Samstag, 29. Oktober 2011

Das Verhängnis der kapitalisierten Gattung


Eine Flugschrift aus gegebenem Anlass

„Wir werden es nicht zulassen, dass wie früher nur gewisse kleine Kreise den Profit der Arbeit anderer haben“, versprach Robert Ley, Organisator der NS-faschistischen Deutschen Arbeitsfront, im Jahr 1935 den Volksgenossen. Dass die Arbeit einen Sinn hat, wo sie doch nur die unmittelbarste Verwertungsagentur des Kapitals ist, dass sie einen „ethischen und seelischen Wert“ erhält, wo sie doch ein Zwang ist, dass aus ihr „ein Ideal“ entsprießt, eine „Ehre der Arbeit“ und aus dieser „eine gemeinsame Auffassung von Volk und Nation“, und dass dies alles gegen das „gewisse“ parasitäre ein Prozent erwehrt wird, blieb nicht nur ein feuchter Traum eines faschistischen Karrieristen wie Robert Ley: es eskalierte in der Vernichtung durch Arbeit.

Der Wahn endete nicht mit dem 8. Mai 1945 und der Zwangspazifisierung der Deutschen. Dass er bis heute Staats- und Volksauftrag der postnazistischen Charaktermasken des Kapitals ist, verrät sich auch in der jüngsten Krise. So ist auch die deutsche Variante der „Occupy Wall Street“-Bewegung nur ein weiterer Ausdruck des deutschen Arbeitswahns. Und so falsch liegen die hiesigen „99 %“ nicht, wenn sie sich als die 99 Prozent der Deutschen brüsten. Um nur zwei der Namhafteren unter den letzteren zu nennen: Die Produktivbestie Hans-Ulrich Jörges, die bei anderer Gelegenheit das Kalkül des Staates, die mit ihm identifizierten Überschüssigen nicht dem Hunger zu überlassen, eine „wahre Honigroute zum Kommunismus“ nannte, ruft nun auf, der die „Realwirtschaft (zer-)störenden Spekulation muss das Kreuz gebrochen werden“. Und Johannes Singhammer, ein Mann aus der Politik, stimuliert das nationale Gedächtnis. Zu erinnern sei, wie nach dem 8. Mai 1945 die Deutschen sich von „tiefster Zerstörung und menschlicher Erniedrigung“ befreiten: mit „ehrlicher Arbeit“. Ein knochenbrechender Malthusianismus, nach dem nur wer arbeitet ein Existenzrecht habe, und die Mystifikation einer Schicksalsgemeinschaft der nationalen Arbeit – auch das sind die 99 Prozent.

Was den Deutschen eine Mission ist und im Worst Case ein Mandat zum Pogrom, die produktive oder eben „ehrliche“ Arbeit, ist dem materialistischen Kritiker Marx nur „ein Pech“, unmittelbares Verwertungsmittel des Kapitals, gewesen (MEW 23, S. 532). Die Spaltung der kapitalen Totalität in Produktions- und Zirkulationssphäre aber ist die Basisideologie der kapitalisierten Gattung – nicht nur des germanisierten Teils –; sie ist die ideologische Reproduktion des Kapitalverhältnisses im Medium seines ureigenen Fetischismus.

Das Geld ist den Individuen der materielle Repräsentant einer Abstraktion, die sie Tag für Tag bewältigen ohne ein Bewusstsein von ihr zu haben. Dass die sinnlich so verschiedenen Dinge des Lebens einen Wert haben, dass die Dinge unter den einheitlichen Charakter der Ware gezwungen sind, ist ihnen zur zweiten Natur geworden. Der einzelne Mensch als „Eigentümer bloßer Arbeitskraft“ (MEW 23, S. 892) ist gezwungen, die Arbeitskraft gegenüber seiner Individualität zu objektivieren und sie als die ihm einzig eigene Ware zu vermarkten.

Im Tausch wird vom konkreten Gebrauchswert der Produkte abstrahiert, indem man die Waren als Werte identisch setzt, das heißt: sie werden gegen Geld, das die Äquivalentform zu allen anderen Waren annehmt, getauscht. So wird aber von der Eigenheit der einzelnen Arbeitstätigkeit abgesehen: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es“, heißt es bei Marx von den Exemplaren der kapitalisierten Gattung, die im Tausch von der konkreten Arbeit abstrahieren, indem sie die Produkte ihrer Anstrengung als Waren, also Werte gleichsetzen (MEW 23, S. 88). Wie die Waren als Werte qualitativ gleich sind, so sind es auch die verschiedenen konkreten Arbeiten, die in der Warenproduktion angewandt werden: als abstrakte Arbeit.

Der Wert existiert nur durch das soziale Verhältnis der Menschen zueinander, das aber nur das Selbstverhältnis des Kapitals ist, weil die Selbstverwertung des Werts mit der Selbsterhaltung der in die Subjektform gebannten Individuen (1) identisch zu sein scheint. Er existiert nur in den Denkformen, die den Direktiven seiner Verwertung gehorchen und so sich objektivieren. So wird er real ohne konkret zu werden: er ist eine Realabstraktion. Und real ist das Abstrakte des Kapitalverhältnisses nur darin, dass es den Menschen zum stummen Zwang wird, dass es sie zu existieren, zu überleben erst berechtigt: Wer nicht arbeitet, der frisst auch nicht.

Der kapitalisierten Gattung ist die bewusstlos getätigte Realabstraktion des selbstzweckhaften und den Fetischismus beseelenden Arbeitens die Bedingung ihrer Existenz: der Tribut an den stummen Zwang. In der (nicht nur deutschen) Ideologie wird dieser Zwang als „ehrliche“ Arbeit vor sich selbst verschleiert.

Das Geld, womit die Produktivbestien sich konfrontiert fühlen, ist nur die „unmittelbare Existenzform“ der abstrakten Arbeit (MEW 13, S. 42). Doch die kapitalisierte Gattung verliert davon jede Spur: Die „vermittelnde Bewegung“, in der die Ware Geld die Äquivalentform zu allen anderen Waren annehmt und so erst zu Geld und alsdann zu dem Gott unter den Waren wird, verschwindet „in ihrem eigenen Resultat“; es reflektiert sich den Warenhüter nun mehr als „die Magie des Geldes“ (MEW 23, S. 107). Geld und Kapital sind zwar nichts anderes als akkumulierte Waren in abstrakter Form, doch in diesen Formen spuken die Produkte vernutzter, also verstorbener Arbeitskraft als vollends eigenlebige, „automatische Subjekte“ (ebd., S. 169).

Die nicht-bewusste Form der Abstraktion, die die Warenhüter tätigen, wird ihnen erst in der Geldform in verkehrter und verkehrender, also fetischistischer Form bewusst. „Das Geld ist das real Abstrakte zum Anfassen, es enthält als einzige Bestimmung alle anderen Waren, nur keinen ihrer Gebrauchswerte.“ (2) Das Kapital in seiner mystifiziertesten Form: „der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld“, trägt schließlich „keine Narben“ seiner Genese mehr (MEW 25, S. 405); viel mehr: es ist als hätte es sich von seiner eigenen Genese vollends emanzipiert. Nichts erinnert die Warenhüter noch daran, dass es die produktive Arbeit ist, die die Substanz der gespenstischen Existenz des Werts ist. Die rätselhafte Metamorphose von Geld in mehr Geld schwebt über den Warenhütern als „eine prozessierende, sich selbst bewegende Substanz“ (MEW 23., S. 169), wo sie doch in Wahrheit das Resultat kapitalproduktiver Arbeit ist. Die dinglichen Objekte, also Ware, Geld und Kapital, transformieren zu übermächtigen Subjekten und die in die Subjektform gebannten Individuen zu ohnmächtigen Objekten. Diese Verkehrung wird von den Menschen Tag für Tag authentifiziert: „indem es das Kapital ist, was da in ihnen denkt, hat es sich selbst reproduziert.“ (3)

Nicht nur, dass die „99 %“ den Fetischismus des Kapitalverhältnisses reproduzieren, indem sie dieses ideologisch spalten, um in der Zirkulationssphäre die Dämonen der Krise zu exorzieren; nicht nur, dass sie sich über das Unglück in der Produktion ausschweigen und an den politischen Souverän appellieren, das Geld müsse regionalisiert oder vom Zins befreit werden, damit es die Produktion als unser Schicksal nicht sabotiere; nicht nur also, dass ihnen das falsche Ganze das einzig Richtige ist, das nur von der Magie des Geldes oder doch nur von den Charaktermasken des fiktiven Kapitals zu befreien sei – nein, ihr ganzes Spektakel ist doch darauf herunterzubrechen, dass sie sich der Idiotie hingeben, ein Charakterdefekt wie „Gier“ sei der Systemfehler. Die Camper – eine deutsche Comedyserie zur Krise.

Die kapitalisierte Gattung, nicht nur die „99 %“, ist beherrscht vom Äquivalenzprinzip und wo sie aufbegehrt, tut sie es in seinem Namen. Und wo man sich noch fragt, was sie auch anderes tun könne in einem Verhältnis, in dem nur noch zu hoffen ist, einen „gerechten Preis“ gezahlt zu bekommen, eskaliert ihre Wut im Verschwörungsdenken. Nicht nur, dass die „99 %“ blind sind für die antisemitische und wie derzeit in Tschechien und Ungarn antiziganistische Mobilisierung im Namen der „ehrlichen“ Arbeit, inszenieren sie sich als Avantgarde der realen 99 Prozent, als, zum Teil mit dem NS-Jargon versierte, Stichwortgeber. Kritik von Herrschaft heißt aber mit dem Konsens der kapitalisierten Gattung zu brechen – und dies vor allem auch im Interesse einer revolutionären Aufhebung der Getrenntheit. Und es ist die kapitalproduktive Arbeit – also die Kollektivehre der Deutschen, Ungaren, etc. –, die die Geldform und die weiteren verrückten Formen der Verwertung des Werts lostritt.

(Wahrlich sind die Vertracktheiten und theologischen Mucken des Kapitalverhältnisses mit seiner okkulten Qualität dann doch besser im Marxschen Original nachzulesen.)

Das Kapital, soviel wissen wir nun, muss sich unentwegt verwerten, das ist der zentrale Herrschaftsimperativ dieses totalitären Verhältnisses. Doch die Verwertung des Werts stößt dabei auf strukturelle Schranken. Die Einzelkapitalien sind zur Produktivitätssteigerung und somit zur technischen Rationalisierung des Vernutzungsprozesses von lebendiger Arbeitskraft gezwungen, um in der Konkurrenz nicht zu verlieren. Doch eben jene technische Rationalisierung spuckt noch mehr Massen an Arbeitskräften aus, die nun nicht mehr zur kapitalproduktiven Funktionalisierung eingesaugt, sondern verüberflüssigt werden. Die Mikroelektronik sowie die Informations- und Telekommunikationstechnologien revolutionierten die Produktivkräfte, scheiterten aber als Basistechnologien eines neuen Arbeitskraft einsaugenden Akkumulationsregimes – und so viele iPhones können von chinesischen Kulis nicht zusammengeschraubt werden, um darüber hinwegzutäuschen. Das Kapital, gezwungen sich zu verwerten, flüchtet in Spekulation und Kredit, also ins fiktive Kapital, in dem eine ‚ewige’ Akkumulation des Kapitals stimuliert wird – bis eben die spekulativen Blasen zu platzen beginnen.

(Ohne Zweifel ist dies schlecht verkürzt, lest es doch bitte woanders nach.)

Die tätige Unvernunft ist doch, dass die Revolutionierung der Produktivkräfte es ermöglicht, die Arbeit für alle Menschen auf ein Minimum zu reduzieren, aber sie doch nur Massen an unwertem Material auf Halde entlädt, also dem Hunger aushändigt. Nicht nur, dass kaum einer es wagt, ein Leben ohne Arbeit und Zwang zu denken, viel mehr trauert man im Kollektiv der 99 Prozent der fordistischen Produktionsdespotie nach, diesem „wissenschaftlichen System zur Schweißauspressung“ (Lenin), das nicht zufällig nach einem Autor antisemitischer Pamphlete benannt wurde. Und nicht nur, dass die halbe Gattung verüberflüssigt ist, gebietet Arbeit auch dort, wo keine kapitalproduktive Funktion einzunehmen ist, herrisch über die Menschen: als Hunger oder eben als zwangsverordnete Arbeit, die, ohne die Möglichkeit kapitalproduktiv zu sein, sich ungeniert als Selbstzweck entblößt.

An dem schlanken Faschismus des ungarischen Krisenregimes erfährt man, wo es endet, wenn ein „Pfad der Arbeit“ wider die Spekulation eingeschlagen wird: Der „Ungarische Arbeitsplan“ droht vor allen anderen den vom ersten Arbeitsmarkt rassistisch ausgegrenzten und als „parasitär“ denunzierten Roma mit Zwangsarbeit und Kasernierung. Viktor Orbán, ungarischer Ministerpräsident, konkretisiert: Nicht mittels „den Technologien des 21. Jahrhunderts“, sondern „mit der Hand“ werden die von Staats wegen verordneten Arbeiten zu erledigen sein. Und so wird auch noch die Möglichkeit der technischen Revolution, aufreibende Arbeit zu erleichtern, kassiert, um an den Überschüssigen zu demonstrieren: Arbeit ist unser Schicksal und die Menschen nur eine Funktion.

„Erbitte Gottes Segen für deine Arbeit - aber erwarte nicht, dass er sie auch noch tut“. In diesen Worten eines ausgedienten deutschen Politikers und Autoren moralisierender Bedienungsanleitungen für das variable Kapital (mit Titeln wie „Ehrliche Arbeit…“) verrät sich das ganze Verhängnis der kapitalisierten Gattung: Vor dem unbarmherzigsten Gott unter den Göttern, das Kapital mit seinem Propheten: dem Geld, verbeugen wir uns seine Strafe fürchtend und zugleich auf seinen Segen hoffend: die ‚geglückte’ Verwertung. Unser Opfer ist die Arbeit, Glück ohne Opfer dagegen ist uns nur zu verdächtigt, denn unser Schicksal ist die Herrschaft in Produktion.


(1) „Unter der Form des Subjekts tastet sich das Individuum beständig darauf ab, ob seine Stofflichkeit der Funktionalisierung genügt. Es beargwöhnt sich als ungenügend und mangelhaft. Sein Selbstbewußtsein ist Selbstmisstrauen, sein Selbstgefühl das der ‚Minderwertigkeit’ und Überflüssigkeit im Angesicht des Werts. Diese Angst zuzulassen, das hieße, dem Nichts sich zu konfrontieren, der totalen Entwertung.“ Joachim Bruhn: Was ist deutsch. Zur kritischen Theorie der Nation, ça ira Verlag 1994, S. 149.
(2) Gerhard Scheit: Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno, ça ira Verlag 2011, S. 44.
(3) Joachim Bruhn: Karl Marx und der Materialismus, in: Bahamas 33/2000.

Montag, 10. Oktober 2011

Deutsche Eichen oder Pogrom


Ein guter Kapitalist im deutschen Sinne ist einer, der von der Arbeitskraft, die er kauft, den Maschinen, die er vernutzt, und sich höchstpersönlich als „wir, die Völker“ spricht, der tagsüber kühl kalkuliert und abends den Arbeitskraftbehältern auf die Schulter klopft. So einer geißelt das Geld, das nicht „sinnvoll wirtschaftet“, also der Produktion gehorcht, sondern „herumzigeunert“ – und vor allen anderen pflichtet ihm ein deutscher Karrierist aus der Spekulationssphäre bei: die Zinsen sind an allem schuld.

Unterdessen formiert sich in der Peripherie des Europas der Produktion der nationale Opferschutz wider die Nicht-Arbeit – unter Parolen wie „Zigeuner zu Seife“ oder doch nur „zur Arbeit“. Hier wie dort wird das „leistungs- und anstrengungslose“ Überleben in der rassistischen Figur des Zigeuners denunziert. Über mehr als zwei Wochen marschieren im nördlichsten Böhmen, einer einstigen Bastion des sudetendeutschen Faschismus, hunderte Tschechen auf, um die Roma-Ghettos als verdächtigten Hort parasitärer Nicht-Arbeit zu stürmen. Am 17. September sind es bis zu 3500 Menschen, die in Varnsdorf nur noch von der Staatsgewalt am Pogrom gehindert werden. Ende September dann wiederholt sich die rassistische Raserei in Bulgarien.

Und weiter nach Ungarn. Wo noch vor wenigen Monaten Milizen gegen „Zigeunerkriminalität“ aufmarschierten und Roma-Familien in die Flucht zwangen, herrscht nun Frieden durch Arbeitszwang. Vom ersten Arbeitsmarkt rassistisch ausgegrenzt, werden die Roma von Staats wegen rekrutiert: zunächst für die Rodung eines Hügels, auf dem dann deutsche Eichen angepflanzt werden. Hier in Gyöngyöspata, wo drei Monate lang Milizen die Ärmsten unter den Armen terrorisierten, begann jüngst das Pilotprojekt des „Ungarischen Arbeitsplans“ der Budapester Regierung. Überwacht werden die Arbeiten von der faschistischen Jobbik, der populärsten Partei in Gyöngyöspata. (Bei anderer Gelegenheit ratschlagte Csanád Szegedi, Jobbik-Abgeordneter im Europäischen Parlament, man müsse „Zigeuner“ provisorisch in gesonderten Zonen konzentrieren, die man nur mit „Registrierung“ und bis Anbruch der Nacht verlasse dürfe.) Auch eine Verleihung der Arbeitskräfte an nicht-staatliche Interessenten ist möglich, einschließlich zwangsverordneter Mobilität. Vorgesehen ist zudem, dass frühberentete Polizeibeamte den Arbeitsdienst organisieren.

In Ungarn erweist sich zudem, dass der rassistische Hass auf die Roma im Antisemitismus zu eskalieren droht. Der Herr über Gyöngyöspata, Oszkár Juhász, beteuert, nicht die gesetzestreuen und also arbeitswilligen Roma seien die Feinde Ungarns. Das jüdische Israel sei es, das Ungarn aufzukaufen drohe. Als seine Partei Jobbik zu Beginn des Jahres 2010 sich aufmachte, drittstärkste Partei im ungarischen Parlament zu werden, plakatierte sie das Antlitz des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres, das einen geschwärzten Davidstern halb verdeckte und kontrastiert wurde mit dem Symbol der Pfeilkreuzler, der ungarischen Schwesterpartei der NSDAP, und dem Slogan:„Okkupiere doch deine Mutter, aber nicht unser Vaterland“. In jenen Tagen wurde das ungarische Parlament als „Synagoge am Kossuthplatz“, die „auszuräuchern“ sei, denunziert und der Verschwörungsmythos vom „Judeobolschewismus“ wiederbelebt. Jüngst bewies die Jobbik auf einer propalästinensischen Demonstration von vor allem arabischstämmigen Immigranten, wer die originäreren Antisemiten sind: die Parole „Jetzt, Jetzt“ (gemeint: ein palästinensischer Staat) überholte sie mit den Rufen „Dreckige Juden“. Anwesend waren drei Jobbik-Parlamentsabgeordnete sowie der antisemitische Reformpfarrer Loránt Hegedús jun., der die ungarische HAMASZ zur Rettung der Heimat initiierte. Denn nicht nur Krisztina Morvai, Jobbik-Abgeordnete im Europäischen Parlament, befürchtet, dass die Ungaren zu Palästinensern auf ihrem eigenen Flecken Land werden.

Dass der Antisemitismus, der die Juden als Übermenschen, als Verfleischlichung der Zirkulationssphäre halluziniert, den Antiziganismus in seinem Wahn noch übertrumpft, ist ein schwacher Trost für die von Pogromen bedrohten Menschen. Kein politischer Souverän existiert, der ihr Leben zu schützen wagt; kein Asyl, das garantiert ist.

So hat die deutsche Regierung am 14. April 2010 mit dem jungen Staat Kosovo einen Abschiebungspakt ratifiziert, in dem letzterer sich verpflichtet, pro Jahr bis zu 2.500 von deutschen Beamten als überschüssig bewertete Menschen aufzunehmen. Über 10.000 Menschen, unter ihnen hier geborene Kinder von Flüchtlingen, sind derzeit zur Ausreise in den Kosovo verpflichtet. Die meisten von ihnen sind in den späten 1990ern von nationalistischen UÇK-Milizen in die Flucht gezwungen wurden. Diejenigen, die im Kosovo ausharrten, wurden in provisorischen Lagern der UNHCR auf mit Blei, Cadmium und Quecksilber verseuchten Industriehalden einquartiert. Bis heute leben sie in ständiger Angst vor Pogromen in solchen von der albanischen Bevölkerung abgegrenzten Elendslagern.

Falls sich die deutsche Nation auch für jene erschließt, die wegen mangelnder Autochthonität zuerst nicht als Gleiche gelten, dann nur selektiv: also für jene, denen es nun gelingt, eine produktive Funktion zu verbürgen. Doch die Entscheidung des Staates über die Produktivität eines Menschen ist keine allein mit dem Individuum sich befassende, aus reinem Kalkül über die Verwertbarkeit des lebendigen Dings getroffene, sobald ein kollektives Ressentiment vorherrscht. So ist die Entscheidung über Abschiebung eine fundamental rassistische über die Wertigkeit des Menschen für den Staat des Kapitals. Und hier wie dort werden die Roma zur nationalen Verschiebungsfläche zugerichtet, auf die eine die Wirtsgemeinschaft schröpfende, pathogene Kollektivität projiziert wird. Die Roma werden also nicht nur als nicht verwertbares Leben abqualifiziert. Das Bild, welches die Deutschen sich von den Roma machen: „Bettel-Rumänen“ und „Rotationseuropäer“, provoziert die kapitalisierte Gattung. Im Antiziganismus verrät sich eine unbändige Angst vor der drohenden Verwilderung des Arbeitskraftbehälters, vor der eigenen Entkapitalisierung. So schaudert es dem wesentlichsten Aufklärungsorgan des deutschen, wahrlich klassenlosen Proletariats: „Ihre Beine und Füße sind verdreht, sie schlurfen gekrümmt, hinken theatralisch. Elends-Bettler belagern die Weihnachtsmärkte (…) und die Behörden (sind) machtlos.“ Die Ahnung, dass nichts als bloße Natur, nichts als kränkelnde Leiblichkeit, die ohne „aufdringliches Geschnorre“ entschläft, übrig bleibt, sobald die Krise sich totalisiert, erschreckt den glühweinseligen Deutschen vor der eigenen Asozialität und dem drohenden Schicksal: der noch zögernde Tod der bürgerlichen Subjektivität. Das antiziganistische Ressentiment ist also mehr als eine bloß launische Feindseligkeit. Es richtet die „Rumänen“ zu Aggressionsobjekten zu, auf denen die eigene drohende Überschüssigkeit, die Degeneration des Arbeitskraftbehälters in nur dürftig in Lumpen gehüllte Natur, verschoben wird.

Der antiziganistische Furor war das Staatsgründungsverbrechen der kosovarischen Nation. Doch auch die Deutschen haben im Hass auf die als absolut unbrauchbar denunzierten Roma-Flüchtlinge sich den Kitt zur nationalen Versöhnung einverleibt. Nachdem das Gemeinwesen der Deutschen sich um sechzehn Millionen an und für sich überflüssige Subjekte aufgebläht hatte, fanden diese ein Objekt, das ihnen die Gelegenheit versprach, die in der Krise sich verratende eigene Fungibilität zu projizieren. „Der Spiegel“ stillte die nationale Empfindung, jene untermenschliche Anti-Nation zur zivilisierten deutschen Nation gefunden zu haben, deren antideutscher Barbarei sich zu erwehren sei: Die „Dünkelhäutigen“, die „bettelnd durch die Straßen“ vagabundieren und sich weigern, am Förderband auszuharren; sie, die „Roma und Sinti“, „tyrannisieren“ den nationalen Frieden (in: Der Spiegel, 7.9.1992). Das „Gewissen seiner Nation“, Helmut S., log den antiziganistischen Pogrom in Rostock-Lichtenhagen in eine bloße Emotion um: Werde aus seinem Land ein „Schmelztiegel“, „entartet“ es und wenn die Wut sich rege, etwa „über de facto vierzig Prozent Arbeitslosigkeit“, breche die Frustration durch und „endet in Gewalt“ (in: FR, 12.9.1992). Und der damalige Berliner Senator für Inneres, Dieter H., beteuerte, dass in Rostock-Lichtenhagen nicht der nationale Hygienewahn, sondern der „berechtigte Unmut“ über den organisierten Asylbetrug der Roma-Flüchtlinge hervorgetreten sei (zit. n. Die Zeit, 6.10.1992). Einen Monat nach dem Pogrom in Rosstock-Lichtenhagen drängte die deutsche Politik die rumänische Regierung dazu, sich zu verpflichten, die vom Mob terrorisierten Roma-Flüchtlinge aufzunehmen. Französische Juden, die am 19. Oktober 1992 in Rostock sich mit den Roma-Flüchtlingen solidarisierten, wurden von deutschen Polizisten verprügelt und inhaftiert. (Im Jahr 1992 gab es allein bis zum Monat September 970 rassistische und antisemitische Gewalttaten mit zehn Toten und 700 Verletzten (Konkret, 10/1992).)

In der Krise fällt den Subjekten nichts anderes ein, als ihr Unglück, die Arbeit, als das einzig Richtige im falschen Ganzen zu beschwören. Sie spalten zwanghaft auf, was doch nur als Verhältnis existiert: so wird aus der Totalität des Kapitals eine Produktionssphäre, die ihnen zugleich Schicksal wie Auftrag ist, und eine Zirkulationssphäre, die an dem ideologischen Antlitz ihres blinden Willens zur Kapitalproduktivität zu kratzen droht. Wie Marx festhielt, ist die Spekulation nicht die Krise selbst, vielmehr „ein Resultat und eine Erscheinung“ der Krisenhaftigkeit kapitaler Akkumulation (MEW 12, Berlin 1972, S. 336). In Wahrheit fungiert die sich aufblähende Finanzindustrie nicht als Saboteurin sondern als Komplizin der Diktatur der Arbeit. Beschleunigt vor allem durch den Rationalisierungstriumph der Informationstechnologien speit das Kapital immer mehr Menschen als wertlos aus und verüberflüssigt die halbe Gattung, weil ihre Arbeitskraft zu keiner kapitalproduktiven Funktion findet – und darüber wird kein Eichenwald hinwegtäuschen. Die Flucht ins fiktive Kapital, in Spekulation und Kredit, kaschierte nur das Krisenpotenzial der Despotie der Fabrik; sie schob die Krise nur hinaus, deren angeschwollenes Potenzial nun durchbricht

Es ist also jenes Verhältnis des ‚ganzen’ Kapitals, in dem Arbeit bei Strafe des Hungertodes Zwang ist und zugleich nur Selbstzweck der Verwertung des Werts, das die Krise in sich trägt und gebärt. Jenes Verhältnis, das aus sich heraus den Hass auf das Glück, das durch kein Äquivalent zur Leistung, durch kein Opfer verbürgt wird, als nationale Ideologie produziert. Das Verhängnis der Subjekte ist doch, dass wo die Möglichkeit schwindet, die Ware Arbeitskraft zu verkaufen, also kapitalproduktiv zu funktionieren, mit noch mehr Opferwilligkeit die Arbeit zum Schicksal erhoben wird. Die Mobilisierung der Ressentiments gegen die Nicht-Arbeit treibt die böse Erinnerung aus, dass die Arbeit selten Glück, sondern meist nur Entbehrung bedeutet. An den Roma, funktionalisiert zu Objekten der Projektion, verfolgen sie mit rohster Gewalt den bloßen Gedanken an ein Leben ohne Arbeit und Zwang. Der notorische Verdacht, der eine leistet weniger als der andere, eskaliert im Antiziganismus so zur rassistischen Empörung über die organisierten Parasiten.

Das die Vernunft verhöhnende Moment liegt so in der Arbeit selbst: dass trotz der Revolutionierung der Produktivkräfte, die die Reduzierung der Arbeit auf ein Minimum für alle Menschen ermöglicht, der Verkauf der Ware Arbeitskraft das Leben der Subjekte weiterhin absolutistisch diktiert – als stummer Zwang und Fetisch. Die Spekulation auf Getreide und ähnlichem ist tödlich, die Diktatur der Arbeit, die das überschüssige Leben – um in der Sprache eines deutschen Ministers zu sprechen – als Menschenmüll auf Halde entlädt, ist es noch mehr. Und so bleibt das Engagement für die ‚ehrliche Arbeit’ und den ‚gerechten Preis’ doch nur eine Bestätigung von Akkumulation und Konkurrenz.