Der universale Triumph des Kapitals war nicht die Befreiung von der Eigenmächtigkeit der überwältigenden Natur, und umso schmerzlicher die in Staaten und Nationen organisierte, das heißt suspendierte Gattung Mensch dies erfährt, desto mehr regt sich in ihr etwas, was blass an Solidarität erinnert, aber doch nur eine Regung der narzisstisch Gekränkten ist, denen bewusst wird, dass sie die Souveränität, das Kommando über die Natur einbüßen, ja nie ganz besaßen.
Das Interesse an den von der ersten Natur verbrochenen Katastrophen, wie etwa auf Haiti oder in Japan, ist die Indolenz, ja das pathische Desinteresse an den Katastrophen der zweiten Natur. Wo „die Herrschaft des Menschen über den Menschen als nichts denn Anthropologie erscheint“, wo Hunger und Elend als die Negativsymbiose von Markt und Konkurrenz vollendet naturalisiert sind, ist die Prädestination des Menschen eine kollektive Verblendung: die Natur, auf die der Mensch rekurriert, ist die blinde Reflektion seiner Zwangsintegration in die Totalität des Kapitalverhältnisses.
Die Herrschaft des Kapitals reproduziert sich durch das (Un-)Bewusstsein der Menschen, durch den Fetischismus der objektiven Denkformen hindurch. Doch die Suggestion, dass die Menschen die authentischen Subjekte ihrer eigenen Vergesellschaftung seien, kann nur negativ wahr sein, indem sie sich dem wahren Souverän - dem Kapital - anverwandeln: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ (MEW 23:88)
Der Mensch, der gezwungen ist, seine Arbeitskraft als Ware zu hüten, zu sich selbst als Arbeitskraftbehälter sich zu verhalten, ist uniformiert, das heißt vollends dem Kapital assimiliert. Seine Subjektform ist die Vergleichungsform der zur Konkurrenz Zu- und Losgelassenen; seine Ideologie ist die des Produzenten und Konsumenten; sein Hass gilt dem Glück, das durch kein Äquivalent zur Leistung, durch kein Opfer verbürgt wird. „Die bürgerliche Gesellschaft ist beherrscht vom Äquivalent. Sie macht Ungleichnamiges komparabel, indem sie es auf abstrakte Größen reduziert.“ Sie denunziert als Schein, „was in Zahlen, zuletzt in der Eins, nicht aufgeht“, so Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung (S. 13).
Das falsche Ganze kann nicht dechiffriert, das Kapitalverhältnis nicht enträtselt werden, ohne die eigene gesellschaftliche Bewegung kritisch zu reflektieren. Doch in der Eselei, das Abstrakte des Kapitalverhältnisses zu konkretisieren, trennt das fetischisierte und fetischisierende Bewusstsein dieses: in authentische und künstliche Herrschaft, und droht so mit seiner schlechten Verewigung. Der Antisemitismus ist hier das Kompendium zur Liquidierung des Marxschen Kategorischen Imperativs; ideologische Essenz kapitalistischer Krisenbewältigung.
Die Herrschaft der zweiten Natur ist eine einzige Katastrophe; Wirtschaft unser Schicksal, das nun durch bloße Plattentektonik sabotiert wird. Die Absurdität von Herrschaft, in der die Gewalt des Systems über die Menschen mit der Befreiung aus der Gewalt der Natur nicht ab-, sondern zunimmt, „denunziert die Vernunft der vernünftigen Gesellschaft als obsolet“ (ebenda, S. 45), sie propagiert die Brechung des Naturzwanges und vollendet doch nur die Annullierung des Individuums gegenüber dem Kapital. Eine vernünftige Gesellschaft aber wäre eine, „die ihrer selbst mächtig wird, nicht um sich und andern Gewalt anzutun, sondern zur Versöhnung.“ (ebd., S.63).
Freitag, 18. März 2011
Eine einzige Katastrophe
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