Bukan. Seine Leiche wurde in das forensische Zentrum nach Kahrizak, südlich von Teheran, gebracht. Der Familie, die aus Bukan anreiste, wurde eine hohe Gebühr abverlangt, so genanntes »Munitionsgeld«, nur um die schwarze Leichenhülle von Siavash sehen zu dürfen. Eine von tausenden schwarzen Leichenhüllen in Kahrizak. Sie sind nummeriert. Siavash ist die 12647. Da das kurdische Bukan eine Tradition im Widerstand hat, wurde die Familie gezwungen, Siavash in einer ruralen Gemeinde zu beerdigen. Bei Unnachgiebigkeit wurde ihr als Konsequenz angedroht, dass Siavash in einem anonymen Grab verscharrt werde.

 Ein Bodycount von mehr als 12.000 Ermordeten innerhalb weniger Tage erscheint einem als so dystopisch-surreal, dass man noch am Wahrheitsgehalt zu zweifeln geneigt ist. Selbst in den dunkelsten Phasen der syrischen Katastrophe war der Bodycount höchstens halb so hoch. Währenddessen identifizieren Organisationen wie Hengaw bei andauerndem Shutdown mehr und mehr der Ermordeten und geben den Toten in den schwarzen Leichenhüllen einen Namen. Wie Siavash.

 Als innerhalb weniger Tage im November 2019 unter einem Shutdown der virtuellen Kommunikationssphäre Hunderte Protestierende im Iran ermordet wurden, harrten die Europäer geduldig aus, bis das Regime den Triumph über die »feindliche Verschwörung« ausgerufen hatte. Nach den Massakern warteten Auswärtiges Amt und Europäische Union mit der notorischen Phrase auf: das »Recht auf friedlichen Protest« müsse gewahrt sein – gewahrt blieb wahrlich nur die Pietät der Schlächter. Die Tage zuvor brannten im Iran die Filialen jener Finanzinstitute, die mit der Wächterarmee der Islamischen Revolution assoziiert sind, und auch so manches theologische Seminar der tugendterroristischen Geistlichkeit. In den Slogans sprachen sich die Protestierenden entschieden gegen das Regime als falsches Ganze und seine aggressive Krisenexorzierung aus.

 Zu Beginn des Jahres 2020, nach der Tötung eines der Strategen dieser Krisenexorzierung, Qasem Soleimani, war das deutsche Interesse an dem Iran wieder ein anderes. Sie spekulierten auf jenen Iran, der identisch ist mit den eigenen Projektionen: zutiefst gekränkt, vereint im Hass auf die imperiale Arroganz, zu beschwichtigen nur durch kritischen Dialog. Der Spiegel reproduzierte die Lüge von der Einheit mit einem stundenlangen Livestream von der Märtyrerprozession. Das ARTE Journal verhöhnte jene, die der Blasphemie gegenüber Soleimani verdächtigt und verhaftet wurden: »Selten waren die Iraner so vereint wie in diesen Tagen.« Was auf das europäische Publikum wie ein Gewusel und spontaner Prozess der Anteilnahme zu wirken vermochte, war in Wahrheit eine gewaltige Anstrengung des Regimes, Stabilität zu simulieren, wo Implosion droht, und die US-Amerikaner zu überzeugen, was die Europäer verinnerlicht haben: die Aussichtslosigkeit eines Regimechange. Während eine Charaktermaske wie Rolf Mützenich noch von der »Einigkeit« der Iraner im Verlangen nach Rache raunte, brachen wenige Tage nach der Märtyrerprozession in Teheran, Mashhad und anderswo im Iran erneut Massenproteste aus. Die penetrante Märtyrerdekoration mit dem Antlitz des getöteten »Volkshelden« wurde heruntergerissen, in den Protestslogans wurde Soleimani als Bluthund von Ali Khamenei charakterisiert und die Wächterarmee der Islamischen Revolution, deren Generalmajor er war, eine iranische Variante des staatenlosen Islamischen Staates gerufen.

 Der »Volksheld« deutscher Projektionen, dem man noch »Kultstatus« nachsagte, als er von Iranern als »Qasem Kotlet« verhöhnt wurde, zerfällt in diesen Tagen endgültig zu Staub. Seine Statuen werden zertrümmert, die penetrante Märtyrerdekoration mit seinem Antlitz verbrannt, in Kerman, wo Soleimani begraben ist, wie anderswo im Iran auch, das baldige Ende des Regimes herbeigerufen. Während der Novemberproteste 2019 hatte in der Tagesschau die Korrespondentin Karin Senz empfohlen, an die Iraner zu denken und innerlich Anteil zu nehmen, aber schweigend auszuharren. Europa, so Senz, müsse sich vorrangig darauf konzentrieren, das JCPOA-Vertragswerk wieder zur Geltung zu bringen. Dafür bedürfe es »große(r) Diplomaten« – europäischer natürlich. So debil einem ihre Worte erschienen, sprach Senz den Wesenskern deutscher Politik gegenüber der khomeinistischen Despotie aus. 

 Der schändlichen Blamage jener deutschen Unternehmung, das khomeinistische Regime zum »Stabilisierungsfaktor in der Region« zu machen, ist sich das Auswärtige Amt inzwischen bewusst. Auch wäre heute keiner der deutschen Korrespondenten jüngerer Generation noch so schamlos, von dem »Potenzial« zu raunen, »Reformen im Parlament zu diskutieren«, wie Jörg Brase angesichts der Proteste infolge des misogynen Mordes an Mahsa Amini. Doch das Echo jenes Aufrufes zum quietistischen Ausharren hallt nach wie vor nach. In den Tagesthemen sprach der gefragteste unter den deutschen Orientalisten, Daniel Gerlach, davon, dass die US-amerikanischen Zusicherungen, angesichts drohender Massaker nicht auszuharren, dem Regime jene »Argumente« darbrächten, um die Proteste »wirklich« wie eine militante Insurrektion zu kontern.

 Nach dem Bloody Aban im Jahr 2019 hätte jeder wissen müssen, dass jede weitere Erhebung mit dem Potenzial, das Regime existenziell zu bedrohen, Abertausende Tote unter den Revolutionären einfordern wird. Wer angesichts dieser düsteren Aussicht weiterhin nicht gewillt ist, vor dem Regime zu kapitulieren, kann nicht anders, als jene Szenarien durchzudenken, bei denen die Todesindustrie des Regimes durch Sabotage und militärische Präzision drastisch geschwächt wird. Da in Europa ein Bruch mit dem quietistischen Ausharren als Worst-Case-Szenario denunziert wird, bleibt den iranischen Revolutionären nunmehr nichts Weiteres, als auf einen konkreten Beistand durch die US-Amerikaner zu hoffen, deren Präsident Donald Trump sich nach der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« noch damit brüstete, Ali Khamenei vor einem »hässlichen und schmählichen Tod« bewahrt zu haben, indem er Israel an seiner längst fälligen Tötung gehindert habe. Einen Regimechange assoziierte er in jenen Tagen, wie sonst nahezu jede europäische Charaktermaske, mit dem Aufwirbeln von Staub: »Nein. Wenn es einen gäbe, gäbe es ihn, aber nein, ich will ihn nicht.« Seine jüngsten Äußerungen stärken indes die Zuversicht, dass – wenn nicht Israel – jene Fürsprecher eines freien Irans in der Grand Old Party Trump überzeugt haben, dass die mit Massakern erzwungene Perpetuierung der Krisenexistenz des khomeinistischen Regimes eine strategische Katastrophe wäre.

 Um das Regime zu Fall zu bringen, ist es nach wie vor nicht zu spät. Zu spät ist es aber für tausende Revolutionäre, die in den vergangenen Tagen ermordet wurden. Wie im November 2019 sind auch heute wieder die Revolutionäre konfrontiert mit Legionären der Shiʿat Ali aus dem Irak und anderswoher. Sie bewegen sich, als Pilger getarnt, zwischen dem Irak und dem Iran. In vielen Provinzen vom zentraliranischen Qom nach Hamadan, über Kermanshah, Ilam und Lorestan bis ins südiranische Fars wurden die Proteste noch vor dem Shutdown am 8. Januar mit gegossenem Blei gekontert, aber nicht zum Schweigen gebracht. Amirhesam Khodayarifard etwa wurde am 31. Dezember in Kuhdasht, Provinz Lorestan, ermordet. Das Regime bedrängte die Familie, Amirhesam als Märtyrer der Basij-Miliz zu beerdigen. Doch die Familie widersprach vehement.

 

 Den Sequenzen nach, die entweder noch vor dem Shutdown oder mit Starlink-Terminals zu uns durchdrangen, waren in Teheran, Mashhad und anderswo am 8. und 9. Januar Abertausende auf den Straßen. Beeindruckend vor allem Mashhad in der nordöstlichen Provinz Razavi Khorasan, wohin das Regime Milliardensummen in das Pilgerbusiness investiert hat, um es zum »spirituellen Zentrum« der Shia zu machen. Mashhad war das Reich von Ebrahim Raisi und seines Schwiegervaters Ayatollah Ahmad Alamolhoda, einem berüchtigten misogynen Ayatollah. In Mashhad wurde Ali Khamenei geboren. Und Mashhad war auch die Kulisse des Prostituiertenmörders Saeed Hanaei. Zwischen dem 8. und dem 9. Januar waren hier Abertausende Revolutionäre auf der Straße. Wie auch anderswo brannte in Mashhad eine der vielen Hawzat, jene Mullah-Seminare, in denen die theologischen Kader des Islamischen Staates im Sinne von Ruhollah Khomeini ausgebildet werden. In Qom, der theologischen Kapitale im Iran, hallten antiklerikale Slogans durch die Straßen, während Protestierende schwarze Turbane schwenkten, um Ali Khamenei verächtlich zu machen.

 Iranweit brannten Institutionen des Regimes. In Mashhad und Isfahan die Sendezentren des Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB), jener totalitären Inquisition, die Generationen an Kritikern der khomeinistischen Despotie vorgeführt, kompromittiert und gedemütigt hat. Unzählige Zentren zur tugendterroristischen Agitation und Rekrutierung der berüchtigten Basij-Miliz brannten in den vergangenen Tagen, wie etwa die al-Rasool-Moschee im Teheraner Norden. Im südiranischen Bushehr indes wurden mehrere Revolutionäre vor der Qoran-Moschee, die die Regimeschergen zu ihrer operativen Basis machten, ermordet. Durch das zentraliranische Khomeyn, wo Ruhollah Khomeini geboren wurde, hallte der Ruf nach einer Restauration der Pahlavi-Monarchie. Schwere Konfrontationen auch in der südwestlichen Provinz Khuzestan, Zentrum der iranischen Petroleumindustrie, und in einem Gürtel an Provinzen von Ilam, Kermanshah und Lorestan bis nach Hamadan, Markazi und Qazvin. Keine einzige Provinz, die zwischen dem 7. und 9. Januar nicht von der revolutionären Erhebung erfasst wurde. In Abdanan, Sarableh und Lumar in der kurdischen Provinz Ilam wurden die Regimeschergen noch vor dem 8. Januar, zumindest temporär, hinausgedrängt. 

 Die Revolutionäre rufen nicht etwa »Tod der Inflation«, auch wenn die drastische Entwertung des Rial und die Eskalation der ökonomischen Krise unbestritten Trigger für die Wucht der revolutionären Erhebung sind. Sie rufen nach einem Ende des ganzen Regimes und seiner Katastrophenpolitik aggressiver Krisenexorzierung, die sich in aller Konsequenz gegen das eigene Leben wendet. Der Streik des Teheraner Bazars, mit dem es begann, war vielmehr das revolutionäres Momentum und nicht der Kern dessen, was sich Bahn brach. Der Bazar war 1979 noch ein entscheidender Faktor bei der khomeinistischen Übernahme des Irans. Noch während der Pahlavi-Monarchie rekrutierte sich die terroristische Keimzelle der Islamischen Republik, die Fadâʾiân-e Eslâm, aus den unteren Rängen der ökonomischen Hierarchie der traditionellen Bazare in Teheran, Mashhad und Qom. Viele Bazari-Familien waren traditionell eng verbunden mit der Geistlichkeit. Sie waren es auch, die den Charter jener Air France Boeing 747-100 finanzierten, die Ruhollah Khomeini am 1. Februar 1979 von Paris nach Teheran brachte. Vor allem die klientelistischen Privatisierungen in der Ära von Mahmud Ahmadinejad (2005–2013), in der die »Prinzen« der Wächterarmee ihre ökonomische Dominanz drastisch erweiterten, schwächten die traditionelle Geltung der Bazari in der nationalen Ökonomie. Ihr endgültiger Bruch mit dem Regime war das Fanal für die revolutionäre Erhebung.  

 Das Europa des unerschütterlichen Ausharrens hadert indes mit den Qualitäten der iranischen Opposition. Augenscheinlich hat es wenig zu ihrer Reputation beigetragen, dass nahezu alle relevanten Fraktionen der iranischen Opposition – von den Fürsprechern Reza Pahlavis über die kurdischen Parteien bis zu Persönlichkeiten wie Ali Javanmardi – für eine Fundamentalopposition zur katastrophischen Krisenexorzierung des Regimes plädieren. Auch viele Kritiker der Pahlavi-Monarchie geben heute Shapour Bakhtiar Recht, dem Ende des Jahres 1978 als Geste des Entgegenkommens gegenüber der Opposition von Mohammad Reza Pahlavi das Amt des Premierministers angeboten wurde. Bakhtiar, der in jüngeren Jahren die spanische Republik gegen die franquistische Reaktion militant verteidigt und danach mit der französischen Résistance fraternisiert hatte, entgegnete dem Monarchen: »Ihr Vater hat meinen Vater umgebracht. Sie haben mich inhaftiert. Ich sollte keinerlei persönliche Loyalität Ihrer Dynastie gegenüber haben.« Doch in diesen Tagen, so Bakhtiar weiter, sei es Priorität, die Übernahme des Irans durch »diese Barbaren« zu verhindern. Die anderen Persönlichkeiten der Nationalen Front, der auch Bakhtiar bis dahin angehörte, waren sich dagegen längst darin einig, dass die Führung von Ruhollah Khomeini übernommen werden solle. Wenig später war Bakhtiar gezwungen worden, aus dem Iran zu flüchten. Am 6. August 1991 wurden ihm im französischen Exil von Regimeschergen Kehle und Handgelenke durchtrennt.

 Die khomeinistische Despotie muss fallen!