Samstag, 29. Januar 2011

Die suspendierte Gattung Mensch – zur Kritik der europäischen Flüchtlingsabwehr


Die dem Menschen einzig präsente Universalität ist die des Kapitals. Das „Geheimnis der ursprünglichen Akkumulation“, das Karl Marx als „Ausrottung, Versklavung und Vergrabung“ von Menschenmaterial, also als systematische Akkumulation von Elend und Tod enträtselte, lüftete sich selbst als universal entfaltete Verwertung des Werts, als phantastische Transsubstantiation des phänomenalen Menschen in den fungiblen Warenhüter und wurde so selbst wieder zum Rätsel: Das Gedächtnis an die Genese kapitaler Vergesellschaftung und hier vor allem an die nationale Wertaneignung ist gänzlich verdrängt und abgespalten, die Herrschaft des Menschen über den Menschen im fetischistischen Bewusstsein der kapitalkonstituierten Subjekte naturalisiert.

Universales Kapital und nationale Herrschaft

Absolut gleichgültig gegenüber allen in völkischen Mythen und rassistischen Gerüchten gehüteten Ungleichheiten, identifiziert das Kapital den Menschen allein als seinen potenziellen Verwertungsfunktionär. Doch erst von dieser kapitalisierten und somit unwirklichen Einheit der Menschheit aus ist die Möglichkeit der einzig vernunftgerechten Integration, die der Geknechteten, Verlassenen und Verächtlichten in die solidarische Gattung Mensch, erdenklich. Jegliches Salbadern von einem „Selbstbestimmungsrecht“ der Völker und Stämme dagegen ist Regression: es verrät die zu realisierende wahre Individuation an die vollends naturalisierte Herrschaft.

Die Empfindung eines ehrenhaften Vereins wie „Pro Asyl“, Diskriminierung verunmögliche den Staat, reflektiert zwar die universale Ambition der kapitalen Uniformierung der Menschen als Markt- und somit auch als Rechtssubjekte, doch verklärt sie den Staat auf das Äußerste: So ist es realiter der Staat der die kapitalkonstituierte Einheit der Gattung wieder aufhebt und das Bedürfnis der Menschen als Arbeitskraftbehälter nach nationaler Integration befriedigt. Der Staat ist nicht nur der des Kapitals, weil er die Formalitäten kapitalistischer Produktion erledigt (wie etwa den Schutz des Privateigentums), sondern auch weil durch ihn die Einheit, d.h. die Reproduktion der kapitalisierten Gesellschaft sich zu behaupten hat. Diese Einheit kann aber durch den Staat unmöglich universal garantiert werden, da es ihm hierzu an der loyalen Herrschaftsmasse mangelt. Der Staat des Kapitals rekurriert nun auf bereits Gewesenes: Die kapitale Vergesellschaftungsform hat die Feudalbande zuerst durchrissen, um sie dann in der Nation als Schicksals- und Interessengemeinschaft gesellschaftlich zu objektivieren, d.h. die bürgerliche Subjektivität bedarf der nationalen Identifikation. Nation heißt, „Unmittelbarkeit zu behaupten, wo in Wahrheit alles vermittelt ist“ (Gerhard Scheit, in: Suicide Attack, Zur Kritik der Politischen Gewalt“, ça ira Verlag, S. 208); in ihr wird das schlecht Abstrakte kapitaler Vergesellschaftung scheinbar konkret: die Zurüstung des sinnlich doch Unvergleichlichen unter den einheitlichen Charakter der Ware wird im Phantasma der national-identischen Individuen nachempfunden. Denn wie das Kapital bedarf es den atmenden Agenturen der Wertverwertung nach Staat und Nation. Bei der frühsten Konfrontation der Warenmonaden mit dem in der Krise sich totalisierenden Desinteresse des Kapitals an ihrer Ware Arbeitskraft, also mit der eigenen Nichtverwertbarkeit, dorren sie nach dem Souverän, der sie von den einen Konkurrenten scheidet und mit den anderen einhegt. Nation und Volk, als Indizien kollektiver Verblendung, sind die Naturalisierungen des ehernen Zwanges, mit einem Staat als Bürge der eigenen Verwertbarkeit identifiziert zu werden. Der Staat des Volkes ist so die verabsolutierte Psychiatrie, in der Furcht und Wahn der suspendierten Gattung, also der nationalisierten Einzelheit verwahrt werden.

Nationale Arbeit und Flüchtlingsabwehr

Dass der Staat die nationale Arbeitskraft protegiert und die Arbeitskraftbehälter auf sich selbst als einzige Appellationsinstanz einschwört, ist die stille Voraussetzung demokratischer Herrschaft. Oskar Lafontaine und Jürgen Elsässer etwa sind nur ehrlich, wenn sie „gute Arbeit“ und „gerechte Löhne“ durch weniger unautochthone Arbeitskraftbehälter in der deutschen Produktion zu bewahrheiten gedenken. Zwar kann der Staat nicht, wie es der NS-deutsche Staat der zur Vernichtung willigen und fähigen Volksgemeinschaft tat, die Arbeitskraftbehälter von der Furcht befreien, überflüssig zu sein, doch zumindest bewahrt er ihr Privileg als Deutsche, Österreicher oder Franzosen kapitalproduktiv sich zuerst betätigen zu dürfen.

Die todesmutigen Menschen, die vor Elend, Krieg und Tugendterrorismus nach Europa flüchten, werden zwanghaft als fremde Konkurrenzmasse identifiziert und als „Wirtschaftsflüchtlinge“ denunziert, die die heimische Produktionsscholle verraten, um die unserige zu schöpfen. In Abwesenheit erheblicher oppositioneller Empörung vegetieren im französischen Calais hunderte von Menschen im „Dschungel“, einem im Gestrüpp aus Plastikmüll improvisierten Nachtquartier – bis dieses im September 2009 mit Bulldozern planiert wird und die Flüchtlinge gezwungen sind, tiefer in den Wald zu drängen. Im griechischen Pagani werden elternlose Flüchtlinge monatelang inhaftiert – bis das Gefängnis im Oktober 2009 geräumt wird und die Jugendlichen mit einer Ausreiseaufforderung im Hafen ausgesetzt werden. In Italien harren Flüchtlinge, selbst Kinder, in der Kanalisation aus – aus Frucht vor der Polizei, dem rassistischen Mob und Abschiebungen in die libysche Wüste. Und von den Deutschen werden jene Menschen, die das Ressentiment als kollektiv unproduktiv, d.h. als schnorrend und streunend identifiziert, in die Pogromhölle Kosovo abgeschoben, wo ihnen ein Leben auf bleiverseuchten Müllhalden droht.

Während diejenigen, die die Außengrenze der Europäischen Union bezwungen haben, aufgespäht, drangsaliert und inhaftiert werden oder im Elend auf die Legalisierung ihrer Existenz hoffen, sterben hunderte Flüchtlinge Jahr für Jahr bei dem Wagnis, die europäische Migrationsabwehr zu bewältigen. Das penible recherchierende Blog„Fortress Europe“ hat die in „El Pais“, „Le Monde“, „Corriere della Sera“, „La Repubblica“, etc. pp. protokollierten Tode von Menschen, die seit 1988 auf der Flucht nach Europa ertranken, verdursteten, erstickten oder von ihren Häschern aufgerieben wurden, zusammengerechnet: mindestens 14.714 Flüchtlinge starben demnach bei dem schier hoffnungslosen Unterfangen, nach Europa zu gelangen. Und: auf jede aufgefundene Flüchtlingsleiche, so die „UN Refugee Agency“, kämen circa 45 versunkene Leichen. Dies wären eine halbe Million tote Flüchtlinge.

Seitdem die Deutschen das Asylrecht de facto liquidiert haben: jene Flüchtlinge, die über einen „sicheren Drittstaat“ einreisen, haben keine Möglichkeit auf Asyl, erledigen die griechischen, italienischen, libyschen und marokkanischen Frontschweine die tätige Flüchtlingsabwehr. Wie ein Rädchen ins andere griff die zwangspazifisierte deutsche Volksgemeinschaft, als sie die „Asylantenschwemme“ (etwa „Die Zeit“, 31/81) noch selbst auszutreiben gezwungen war: Als etwa im sächsischen Hoyerswerda der Mob aus sich selbst ethnifizierenden Überflüssigen sich pogromistisch ausagierte, rühmte sich zeitgleich (am 21. September 1991) die druckstärkste Zeitung der Deutschen eines eigenhändig organisierten Plebiszits, demnach 98 Prozent ihrer Konsumenten die Politik zur raschen Abwicklung des Asylrechts aufforderten. Heute wird in der Anonymität der Kommentarfunktion die drohende „Vernichtung der Deutschen“ durch Migration angemahnt (wie etwa täglich auf welt.de) und keinen Zweifel daran gelassen, dass der Mensch im Staat der Deutschen, diesem Konzentrat des falschen Ganzen, Material ist, dem bei Nichtverwertbarkeit (und zudem Unautochthonität) die Halde droht.