Mittwoch, 11. Januar 2012

Kritik des Antiimperialismus


Mit ihrer jüngsten Verbrüderungsgeste an die despotischen Regime Irans und Syriens (1) appellieren deutsche Antiimperialisten an ihren Souverän, weiter das zu tun, was das Wesentliche deutsch-iranischer Kumpanei seit 1984 (spätestens 1992) ist: die Sabotierung eines konsequenten Sanktionsregimes gegen die khomeinistische Despotie. Nein – sie sind keine Pressure Group der deutschen Exportindustrie. Sie glauben ihre eigenen Lügen.

Souverän seien das „iranische und syrische Volk“, so der Appell. Bei wöchentlich dutzenden gefolterten und ermordeten Menschen in Syrien davon zu fabeln, das Volk sei souverän, verrät den Souveränitätsfetischismus nur noch als Kälte: als organisierten Solidaritätsverrat an den konkreten Individuen. Nicht nur, dass Souveränität nichts anderes heißt, als fähig zu sein, Menschen national zu formieren, sie auf Gehorsam bis in den Tod zu verpflichten und die Drohung, diesem Menschenmaterial Gewalt anzutun, im nächsten Moment zu realisieren. Der antiimperialistische Jargon von den Völkern affirmiert die Kasernierung der Individuen zu eben jenen Völkern. Er suggeriert, dass die zu Völkern subsumierten Individuen eines bis in den Tod gemeinsam haben, das im Souverän authentisch zu sich findet: die Autochthonität, die kapitalproduktive Mission oder beides wie bei den Deutschen. Wer von Völkern und nicht von den unglücklichen Individuen spricht, weiht die nationale Formierung: den „Triumph der repressiven Egalität“, das „Unrecht durch die Gleichen“ (2).

Nicht nur, dass dieser Antiimperialismus aus dem Fetischismus von Staat, Nation und Souveränität resultiert. Er reproduziert geopolitisch die ideologische Aufspaltung der kapitalen Totalität in konkret und abstrakt, in unschuldige Produktion und verdächtigte Zirkulation. Dass die fetischistische Spaltung des Kapitalverhältnisses unmittelbar aus den theologischen Mucken der Warenform resultiert, ist woanders nachzulesen (bei Interesse auch auf diesem Blog). Nur soviel: die Sozietät, deren Insassen wir sind, ist die der Ware und synthetisiert sich durch das Transzendentalsubjekt Wert. Der Wert aber ist eine „objektive Gedankenform“ (MEW 23, S.90), er camoufliert sich den Insassen der dem Kapital entsprungenen Sozietät als Natur, doch ruht seine gespenstische Existenz in dem wesentlichsten Verhältnis, das die Menschen einzugehen gezwungen sind: dem Tausch. Die Transsubstantiation der Dinge des Lebens zu Waren, die den zu Warenhütern gebannten Individuen sich doppelt reflektieren: konkreter Gebrauchswert und abstrakter Wert, der im Geld wieder konkretisiert wird, beseelt fetischistisch die Denkformen der Insassen dieser verrückten Sozietät. Es ist das Verhängnis der kapitalisierten Gattung, die kapitale Totalität ideologisch zu spalten und nicht revolutionär zu liquidieren, d.h. das Abstrakte zu konkretisieren und des weiteren zu personifizieren. Die fatalste Konsequenz dieses Konkretisierungswahns ist der Antisemitismus, der auf die bösen Gerüchte des religiösen Antijudaismus rekurriert: die antijudaistischen Figuren des Brunnenvergifters und Ritualmörders wandeln sich zu den antisemitischen Figuren des Parasiten im Wirtsvolk und Magiers der Zirkulationssphäre. Die durch religiöse Verfolgung erzwungene Mobilität der Juden, als Wurzellosigkeit denunziert, wird mit der „Magie des Geldes“ ((MEW 23, S. 107) identifiziert; die kapitalproduktive Ausbeutung in der Produktion dagegen als höhere Gewalt und Mission zugleich naturalisiert: die Fabrik als Nest der Autochthonen. Der Kronjurist der Deutschen, Carl Schmitt, charakterisierte den Juden als „ein Metöke“, der das konkrete, weil in Boden, Staat und Kirche verwurzelte Recht suspendiere und nur in einer „Gespensterwelt“ von Abstraktionen und Juristereien parasitär überleben könne (3). Konkret sei immer das Deutsche, abstrakt und künstlich das Jüdische.

Antiimperialismus als nationale Ideologie

Im Antiimperialismus wird die Gewalt des Souveräns getrennt in eine, die das fetischistische Bewusstsein als künstliche wahrnehmt, d.h. als imperialistische und in eine authentische, d.h. in die autochthone Tyrannei über die Eigenen, die im antiimperialistischen Jargon als nationale Souveränität etikettiert wird. Wer nun ein authentischer Souverän sei und wer nicht, darüber sind sich Antiimperialisten zumeist einig. Das schlagende Argument ist der Hass auf die USA und vor allem – dazu später – auf Israel. Wo der Antiimperialismus zur Staatsdoktrin wurde, wie in der Deutschen Demokratischen Republik, verriet sich der Hass auf Amerika offen als nationales Ressentiment: die Identifikation der abstrakten Zirkulationssphäre und der Sabotage der konkreten Produktion mit dem „Gift des Kosmopolitismus“. Das „vaterlandslose Finanzkapital“, die antinationalen „Finanzhyänen“ und „Dollarkönige“, die „Verderber des deutschen Volkes“ mit ihrer „Afterkultur“ versus der „echten, wahren Volksgemeinschaft“ aller „wahrhaft national denkenden Deutschen“ (4). Wenige Jahre nach den Euthanasiemorden des deutschen Faschismus rief die „Sozialistische Einheitspartei“ „alle gesunden (!) Kräfte der deutschen Nation“ zur „Befreiung der Nation aus den Klauen des Dollarimperialismus“ auf (5) – wo materialistische Kritik doch im Interesse der Entnazifizierung von einem Volk von Deutschmarkbestien zu sprechen gehabt hätte.

Wilhelm Langthaler, Agitator der Wiener „Antiimperialisten Koordination“ (AIK), und Werner Pirker, Autor der „jungen Welt“ (jW), aktualisieren diesen Hass, indem sie jenes zivilisatorische Moment Amerikas denunzieren, in dem trotz allem existierenden Rassismus die Hoffnung auf die Versöhnung der Gattung Mensch aufblickt: In ihrem 2003er Pamphlet „Ami go home“ nennen sie das US-amerikanische nation building durch Immigration einen Verrat der Flüchtigen an der verlassenen Heimat (6). Ihnen ist das Versprechen der Statue of Liberty an die „geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren“ (Emma Lazarus), nicht viel zu oft eine böse Lüge – denkt man an die systematische Asylverweigerung antisemitisch Verfolgter –, sondern das Stimulans eines antinationalen Egoismus. Zu einer solchen Verhöhnung jener Menschen, die vom Unglück getrieben sind, ist nur fähig, wer mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker die Gattung Mensch nach Autochthonen und Allochthonen sortiert und es in Blut und Boden verwurzelt sieht. Die US-amerikanische Staatsnation ist nicht autochthon, also kein authentisches Volk – hierin liegt der von Pirker und Langthaler denunzierte Makel.

Nicht zufällig, dass Pirker in seinen jW-Kommentaren die Palästinenser als „autochthone“ und „angestammte Bevölkerung“ etikettiert. Die Palästinenser sind ihm nur das funktionalisierbare Gegen-Volk zur Anti-Nation. In Pirkers Charakterisierungen des jüdischen Staates Israel reproduziert er fast alle antisemitischen Sterotypen: „Der Staat Israel, die Palästinenser können das aus leidvoller Erfahrung bestätigen, ist ein reales Gebilde. Und dennoch ist die Künstlichkeit seiner Existenz evident. Er ist ein Staat aus der Retorte.“ (jW, 24.04.02). Wo nicht auf Autochthonität, also auf Blut und Boden rekurriert werden könne, greife die zionistische Ideologie, so die verschrobene Pirkersche Staatskritik, die den Mangel an Naturhaftigkeit denunziert und somit die Fetischisierung von Herrschaftsverhältnissen reproduziert. Dass Israel „weniger aus sich selbst“ entkeimte, als viel mehr kraft eines militanten Überlebenswillens von zuvor kosmopolitisch verstreut lebenden Juden sich behaupten konnte, provoziert Pirker, der für den Staat als naturwüchsiges Gehäuse der Autochthonen agitiert. Indem Pirker definiert, was Israel ist – „ein Nationalstaat ohne Nation“, denn den Juden fehle „eine spezifisch jüdische Identität“, um eine Nation zu sein (ebd.) –, definiert er den wahren Staat: als souveräne Inkarnation nationaler Identitäten. Der Antizionismus Pirkers verrät sich so als Naturalisierung eines Gewaltverhältnisses. Denn nicht Folklore konstituiert eine Nation. Es ist die Identifizierung der Menschen als Objekte durch eine sich zentralisierende und zur Staatswerdung verschwörende Gewalt, die die Menschen einhegt und national formiert. Nationale Identität ist nicht positiv zu definieren, sondern nur als Zwang, der den Menschen angetan wird. Als ein solcher Zwang ist das Phantasma einer authentischen „nationalen Identität“ in einem revolutionären Schmelztiegel im Interesse der Menschwerdung der Deutschen und anderer Völker zu liquidieren.

Die Ideologie des authentischen Staates mittels Antizionismus reproduziert die jW nur zu oft: Israel sei eine „Apartheid-Architektur“ und ein „Staat ohne Nation“ (15.06.10) und so weiter. Bei anderer Gelegenheit denunziert die jW die Bemühungen des israelischen Staates, die antiisraelische Hetze zu entschärfen, als „Sabotage als Programm“ (24.02.10) und nennt die israelische Politik ein „Netzwerk der Manipulatoren“ (09.12.09). Der jüdische Unstaat erscheint in der jW als dauernde Verhöhnung von authentischer Herrschaft: sabotierend, manipulierend, die naturhaften Grenzen spottend. (Der internationale Antiimperialismus kam bereits zur äußersten Konsequenz seiner fetischistischen Spaltung der kapitalen Totalität: zu einem offenen Antisemitismus. Dem US-Amerikaner James Petras zufolge, der im deutschen Zambon-Verlag publiziert, müsse Israel ohne „Holocaustrentiers“ sich „produktiven Tätigkeiten“ widmen. Israel kastriere und demütige die US-Amerikaner, so Petras, und schädige US-amerikanisches Interesse. Auch in der jW wird gelegentlich suggeriert, die US-amerikanische Politik sei unter israelischem Diktat: „Zufrieden kann Tel Aviv dagegen mit (…) George W. Bush sein.“ (jW, 25.11.08))

Nicht eine Kritik der Gewalt intendiert der Antiimperialismus, anders würde er sich nicht mit der Kaserne Volk solidarisieren, sondern mit den empirischen Individuen, denen, etwa in Syrien, weder zuzumuten ist unter ba`thistischer Despotie noch unter den Muslimbrüdern, die in der Opposition vorherrschen, zu leben. Die Funktion der USA als militantes Auge des Wertgesetzes, d.h. als grenzüberschreitender Souverän, ist ihnen nur die Gelegenheit einer Rationalisierung ihrer Ideologieproduktion. Keiner ihrer toten Helden – Josef Stalin, Mao Zedong, Enver Hoxha, Gamal Abdel Nasser … - dachte an das einzig Vernünftige: mit einer Sozietät, die von den konkreten Individuen absieht, um sie als Exemplare der kapitalisierten Gattung zu konstituieren, die alsdann aus dem Blut und Boden einer Nation erwachen, Schluss zu machen, also Ware, Geld, Kapital und – nicht zu vergessen – Staat, Nation und Volk revolutionär zu liquidieren. Noch viel mehr: ihre Regime nachholender Akkumulation unter der Regie einer absolutistischen Partei reproduzierte das Unglück der kapitalisierten Gattung.

Eben jene US-amerikanische Einnahme der Funktion des militanten Souveräns hätte doch bei Interesse über die Fatalität des Kapitals – eben des ganzen, nicht nur das der „Finanzhyänen“ und „Dollarkönige“ – aufklären können. Nach der „Great Depression“ 1929 war die US-amerikanische Industrieproduktion auf die Hälfte zusammengeschrumpft, die Arbeitslosigkeit war dagegen von 1,5 auf 13 Millionen angestiegen. Weder stimulierte der keynesianische „New Deal“ die Kapitalakkumulation noch versprach der Antisemitismus – trotz eines virulenten Hasses auf jüdische Immigranten, die kommunistischer Subversion verdächtigt wurden – die überschüssigen Massen für Krieg und Raub zu mobilisieren. Während der deutsche Faschismus die nazifizierten Massen für die „Arbeitsschlacht“ mobilisierte und die „Motorisierung“ (Hitler) der Volksgemeinschaft als Hebel für die organisierte Krisenabwälzung auf die anderen Nationen forcierte, lagen noch 1939 in den USA fast ein Fünftel der Arbeitskräfte und über ein Viertel der Produktionskapazitäten brach. Erst der Krieg, den die Deutschen und Japaner den isolationistischen USA aufzwangen, bewältigte die Krise. Der antifaschistische Konter auf die militante Volksgemeinschaft der Deutschen bedurfte einer eigenen Kriegsmaschinerie, die zugleich die Krise kapitaler Akkumulation auskurierte, die Produktivkräfte revolutionierte und die Pax Americana sponserte. Nach dem 8. Mai 1945 war eine Re-Transformation der aufgeblähten Kriegsproduktion in eine zivile Warenproduktion nicht möglich ohne eine neue Krise zu riskieren. Militärische und zivile Produktion waren miteinander verknotet, der militärisch-industrielle Komplex wurde zum Garanten der Akkumulation des nationalen Kapitals. Auch im Interesse anderer fungierten die USA nun als militanter Souverän und trieben in Korea und Vietnam, in Nicaragua und El Salvador mit Napalm und Konterguerilla das kommunistische Gespenst aus.

Eine antimilitaristische Kritik dessen wäre nur möglich gewesen wider die projektive Entlastung, als die der deutsche Antiimperialismus fungierte. Verdrängt, dass es die Deutschen als Volksgemeinschaft waren, die das Vernichtungspotenzial des Kapitalsverhältnisses ausgereizt haben und deren antisemitische und raubkriegerische Exorzierung der kapitalen Krise 60 Millionen Menschenleben vernichtete. Die Deutschen, gestern noch Mörder und Arisierungsprofiteure, wurden nun, wie der militante Arm des deutschen Antiimperialismus, die RAF, 1976 schrieb, zur „autochthonen Bevölkerung“, kolonialisiert durch die „Reeducation-Kampagne“, des alliierten Versuchs der Entnazifizierung (7). „Unser Volk war die bereitwilligste Manövriermasse für die Kulturmonopolisten (…)“, so Diether Dehm, der hiermit seine Volkslieder für den „nationalen Aufbruch“ bewarb (8). Wäre es nur so gewesen – mehr Blue Notes weniger Musikstadl.

Die Agitation „gegen das Unterpflügen kultureller Traditionen“ (9), wo Kultur nur Idiotie ist, die sich zwanglos angetan wird, verrät näheres über das Subjekt einer solchen nationalen Erwachung: „Als formelles Subjekt“ ist das Individuum „nicht Herr seiner Identität, denn es hat keine Substanz. Seine Substanz als materielles Subjekt dagegen – die Arbeitskraft – ist variables Kapital (…) Es kann seine Stabilität, wenn auch prekär, überhaupt nur sichern, wenn es sich doppelt abgrenzt, wenn es sich distanziert von den Untermenschen und von den Übermenschen, wenn es rassistisch und antisemitisch fühlt, denkt und agiert.“ (10) Oder aber – möglicherweise als Konzession an eine halbe Reeducation – wenn es sich seine Identität einverleibt, indem es eine „andere“ deutsche Kultur halluziniert, für die neben Marx auch „Goethe, Heine und Brecht“ einvernahmt werden.

Die Charakterisierung der Unvernunft in der Welt als „Imperialismus“ suggeriert eben jene Welt als gallisches Dorf, terrorisiert von fremden Mächten, die die nationale Souveränität – also die Herrschaft von Nationalisten über Nationalisten – sabotieren. Verschleiert bleibt so die Totalität des Kapitals. Denn alle haben an ihr teil: das Chávez-Regime, das seine Sozialpolitik mit Rohölexporten in die USA finanziert, und so weiter. Und warum echauffieren sich Antiimperialisten über das Sanktionsregime gegen den Iran und Syrien, wenn diese nicht an dem Ganzen teilhätten, von ihm leben würden … Waren die antiimperialistischen Frontregime, der ba`thistische Irak und der khomeinistische Iran, nicht die willigen Akteure eines „grandiosen Petro-Dollar-Recycling“, die in diesem mörderischen Krieg das kriechende Staatsmaterial formten … (Zu fragen wäre nun, ob die derzeitige US-amerikanische Iran-Politik nicht ein ähnliches blutiges Szenario als Konsequenz haben könnte: einen blutigen Krieg zwischen dem Iran und seinen arabischen Feinden. So kaufte die Sharia Inc. Saudi-Arabien zuletzt 84 F-15 von Boeing im Wert von 30 Milliarden Dollar und auch die VAE und Kuwait ziehen bei der Hochrüstung mit.)

Der Imperialismus, materialistisch bestimmt, war jener mörderische Prozess der „ursprünglichen Akkumulation“ des Kapitals (MEW 23, S. 741- 791), der mit der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln und der Erbeutung von Gold, Silber, Arbeitskräften usw. allen voran durch die europäischen Mächte begann und mit der Einverleibung des letzten blinden Fleckens in die kapitale Totalität abschloss. Das universale Kapitalverhältnis basiert auf nichts als Gewalt, doch begegnet es den Insassen seiner Sozietät als ein stummer Zwang, der ihnen zur zweiten Natur und den liberalen Ideologieproduzenten zur invisible hand wird. Die Zerschlagung der Subsistenzproduktion – flankiert von El Nino, Dürren und Seuchen – resultierte zwischen 1876 und 1879 sowie zwischen 1896 und 1900 allein in Äthiopien, Indien, China und Brasilien im Hungertod von bis zu 60 Millionen Menschen. Sie starben, wie Mike Davis kriminalistisch nachspürt, in jenem Prozess, der sie in die Totalität des Kapitals integrierte. Nicht nur, dass die europäische Ideologieproduktion vom Hunger auf den Rassencharakter der Hungernden, als Vehikel von geringerer Produktivität, schloss. In jenen gottverlassenen Winkeln der ursprünglichen Akkumulation inspirierte diese einzige Katastrophe einen wahngeschwängerten Messianismus und apokalyptische Reiter: die chinesische Sekte Weißer Lotos, die Kommunarden um den katholischen Laienprediger Conselheiro im brasilianischen Canudos, der islamische Mahdismus im Sudan und auf Java ... Es sollten noch viel mehr werden.

Die Solidarität mit den Schwachen gegen die Starken ist eine seltene Sentimentalität des Antiimperialismus. Wo er sich konkret positioniert, tut er es im Namen krisenexorzierender Regime: etwa für den ba`thistischen Irak bis zu seinem Ende 2003 (jW, 19.3.03: „Saddam muss bleiben“) oder die khomeinistische Despotie im Iran. Dass der Irak im Beutekrieg gegen Kuwait sich kurieren wollte und seine lebendige Staatsmasse brutalst homogenisierte und Irak wie Iran tausende Genossen ermordeten und, mit deutscher Inspiration, die Krisen antisemitisch exorzierten, qualifiziert sie erst zu authentischen Adressaten antiimperialistischer Verbrüderung: in ihnen lebt sich die antiimperialistische Pseudomilitanz aus, die kritisches Denken vollends sublimiert hat. Saddam Hussein, dieser irakische Bismarck und von Deutschen befähigte Nervengiftmörder, war, wie die Wiener AIK am 30. Juni 2006 rühmte, „nicht nur ein Partisan, sondern ein Staatsmann“. Eine kleine Partei von Genossen aus dem Irak, die die Komplizenschaft mit islamistischen Halsabschneidern und ba`thistischen Killern zu kritisieren wagte,wurde von Wilhelm Langthaler in dem antiimperialistischen Fanzine Intifada (11/04) denunziert, dass sie „was ihre politische Tradition und Kultur betrifft, durch und durch persisch ist“, das heißt sie huldige den „Säkularismus der persischen Intelligenz“, sei also fern des autochthonen Volkes.

Als im Juni und den Folgemonaten des Jahres 2009 Massen an Menschen den regressiven Antiimperialismus der Islamischen Republik Iran und ihrer Apologeten zu blamieren drohten, sorgte sich die jW inniger als je zuvor um die Reputation einer Staatlichkeit, deren Praxis der Tugendterrorismus ist und für deren Heilsideologie – „The World without Zionism“ – die antisemitische Internationale sich begeistert. Die revoltierenden Massen von bis zu drei Millionen Menschen allein in Teheran denunzierte Werner Pirker unbeirrt als „asoziale Revolution“ und konstatierte beleidigt „die konterrevolutionäre Revanche an der Islamischen Revolution als Emanzipationsprozeß der Volksklassen“, denn „mit dem Führer der Habenichtse“, dem Schwulenmörder Ahmadinejad, würde vermutlich „auch die antiimperialistische Komponente aus der iranischen Revolution verschwinden.“ (jW, 20.06.09)

Die antiimperialistische „Solidarität mit den Völkern“ zielt auf Kumpanei mit Despotien, die Verbrüderung ist nicht an die Schwachen adressiert sondern an die Schlächter. Sie verschleiert das einzige Vernünftige – die Revolution für eine freie Assoziation freier Menschen – im Interesse der nationalen Frage um die Beute.

Auf seinem eigenen Terrain der Geopolitik ist der Antiimperialismus nur noch der trügerisch linke Flügel deutscher Ideologie. Nach Jürgen Gansel, Vordenker der „Nationaldemokratischen Partei“, habe der Islam in Europa „keine Existenzberechtung“, doch „unantastbar ist er dort, wo er historisch beheimatet ist“. Gegen Israel, dem Staat gewordenen „Völkerhaß“, und die Vereinigten Staaten von Amerika, diesem kosmopolitischen Bastard, gelte den Muslimen die „Solidarität von Nationalisten“. Und so verkörpere die Hamas den „palästinensischen Selbstbehauptungswillen“ und so seien die irakischen Suicide Bomber „Heimatverteidiger“. Folglich träumt auch die „Deutsche Stimme“ von einem „arabischen nationalen Sozialismus“ (DS, 02.05.2011), einer Achse der Souveränisten gegen die jüdische Anti-Nation. Es sind dieselben Kategorien des Antiimperialismus, in denen Rassismus und Antisemitismus von diesem Schlag sich geopolitisch reproduzieren: Autochthonität, Volk, Nation, Souveränität, Staat, Antizionismus, Anti-Nation.

(1) Appell: Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens, in: „junge Welt“, 05.01.2012. Unterzeichnet u.a. von Diether Dehm, Norman Paech und Rainer Rupp. (2) Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, FfM1988, S. 18. (3) Raphael Gross: Carl Schmitt und die Juden, FfM 2000, S. 60 ff. (4) Thomas Haury: Antisemitismus von links, Hamburg 2002, S. 350 ff. (5) Ebd., S. 367. (6) Siehe „Konkret“, 2/2004, S. 27-28. (7) Z.n. Michael Hahn: Nichts gegen Amerika, Hamburg 2003, S. 40. (8) Ebd., S.42. (9) Dehm im Gespräch mit der Jungle World 4/01. (10) Joachim Bruhn: Was deutsch ist. Zur Kritik der Nation, Fbg. 1994, S. 149.